
Reiner Makohl
Erstveröffentlichung: 1. Juli 2004
Letztes Update: 18. September 2026
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Grafik: Reden mit Gott.
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siehe unten.
Beten heißt, mit Gott über das zu reden, was uns im Leben bewegt. Es ist Ausdruck einer gelebten Beziehung zwischen Mensch und Gott.
Eine gelebte Beziehung erwartet Offenheit. Ein Gespräch nutzt die Sprache, die der Situation gerecht wird. Das gilt auch für das Gespräch mit Gott: Wer Angst hat, kann sagen, dass er Angst hat, und darf mit seiner Angst im Gebet erscheinen. Wer wütend ist, darf wütend sein. Wer etwas nicht versteht, darf fragen. Wer Zweifel hat, muss sie vor Gott nicht verstecken.
Auch Freude und Dankbarkeit gehören ins Gebet. Die bestandene Prüfung. Das gute Gespräch. Das Kind, das einen zum Lachen gebracht hat. Die Mohnblumen am Feldrand. Das Essen, das gelungen ist. Ein Mensch, der zur richtigen Zeit angerufen hat. Ein schwieriger Tag, den man am Ende doch gut bewältigt hat. Oder einfach das Bewusstsein, genug zu essen zu haben, in einer warmen Wohnung zu sitzen und in Frieden leben zu können.
Dankbarkeit beginnt oft damit, wahrzunehmen, was im eigenen Leben längst selbstverständlich geworden ist.
Vor Gott steht immer der ganze Mensch.
Es gibt kein besonderes Gebets-Ich, das man für ein paar Minuten hervorholt und anschließend wieder wegpackt. Unser Denken, Reden und Handeln zwischen zwei Gebeten gehört ebenso zu unserer Beziehung zu Gott wie das Gebet selbst.
Gebet schafft einen Ort für das, was uns beschäftigt und im Alltag oft unausgesprochen bleibt.
Gedanken, die im Kopf durcheinandergehen, bekommen Worte. Eine Angst bekommt einen Namen. Ärger wird greifbar. Eine Hoffnung wird klarer. Manchmal merkt man beim Reden erst, worum es eigentlich geht.
Im Gespräch mit Gott können wir zugleich prüfen, was von uns selbst erwartet ist. Was können wir tun? Was müssen wir ändern? Wem können wir helfen? Wo müssen wir widersprechen? Was sollten wir öffentlich sagen oder einfordern? Wem würde unser Handeln nützen, wem vielleicht schaden?
So können die eigenen Handlungsspielräume sichtbar werden. Im Gebet lässt sich klären, was Gottes Wille in einer konkreten Situation von uns verlangt – im persönlichen Verhalten ebenso wie im Reden und Handeln gegenüber anderen.
Dafür braucht es oft Kraft. Gottes Kraft kann in uns wirksam werden: als Mut, als Klarheit, als Geduld, als Widerstandskraft oder als Entschlossenheit, etwas tatsächlich zu tun. Gebet kann helfen, Angst zu überwinden, Entscheidungen zu treffen, den Mund aufzumachen und Verantwortung zu übernehmen.
Doch unsere Möglichkeiten haben Grenzen. Nicht jedes Leid lässt sich verhindern. Nicht jede Krankheit lässt sich heilen. Nicht jede Trennung rückgängig machen. Nicht jeder Verlust ersetzen.
Dann kann Gebet Trost geben. Trost macht das Geschehene nicht ungeschehen und erklärt es nicht schön. Er hilft, Ohnmacht auszuhalten, ohne an ihr zu zerbrechen. Der Mensch darf mit dem, was er nicht ändern kann, vor Gott bleiben.
So kann Gebet klären, was zu denken, zu sagen und zu tun ist, Kraft zum Handeln geben und dort Trost schenken, wo die eigenen Möglichkeiten enden.
Wer Gott um etwas bittet, spricht damit nicht nur einen Wunsch aus. Er nimmt sich selbst in die Bitte hinein und legt sich darauf fest, für das Erbetene einzutreten, soweit es in seinen Möglichkeiten liegt.
Wer um Frieden bittet, kann deshalb das eigene Verhalten nicht ausklammern. Frieden beginnt im persönlichen Umgang miteinander, reicht aber weiter: zum Widerspruch gegen Hetze und Gewalt, zum Eintreten für Opfer und schließlich zu politischen Meinungsäußerungen und Entscheidungen, die Frieden fördern oder gefährden.
Dasselbe gilt für andere Bitten. Wer um Hilfe für Kranke bittet, stellt damit zugleich die Frage nach ihrem Zugang zu medizinischer Versorgung. Wer um Brot bittet, kann Hunger nicht zur Angelegenheit anderer erklären. Wer um Vergebung bittet, stellt sich selbst in die Pflicht zu vergeben.
Die Bitte richtet sich deshalb nicht nur an Gott. Sie betrifft ebenso den Menschen, der sie ausspricht.
Jesus macht das bei der Vergebung unmissverständlich klar. Im Vaterunser bitten Menschen Gott um Vergebung. Unmittelbar danach heißt es: „Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ (Matthäusevangelium 6,15)
Wer Gott um etwas bittet, das Menschen füreinander tun können, übernimmt mit seiner Bitte Verantwortung dafür.
Viele Gebete richten Wünsche an Gott, ohne die eigene Verantwortung überhaupt in den Blick zu nehmen. Gott soll helfen, schützen, heilen, trösten, Frieden schaffen oder Kraft geben. Der Betende bleibt leicht auf der Seite dessen, der etwas erwartet.
Jesus selbst warnt davor, Gebet durch Öffentlichkeit, viele Worte oder gedankenlose Wiederholung aufzuwerten. Gott muss nicht informiert werden. Er weiß längst, was fehlt und was von ihm erwartet wird.
Die Frage ist vielmehr: Weiß der Mensch ebenso klar, was Gott von ihm erwartet?
Im Gebet kann sichtbar werden, was tatsächlich fehlt, was gewünscht wird und welche Verantwortung daraus entsteht. Eine Fürbitte verfehlt diesen Vorgang, wenn sie die Not nur an Gott weiterreicht und den Betenden selbst aus der Verantwortung nimmt.
Gebet kann Gott um sein Handeln bitten und ihn sogar dazu bewegen wollen. Doch wo Menschen selbst handeln können, dürfen sie ihre Verantwortung nicht an Gott zurückgeben. Das Gebet hilft, zu erkennen, was Gottes Wille ist, was Gott von uns erwartet und was in unserem eigenen Verantwortungsbereich liegt.
Der Wille Gottes wird im Verhalten und im Handeln des Menschen zwischen den Gebeten sichtbar. Dorothee Sölle hat diesen Zusammenhang auf einen einfachen Satz gebracht: „Gott hat keine anderen Hände als die unseren.“ ¹
Das gilt im persönlichen Umfeld ebenso wie in der Gesellschaft. Einen Menschen trösten, Essen teilen oder einen Streit beenden können wir unmittelbar. Andere Aufgaben sind größer. Wenn Menschen keinen Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen, unter Armut leiden, ausgegrenzt werden oder durch politische Entscheidungen benachteiligt werden, reicht persönliche Hilfsbereitschaft nicht aus.
Dann gehört auch dazu, öffentlich einzutreten, zu widersprechen, politische Entscheidungen zu prüfen und sich gegen Regeln und Verhältnisse zu stellen, die Menschen zu Opfern machen oder ihre Würde verletzen.
Wer betet, gibt seine Verantwortung also nicht an Gott ab. Er nimmt sie an. Die Bitte an Gott wird damit zugleich zum Auftrag an den Menschen.
¹ Dorothee Sölle, Leiden. Annehmen und widerstehen, Kreuz Verlag, Hamburg 2018, S. 171.
Dorothee Sölle (* 30.9.1929, † 27.4.2003) war evangelische Theologin, Schriftstellerin und eine wichtige Vertreterin der politischen Theologie.
Beten reicht über das persönliche Leben hinaus und berührt immer auch das gesellschaftliche und politische Zusammenleben. Verantwortung endet nicht an der Grenze des eigenen Umfelds.
Der Dialog mit Gott betrifft das Leben außerhalb kirchlicher Räume, außerhalb von Gottesdiensten und außerhalb kirchlicher Riten.
Jesus spricht in Matthäus 25 von Hunger, Fremdsein, fehlender Kleidung, Krankheit und Gefangenschaft. Er erklärt damit Probleme zur Sache des Glaubens, denen sich sogar religiöse Menschen entziehen und für die sie sich nicht zuständig fühlen könnten.
Gerade deshalb lässt sich christlicher Glaube nicht auf Gottesdienst als religiöses Zentrum, Gebet als Handlung und persönliche Frömmigkeit als christliche Haltung begrenzen.
Immer wieder wird von Christen und Kirchen erwartet, sie sollten sich auf Glaubensfragen beschränken und sich aus gesellschaftlichen oder politischen Auseinandersetzungen heraushalten. Doch genau diese Trennung funktioniert nicht: Sobald Glaube nach dem Leben von Menschen fragt, nach ihrer Würde, ihrem Schutz und ihren Möglichkeiten, betrifft er zwangsläufig auch die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, unter denen Menschen leben.
Und genau davon handeln unzählige Gebete jeden Tag: vom Frieden, vom Schutz vor Gewalt, von Hilfe für Kranke, von Bewahrung der Natur, von Gerechtigkeit und von einem Leben ohne Angst und Not. Wer solche Bitten ausspricht, hat die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit längst zum Gegenstand seines Glaubens gemacht. Doch Gott braucht Hände, die dazu beitragen, das Erbetene Wirklichkeit werden zu lassen, wenn Gebet wirken soll.
Das Reich Gottes existiert im Hier und Jetzt dort, wo Menschen füreinander handeln, einander schützen, helfen, sich versöhnen und Verantwortung übernehmen.
Das Gebet dringt aus dem privaten stillen Kämmerlein in die Mitte der Gesellschaft.
»Alles, was ihr betet und bittet,
glaubt nur, dass ihr's empfangt,
so wird's euch zuteilwerden.«
Der Vers 24 aus dem elften Kapitel des Markusevangeliums scheint eine universelle, verlässliche Gebetswirkung für alle möglichen Bitten zu versprechen. Jesus spricht dort: „Alles, was ihr betet und bittet, glaubt nur, dass ihr’s empfangt, so wird’s euch zuteilwerden.“
Das klingt nach Garantie: Man müsse nur fest genug glauben und den Wunsch im Gebet äußern, dann erfülle Gott jede Bitte.
Das Leben spricht dagegen.
Menschen haben ernsthaft um das Leben eines geliebten Menschen gebetet und ihn trotzdem verloren. Sie haben um Heilung gebetet und sind krank geblieben. Sie haben um Frieden gebetet und Krieg erlebt.
Wie das Jesus-Wort zu verstehen ist, deutet sich weiter hinten im vierzehnten Kapitel des Markusevangeliums an: Jesus bittet in seinem Gebet darum, dass ihm sein bevorstehender Leidensweg erspart bleibt: »Nimm diesen Kelch von mir.« Dann fügt er hinzu: „Nicht, was ich will, sondern was du willst.“ (Markusevangelium 14,36)
Genau darin liegt eine wichtige Aufgabe des Gebets. Der Mensch bringt seinen Willen mit. Aber er setzt ihn nicht einfach mit Gottes Willen gleich. Das wäre töricht und die Bitte unredlich.
Im ernsthaften Gebet kann der Mensch seine Wünsche prüfen. Er kann fragen, was richtig ist, wem etwas nützt, wem es schadet und welche Verantwortung daraus entsteht. So kann für ihn erkennbar werden, was Gottes Wille ist.
Jesu Gebet in Gethsemane zeigt: Das Ergebnis muss dem Beter nicht gefallen. Der Betende kann damit ringen. Er kann widersprechen. Er kann Angst davor haben. Und er kann schließlich dennoch darum bitten, dass Gottes Wille geschieht.
Die Zusage Jesu – was ein Mensch erbittet, wird ihm von Gott zuteilwerden - ist deshalb keine Garantie, schon gar nicht für törichte Wünsche. Sie ermutigt dazu, Gott zu vertrauen und im Gespräch mit ihm zu klären, wie der eigene Wille, die persönlichen Fähigkeiten und die tatsächlichen Möglichkeiten zu dem stehen, was Gott von diesem Menschen in seiner konkreten Situation erwartet.
Um eine tragfähige und vertrauensvolle Beziehung zu gestalten, braucht es Erfahrungen, in denen geschenktes Vertrauen mit Vertrauen beantwortet wird.
Positive Erfahrungen mit Beten können sehr unterschiedlich ausfallen. Menschen erleben vielleicht, dass ein Gebet ihnen geholfen hat, eine Situation auszuhalten. Dass sie eine Situation klarer gesehen haben. Dass sie etwas getan haben, wovor sie vorher Angst hatten. Dass sie eine Entscheidung treffen konnten. Dass sie Trost gefunden haben. Dass sie einen Ort gefunden haben, um Dinge auszusprechen, die sie niemals Menschen in ihrem Bekanntenkreis offenlegen würden.
Solche Erfahrungen machen die Beziehung zu Gott offener, vertrauter und stabiler. Zweifel können kleiner werden. Vorbehalte können verschwinden.
Die Beziehung zu Gott lebt davon, dass sie gelebt wird.
Manchmal fehlen im Gebet die eigenen Worte, obwohl vieles da ist, das gesagt werden müsste.
Dann können überlieferte Gebete helfen. Sie stellen Worte bereit, wenn man selbst nicht weiß, wie Gedanken, Gefühle, Sorgen oder Wünsche auszudrücken sind. Psalmen, Gebete aus Gesangbüchern oder andere vertraute Texte können so vorübergehend die eigenen Worte ersetzen.
Besonders gilt das für das Vaterunser. Es ist kurz und kommt ohne religiöse Sprachkunst aus. Es führt mitten ins Leben: zum täglichen Brot, zu Schuld und Vergebung, zu Versuchung und Bewahrung und zum Willen Gottes.
Man kann es sprechen, wenn eigene Worte fehlen. Man kann langsam beten, bei einem Satz verweilen und darüber nachdenken, was er für das eigene Leben bedeutet. Dann kann plötzlich sehr konkret werden, was einen selbst betrifft.
Zur gedankenlos gesprochenen Formel sollte das Vaterunser allerdings nicht werden. Jesus warnt davor, Gebet durch viele Worte und gedankenlose Wiederholung aufzuwerten. Ein Gebet gewinnt nicht dadurch an Bedeutung, dass es häufig genug oder besonders feierlich gesprochen wird.
Entscheidend ist, ob der Mensch darin mit seinem eigenen Leben vorkommt.
Wer das Vaterunser spricht, kann deshalb hören, was er selbst sagt: Was brauche ich wirklich? Wem schulde ich Vergebung? Wovor möchte ich bewahrt werden? Und was bedeutet es für mein eigenes Denken und Handeln, wenn ich bete: „Dein Wille geschehe“?
So kann ein überliefertes Gebet zu einem ganz persönlichen Gespräch mit Gott werden.
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Der Gebetstext in der modernen Fassung und aus der Lutherbibel von 1545 zum Lesen und Mitbeten.
Das Vaterunser ist das zentrale und bekannteste Gebet des Christentums. Jesus selbst lehrt es in der Bergpredigt. Bis heute verbindet es Menschen über konfessionelle und sprachliche Grenzen hinweg.
Das Vaterunser bündelt Grundzüge christlichen Glaubens und Lebens. Es spricht Gott als zugewandten Vater an und bringt elementare menschliche Bedürfnisse vor ihn: Die Bitte um das tägliche Brot steht für alles, was Menschen zum Leben brauchen. Die Bitte um Vergebung führt in die Versöhnung mit unseren Mitmenschen. Die Bitte um Bewahrung in der Versuchung gilt den Situationen, in denen unsere Menschlichkeit als Ebenbilder Gottes auf die Probe gestellt wird.
Beten! – Was riskieren wir schon dabei? Nichts. Was kostet es uns, außer einigen Minuten Zeit, die wir vermutlich anderweitig kaum besser genutzt hätten?
Die Macht des Betens! – das klingt kompliziert! Ja, Gebete sind nicht nur Worte. Sie erwarten viel Engagement von Ihnen. Man muss sogar über den eigenen Schatten springen können. Und man muss dran bleiben. Nicht nur reden, handeln! Aber womöglich ist es genau das, weshalb viele nicht an die Macht des Betens glauben: Sie nehmen das Gebet nicht ernst. Sie können nicht erfahren, wie es wirkt. Können Sie es?
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Autor: Reiner Makohl
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Reiner Makohl, Christsein im Alltag: Reden mit Gott – Die Begenung mit Gott im Gebet., in: Stilkunst.de,
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