Reiner Makohl | Februar 2026
Die Geschichte von Kain und Abel wirft eine der schwierigsten Fragen des Glaubens auf: Warum schützt Gott die Unschuldigen nicht? Dieser Aufsatz sucht Antworten nicht nur im ersten Mordfall der biblischen Überlieferung. Er durchleuchtet auch den Schöpfungsbericht, die Erzählung vom Sündenfall und das Geschehen im Kreuzestod Jesu.
Die biblischen Antworten überraschen. Sie korrigieren ein verbreitetes Verständnis von Gottes »Allmacht«, das Gott als ständig intervenierende Macht missversteht. Sie verändern den Blick auf Glauben, Verantwortung und menschliches Handeln.
Diese Korrektur bleibt nicht ohne Folgen. Sie fordert dazu heraus, aus Glauben heraus Verantwortung zu übernehmen und innerhalb der eigenen Möglichkeiten zu handeln.
Der Aufsatz berührt damit, und zwar weit über unmittelbare Nähe hinaus, existentielle Fragen: Was bedeutet das heute für dich und für jene Menschen, denen du begegnest und deren Leben du mitprägst als Teil einer selbstbestimmten Gesellschaft.
Lesezeit: ca. 15 Minuten | Keine Vorkenntnisse erforderlich
Abbildung: Bild zur Geschichte von Kain und Abel in Luthers Biblia 1545.
Der Holzschnitt zeigt mehrere Szenen gleichzeitig:
Im Vordergrund bringen die beiden Brüder ihr Opfer dar. Der aufsteigende Rauch von Abels Opfertisch, auf dem ein Lamm liegt, symbolisiert, dass dieses Opfer von Gott angenommen wurde. Von Kains Getreideopfer fließt der Rauch über den Altar zum Boden hinab.
Links im Bild erschlägt Kain seinen Bruder auf dem Feld.
Im Hintergrund rechts sehen wir Gott, der über Kain das Urteil spricht.
Dieser Text versteht sich als biblisch gebundene theologische Betrachtung. Er geht nicht von systematischen Gottesattributen aus, sondern von den biblischen Erzählungen selbst und ihrer inneren Logik. Maßgeblich ist dabei nicht, was Gott prinzipiell sein könnte, sondern wie die Texte Gottes Gegenwart, sein Handeln und sein Nicht-Handeln in konkreten Situationen darstellen.
Die hier entwickelten Gedanken stehen bewusst im Gespräch mit gewachsenen Auslegungstraditionen, ordnen sich ihnen jedoch nicht unbesehen unter. Wo biblische Texte Spannungen, Brüche oder Wandlungen im Gottesbild zeigen, werden sie nicht harmonisiert, sondern ernst genommen.
Der Text zielt nicht auf eine Erklärung des Leids, sondern auf die Klärung menschlicher Verantwortung im Horizont des Glaubens. Glaube wird dabei nicht als Rückzug in ein religiöses Paralleluniversum verstanden, sondern als Teilhabe am Reich Gottes im Hier und Jetzt – dort, wo Menschen einander begegnen und handeln.
Abel war der erste Mensch, der ein Lamm als Opfer darbrachte. Dieses Opfer gefiel Gott. Und doch zahlte er dafür mit dem Leben, erschlagen von seinem eigenen Bruder Kain.
Diese Geschichte aus dem ersten Buch Mose, Kapitel 4, konfrontiert uns mit einer Frage, die bis heute Menschen umtreibt: Warum lässt Gott das zu? Wo war sein Schutz? Warum half er dem Unschuldigen nicht?
In der Trauerarbeit hören wir diese Fragen immer wieder. Aus Trauer und Unmut heraus zweifeln viele Menschen und sprechen eine innere Kündigung gegen Gott aus.
Wer so fragt, erwartet von Gott, dass er eingreift: dass er die Unschuldigen beschützt, das Böse aufhält und das Unheil verhindert. Gott erscheint dabei als allmächtiger Wächter, der im entscheidenden Moment den Lauf der Dinge ändert.
Doch genau diese Erwartung führt in die Irre. Sie setzt ein Verständnis von »Allmacht« voraus, das die Bibel selbst nicht teilt.
Diese Erwartung ist kein individuelles Missverständnis, sondern das Ergebnis eines Gottesbildes, das Allmacht mit ständiger Eingriffsfähigkeit verwechselt. Genau dieses Verständnis bildet die Voraussetzung der klassischen Theodizee-Frage, und macht sie von Anfang an unlösbar.
Schon im Paradies zeigt sich: Gottes »Allmacht« bedeutet nicht permanente Gegenwart und Kontrolle und nicht Allwissenheit. Die biblischen Texte erzählen Gottes Handeln nicht als lückenlose Überwachung, sondern als konkrete, situative Gegenwart.
Der Text berichtet, nachdem sich der Sündenfall ereignet hatte:
»Da hörten sie die Stimme von Jahwe, Gott, der sich beim Tagwind im Garten erging, und es versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem Angesicht Jahwes, Gottes, inmitten des Baumgartens. Da rief Jahwe, Gott, zu dem Menschen, indem er zu ihm sagte: Wo bist du?«
(1. Mose 3,8f. )
[
↗1]
Betrachtet man diese Szene ohne Gott vorschnell systematische Attribute zuzuschreiben, zeigt sich: Gott geht im milden Wind des Tages im Garten spazieren. Er ist nicht Teil der Szene zwischen Mensch und Schlange. Er hört das Gespräch nicht. Er greift nicht ein, um den Menschen vom Essen der Frucht abzuhalten und ihn so vor dem Sterben zu bewahren. Die Erzählung ist eindeutig: Jahwe, Gott, unternimmt nichts. Er geht spazieren. Erst danach sucht er den Menschen und fragt, wo er ist. [
↗2]
Das ist kein Versagen.
Das ist, bezogen auf den Glauben, programmatisch.
Gottes Eigenschaften wirken hier vertraut, beinahe menschlich. Und genau darin liegt ihre Stärke. Gott vertraut dem Menschen. Dieses Vertrauen ist eine der grundlegenden Stärken Gottes in seiner Beziehung zu uns Menschen.
Gott delegiert Verantwortung. Diese Verantwortung, die dem Menschen zuteilwird, ist keine Begrenzung und keine Regulierung. Sie eröffnet Entscheidungsfreiheit und ermöglicht eine Antwort des Menschen auf das ihm von Gott entgegengebrachte Vertrauen.
Vor dem Sündenfall gab Gott dem Menschen ein klares Gebot. Eva bekennt es gegenüber der Schlange:
»Von der Frucht des Baumes in der Mitte des Gartens sprach Gott: Nicht sollt ihr essen von ihm, ja nicht rühret ihn an, damit ihr nicht sterbet!«
(1. Mose 3,3)
Dieses Gebot ist die konkrete Form der Delegation. Die Einhaltung des Gebots setzt Vertrauen voraus. Gottes Wirksamkeit wird real, wo der Mensch dieses Vertrauen annimmt und lebt. Gottes Sein wird gegenwärtig im Gebot. Seine Macht zeigt sich nicht im Eingreifen, sondern in der Verantwortung, die er überträgt. Seine Liebe zeigt sich im Vertrauen, seine Beziehung in der Freiheit, die er gewährt.
Der ferne Gott wird uns nicht durch Kontrolle nah, sondern in gelebter Beziehung.
Mit der Verantwortung ist Freiheit gegeben. Der Mensch hätte sich der Verführung der Schlange widersetzen können – das ist Freiheit. Er hätte es aber auch tun müssen – das ist gelebte Verantwortung in der Beziehung zu Gott.
Freiheit bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern Partnerschaft. Sie erlaubt es, Gebote zu übertreten und das eigene Handeln sogar religiös zu rechtfertigen. Gerade deshalb bleibt Verantwortung nicht abwälzbar.
Jesus bringt diese Logik im Gleichnis vom Weltgericht auf die Spitze (Matthäus 25,31–46): Die zur Linken rechtfertigen ihr Unterlassen damit, Christus nicht erkannt zu haben. Doch Unwissenheit hebt Verantwortung nicht auf. Das Vertrauen, das Gott in uns setzt, könnten wir weit besser beantworten, als wir es tun.
Wenn im Folgenden von Gottes Gegenwart oder Abwesenheit die Rede ist, geschieht dies nicht im Sinn metaphysischer Eigenschaften, sondern im Sinn erzählter, relationaler Gegenwart. Maßstab ist allein, wie der biblische Text Gottes Handeln oder Nicht-Handeln in der jeweiligen Szene entfaltet.
Im Kapitel 3 des 1. Buch Mose zeigt sich Gott nicht allwissend, nicht allsehend, nicht allgegenwärtig und nicht allmächtig in dem Sinn, wie diese Begriffe heute meist verstanden werden. Die Erzählung setzt Gottes Begrenztheit voraus. Andernfalls würde sie nicht funktionieren.
Gottes Allmacht ist unbegrenzt dort, wo er seine Macht unmittelbar einsetzt, wie die Schöpfungsgeschichte zeigt. Sie ist jedoch dort begrenzt, wo Wahrnehmung, Wissen und Gegenwart Voraussetzung für Handeln sind. Gott kompensiert diese Begrenztheit nicht durch Kontrolle, sondern durch Delegation.
Er überträgt dem Menschen Verantwortung. Von diesem Moment an ist Verantwortung nicht mehr abwälzbar. Wir sind nach seinem Bild geschaffen. Unsere eigene Begrenztheit erklärt sich daraus. Auch wir sehen nicht alles, hören nicht alles und können nicht überall handeln. Und dennoch bleiben wir verantwortlich für das, was wir tun, und für das, was wir unterlassen.
Diese Linie setzt sich bei Kain und Abel fort. Bevor Kain seinen Bruder erschlägt, spricht Gott ihn an. Kain war zornig geworden, weil sein Opfer nicht beachtet wurde, während Abels Opfer Gott gefiel.
Gott sagt zu ihm :
»Wenn du recht handelst, bist dann nicht freundlich? Wenn du aber nicht recht handelst, ist dann nicht die Verführung an der Tür, wie ein lauerndes Tier, das nach dir verlangt? Dann sollst du ihr nicht ihren Willen lassen, sondern herrsche über sie!«
(1. Mose 4,7)
Das Gebot lautet:
Beherrsche dich! Lass der Verführung nicht ihren Willen.
Der Text erzählt Gott nicht als Zeugen der Tat. Er greift nicht ein und kann Abel in dieser Szene nicht beistehen. Zuvor hatte er dem Menschen mit dem Gebot die Verantwortung übertragen, zugleich aber auch die Entscheidungsfreiheit belassen. Und Kain entscheidet sich falsch.
Hier liegt die Erkenntnis, die so schwer zu verstehen ist: Gottes Schutz richtet sich vordringlich nicht an das potenzielle Opfer, sondern an den potenziellen Täter.
Abel starb nicht, weil ihm Gottes Schutz fehlte. Er starb, weil Kain diesen Schutz für sich selbst nicht annahm. Kain missachtete das Gebot, sich zu beherrschen.
Gott steht dabei unmissverständlich auf der Seite des Opfers. Das zeigt die Erzählung im Zorn Gottes selbst: »Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde« (1. Mose 4,10). Gerade um Menschen davor zu bewahren, zu Opfern zu werden, richtet sich Gottes Schutz präventiv an die potenziellen Täter, und zwar durch Gebote, die Verantwortung für den Mitmenschen binden.
Die Nähe zu Gott schützt uns also nicht davor, Opfer zu werden. Sie verspricht keinen Schutz vor Leiden. Aber sie kann uns davor bewahren, andere zu Opfern zu machen.
Genau darin zeigt sich die Verantwortung, die Gott uns übertragen hat: Menschen nicht zu Opfern unseres Denkens, Redens und Handelns zu machen.
Es geht nicht darum, ob man Opfer wird, sondern darum, ob man andere zu Opfern macht. Das eine können wir oft kaum beeinflussen. Das andere liegt in unserer Hand. Das ist der Unterschied.
Diese Linie eskaliert in der Kreuzigung Jesu. Der Tod Jesu ist kein göttlich vollzogenes Opfer, sondern die gewaltsame Tötung eines Menschen durch römische Staatsgewalt. Gekreuzigt wurden Hochverräter und Sklaven, nicht religiöse Opfer.
Seine theologische Bedeutung liegt deshalb nicht im Akt des Sterbens selbst, sondern in der Deutung dieses Todes. [
↗3]
Mit dem Kreuzestod wird im christlichen Verständnis der Opferkult theologisch beendet, und mit ihm jede priesterliche Vermittlung zwischen Gott und Mensch. Wo Opfer theologisch überflüssig werden, braucht es keine Priester mehr als Mittler.
Der Mensch steht von nun an unmittelbar vor Gott verantwortlich für sein Handeln. Kein Priester vermittelt mehr, kein rituelles Opfer nützt mehr. Die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden, zwingt den Menschen in eine Freiheit, die unausweichlich von Eigenverantwortung geprägt ist.
Auch hier greift Gott nicht ein. Selbst seinen eigenen Sohn lässt er durch Menschenhand sterben. Der Kreuzruf Jesu – »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« – ist keine rhetorische Formel, sondern die radikale Aussage göttlicher Abwesenheit in dieser Szene. Gott handelt nicht, weil er in dieser Situation nicht gegenwärtig ist. Er bleibt der Wartende – und er bleibt der Mit-Leidende.
»Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde!« (1. Mose 4,10)
Das ist Mit-leiden. Nicht Hilflosigkeit, nicht Ohnmacht, sondern das Erschüttertsein dessen, der nicht eingreifen kann und der deshalb dem Menschen die Verantwortung übertragen hat. Gott erkennt: Es ist nicht gut geworden. [
↗4]
Dieses Mit-leiden ist immer konkret, immer personal. Es gilt nicht »der Menschheit« oder »den Christen«. Es gilt diesem Menschen, diesem Schrei, diesem Blut. Glaube ist immer personal. Er betrifft eine Frau, einen Mann, ein Kind. Nie ein Kollektiv.
Die Theologin Dorothee Sölle hat diesen Gedanken aufgegriffen: Gott ist nicht allmächtig im klassischen Sinn, deshalb leidet er mit. [
↗5]
Dieser Ansatz trägt weit. Aber er geht noch weiter: Gottes Begrenztheit ist nicht nur der Grund seines Mit-Leidens, sondern der Grund der Delegation. Er gibt dem Menschen Verantwortung, weil er sie braucht. Und er leidet mit, wenn Menschen sie nicht wahrnehmen.
Die evangelische Theologie hat diesen Gedanken aufgegriffen: »Gott kann nicht alles, was er will. Er wird begrenzt – oder begrenzt sich – in seiner Handlungsfreiheit durch seine Schöpfung.« [
↗6]
Gottes »Allmacht« ist keine Interventionsmacht. Sie ist Beziehungsmacht.
Gottes Macht im Miteinander der Menschen wird durch uns real – oder gar nicht. [
↗7]
Wenn wir uns beherrschen, wenn wir andere nicht zu Opfern machen, wenn wir in Nächstenliebe handeln, die sich im Denken, Reden und Handeln ausdrückt, dann wird Gottes Wille Wirklichkeit. Durch uns. Wenn wir das nicht tun, bleibt sein Wille ohne Wirkung. Er erzwingt nichts. Er überlässt uns die Entscheidung.
Genau an diesem Punkt setzt die klassische Theodizee-Frage an – und verfehlt ihn zugleich.
Die klassische Theodizee-Frage lautet: Wenn Gott allmächtig und gut ist, warum lässt er dann Leid zu?
Diese Frage setzt ein Gottesbild voraus, das Gott als jederzeit anwesende und eingriffsbereite Interventionsinstanz versteht. Die biblischen Texte selbst legen ein solches Verständnis jedoch nicht zugrunde.
Seit dem Paradies ist Verantwortung nicht mehr abwälzbar. Gott hat sie dem Menschen übertragen, und zwar nicht als Strafe und nicht als Zumutung, sondern als Ausdruck von Vertrauen. Mit dem Gebot delegiert Gott Verantwortung und traut dem Menschen zu, sie zu tragen. Freiheit ist dabei nicht das Gegenteil von Gebot, sondern seine Voraussetzung.
Die Frage „Warum greift Gott nicht ein?“ verfehlt deshalb den Kern. Sie übersieht, dass Gott den Menschen nicht aus der Verantwortung entlassen hat, sondern ihm zutraut, sie wahrzunehmen. Verantwortlich ist nicht ein fernes göttliches Gegenüber, sondern wir selbst als Menschen, die die Fähigkeit besitzen, Gut und Böse zu unterscheiden. [
↗8]
Die biblische Antwort lautet daher nicht: Gott greift nicht ein, weil er gleichgültig wäre, sondern weil er den Menschen ernst nimmt als verantwortliches Gegenüber, das auf das ihm entgegengebrachte Vertrauen antworten kann oder es enttäuscht. In diesem Sinn ist Gott kein ständiger Korrektiv der Geschichte. Menschlich verantwortete Geschichte wird nicht selektiv zugunsten Einzelner überschrieben.
Auch die Gebetsverheißungen des Johannesevangeliums widersprechen dem nicht. „Im Namen Jesu bitten“ ist keine Zusage göttlicher Intervention, sondern die Bindung menschlichen Handelns an Jesu Sendung. Gebet ersetzt Verantwortung nicht, es ruft sie auf und bindet sie an Vertrauen. Es ist Ausdruck von Beziehung, nicht Garantie für Rettung. [
↗9]
Wer sich auf die klassische Theodizee-Diskussion einlässt, akzeptiert damit bereits eine falsche Prämisse. [
↗10]
Die Bibel selbst zeigt von Anfang an: Gott ist nicht der ständig Intervenierende. Leid wird dadurch nicht gerechtfertigt, Geschichte nicht im Nachhinein sinnvoll erklärt. Markiert wird allein die Grenze göttlicher Korrektur innerhalb einer Welt, deren Verlauf dem Menschen anvertraut ist.
Der Kreuzestod wird häufig missverstanden als »Universalopfer«, das automatisch alles verzeiht. Daraus folgt eine gefährliche Logik: werktags Übles tun, sonntags Vergebung empfangen. Doch das verkehrt die Botschaft ins Gegenteil.
Der Kreuzestod beendet das Opfersystem, er ersetzt es nicht durch automatische Vergebung. Vergebung wird damit nicht aufgehoben, sondern aus der Logik ritueller Absicherung herausgelöst und in die konkrete Beziehung zwischen Menschen gestellt.
Eine Möglichkeit zur Vergebung bietet die Bibel dennoch. Sie führt jedoch nicht über Gott allein, sondern über uns:
»Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.«
(Matthäus 6,14–15)
Auch hier gilt: Verantwortung statt Abwälzung.
Wir kennen solche Situationen zur Genüge. Eine Emotion wird wach, und an den Türen unseres Herzens klopft die Bereitschaft zur Gewalt. Sie findet Ausdruck in unserer Gestik, in unserer Sprache, in unseren Taten.
Auch wenn das Ganze scheinbar harmlos ausgeht und nicht im Totschlag mündet, machen wir andere zu Opfern unserer Haltung. Für die Betroffenen sind solche Taten nie harmlos.
Die Lösung heißt nicht: Vermeide die Tat und lass Wut und Zorn in dir gären. Die Lösung heißt: Beherrsche deine Emotionen. Beherrsche die Verführung, die nach dir verlangt.
Gebete und Gottesnähe sind keine Schutzschilde für uns selbst. Sie bewahren uns nicht vor Leid. Sie stärken uns aber darin, anderen kein Leid zuzufügen. Sie helfen uns, als Nächster, als Mitmensch zu leben.
Sie schützen uns davor, Mitmenschen zu Opfern zu machen.
Teilhabe am Reich Gottes meint hier keine jenseitige Hoffnung, sondern eine gegenwärtige, konkrete Verantwortung im Denken, Reden und Handeln – dort, wo Menschen einander begegnen.
Die Forderungen Jesu sind extrem gedacht, in der Bergpredigt besonders deutlich: »Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist« (Matthäus 5,48). Neutestamentler sprechen von der »Radikalität der Bergpredigt« [
↗11], die unrealistisch erscheint und doch gerade deshalb ihre Kraft entfaltet.
Würden alle Menschen die Gebote befolgen, wäre niemand mehr Opfer der Gesinnung eines anderen. Das ist stimmig gedacht. Und es ist weltfremd. Aber es ist das Ideal, an dem wir uns orientieren können – und müssen.
Das Reich Gottes wartet nicht auf das Jenseits. Es entsteht, oder entsteht nicht, durch das, was wir heute tun. Nicht durch gesellschaftliche Programme oder kollektive Heilsversprechen, sondern durch die Begegnung mit dem konkreten Menschen vor uns. Jetzt. Hier.
Nächstenliebe meint immer das Individuum, nicht die Lösung gesellschaftlicher Probleme. Sie meint diese Frau, diesen Mann, dieses Kind. Den Menschen, dem ich heute begegne.
»Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde.«
Das ist kein Satz aus der Urgeschichte. Das ist ein Satz für heute. Gottes Mit-Leiden gilt dem konkreten Menschen, und seine Erwartung gilt dir: dass du hörst, was er nicht mehr überhören kann. Und dass du handelst.
Ein bemerkenswerter Nebenaspekt der Kain-und-Abel-Erzählung betrifft den Umgang mit Schuld und Strafe. Kain wird nicht mit dem Tod bestraft, obwohl er einen Mord begangen hat. Gott verhängt Verbannung und ein unstetes Leben, aber keine Todesstrafe.
Mehr noch: Gott stellt Kain unter seinen besonderen Schutz. Er macht ein »Zeichen« an ihm, damit niemand ihn tötet, und droht an: Wer Kain tötet, soll siebenfach gerächt werden (1. Mose 4,15).
Das ist, aus der biblischen Menschheitsgeschichte heraus betrachtet, das älteste Zeugnis gegen die Todesstrafe. Die angedrohte Strafe für jene, die den Mörder töten und ihn damit selbst zum Opfer machen würden, fällt härter aus als die Strafe für den Täter selbst.
Auch hier wird deutlich: Es geht nicht um Vergeltung, sondern darum, niemanden zum Opfer zu machen, auch nicht den Täter.
»Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde!«
— Erstes Buch Mose, Kapitel 4,10
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Reiner Makohl, Theologische Aufsätze: Gottes Schutz und das Leiden der Menschen., in: Stilkunst.de,
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