Der Dreikönigsbrauch
Zwischen Brauch und Evangelium
ANHANG 1

Reiner Makohl
Erstveröffentlichung: 5. Oktober 2026
Letztes Update: 8. Oktober 2026
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Grafik: Das Magiermosik von Ravenna
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Die heute bekannte Zeichenfolge ☆ C☩ M☩ B☩ wirkt wie ein geschlossenes religiöses Zeichen. Historisch sind ihre einzelnen Bestandteile jedoch nicht gleichzeitig entstanden. Wer nach ihrer Vorgeschichte fragt, stößt auf das berühmte Magiermosaik in der Basilika Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna. Dort begegnen bereits früh drei Magier, ihre Namen, drei Kreuzzeichen und ein Stern in einer ausdruckstarken Komposition.
Hat hier die Haussegensformel ihren Ursprung? Es ist Vorsicht geboten: Das Mosaik ist zwar alt, sein heutiger Zustand aber nicht mit dem ursprünglichen Bestand gleichzusetzen. In diesem Exkurs frage ich mit der nötigen Distanz, ob in Ravenna bereits ☆ C☩ M☩ B☩ steht oder wie weit sich die später wichtigen Elemente und ihre Ordnung historisch zurückverfolgen lassen, ohne die spätere Hausformel als gegeben in die Frühzeit zurückzuprojizieren.
Das Mosaik von Ravenna kann keineswegs der älteste Beleg für die ikonografische Darstellung der Magierlegende sein, die sich aus der Erzählung im Matthäusevangelium entwickelt hat. Es muss Vorläufer, eine Tradition dazu geben. Die Suche nach möglichen Vorlagen für das Mosaik und nach den Ursprüngen der heutigen Haussegensformel führt zurück bis in die römischen Katakomben der frühen Gemeinden des 3. und 4. Jahrhunderts: Wandmalereien beweisen, wie bedeutsam der Besuch der Magier und der Sinn ihrer Handlung schon damals den Menschen erschienen.
Zwischen den Fresken an in den Katakomben und Ravenna liegen etwa 200 Jahre Geschichte der Christen in Italien, danach folgten weitere ca. 1.400 Jahre Kirchengeschichte bis heute. Lässt sich die Entwicklung der Haussegensformel noch erkennen?
Abbildung 1: Die Haussegensformel ☆C☩M☩B☩ - Welche Vorgeschichte lässt sich entdecken?
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Das Magiermosaik in der Basilika Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna gehört zu den bekanntesten Bildzeugnissen der spätantiken Epiphanietradition. Zu sehen ist: Drei Magier bewegen sich auf Maria mit dem Kind zu. Vor ihnen steht der achtzackige Stern. Über den Figuren erscheint im heutigen Zustand eine Namenszeile mit Kreuzzeichen und der Heiligenbezeichnung SCS.
Die Entstehung der Magierdarstellung wird auf die Jahre 561–568 datiert. → 1: Datierung des Magiermosaiks

Abbildung 2: Das Magiermosaik von Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna im heutigen Zustand. Sichtbar sind der achtzackige Stern, drei Magier und die heute lesbare Namenszeile mit Kreuzzeichen und SCS vor jedem Namen.
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Der Befund macht das Mosaik für die Untersuchung des Dreikönigsbrauchs bedeutsam. Mehrere wichtige Elemente treten nebeneinander auf: der Stern, die Dreizahl der Magier, ihre Namen und die drei Kreuzzeichen. Das hat dazu geführt, das Mosaik von Ravenna als frühen Vorläufer von ☆ C☩ M☩ B☩ zu deuten. Doch das Bild zeigt nicht den ursprünglichen Zustand des Mosaiks, der längst verloren gegangen ist, sondern die Ergebnisse der letzten großen Restaurierung, die in den Jahren 1895–1900 erfolgte.
Die ursprüngliche Komposition des Abschnitts aus dem Mosaik von Ravenna, der die Magier zeigt, war in der Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch teilweise erhalten. Besonders stark beschädigt waren die oberen Partien der drei Magier. Der italienische Jesuit und christliche Archäologe Raffaele Garrucci (1812–1885) veröffentlichte 1877 unter Auslassung der inzwischen vorgenommenen modernen Ergänzungen in gezeichneten Tafeln die ravennatischen Mosaike, denen er Erklärungstexte beifügte. Er unterschied bewusst zwischen älterem Bestand und modernen Restaurierungen, die zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlossen waren. → 2: Die Restaurierung von 1852–1863

Abbildung 3: Das zerstörte Mosaik der drei Magier. Nachzeichnung eines Ausschnitts aus Tafel CCXLIV bei Raffaele Garrucci (1877). Raffaele Garrucci gibt hier den Mosaikbestand der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder. Zu sehen ist, dass der Bereich stark beschädigt war, in dem die drei Magier dargestellt sind. Der zusammenhängende Fries ist für die technische Abbildung im Buch so von Raffaele Garrucci in zwei Zeilen geteilt worden. Das Bild ist von oben nach unten, von rechts nach links zu lesen. Oben ist auf einem Thron sitzend Maria mit dem Kind zu sehen, gerahmt von vier Engeln. Bereits der vierte Engel (von rechts betrachtet) ist beschädigt. Es schließen sich in der ersten Zeile zwei Magier an, der dritte folgt in der zweiten Zeile rechts. Die Oberkörper und Köpfe sowie die Namenszeile fehlen komplett. Dahinter erscheint ein Teil des Zuges der heiligen Märtyrerinnen. Ihre Namen werden mit einem Kreuzzeichen und die abgekürzte Heiligenbezeichnung für heilige Frauen, SCA (sancta), eingeleitet.
Bild: redaktionelle Nachzeichnung nach Raffaele Garrucci, Tafel CCXLIV.
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Die beschädigten Partien wurden zwischen 1852 und 1863 ergänzt. Ihre Gestaltung war dabei nicht dem ausführenden Restaurator überlassen. Bereits 1845 wurde im Rahmen der päpstlich beaufsichtigten Vorarbeiten über die Kopfbedeckungen der Magier gestritten; die Entscheidung fiel zugunsten von Kronen. In der ausgeführten Restaurierung erschienen die Magier deshalb als Könige.
Wie die Restaurierung von 1852–1863 das Mosaik verändert hatte, ist in einer historischen Aufnahme des ravennatischen Fotografen Luigi Ricci (1823–1896) bewahrt, die nach 1866 und spätestens 1882 entstand. → 3: Die Restaurierung der Magier und die Aufnahme Luigi Riccis

Abbildung 4: Luigi Ricci, Historische Aufnahme des Magiermosaiks von Sant’Apollinare Nuovo nach der Restaurierung von 1852–1863. Zu sehen ist die fertiggestellte Arbeit mit den ergänzten fehlenden Partien des dargestellten Mosaikabschnitts.
Die Namenszeile ist nur schwer zu erkennen, dennoch hinreichend, um die Namensfolge mit den zusätzlichen Angaben ☩SCS auszumachen.
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Die drei Magier tragen Kronen. Bereits sichtbar sind der achtzackige Stern sowie die Namenszeile mit Kreuzzeichen und SCS vor jedem Namen. Vom Stern aus gelesen lautet die Namensfolge ☩SCS Gaspar, ☩SCS Melchior, ☩SCS Balthassar.
Ravenna steht nicht am Anfang der Bildtradition. Bereits in frühchristlichen Katakombendarstellungen begegnen die Grundelemente der späteren Epiphaniebilder: Maria mit dem Kind, der Stern und drei Magier mit Gaben. Damit zeigt sich: Stern und Dreizahl der Magier sind älter als Ravenna.

Abbildung 5: Fresko in der Katakomben Roms (Ausschnitt), Coemeterium Maius (Catacomba Maggiore), zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts.
Drei Magier ziehen mit Gaben auf Maria und das Kind zu. Vor der Gruppe steht ein achtzackiger Stern. Die Magier tragen Turbane.
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Die Dreizahl der Magier ist vorhanden - leicht begründbar aus der Zahl der im Evangelium genannten Arten der Geschenke - sie ist aber noch nicht exklusiv an die Legende gebunden. Andere römische Katakombenmalereien zeigen die Magier auch zu zweit oder zu viert. Zweierdarstellungen sind aus der Katakombe der Heiligen Petrus und Marcellinus bekannt; eine Vierergruppe zeigt die Domitilla-Katakombe:

Abbildung 6: Fresko in der Domitilla-Katakombe in Rom, erste Hälfte des 4. Jahrhunderts. Vier Magier ziehen mit Gaben von beiden Seiten auf Maria und das Kind zu. Ihre orientalisch gekennzeichnete Kleidung mit kurzen Mänteln, Hosen und Kopfbedeckungen zeigt bereits denselben Bildtypus, der später im Magiermosaik von Ravenna wiederkehrt.
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Die Malereien beweisen eine unmissverständliche Bildsprache. Insbesondere die Komposition im gezeigten Ausschnitt entspricht bereits weitgehend der Komposition des Mosaiks in Ravenna: Drei Magier stehen hintereinander, ein achtzackiger Stern leitet das Motiv ein und identifiziert als Stern von Bethlehem die Personen als die Magier des Matthäusevangeliums. Ihre Kopfbedeckungen sind keine Kronen. Die Idee, in den Gabenbringern Könige zu sehen, ist noch nicht in der Ikonografie manifestiert.
Die Vorstellung, bei den Magiern habe es sich um Könige gehandelt, ist wesentlich älter als ihre Darstellung mit Kronen. Bereits Tertullian, christlicher Schriftsteller aus Karthago in Nordafrika, verbindet die Magier um 207 mit Königen. Er stützt diese Deutung auf alttestamentliche Texte, in denen Könige mit Gaben erscheinen. → 4: Die Magier als Könige
In den römischen Katakombenmalereien des 3. und 4. Jahrhunderts ist diese Deutung jedoch noch nicht in die Bildsprache eingegangen. Die Magier erscheinen dort weiterhin als Gabenbringer aus dem Morgenland und tragen orientalische Kleidung statt königlicher Kronen. Erst seit dem 10. Jahrhundert setzt sich in der westlichen Kunst zunehmend der königliche Bildtypus durch: Die Magier erhalten Kronen und werden nun sichtbar zu den drei Königen. → 5: Vom orientalischen Magier zum gekrönten König
Für die Bewertung des Mosaiks von Ravenna ist diese Entwicklung wichtig. Die Kronen, die bei der Restaurierung von 1852–1863 ergänzt wurden und auf der Aufnahme Luigi Riccis zu sehen sind, entsprechen einer zu dieser Zeit seit Jahrhunderten etablierten Dreikönigstradition. Sie belegen nicht den Zustand des Mosaiks, wie er noch im 9. Jahrhundert von Andreas Agnellus beschrieben wurde. → 6: Andreas Agnellus beschreibt die Magier von Ravenna
Andreas Agnellus beschreibt die drei Figuren als Magier, nennt ihre Namen, Gaben und Gewänder ausführlich, erwähnt aber weder Könige noch Kronen.
Die ältere Bildtradition orientalisch gekleideter Magier blieb neben der Darstellung der drei Könige bestehen, trat in der westlichen Epiphanieikonografie jedoch zunehmend hinter die königlichen Legendengestalten zurück.
[Text in Bearbeitung.]
Die Betrachtungen
ergeben den folgenden Ergebnisstand:
Die Entwicklungsgeschichte des Magiermosaiks in der Basilika Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna reicht von den frühchristlichen Abbildungen in den römischen Katakomben bis zur letzten großen, inhaltlichen Überarbeitung am Ende des 19. Jahrhunderts.
Die Frage, ob sich diese Entwicklung fortgesetzt hat bis in den heutigen Dreikönigsbrauch, die Segensformel ☆ C☩ M☩ B☩ um den Dreikönigstag, der eigentlich Epiphanias, Fest der Erscheinung des Herrn heißt, an Türbalken zu schreiben, muss bedingt bejaht werden. Nur bedingt, denn wie sehr Ravenna tatsächlich die Haussegensformel geformt hat, ist nicht abschließend klärbar. Das Magiermosaik in seiner heutigen Form steht aber zweifelsfrei in derselben Tradition, der auch die Hausinschrift ☆ C☩ M☩ B☩ angehört und ist ihr sichtbares Zeugnis.
Die apotropäische Verwendung der Magiernamen und der gesamten Formel kann aus einer ikonografischen Darstellung selbstverständlich nicht abgeleitet werden. Dafür ist die Symbolik hinter den Bildelementen und deren Bedeutung in religiöser Praxis entlang ihrer Wirkungsgeschichte zu untersuchen.
Gleichzeitig kann sich der heutige Haussegen nicht auf eine historische Grundlage mit Verweis auf das Mosaik berufen. Im Gegenteil: Das Mosaik beweist, dass Stern, Kreuzzeichen und die Buchstaben C, M, und B keine christologische Bedeutung besitzen: Der Stern dient als Erkennungszeichen der Szene, die Kreuzzeichen sind Bestandteile der Heiligenkennzeichnung, die Buchstaben C, M, und B sind Initialen der Magiernamen.
Der Stern symbolisiert nicht Christus, die Kreuzzeichen stehen nicht für die trinitarische Verwendung als Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, die Buchstaben C, M und B sind keine Abkürzungen für den Segensgruß „Christus Mansionem Benedicat“ (Christus segne dieses Haus).
So lässt sich zusammenfassen:
Die heutige Segensformel, visualisiert in ☆ C☩ M☩ B☩, hat sich vollständig von einer ursprünglich rein apotropäischen Verwendung gelöst, ist aber zugleich entwicklungsgeschichtlich an sie gebunden.
Das Magiermosaik von Ravenna markiert eine Entwicklungsstufe der Legendenbildung, aus der über Jahrhunderte hinweg die apotropäische Verwendung der Magiernamen im Hausbrauch, die Verehrung der Magierreliquien und schließlich auch die heutige Segensformel hervorgegangen oder zumindest befördert worden sind.
Eine evangelisch-reformatorische Analyse des Dreikönigsbrauchs: der Text von Matthäus 2 in der Wirkungsgeschichte und in der religiösen Praxis.
Die kleine Studie „Der Dreikönigsbrauch“ untersucht in neun Modulen die theologischen Grundlagen und Bedeutungen dieses Brauchtums. Maßstab sind dabei weder die kirchliche Überlieferung mit ihren Auslegungen und Deutungen noch regional verankerte Traditionen, sondern die evangelisch-reformatorische Wortbindung. Gefragt wird, worauf der Dreikönigsbrauch theologisch gründet und ob er als Teil evangelischer religiöser Praxis zu rechtfertigen ist.
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Grafik: Das Magiermosik von Ravenna
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Abbildung: Die Zeichenfolge ☆C☩M☩B☩ - Schutzzauber oder Segensformel?
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Foto: Die drei Magier, Mosaik aus der Basilika Sant’Apollinare Nuovo, Ravenna (6. Jahrhundert)
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Das dargestellte Kunstwerk ist gemeinfrei (Public Domain).
Bildnachweis: Redaktionelle Nachzeichnung nach Raffaele Garrucci, Storia della Arte Cristiana nei primi otto secoli della Chiesa. Corredata della collezione di tutti i monumenti di pittura e scultura incisi in rame su cinquecento tavole ed illustrati, Bd. 4: Musaici cimiteriali e non cimiteriali (Friedhofs- und andere Mosaiken), Prato: Giachetti, Figlio e C., 1877, Tafel CCXLIV. Garruccis Erläuterung zur Tafel: S. 54. Digitalisat: Antica Biblioteca Corigliano Rossano, abgerufen am 8. Oktober 2026.
Foto: Luigi Ricci, Historische Aufnahme des Magiermosaiks von Sant’Apollinare Nuovo
Italien - Emilia-Romagna - Ravenna - Basilika Sant'Apollinare Nuovo
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Abbildung: Fresko in den Katakomben Roms
Ausschnitt aus: Universitätsbibliothek Heidelberg, Digitalisat Joseph Wilpert, Die Malereien der Katakomben Roms (1903), wilpert1903/0168.
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Reiner Makohl, Der Dreikönigsbrauch - zwischen Brauch und Evangelium, Das Magiermosaik von Ravenna, in: Stilkunst.de,
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