
Reiner Makohl | Februar 2026
Der Begriff Raum klärt das evangelisch-reformatorische Verständnis von Orten. Maßstab ist die Wortbindung. Räume sind Orte der Begegnung mit dem Wort Gottes, keine Träger eigenständiger religiöser Wirksamkeit oder sakraler Qualität, die dem Raum selbst innewohnt. [
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Systematische Kurzformel
Nicht der Raum ist heilig, sondern das Wort, das im Raum gehört wird.
Kirchenräume, Hausflure, Türschwellen: Religiöse Praxis findet immer an konkreten Orten statt. Doch was macht einen Raum besonders? Ist er ein Träger von Heiligkeit, der durch seine bloße Beschaffenheit schützt, oder ist er der Ort, an dem Menschen hören, beten und handeln?
Im evangelischen Verständnis entscheidet nicht die Materie des Raumes über seine Bedeutung, sondern das, was in ihm geschieht. [
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Ein Raum ist nach reformatorischem Verständnis niemals aus sich heraus heilig. Weder im Mauerwerk noch im Boden ist eine göttliche Kraft gespeichert. Gott ist nicht an Orte gebunden. Wo Menschen im Namen Christi zusammenkommen, ist Gott gegenwärtig – unabhängig vom Ort. [
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Der Raum hat damit nur eine Funktion: Er bildet einen Rahmen. Seine Bedeutung ist nicht ontologisch, sondern ereignisbezogen. Er wird durch das Geschehen bestimmt, nicht durch eine ihm innewohnende Qualität.
Dies zeigt sich besonders im Umgang mit Kirchengebäuden. Sie sind Orte der Verkündigung und der Sakramente und ermöglichen gemeinsames Hören und Beten. Sie sind jedoch keine heiligen Gegenstände an sich. [
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Evangelische Kirchen werden gewidmet – einem bestimmten Gebrauch zugeordnet – und können wieder entwidmet werden. Sie werden nicht „geweiht“ im Sinn einer bleibenden sakralen Aufladung. Fällt der gottesdienstliche Gebrauch weg, wird der Raum theologisch profan, ohne dass etwas Heiliges verloren ginge. [
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Evangelisch gesehen ist Raum niemals:
Wo Räume als heilig, schützend oder geistlich wirksam verstanden werden, wird die reformatorische Wortbindung verlassen. Dann wird nicht mehr das Wort zum Ort der Gottesbegegnung, sondern der Ort selbst.
Viele populäre religiöse Praktiken zielen auf die Aufladung von Räumen: Haussegen, Tür- und Schwellenzeichen, Kreidezeichen wie C+M+B. Hier entscheidet sich, ob der Raum als Ort des Hörens verstanden wird oder als Instrument religiöser Absicherung. [
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Reformatorisch gilt: Gott segnet Menschen – nicht Steine. Wo Häuser oder Räume „unter Segen gestellt“ werden sollen, um eine objektive Schutzwirkung zu erzielen, verschiebt sich die Logik vom Vertrauen auf das Wort hin zur Verfügung über das Heilige. [
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Ein Raum kann seine Funktion verlieren – aber keine Heiligkeit, die er theologisch nie besessen hat. [
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Evangelisch ist, was den Raum dem Wort unterordnet und ihn nicht selbst zum Träger religiöser Wirksamkeit macht. Wo Räume sakralisiert oder funktional aufgeladen werden, wird die Wortbindung überschritten – und das Zeichen tritt an die Stelle der Verheißung. [
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