
Wo Gott im Text nicht handelt, muss der Mensch handeln.
Reiner Makohl | Februar 2026
Diese Seite legt offen, unter welchen theologischen Voraussetzungen die Texte auf Stilkunst gelesen und geschrieben werden. Sie ist kein Glaubensbekenntnis, keine Einladung zur Zustimmung und kein Versuch, ein bestimmtes Gottesbild durchzusetzen. Sie beschreibt eine Arbeitsweise. Wer hier liest, weiß, von welchem Ort aus gedacht wird.
Wer auf dieser Seite nach einem Gottesbeweis sucht, wird ihn nicht finden. Gott wird hier nicht hergeleitet, nicht verteidigt und nicht aus Welterfahrungen erschlossen. Er wird vorausgesetzt als Axiom, als gesetzter Ausgangspunkt des Glaubens, nicht als menschliche Erfindung, sondern als Voraussetzung jeder theologischen Rede.
Das hat Konsequenzen für die Theodizee. Die klassische Frage – wenn Gott allmächtig und gut ist, warum lässt er dann Leid zu? – setzt Gott als empirische Variable in einem logischen Beweissystem. Leid wird zur Widerlegungsinstanz. Das ist ein kategorialer Fehler. Die Existenz Gottes steht nicht unter dem Vorbehalt zufriedenstellender Leidensklärung. Glaube beginnt jenseits dieser Frage – oder er beginnt gar nicht.
Die Theodizee-Frage ist dennoch ernst zu nehmen, aber anders: nicht vor dem Hintergrund der Suche nach einem Gottesbeweis oder nach einer Gotteswiderlegung, sondern als Frage nach menschlicher Verantwortung im Horizont des Glaubens.
Ein Gottesbild, das Gott als allwissend, allgegenwärtig und jederzeit eingriffsfähig denkt, findet im biblischen Erzählen keinen Halt. Die Texte zeichnen keinen metaphysischen Überwacher. Sie zeigen einen Gott, der im Garten spazieren geht, während der Sündenfall geschieht. Der fragt: Wo bist du? Der nicht weiß, was Kain getan hat, bis das Blut seines Bruders zu ihm schreit.
Das ist kein Defizit. Es ist das Zeichen einer Beziehung.
Wenn die Bibel sagt, der Mensch sei nach Gottes Bild geschaffen, meint das auch dies: Wir teilen Gottes Begrenztheit. Auch wir sehen nicht alles, hören nicht alles, können nicht überall handeln. Unsere Reichweite ist begrenzt, und dennoch sind wir verantwortlich für das, was wir tun und unterlassen. In dieser geteilten Begrenztheit liegt die Würde des Menschen. Nicht trotz ihr, sondern durch sie.
Allmacht ist deshalb hier kein metaphysisches Attribut. Sie ist Beziehungsmacht. Gottes Macht wird real, wo Menschen in seinem Sinn handeln – oder sie wird nicht real.
Gottes Gebote werden hier nicht als Verhaltensregeln eines überwachenden Gesetzgebers gelesen. Sie sind Delegation. Mit dem Gebot überträgt Gott dem Menschen Verantwortung und traut ihm zu, sie zu tragen. Das setzt Vertrauen voraus, keine Kontrolle.
Gott wartet nicht auf Übertretungen, um einzugreifen. Er wartet darauf, dass sein Vertrauen beantwortet wird.
Das verändert den Blick auf Frömmigkeit grundlegend. Gebete und Gottesnähe sind keine Schutzschilde, keine Garantien göttlicher Intervention. Sie stärken die Fähigkeit, Verantwortung wahrzunehmen für andere Menschen, im konkreten Moment, im begrenzten Handlungsraum.
Das Gebet ersetzt keine Verantwortung. Es ruft sie auf.
Gott wird hier nicht als statische Größe verstanden, sondern als lebendiger Gott in Geschichte:
Gott ist Wandel – und nichts ist beständiger als dieser Wandel.
Heutige Aussagen über Gottes Unveränderlichkeit schützen seine Verlässlichkeit in der Beziehung. Sie bedeuten jedoch keine zeitlose Gleichförmigkeit seines Handelns, die interpretativ aus Schnappschüssen längst vergangener historischer Konstellationen konstruiert wird, aus Texten, die in konkreten geografischen, politischen, sozialen und persönlichen Situationen entstanden sind und nicht durch bloßes Zitieren in völlig andere, in heutige Lebenswelten verlängert werden können.
Wer Gottes Handeln an einem bestimmten historischen Punkt fixiert, macht ihn zum Relikt. Ein solcher Gott ist nicht lebendig, sondern konserviert. Der biblische Gott dagegen begegnet Menschen je neu, in veränderten Lebenslagen, unter veränderten Bedingungen, mit veränderter Verantwortung.
Diese Perspektive grenzt sich bewusst ab:
Was bleibt, ist ein Gottesbild, das ungewohnt wirken kann: ein Gott, der nicht eingreift, nicht überwacht, nicht rettet, und dennoch nicht gleichgültig ist.
„Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“
Das ist Mit-Leiden. Das Erschüttertsein dessen, der nicht handeln kann und der deshalb dem Menschen das Handeln anvertraut hat. Gott erwartet. Er leidet mit, wenn diese Erwartung enttäuscht wird. Und er vertraut darauf, dass sie erfüllt werden kann.
In diesem Vertrauen liegt der Grund menschlicher Würde und menschlicher Verantwortung.
Diese Seite ist bewusst vorläufig. Nicht, weil sie unsicher wäre, sondern weil ein lebendiger Gott nicht endgültig beschrieben werden kann. Sie markiert einen Ort, von dem aus gelesen, gedacht und geschrieben wird. Wer hier widerspricht, widerspricht nicht einer Person, sondern einer theologischen Arbeitsweise.
Mehr über das Projekt Stilkunst
Editorial - Christlicher Glaube im Rhythmus der Zeit
Über mich - evangelisch, reformatorisch, wortgebunden
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Von Mensch zu Mensch - Christliche Ethik der Wertschätzung
Gegen die Instrumentalisierung des Christentums - eine Positionierung
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Reiner Makohl, Gottesverständnis – Wo Gott nicht handelt, handelt der Mensch , in: Stilkunst.de,
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