Schriften Martin Luthers

Predigt am Fronleichnamstag, 4. Juni 1523

Symbol Schriften

Luthers Schriften

Biblia

Martin Luther:

Predigt am Fronleichnamstag
4. Juni 1523

zum Evangelium Johannes, 6,52-71.

Nachschrift von Luthers Sekretär Georg Röhrer

 

Quelle: W.A. 11,125-126.

 

 

 

Doctor Martin Luther

 

 

 

 

 

Predigt zum Fronleichnamstag,
4. Juni 1523

über Johannes 6,52-71

 

Nachſchrift von Georg Röhrer

W.A. 11,125

 

 

 

Johannes 6,52-71

Das Fonleichnamsfeſt beruft ſich zu Unrecht auf dieſen Text.

 

1. Der Anlass der Predigt

 

Ihr wißt, daß in der ganzen Welt das Sakrament des Leibes Chriſti gefeiert wird. Ich bin dieſem Feſt nicht gut, weil das Sakrament in einer böſen Weiſe gehandelt und ihm große Schmach angetan wird. Ich hätte auch nicht gepredigt, aber wir wollen’s beſcharren und begraben. Man hat dieſes Evangelium vom Leibe Chriſti verſtanden und ſo mag's der einfältige Menſch auch deuten und ſo iſt's auch in der ganzen Welt verbreitet; und doch iſt's ſchlimm, die Schrift ſo zu verdrehen. Es wäre die Pflicht der Biſchöfe, das einfältige Volk in den rechten Sinn des Textes einzuführen.

 

 

2. Das Thema: Das rechte Verständnis von Fleisch und Blut Christi im Abendmahl

 

Chriſtus ſagt: „Mein Fleiſch iſt die rechte Speiſe und mein Blut iſt der rechte Trank.“ Das ſind liebliche, treffliche Worte. Man kann ſie aber nicht vom Sakrament verſtehen, weil Chriſtus in den folgenden Verſen ſagt: „Die Worte, die ich rede, die ſind Geiſt und ſind Leben.“ (→ 6,63) Und weiter ſpricht er: „Wer mein Fleiſch iſſet und trinket mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Das heißt doch, daß das ewige Leben ganz ſicherlich dem folgen ſoll, der ſein Fleiſch ißt. Doch nährt ſich die Mehrzahl von dieſer Speiſe, die dann doch verdammt werden.

 

Des gleichen redet Paulus zu den Korinthern von dieſem Sakrament: „Denn welcher unwürdig iſſet und trinket, der iſſet und trinket ſich ſelber das Gericht damit, daß er nicht unterſcheidet den Leib des Herrn. Darum ſind auch ſo viele Schwache und Kranke unter euch, und ein gut Teil ſchlafen“ (→ 1. Kor. 11,29.30). Du ſiehſt aus Paulus: Wer unwürdig den Wein und den Leib des Herrn empfängt, der ißt und trinkt ſich ſelber zum Gericht.

 

 

3. Die falsche Auslegung der Kirchenväter

 

Chriſtus redet hier von ſeinem natürlichen Fleiſch und Blut, darinnen er gewandelt iſt. Das rechte Verſtändnis dieſer Worte liegt in dem Wort „eſſen“ verborgen. Auguſtin verdreht den Sinn dieſer Worte und ſagt: Fleiſch und Blut ſei die Gemeinſchaft der Kirche. Aber dieſe Auslegung iſt nicht haltbar. Das Eſſen und Trinken, (davon der Text redet), handelt nicht vom leiblichen Eſſen. Würde man es ſo verſtehen, dann würden kaum 1000 Menſchen ſatt werden; vielmehr wird dies Fleiſch und Blut mit der Seele und dem Herzen genoſſen.

 

 

4. Die richtige Auslegung: Fleisch und Blut meinen den wahren Glauben

 

Wer glaubt, der ißt, ſo wie ein Menſch leibliche Speiſe nimmt und ſie in Blut verwandelt wird. So iſt's mit der Seele und mit dem Herzen, wenn ſie hört, Chriſtus habe Fleiſch und Blut (für uns gekreuzigt und vergoſſen). Dieſes Wort feiert nicht, ſondern iſt am Werke, auf daß der Menſch in den Herrn Chriſtus verwandelt werde, wie der Text ſagt. Der Glaube, der durchs Evangelium gepredigt wird, hält uns das natürliche Fleiſch Chriſti vor, das gekreuzigt iſt; das iſt das Fleiſch des Sohnes Gottes und ſein Blut, das Für mich vergoſſen iſt. Dieſer Glaube heißt mich eſſen, und ſo werde ich eins mit Chriſtus.

 

 

5. Was bedeutet: »Ich bleibe in ihm«?

 

Oft habt ihr gehört, daß es etwas Großes iſt, wenn Chriſtus in uns bleibt und wir in ihm. Chriſtus mit allem, was ſein iſt, iſt mein eigen und ich bin ſein eigen. Chriſtus kann nicht lügen. Alles alſo, was ich habe, das iſt dem Herrn Chriſtus zu eigen, und hinwiederum: Chriſtus hat Weisheit und lauter Gutes, das unzählbar iſt und mein eigen iſt. So bringt der Glaube den Sieg über alle Kreaturen mit ſich. Das ſchließen dieſe ſo herrlichen Worte in ſich: „Ich bleibe in ihm“; obwohl ich doch ein Sünder bin und immer wieder ſtrauchle. Doch bringt es mir keinen Schaden, wenn ich in Chriſtus bleibe. So iſt die Sünde kein Hindernis mehr und wird mir nicht angerechnet, weil in Chriſtus keine Sünde iſt, ſondern Gott ſagt: So wie ich meinen Sohn verſchone, ſo verſchone ich auch den Sünder.

 

 

6. Wer sich an Sündern ärgert, ärgert sich an Gott

 

Doch ſind dieſe Worte ſo abgrundtief, daß es nur die wenigſten verſtehen. Verſtünde einer dieſe Worte (dann wäre er geduldig mit ſeinem Bruder). Chriſtus iſt ſelber ſchwach in den Seinigen, d.h.: Chriſtus iſt zum großen Teil gerade bei denen, die vor der Welt als Sünder angeſehen werden. Die ſich alſo an ihnen ärgern, ärgern ſich an Gott ſelbſt.

 

 

7. Verurteilen und Richten nach dem Gesetz ist nicht christlich

 

Wir ſind ſo leicht bereit, den anderen zu richten, und ſagen: Im Geſetz und Evangelium leſen wir’s doch anders, (als was du ſagſt). Dadurch geſchieht’s, daß ſie am Worte Anſtoß nehmen. Denn das Evangelium lehrt nicht das Frommſein; das tut das Geſetz. Das Evangelium ſagt aber: Man kann nicht fromm ſein, (wenn man den andern richtet). Es will vielmehr, daß man des anderen Schuld trägt Willſt du ein Menſch des Evangeliums ſein, ſo trage des andern Laſt; ſo wirſt du das Geſetz Chriſti erfüllen (→ Gal. 6,2). Man darf den, der ſich offen als Sünder zeigt, nicht auf der Stelle von ſich ſtoßen. Währenddem ſteht Chriſtus im Verborgenen dabei und ſpricht: Warum richteſt du den Bruder nach dem Geſetz, wenn ich doch will, daß man der Liebe folgend über ihn urteile? Willſt du denn nicht, daß man auch mit dir geduldig umgeht?

 

 

8. Konsequentes Verurteilen falscher Lehren ist aber nötig

 

Warum hat Chriſtus eben dieſes ſein Sakrament ſo verhüllt, daß es nur die begreifen, die es ſpüren, die anderen aber ſich daran ſtoßen müſſen? Andere, die Falſches predigen und lehren, die darf man nicht tragen; die aber die Wahrheit lehren und einen böſen Wandel führen, die muß man ertragen. Die Dritten aber, die rauhen Geſellen, die muß man mit dem Schwert im Zaume halten, während wir mit denen, die zur zweiten Gruppe gehören, Geduld haben ſollen. Du ſiehſt, mit welch großer Geduld der Herr die Unwiſſenheit der Apoſtel getragen hat, wenn ſie aber übel handeln wollten, dann fuhr er ſie kräftig an. Soviel ſei von dieſem Evangelium geſagt.

 

 

❦❧

 

 

 

Erläuterungen

Die Predigt vom 4. Juni 1523, am Fronleichnamsfest, ist die letzte Predigt Martin Luthers zu einem Fronleichnamsfest gewesen.

Er führte sie nach eigenem Bekunden auch nur deshalb, um zu erläutern, dass das Fest im evangelischen Gebrauch nicht begangen werden soll, denn es basiert auf einem völlig falschen Verständnis des Textes in Johannes 6,34-71 (der altkirchliche Evangeliumstext zum Tag war Joh 6,52-71).

In dieser Predigt ging es darum: „ ... wir wollen's [das Fron­leich­nams­fest] beſcharren und begraben“.

Wichtig in dieser Predigt sind Luthers Ausführungen über sein Verständnis vom Abendmahl, seine Ausführungen über das Essen vom Brot als Leib Christi und über das Trinken von Wein als Blut Christi.

 

Anmerkungen und Abschnittsüberschriften

Ergänzt haben wir Ab­schnitts­über­schriften, die den Schwerpunkt des Abschnitts herausstellen sollen. Sinn und Zweck ist es, dem Leser den Einstieg in die Abhandlung zu erleichtern.

Dort, wo Bibelstellen zitiert sind, haben wir die Stellenangabe mit einem Link in unsere Biblia 1545 versehen, was das schnelle Zugreifen auf den genannten Querverweis ermöglicht.

 

Die Bedeutung des Textes für unsere Kalender

Luthers Predigt erklärt, warum in den evangelischen Kirchenordnungen, und damit im evangelischen Teil unserer Kalender das Fronleichnamsfest nicht zu finden ist, obwohl der Tag in bestimmten Bundesländern sogar gesetzlicher Feiertag ist.

 

Text | Grafik | Webdesign | Layout:

©by Reiner Makohl | Stilkunst.de

SK Version 22.09.2025