Trostlose Erinnerung an Tschernobyl

Gedanken über das »Restrisiko«

Gedankenpausen

 

Gedanken über Wahrheit und Lüge

Atomstrom ist billig. Hieß es immer und heißt es noch heute. Lernresistente verbreiten nach wie vor Unsinn. Aber um das jedem dramatisch zu beweisen, steigen nun in Deutschland die Preise für Strom. Begründet mit dem Abschalten der Atomkraftwerke und mit den nötigen Investitionen in erneuerbare Energien. Selbst schuld, sozusagen. Nur: Hat man den Menschen erzählt, wie viel sie außerhalb ihrer Stromabrechnungen in den Atomstrom investiert haben? Wie viel sie auch noch für viele weitere Jahre zahlen wer­den, ohne dass sie es wissen? Und wie teuer es für sie wird, wenn der GAU eintritt? Dagegen sind die Kosten für erneuerbare Energien tatsächlich Peanuts.

Atomstrom ist umweltfreundlich. Hieß es. Richtig: Es gibt keine Emissionen, die die Luft verschmutzen. Kühltürme, für die Wasser aus dreckigen Flüssen vor der Benutzung gereinigt und anschließend sauber und zudem leicht erwärmt zurückgeleitet wird, tragen bei zur Gesundung der Flüsse und bieten neue, warme Laichgründe für Fische, die man vorher lange nicht mehr gesehen hatte. Nur: Hat man den Menschen erzählt, dass all dieses Land und die schönen Flüsse tot sind, sobald es zum GAU kommt? Für lange Zeit tot und unbenutzbar. Für Jahrhunderte. Das ist die makabere, traurige Nachhaltigkeit, die in der Atomkraft schlummert.

Atomstrom ist harmlos. Erklärte man uns. Die Meiler liegen unter dicken Betonschalen, die auch einem Flugzeugabsturz aushalten würden. Die Feuer, die darin brennen, sind beherrschbar. Niemals würde man die Arbeiter in Gefahr bringen, die im Meiler ihren Dienst verrichten und den gefahrlosen Betrieb sicherstellen. Nur: Hat man den Menschen gesagt, dass diese Arbeiter ihr Leben riskieren? Genau wie alle, die bei einem GAU mehr oder weniger schwer betroffen sein wer­den und für die es dann keinerlei Hilfen geben wird? Verstrahlung ist nicht heilbar. Verstrahlungsopfer müssen um Anerkennung kämpfen. Sehr oft kämpfen sie erfolglos. Weil Krebs viele Ursachen haben kann und der Nachweis, dass er von einer atomaren Verstrahlung aus einem Kernkraftwerk ausgelöst wurde, kann nicht erbracht wer­den.

Man muss man nicht einmal in einem Kernkraftwerk arbeiten. Es genügt beispielsweise, kontaminierte Pilze zu essen. Oder Fisch. Oder Gemüse. Der Wind treibt die Emissionen über tausende Kilometer hinweg. Die Gefahr ist unsichtbar, der Fallout nicht vorhersehbar. Doch mit jedem Kilometer mehr, den Erkrankte vom einem Unglücksort entfernt wohnen, sinkt ihre Chance, Anerkennung als Strahlungsopfer zu bekommen, rapide.

Wie sicher ist »sicher«? Wie harmlos ist »harmlos«? Wer übernimmt Verantwortung für die Gesundheit und das Leben? Wer tritt für die Opfer ein, wenn sich das alles als Unsinn erweist? Hat man uns das mitgeteilt?

Das Restrisiko ist gering. Tönten sie. Die Sicherheitsvorkehrungen sind extrem hoch. Die Vorschriften sind umfangreich. Und sollte mal et­was passieren, ist das kalkulierbar.

Tschernobyl und Fukushima sind in einer langen Kette von Atomunfällen die schlagenden Beweise dafür, dass das Restrisiko hoch und nicht kalkulierbar ist. Wer damit spielt, spielt mit dem Leben von Menschen. Er plant vorsätzlich Opfer ein. Ein unglaublich hoher Preis für Energie, für Wachstum und für Gewinne auf den Konten weniger.

Unter Berücksichtigung der Planungs-, Betriebs- und Folgekosten lieferte das Tschernobyler Atomkraftwerk W. I. Lenin umgerechnet auf die Kilowattstunde den teuersten Strom, der jemals produziert wurde. Der Preis mag niedrig gewesen sein, die Kosten dafür waren und sind exorbitant hoch. Geschlagen wer­den können diese Kosten noch immer vom Kernkraftwerk Fukushima Da-ichi.

Das heute stillgelegte Kernkraftwerk Tschernobyl (ukrainisch Чорно́бильська АЕС, russisch Чернобыльская АЭС им. В. И. Ленина, übersetzt ‚Tschernobyler Kernkraftwerk namens W. I. Lenin‘) befindet sich im Norden der Ukraine nahe der ukrainisch-weißrussischen Grenze. Es ist etwa vier Kilometer von der Stadt Prypjat und 18 Kilometer von Tschornobyl entfernt. Die Katastrophe von Tschernobyl, bei der 1986 der Reaktor des Blocks 4 explodierte, gilt als bisher weltweit schwerster Unfall in einem Atomkraftwerk.
(Quelle: Wikipedia)

Die Auswirkungen für die Arbeiter im AKW, für die betroffene Bevölkerung, für die Einsatzkräfte, die die Evakuierungsmaßnahmen und Aufräumarbeiten durchführten, sind unvorstellbar. Die Zahl der Menschen, die in der Folge der atomaren Verstrahlung starben oder erkrankten, ist nicht erfasst. Unbekannt ist Zahl der Kinder, die danach tot, missgebildet oder krank geboren wurden.

Besonders tragisch: Die drei noch funktionsfähigen Blöcke wurden nach den Aufräumarbeiten wieder hochgefahren.

  • Block 2 wurde im Oktober 1991 nach einem Feuer in der Turbinenhalle abgeschaltet.
  • Block 1 wurde im November 1996 abgeschaltet.
  • Block 3 wurde auf Druck und Ausgleichszahlungen der EU für die Ukraine am 15. Dezember 2000 abgeschaltet.

Etwa 2500 Personen erhalten 2010 die Reste des AKWs. Um das Risiko zu mindern, wird in Schichten gearbeitet. Quelle: http://ueberhauptgarnix.blogspot.de/2010/08/die-katastrophe-von-tschernobyl.html

Trostlose Erinnerung an Tschernobyl

Manche Dinge sehen auf den ersten Blick, auf dem Papier und in Tabellen für Kostenkalkulationen sehr günstig aus. Die Preise, die wir tatsächlich dafür zahlen, die Kosten, die wir und unsere Kinder zu tragen haben, und die Folgen, die sich daraus ergeben für uns und unser Leben, entziehen sich jeder Vorstellungskraft.

Was zurückbleibt, ist unsägliche Trauer, die nirgends erfasst wird. Restrisiko nennen sie das.

 

 

– Hinweis –

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