Der Dreikönigsbrauch
Zwischen Brauch und Evangelium
MODUL 9/9
Reiner Makohl | Februar 2026
Die vorangegangenen Module haben den Dreikönigsstoff aus verschiedenen Perspektiven betrachtet: exegetisch, traditionsgeschichtlich, ikonographisch, politisch und praktisch. Sie haben gezeigt, wie aus einer offenen biblischen Erzählung ein festes religiöses System wurde mit eigenen Zeichen, Orten und Handlungen.
Dieses Schlussmodul zieht kein kulturkritisches, sondern ein theologisches Fazit. Es fragt nicht nach Geschmack oder Gewohnheit, sondern nach Maßstab: Hält der Dreikönigsbrauch der reformatorischen Wortbindung stand?
Dabei geht es nicht um Frömmigkeitsbewertung, sondern um Unterscheidung: Wo dient religiöse Praxis dem Wort, und wo beginnt sie, es zu ersetzen?
Die Geschichte der Magier ist keine religiöse Vorlage, sondern eine Zumutung. Sie erzählt eine Begegnung, die sich jeder Verfügbarkeit entzieht und Macht allein durch das Wort irritiert.
Die Geschichte der Magier aus Matthäus 2 wird am Epiphaniasfest als Evangelium gelesen. Sie ist nüchtern, offen und ohne liturgische Anweisung. Doch in der religiösen Praxis steht daneben eine jahrhundertealte Legende: drei Könige, denen Namen, Lebensalter, Kontinente und Schutzfunktionen zugeordnet wurden, Reliquien und Haussegen.
Diese Spannung zwischen Text und Tradition ist nicht neu. Zu stellen ist jedoch die Frage, ob der Dreikönigsbrauch Teil evangelischer Praxis werden kann, ohne dass die theologische Begründung dafür an der reformatorischen Wortbindung zerbricht.
Genügt es, dass ein Brauch fasziniert? Dass er Tradition hat? Dass er spirituelle Erfüllung verspricht? Rechtfertigt die bloße Gegenwart eines Brauchs seine evangelische Übernahme?
Die vorangegangenen Module haben gezeigt: Der Brauch lässt sich historisch erklären, aber theologisch nicht mit dem evangelischen Bekenntnis vereinbaren. Was folgt daraus?
Matthäus 2 ist zurückhaltend und offen. Der Text nennt Magier aus dem Osten, keine Zahl, keine Namen, keine Könige und keine ritualisierte Handlung. Er beschreibt eine Begegnung und endet ohne Fortsetzung.
Die Tradition hat diese Offenheit nicht stehen gelassen. [
↗1]
Aus Magiern wurden Könige, aus drei Gaben drei Personen, aus der Erzählung ein Symbolsystem, aus dem Symbolsystem schließlich religiöse Praxis. Dieser Prozess ist historisch erklärbar: Die Tradition beseitigt irritierende Offenheit und schafft stabilisierende Sicherheit.
Doch mit jeder Stufe verändert sich die theologische Grammatik:
Aus Begegnung wird Deutung, aus Deutung Praxis, aus Praxis Verfügbarkeit.
Reformatorische Theologie unterscheidet hier grundlegend: Gottes Handeln ist an das Wort gebunden. [
↗2] Heil ereignet sich nicht durch Dinge, Orte oder Zeichen an sich, sondern durch die Verheißung, die im Hören empfangen wird. [
↗3]
Das bedeutet nicht, dass Zeichen bedeutungslos wären. Rituale, Symbole und Bräuche können veranschaulichen oder erinnern, sie können Glauben jedoch weder vermitteln noch absichern. Wo Zeichen eine eigene Wirkung beanspruchen, wo Segen zur Schutztechnik wird oder Räume religiös aufgeladen werden, tritt das Zeichen an die Stelle der Verheißung.
Diese Begrenzung ist kein Verlust, sondern ein Freiheitsprinzip: Gott bleibt Subjekt seines Handelns und entzieht sich religiöser Verfügbarkeit.
Der Dreikönigsbrauch ist ein Produkt kirchlich geprägter Volksfrömmigkeit, das sich strukturell weit von seinem biblischen Anlass entfernt hat. Die aus der Legende hervorgegangene Praxis lässt sich mit dem reformatorischen Verständnis von Wort und Zeichen nicht vereinbaren.
Besonders deutlich wird dies bei ☆C☩M☩B☩.
Wenn ein Zeichen an der Schwelle Schutzwirkung entfalten soll, wird eine Magie des Raumes behauptet, die der Theologie des Wortes widerspricht. [
↗4]
Dem Zeichen wird zugeschrieben, was reformatorisch allein dem Wort zukommt. Es handelt sich nicht um eine harmlose Tradition, sondern um die Etablierung einer sakramentalen Logik, die Segen als verfügbare Qualität missversteht. [
↗5]
Eine evangelische Prüfung kann daher nicht bei Faszination, Beliebtheit oder Gewohnheit stehen bleiben. Sie muss die Unvereinbarkeit mit der Wortbindung benennen, auch dort, wo der Brauch tief verwurzelt und identitätsstiftend geworden ist.
Die Frage lautet nicht, ob ein Brauch vertraut, beliebt oder spirituell erfüllend ist. Die Frage lautet: Dient er dem Wort – oder tritt er an seine Stelle?
Wo eine Praxis das Wort veranschaulicht, ohne es zu ersetzen, bleibt sie theologisch frei. Wo sie jedoch eigene Wirkung beansprucht oder Segen als verfügbare Größe behandelt, widerspricht sie dem Evangelium.
Genau an dieser Stelle überschreitet der Dreikönigsbrauch aus dem Verständnis reformatorischer Wortbindung heraus eine Grenze: Er illustriert nicht das Wort, er etabliert ein religiöses System, as seine Wirkung nicht mehr aus dem Wort, sondern aus Zeichen und Praxis bezieht.
Die Untersuchung hat gezeigt, wie sich aus der offenen Erzählung von Matthäus 2,1-12 schrittweise ein religiöses Gefüge entwickelte. Was als Begegnung beginnt, wird gedeutet, ergänzt, symbolisch aufgeladen und schließlich rituell verankert. Zahl, Namen, Lebensalter, Kontinente, Reliquien und Hauszeichen sind nicht dem Text entnommen, sondern seiner Wirkungsgeschichte.
Dieser Prozess ist historisch erklärbar. Doch theologisch markiert er eine Verschiebung. Die Autorität verlagert sich vom gehörten Wort zur religiösen Form. Aus der Verheißung wird ein Zeichen, aus dem Zeichen eine Praxis, aus der Praxis eine Gewissheit.
Religiöse Systeme entstehen aus dem Bedürfnis nach Eindeutigkeit und spiritueller Erfüllung. Wo der Text offen bleibt, schafft die Tradition Geschlossenheit. Wo das Wort irritiert, erzeugt die Praxis Sicherheit.
Hier liegt die Grenze reformatorischer Theologie: die Bindung an das Wort. Was diese Bindung überschreitet, verändert nicht nur die Praxis, sondern die innere Grammatik des Glaubens.
Die Untersuchung von Legende und Brauch fordert dazu auf, evangelische Freiheit nicht in der Ausweitung religiöser Mittel zu suchen, sondern in der Begrenzung dieser Mittel durch das Wort.
Das Modul betrachtet eine Auslegung von Mt 2,1-12 durch Martin Luther als Zeuge einer Wortbindung, an der sich evangelisches Denken bis heute messen lassen muss.
Der Dreikönigsbrauch - Epiphanias zwischen Brauch und Evangelium.
Die Übersicht zeigt alle neun Module.
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Beispiel:
Reiner Makohl, Der Dreikönigsbrauch - zwischen Brauch und Evangelium, Drei Könige und die Wortbindung, in: Stilkunst.de,
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