Die Bedeutung der Könige: Welt und Mensch in einer Szene

Der Dreikönigsbrauch – zwischen Brauch und Evangelium

Der Dreikönigsbrauch

 

Zwischen Brauch und Evangelium

MODUL 4/9

Evangelisch gedacht
wortgebundene Klärungen zwischen Brauch, Bibel und Gegenwart

Die Bedeutung der Könige: Welt und Mensch in einer Szene

Kontinente und Lebensalter als Allegorie

Wenn aus Deutung Bedeutungshoheit wird

 

Reiner Makohl | Februar 2026

 

Worum es hier geht

 

In kirchlichen Darstellungen, Predigten, Bildmedien und Bildungsangeboten wird häufig erklärt, die Gestalten der sogenannten Heiligen Drei Könige stünden für die ganze Welt. Sie repräsentierten die drei damals bekannten Kontinente oder die drei Lebensalter des Menschen. Diese Deutungen sind weithin verbreitet und werden bis heute als selbstverständliche Erklärung der Szene an der Krippe weitergegeben.

Die Erzählung des Matthäusevangeliums bietet weder für die Zuordnung zu Kontinenten noch für die Einteilung in Lebensalter einen Anhaltspunkt. Die entsprechenden Zuordnungen sind spätere allegorische Deutungen.

Dieses Modul untersucht, wie diese Allegorien entstanden sind und warum sie sich in der Erklärung des Dreikönigsbrauchs durchgesetzt haben. Es fragt nach den Möglichkeiten heutiger evangelischer Theologie, dem zu begegnen.

 

Wo die Erzählung zur Allegorie erstarrt, wird die Welt in ein Schema gepresst, das die Freiheit des Wortes erstickt.

Balthassar, Melchior und Gaspar  | Mosaik aus Basilica of Sant´ Apollinare Nuovo in Ravenna | Foto: https://commons.wikimedia.org Username.Ruge | Lizenz: Attribution-ShareAlike 4.0 International CC BY-SA 4.0 Deed

Abbildung: Balthassar, Melchior und Gaspar
Mosaik aus Basilica of Sant´ Apollinare Nuovo in Ravenna
Bildnachweis: → siehe unten.
 
Die Magier sind nicht als Könige dargestellt, sie tragen die phrygische Mütze, die ursprünglich von den antiken Phrygern in Kleinasien getragen wurde. Zusammen mit der wertvollen Kleidung zeigt der Künstler die Magier als vorderasiatische oder persische Edelleute.
 
Die Zeichenfolge „☩SCS“ ist als Abkürzung ein sog. Nomen sacrum (lat.), um den folgenden Namen als heilig zu kennzeichnen. „SCS“ kürzt dabei „Sanctus“ ab, „Heiliger". Zu lesen ist also „Heiliger Balthassar, Heiliger Melchior, Heiliger Gaspar“.
 
Dargestellt sind die drei heiligen Magier als Repräsentanten der Lebensabschnitte eines Mannes, hier noch in der Folge Melchior als Jüngling, Balthassar als reifer Mann, Gaspar als Greis. Später wurden Caspar als Jüngling und Melchior als Greis erklärt.

Einleitung

 

Aus der Zahl Drei entwickelte die Tradition ein geschlossenes Weltsystem. Die Magier blieben nicht länger fremde und namenlose Suchende, sondern wurden zu Repräsentanten der gesamten Menschheit befördert. In der christlichen Kunst und Lehre stehen sie seither für die drei damals bekannten Kontinente sowie für die drei Lebensalter des Menschen.

Diese Deutung ist ästhetisch eindrucksvoll, aber sie ist eine Allegorese. Sie legen dem Text Bedeutungen unter, die er von sich aus nicht hergibt. [→↗1]

 

Religiöse Praxis und theologische Deutung

1. Die Geographie des Heils

Wie aus der Reise von Fremden eine Weltordnung wurde
 

Um die universale Bedeutung Christi zu unterstreichen, ordnete die Tradition jedem der Könige einen Kontinent zu: Europa, Asien und Afrika. [→↗1] Aus der Bewegung weniger Fremder wird so symbolisch die Unterwerfung der damals bekannten Welt unter Christus.

Besonders wirksam wurde diese Vorstellung durch eine spätere ikonographische Ausgestaltung, in der jener König, der Afrika repräsentieren sollte, mit dunkler Hautfarbe dargestellt wurde. Diese Bildform wird heute im Kontext von Rassismus und kolonialen Stereotypen kritisch gelesen; ursprünglich war sie als Zeichen weltumspannender Einheit gedacht.

Das theologische Problem liegt jedoch tiefer: Matthäus erzählt von Magiern (magoi) aus dem Osten, nicht von einer diplomatischen Delegation der Weltvölker. Die Geographie der Legende ersetzt hier die Offenheit des Wortes.

 

2. Die Biologie des Glaubens

Wenn Lebensalter zu theologischen Funktionen werden
 

Zusätzlich wurden den Figuren unterschiedliche Lebensalter zugewiesen: Greis, Mann und Jüngling. Damit sollte verdeutlicht werden, dass Christus Herr über alle Phasen menschlichen Lebens sei.

Doch auch hier gilt: Die biblische Erzählung kennt keine biologische Typisierung. Wo die Magier zu Stellvertretern von Altersstufen werden, verlieren sie ihre Individualität. Sie werden zu Funktionen in einem didaktischen System, das Ordnung über Irritation stellt.

 

Exkurs:
Die Allegorie der Lebensalter im Mosaik von Sant’Apollinare Nuovo

 

Das Mosaik der Ma­gier in der Ba­si­li­ka Sant’Apol­li­na­re Nuo­vo in Ra­ven­na aus dem spä­ten 6. Jahr­hun­dert ist ei­ne der frü­hes­ten er­hal­te­nen Bild­dar­stel­lun­gen der Sze­ne. Es zeigt drei klar von­ein­an­der un­ter­schie­de­ne Ge­stal­ten mit Na­men, Ga­ben und dif­fe­ren­zier­ter Er­schei­nung.

Die Dreizahl ist hier be­reits bild­lich fi­xiert, eben­so die Na­men und die Hei­lig­keit der Per­so­nen, mar­kiert durch Kreuz­zei­chen. Die Fi­gu­ren er­schei­nen als wür­di­ge Frem­de aus dem Os­ten, mit phry­gi­schen Müt­zen und kost­ba­ren Ge­wän­dern. Sie tra­gen kei­ne Kro­nen und wer­den nicht als Kö­ni­ge dar­ge­stellt.

Auffällig ist die Dif­fe­ren­zie­rung der Le­bens­al­ter. Die­se bild­li­che Ord­nung zeigt, dass ent­spre­chen­de Vor­stel­lun­gen be­reits vor der theo­lo­gi­schen Sys­te­ma­ti­sie­rung durch Au­to­ren wie Beda Ve­ne­ra­bi­lis im kirch­li­chen Raum prä­sent wa­ren. Das Mo­sa­ik be­legt da­mit ei­nen ent­schei­den­den Schritt in der tra­di­ti­ons­ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung der Le­gen­de.

Eine Zu­ord­nung zu Kon­ti­nen­ten ist im Mo­sa­ik nicht ge­ge­ben. Die­se Zuord­nung wird erst spä­ter Teil der Le­gen­de.

Für die evan­ge­li­sche Be­trach­tung ist nicht das ein­zel­ne Bild pro­ble­ma­tisch, son­dern der Über­gang von Dar­stel­lung zu Be­deu­tungs­ho­heit. Das Mo­sa­ik do­ku­men­tiert Tra­di­ti­ons­bil­dung, nicht Of­fen­ba­rung.

 

Ikonographischer Befund
Zum Mosaik der Ma­gier in Sant’Apol­li­na­re Nuo­vo (Ra­ven­na, 6. Jh.) vgl. Ger­trud Schil­ler, Iko­no­gra­phie der christ­li­chen Kunst, Bd. 1, Gü­ters­loh 1966, 58–61; sowie die do­ku­men­tie­ren­de Be­schrei­bung bei Wi­ki­pe­dia, Stich­wort „Sant’Apol­li­na­re Nuo­vo“, Abschnitt „Magi-Mosaik“.
Die Darstellung zeigt drei na­ment­lich be­zeich­ne­te Ma­gier mit Kreuz­zei­chen (no­mi­na sacra), dif­fe­ren­zier­ten Le­bens­al­tern und öst­li­cher Tracht; eine Zuordnung zu Kontinenten oder eine Königsdarstellung ist nicht gegeben.

3. Die Gefahr der Allegorie

Wenn alles alles bedeutet
 

Allegorie ist in der christlichen Auslegung ein legitimes Instrument. Wird sie jedoch zur dominierenden Deutungsform, verliert der Text seine Eigenständigkeit. Das Geschehen wird zum Bedeutungsträger eines vorgefertigten Systems.

In diesem Prozess spricht nicht mehr das Wort selbst. Es bestätigt nur noch, was bereits als sinnvoll, stimmig oder schön gilt. Das Evangelium wird nicht mehr gehört, sondern passend gemacht.

 

4. Wortbindung statt Bedeutungshoheit

Warum der Text sich der Systematisierung entzieht
 

Reformatorisch ist der einfache Schriftsinn maßgeblich. [→↗2] Die Magier sind weder Kontinente noch Lebensalter. Sie sind Suchende.

Allegorische Systeme gewinnen ihre Macht nicht allein durch Lehre, sondern durch Anschaulichkeit. Sie ordnen Wahrnehmung und Erwartung, noch bevor sie theologisch reflektiert werden. Evangelische Auslegung hält dem die Freiheit des Wortes entgegen.

Diese Freiheit besteht nicht darin, jede Bildsprache zu dulden, sondern ihre Wirksamkeit kritisch zu begrenzen. Das Wort soll nicht verschönert oder verdichtet werden. Es soll gehört werden.

 

Zwischenfazit

 

Die Deutung der Magier als Vertreter von Kontinenten und Lebensaltern ist der Höhepunkt einer langen traditionsgeschichtlichen Entwicklung. Sie macht aus einer offenen Erzählung ein geschlossenes Weltsystem.

Wo das Evangelium nur noch Illustration einer bekannten Ordnung ist, verliert es seine Irritationskraft. Die Allegorie macht den Text handhabbar, aber zugleich stumm für das Unerwartete.

 

Schluss

 

Es ist verlockend, die ganze Welt an der Krippe versammelt zu sehen. Doch die entscheidende Frage lautet, ob dieses Bild noch der Verkündigung dient oder lediglich den menschlichen Ordnungsdrang bestätigt.

Evangelische Theologie begegnet der Legende nicht durch Detailkritik einzelner Motive, sondern durch den Blick auf das Ganze. Sie erinnert daran, dass das Evangelium nicht aus Deutungssystemen lebt, sondern aus der Freiheit des Wortes.

 

 

Der folgende Exkurs überschreitet bewusst den Rahmen dieses Moduls. Er zeigt, wie die hier beschriebene Bild- und Bedeutungsordnung in eine konkrete Zeichenpraxis übergeht.

Exkurs:
C+M+B und das Mosaik von Sant’Apollinare Nuovo

Das Mosaik von Sant’Apol­li­na­re Nuo­vo ist nicht nur ein Zeug­nis für die frü­he Fi­xie­rung der Drei­zahl, der Na­men, der Hei­lig­keit der Ma­gi­er und der Alle­go­rie der Le­bens­ab­schnit­te in der Le­gen­de. Es zeigt zu­gleich ei­ne Bild­ord­nung, in der Stern, Per­son und sa­kra­le Mar­kie­rung un­trenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den sind.

Diese Verbindung ist für die spä­te­re Ent­wick­lung der Le­gen­de be­deut­sam. Sie schafft ei­nen vi­su­el­len Zu­sam­men­hang, in dem die Ma­gier nicht mehr nur er­zählt, son­dern als Trä­ger wirk­sa­mer Zei­chen wahr­ge­nom­men wer­den. Die al­le­go­ri­sche Über­for­mung zu Kon­ti­nen­ten setzt spä­ter ein; die Bild­lo­gik der Ver­dich­tung ist hier be­reits an­ge­legt.

 

Auffällig ist, dass das früh­by­zan­ti­ni­sche Mo­sa­ik der Ma­gier in Sant’Apol­li­na­re Nuo­vo (Ra­ven­na, 6. Jh.) be­reits jene Bild­ele­men­te ver­eint, aus de­nen sich spä­ter die Haus­se­gen­for­mel ent­wi­ckeln konn­te: den Stern, die na­ment­lich be­zeich­ne­ten Ma­gier und die Mar­kie­rung ih­rer Na­men durch Kreuz­zei­chen.

Die Namen erscheinen dort je­weils mit der Zei­chen­fol­ge ☩SCS (sanc­tus; hei­lig) und sind von rechts nach links an­ge­or­dnet. Wer­den die­se Na­men in der spä­te­ren Zei­chen­pra­xis auf ihre Ini­ti­a­len ver­kürzt und das Kreuz­zei­chen als Hei­lig­keits­mar­kie­rung bei­be­hal­ten, er­gibt sich zu­sam­men mit dem im Mo­sa­ik ge­zeig­ten Stern ei­ne Struk­tur, die der spä­te­ren Fol­ge ☆C☩M☩B☩ for­mal ent­spricht.

Damit ist nicht ge­sagt, dass die Haus­se­gen­for­mel aus dem Mo­sa­ik her­vor­ge­gan­gen wä­re. Wohl aber zeigt sich, dass Stern, Name und Kreuz be­reits früh in ei­ner Wei­se zu­sam­men­ge­führt wur­den, die ei­ne spä­te­re Zei­chen­ver­dich­tung plau­si­bel vor­be­rei­tet. Das Schutz­zei­chen ent­steht nicht aus dem Nichts, son­dern aus der lang­fris­ti­gen Ge­wöh­nung an wirk­sa­me Zei­chen­kon­stel­la­ti­o­nen.

 

Die These einer iko­no­gra­phi­schen Vor­be­rei­tung der Haus­se­gen­for­mel lässt sich nicht durch ei­ne ein­zel­ne Quel­le be­le­gen, wohl aber durch ei­ne Rei­he früh­neu­zeit­li­cher Bild- und Druck­zeug­nis­se. Holz­schnit­te, Ein­blatt­dru­cke und Haus­se­gen­zet­tel aus dem 15. und 16. Jahr­hun­dert zei­gen, wie das Bild der Kö­ni­ge, die Na­mens­nen­nun­gen, das Kreuz­zei­chen und Se­gens­lo­gik zu­neh­mend zu­sam­men­ge­führt wer­den.

Diese Zeug­nis­se be­le­gen kei­nen Ur­sprung, wohl aber eine Tra­di­ti­ons­li­nie, in der sich Bild, Name und Zei­chen zu ei­ner re­li­gi­ö­sen Pra­xis ver­dich­ten.

 

 

Wie es weiter gehen kann

 

→ Weiter zu Modul 5

Die Namen der Magier

Modul 5 fragt nach den Namen der Kö­ni­ge. Es zeigt, wie Be­nen­nung In­di­vi­du­a­li­tät er­zeugt, und wie aus Na­men schließ­lich re­li­gi­ö­se Zu­stän­dig­kei­ten wur­den.

 

→ Zurück zu Modul 3

Die Zahl Drei

Modul 3 zeigt, wie aus der of­fe­nen Er­zäh­lung eine fixe Drei­zahl wur­de. Die Zahl er­wies sich als Pro­jek­ti­ons­flä­che, nicht als bib­li­scher Be­fund.

 

→ Zur Modulübersicht

Der Dreikönigsbrauch - Epiphanias zwischen Brauch und Evangelium.
Die Übersicht zeigt alle neun Module.

 

Zitationshinweis

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Reiner Makohl, Der Dreikönigsbrauch - zwischen Brauch und Evangelium, Die Bedeutung der Könige: Welt und Mensch in einer Szene, in: Stilkunst.de,
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