
Reiner Makohl | Februar 2026
Die Wortbindung ist das ordnende Prinzip evangelischen Glaubens. Sie besagt, dass Gottes heilvolles Handeln unauflöslich an die Verheißung im verkündigten Wort gebunden ist, und nicht an menschliche Riten, heilige Orte oder materielle Gegenstände. [
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Wortbindung meint dabei nicht eine Fixierung auf religiöse Texte als solche, sondern die Bindung des Glaubens an Gottes Selbstzusage, wie sie im Evangelium bezeugt wird.
Systematische Kurzformel
Gott handelt durch das Wort, nicht durch Dinge.
In der religiösen Praxis suchen Menschen häufig nach greifbaren Sicherheiten: nach gesegneten Gegenständen, geweihten Orten oder wirksamen Ritualen. Die Reformation setzte dem eine grundlegende Erkenntnis entgegen: Gott begegnet dem Menschen nicht in der Magie der Dinge, sondern im Ereignis seines Wortes, das Vertrauen weckt statt Funktion zu erzeugen. [
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Diese Konzentration auf das Wort als Ort göttlichen Handelns wird in der evangelischen Theologie als Wortbindung bezeichnet.
Die Wortbindung besagt, dass der Heilige Geist dort wirkt, wo das Evangelium rein verkündigt und die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß gereicht werden. Maßgeblich ist dabei die Verheißung (lateinisch: promissio), nicht der äußere Vollzug religiöser Handlungen. [
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Daraus ergeben sich drei zentrale Konsequenzen:
Wortbindung darf weder mit Schriftgläubigkeit noch mit Buchstabenfrömmigkeit verwechselt werden. Sie meint ausdrücklich nicht die unmittelbare Gleichsetzung des Wortes Gottes mit dem biblischen Text als Text, noch legitimiert sie die kontextlose Aneinanderreihung einzelner Bibelstellen zur religiösen, ideologisch moralischen oder politischen Beweisführung. [
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Sola scriptura bezeichnet kein mechanisches Zitierprinzip und keine Buchstabentreue. Gemeint ist nicht „allein die Schrift“ im Sinne isolierter Textverfügbarkeit, sondern eine theologische Erkenntnis, die einzig von der Schrift her zu verstehen ist.
Die Heilige Schrift ist dabei nicht Beweisarsenal, sondern der maßgebliche Zeugnisraum des Evangeliums. Diese Bindung setzt Auslegung voraus. Wo sola scriptura auf bloße Versverfügbarkeit reduziert wird, wird das reformatorische Prinzip selbst verfehlt. [
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Das Wort, an das der Glaube gebunden ist, ist nicht der Text als solcher, sondern Christus selbst, der lebendige Logos, von dem die Schrift Zeugnis gibt. Nur von dieser christologischen Mitte her ist die Schrift als Schrift zu lesen. Wird diese Mitte ausgeblendet, können alttestamentliche Gesetzestexte gegen das Evangelium ausgespielt, paulinische Situationsdeutungen zu zeitlosen Normen verabsolutiert und einzelne Verse dort gesetzlich in Anspruch genommen werden, wo sie ideologisch anschlussfähig erscheinen. [
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Wahre Wortbindung orientiert sich daher nicht an isolierten Textfragmenten, sondern am inneren Zusammenhang der Schrift, wie er sich von Christus her erschließt. Das biblische Wort ist kein Instrument zur Durchsetzung eigener Positionen, sondern das Zeugnis von Gottes freier Gnade, dem im Glauben vertraut wird.
Wortbindung ist die bewusste Absage an jede Form religiöser Verfügungsmacht:
Die Wortbindung garantiert die christliche Freiheit. Sie stellt sicher, dass der Glaube nicht von religiösen Techniken, Vermittlern oder Bedingungen abhängt, sondern allein auf der Verheißung gründet. Wo Gott sich an sein Wort bindet, entzieht er sich menschlicher Verfügung. [
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Für die Auseinandersetzung mit Praktiken wie beispielsweise dem Dreikönigsbrauch ist die Wortbindung daher das entscheidende Kriterium:
Wird das Wort verkündigt, das Vertrauen weckt, oder wird ein Zeichen gesetzt, das suggeriert, ein Raum müsse durch einen Vollzug abgesichert werden?
Wo die Wortbindung zugunsten einer Zeichenwirksamkeit aufgegeben wird, verliert das Evangelium sein reformatorisches Profil. [
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