Der Dreikönigsbrauch
Zwischen Brauch und Evangelium
MODUL 5/9
Reiner Makohl | Februar 2026
Die Namen Caspar, Melchior und Balthasar gelten heute als selbstverständlicher Bestandteil der Weihnachts- und Epiphaniastradition. Sie erscheinen in Krippen, Liedern, Erzählungen und nicht zuletzt in der Zeichenfolge C+M+B an Haustüren. Kaum jemand nimmt wahr, dass diese Namen im biblischen Text fehlen.
Matthäus nennt weder Zahl noch Namen der Magier. Die heute selbstverständlichen Namen Caspar, Melchior und Balthasar gehören nicht zum biblischen Text, sondern zu seiner Wirkungsgeschichte. Dieses Modul fragt, was geschieht, wenn namenlose Zeugen benannt werden, und wie sich dadurch ihre Wahrnehmung, ihre Rolle und schließlich ihre religiöse Verwendung verändern.
Im Blick steht nicht historische Neugier, sondern der Funktionswandel der Namen: von erzählerischer Individualisierung über symbolische Profilbildung bis hin zur Verdichtung in eine religiöse Zeichenpraxis. Maßstab der Beurteilung ist die evangelische Wortbindung.
Namen machen in Legenden aus biblischen Zeugen unterscheidbare Individuen und führen zu ihrer Umformung in religiös verfügbare Machtträger.
Die Namen Caspar, Melchior und Balthasar sind so fest mit der Weihnachts- und Epiphaniaserzählung verbunden, dass kaum noch wahrgenommen wird, wie anders die Figuren sind, die Matthäus tatsächlich beschreibt. Er nennt weder ihre Zahl noch ihre Namen. Er spricht von Magiern aus dem Osten, religiösen Spezialisten eines fremden Kulturraums, mit einer Praxis, die aus jüdischer Sicht nicht nur fremd, sondern problematisch ist.
Diese Magier suchen nicht den Messias Israels. Ihre Reise beginnt nicht mit einer Verheißung des Gottes Israels, sondern mit Sterndeutung und magischer Sinnsuche. Sie erwarten einen politischen Nachfolger des Herodes und geraten durch ein gedeutetes Zeichen auf einen Weg, den sie nicht beabsichtigt hatten. Matthäus zeichnet damit einen scharfen Kontrast zwischen religiöser Kompetenz ohne Bewegung und religiöser Fremdheit in Bewegung.
Gerade diese Irritation macht die Figuren erklärungsbedürftig. Die spätere Benennung der Magier ist deshalb kein bloßes Ausschmücken der Erzählung, sondern der Beginn einer Umformung, die Fremdheit ordnet, Offenheit begrenzt und die Figuren dauerhaft handhabbar macht. Dieses Modul verfolgt diesen Prozess am Beispiel der Namen.
Dass Matthäus keine Namen nennt, ist kein Mangel, sondern eine bewusste erzählerische Entscheidung. Die namenlose Darstellung hält die Figuren offen. Sie bindet sie nicht an Herkunft, Rang oder Zuständigkeit. Die Magier bleiben Zeugen eines Ereignisses, nicht Träger einer Funktion.
Namen hätten diese Offenheit begrenzt. Sie hätten Individualität festgeschrieben, Wiedererkennbarkeit erzeugt und Erwartungen an Geschichte, Herkunft und Autorität geweckt. Ein benannter König aus einem bestimmten Land hätte politische Einordnung, historische Nachprüfbarkeit und Konkurrenz zu bekannten Machtfiguren provoziert. Genau dies vermeidet Matthäus.
Die Erzählung verzichtet damit bewusst auf geografische und historische Fixierung. Die Bedeutung der Magier liegt nicht in ihrer Identität, sondern allein in der Begegnung, die ihnen widerfährt.
Die frühe Überlieferung kennt keine einheitliche Namensliste. In verschiedenen Regionen kursieren unterschiedliche Namen, teils auch mehr als drei Figuren. Diese Vielfalt zeigt, dass Benennung zunächst erzählerischer Ausgestaltung dient, nicht der Ordnung. [
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Namen markieren Individualität, ohne Zuständigkeit zu erzeugen. Sie helfen, Figuren erzählbar zu machen, ohne sie festzulegen. Von einer geschlossenen Trias kann in dieser Phase noch keine Rede sein
Mit der Benennung der Magier beginnt ein neuer Schritt. Namen treten nun in Beziehung zu sichtbaren Unterscheidungen. Alter, Kleidung und Gabe werden miteinander verbunden. Aus namenlosen Zeugen werden unterscheidbare Gestalten.
Ein frühes Zeugnis dieser Entwicklung ist das Mosaik der Magier in der Basilika Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna aus dem 6. Jahrhundert. Dort erscheinen die Magier erstmals klar als Trias benannt. Zugleich sind sie deutlich voneinander unterschieden. Lebensalter, Kleidung und Gaben bilden ein erkennbares Ordnungsmuster. [
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Auffällig ist auch die Art der Namensnennung. Die Namen sind nicht bloße Beischriften, sondern als heilig markiert. Dadurch erhalten sie einen Status, der über erzählerische Benennung hinausgeht. Da das Mosaik Teil eines kirchlichen Raumes ist, wirkt diese Markierung zugleich kirchlich autorisierend.
Dreizahl und Namensfolge sind damit bildlich etabliert, bevor sie theologisch systematisiert werden. Die Profilbildung geschieht nicht durch Auslegung, sondern durch Anschauung. Die Figuren erhalten Gestalt, ohne klar definierte Zuständigkeiten zu tragen, verlieren dabei jedoch einen Teil der ursprünglichen Offenheit der Erzählung.
Im Hochmittelalter wird aus der gewachsenen Profilbildung eine feste Ordnung. Die zuvor vorhandene Vielfalt tritt zurück. Die Trias Caspar, Melchior und Balthasar setzt sich durch. Alter, Gabe und Reihenfolge werden miteinander verbunden.
Werke wie die Legenda Aurea bündeln bestehende Überlieferungen zu einer geschlossenen Darstellung. Sie schaffen keine neuen Figuren, aber sie ordnen das Vorhandene so, dass es vollständig und selbstverständlich erscheint. Die Autorität entsteht nicht aus Nähe zum biblischen Text, sondern aus Geschlossenheit und Verbreitung. [
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Mit dieser Fixierung verändern sich die Namen erneut. Sie stehen nun nicht mehr für erzählerische Individualität, sondern für ein abgeschlossenes Deutungssystem. Die Voraussetzung für ihre spätere funktionale Verdichtung ist geschaffen.
Die Namen Caspar, Melchior und Balthasar sind nicht neutral gewählt. Sie tragen Bedeutungen, die sich mit den Gaben verbinden und den Figuren klare Sinnprofile zuschreiben. Dadurch werden aus namenlosen Zeugen unterscheidbare Gestalten mit religiös lesbarer Signatur. [
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Der Name Caspar wird als „Schatzmeister“ oder „Verwalter des Schatzes“ gedeutet. Ihm wird entsprechend die Gabe des Goldes zugeordnet. Caspar steht damit für Besitz, Reichtum und Bewahrung von Eigentum. [
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Der Name Melchior wird als „König des Lichts“ oder „mein König ist Licht“ verstanden. Ihm wird der Weihrauch zugeordnet, dessen Rauch als kultisches Opfer zum Himmel aufsteigt. Melchior steht für Verehrung, göttliche Nähe und Hilfe von oben. [
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Der Name Balthasar trägt die Bedeutung „Gott schütze den König“. Ihm wird die Myrrhe zugeordnet, die sowohl Heilung als auch Tod symbolisiert. Balthasar steht für Schutz, Bewahrung des Lebens und den Umgang mit Krankheit und Sterblichkeit. [
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Mit diesen Bedeutungszuweisungen erhalten die Namen eine klare Funktion. Sie bezeichnen nicht mehr nur Personen, sondern bündeln Erwartungen. Die Namen tragen nun Bedeutung, und diese Bedeutung kann als wirksam gedacht werden. Der Schritt von der symbolischen Zuschreibung zur erwarteten Wirkung ist damit vorbereitet. [
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Die Namen Caspar, Melchior und Balthasar sind keine biblischen Eigennamen, sondern Produkte einer vielschichtigen Rezeptionsgeschichte. Ihre Bedeutung ergibt sich nicht aus einem einheitlichen Ursprung, sondern aus der Überlagerung mehrerer sprachlicher, kultureller und symbolischer Traditionsstränge.
Der Name Caspar (auch Gaspar, Kaspar) wird meist auf altiranische oder mittelpersische Wurzeln zurückgeführt. Häufig genannt wird Ganzabara bzw. Gathaspa, mit der Bedeutung „Schatzmeister“ oder „Verwalter der Schätze“.
Diese Deutung ist religionsgeschichtlich plausibel, da sie:
Bereits früh wird Caspar daher als derjenige verstanden, der Gold darbringt, nicht zufällig, sondern entsprechend seiner Namensbedeutung. Der Name fungiert so als semantische Brücke zwischen Person und Gabe.
Der Name Melchior ist etymologisch komplexer. Häufig wird er aus westsemitischen oder hebräischen Wortbestandteilen erklärt:
Deutungen wie „König des Lichts“ oder „mein König ist Licht“ sind daher verbreitet. Diese Nähe zur hebräischen Sprachwelt ist auffällig und theologisch wirksam: Melchior erscheint als Figur, die sprachlich und symbolisch näher an Israel steht, ohne Teil der religiösen Elite Jerusalems zu sein.
In der späteren Auslegung wird Melchior häufig mit dem Weihrauch verbunden, also mit kultischer Verehrung. Auch hier stützt die Namensbedeutung die Zuschreibung: Licht, Glanz und Opferrauch bilden ein geschlossenes Symbolfeld.
Der Name Balthasar lässt sich relativ eindeutig auf akkadisch-babylonische Ursprünge zurückführen: Bel-šar-uṣur, wobei die Bestandteile des Namens bedeuten:
Die Bedeutung „Bel schütze den König“ oder „Gott schütze den König“ ist gut belegt. Der Name trägt damit eine explizite Schutzsemantik in sich. In der späteren Tradition wird Balthasar meist mit der Gabe der Myrrhe verbunden, die sowohl königliche als auch funerale und heilende Konnotationen besitzt.
Zusammengenommen bilden die drei Namen ein auffällig geschlossenes Bedeutungsfeld:
Diese Bedeutungen sind nicht zufällig, sondern ermöglichen es, die Figuren mit klaren Profilen auszustatten. Die Namen fungieren damit nicht nur als Identifikatoren, sondern als Träger theologischer und religiöser Sinngehalte.
In der späteren Zeichenpraxis werden diese Bedeutungen weiter verdichtet. Die Namen werden zu Initialen verkürzt, behalten aber ihre semantische Aufladung. Aus erzählter Bedeutung wird schrittweise eine funktionale Erwartung: Schutz, Segen, Bewahrung.
Die spätere Zeichenpraxis greift auf diese Bedeutungsfelder zurück. Mit der Fixierung der Namen ist ihre Verkürzung vorbereitet. Aus erzählten Figuren werden Initialen. Aber ihre Bedeutung wird nicht mehr erzählt, sondern als bekannt vorausgesetzt.
Die Buchstaben werden im Ritual an Schwellen und Türen geschrieben, und mit jedem Buchstaben wird die allegorische Bedeutung transportiert.
Hier beginnt die apotropäische Logik. Den Buchstaben, die als Initialen Namen repräsentieren, wird Wirksamkeit aus der Namendeutung zugeschrieben. Das Zeichen soll schützen und bewahren. Der Zuspruch des Evangeliums wird durch eine Praxis ersetzt, die Sicherheit verspricht.
Die Benennung der Magier ist kein neutraler Vorgang. Sie verändert die Funktion der Figuren. Was als erzählerische Individualisierung beginnt, führt über symbolische Ordnung zur religiösen Technik.
Problematisch ist nicht der Name selbst, sondern sein Funktionswandel.
Evangelischer Glaube entsteht aus dem Hören. Wo Namen zu Trägern einer zugeschriebenen Schutzwirkung werden, verlässt die Praxis den Boden des Evangeliums. Nicht der Name wirkt, sondern das Wort.
Die Namen der Magier zeigen exemplarisch, wie leicht erzählerische Deutung in verfügbare Wirksamkeit umschlägt. Die evangelische Aufgabe besteht darin, diese Grenze sichtbar zu halten.
Die Magier bleiben Zeugen eines Ereignisses, das ihnen widerfährt. Ihr Zeugnis kann nicht verfügbar gemacht werden, weder durch Namen noch durch Zeichen. Es bleibt an das Wort gebunden, das sie nicht besitzen.
Das nächste Modul zeigt, was geschieht, wenn Legende greifbar werden soll. Es untersucht den Reliquienkult und den Versuch, die Erzählung materiell zu sichern.
Modul 4 zeigt, wie aus Deutung Bedeutungshoheit wurde. Die Magier erschienen nicht mehr als Suchende, sondern als Funktionen eines geschlossenen Weltsystems.
Der Dreikönigsbrauch - Epiphanias zwischen Brauch und Evangelium.
Die Übersicht zeigt alle neun Module.
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Beispiel:
Reiner Makohl, Der Dreikönigsbrauch - zwischen Brauch und Evangelium, Die Namen der Magier, in: Stilkunst.de,
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