Luther und Epiphanias

Reformatorische Grenzen des Dreikönigsbrauchs

Der Dreikönigsbrauch – zwischen Brauch und Evangelium

Der Dreikönigsbrauch

 

Zwischen Brauch und Evangelium

MODUL 8/9

Evangelisch gedacht
wortgebundene Klärungen zwischen Brauch, Bibel und Gegenwart

Luther und Epiphanias

Reformatorische Grenzen des Dreikönigsbrauchs

 

Reformatorische Theologie zwischen Text und Deutung

 

Reiner Makohl | Februar 2026

 

Worum es hier geht

 

Der Dreikönigstag gehört bis heute zum religiösen Kalender vieler Regionen. Mit ihm verbinden sich biblische Erzählung, kirchliche Tradition und ein weit verbreiteter Volksbrauch. Auch in evangelischen Kontexten wird dabei häufig auf die Gestalten der sogenannten „Heiligen Drei Könige“ Bezug genommen.

Dieses Modul fragt nicht nach der historischen Entwicklung des Brauchs, sondern nach seiner evangelisch-theologischen Begründbarkeit. Maßgeblich ist dabei die Auslegung von Matthäus 2,1-12 durch Martin Luther selbst.

Luther dient hier nicht als Autorität gegen den Brauch, sondern als Zeuge einer Wortbindung, an der sich evangelisches Denken bis heute messen lassen muss.

 

 

Segen ist an das Wort gebunden, nicht an fromme Handlung.

Einleitung

 

Die Epiphaniaspredigt Martin Luthers von 1522 zeigt exemplarisch, wie reformatorische Theologie zwischen biblischem Text, volkstümlicher Deutung und kirchlicher Praxis unterscheidet. An ihr lässt sich erkennen, warum den Weisen weder Segenskompetenz noch eine normierende Rolle für evangelische Praxis zukommt.

Luther dient hier nicht als Autorität gegen den Dreikönigsbrauch, sondern als Zeuge einer konsequenten Wortbindung. An seiner Epiphaniaspredigt von 1522 lässt sich zeigen, warum den Weisen weder Segenskompetenz noch eine normierende Rolle für evangelische Praxis zukommt.

 

Religiöse Praxis und ihre theologische Deutung

1. Die Weisen sind keine Könige

Wie Luther die Begriffe klärt
 

Die volkstümliche Bezeichnung „Heilige Drei Könige“ findet bei Luther keine biblische Grundlage. Er übernimmt den Kalendertitel zwar als liturgische Gegebenheit, korrigiert jedoch sofort dessen inhaltlichen Anspruch. Die Dreizahl erklärt er aus den Gaben, nicht aus dem Text. Und die Königswürde weist er ausdrücklich zurück.

In der Weihnachtspostille bemerkt Luther:

„Diese Weissager nennt man gemeinhin die drei Könige, vielleicht nach der Zahl der drei Opfer; das lassen wir so bei den Einfältigen stehen, denn es liegt nicht viel daran.“ [→↗1]

Damit ist die Unterscheidung gesetzt. Die Bezeichnung mag im Volksmund bestehen, normativ ist sie nicht.

Entscheidend ist jedoch die Frage nach dem Wort „Weise“. Der Evangelist nennt sie magoi (μάγοι), Magier. Luther übersetzt: „Weissager“. Doch er grenzt diesen Begriff ausdrücklich gegen prophetische oder göttliche Weisheit ab:

„Die der Evangelist hier Magier nennt, heißen wir auf Deutsch Weissager, nicht wie die Propheten weissagen, sondern durch schwarze Kunst.“ [→↗2]

Diesen Punkt erläutert Luther in seiner Predigt umfassend. Es handelt sich nicht um von Gott erleuchtete Denker, sondern um Gelehrte der „natürlichen Kunst“, um Sterndeuter und Naturkundler. Luther präzisiert schließlich:

„Darum sind diese Magier oder Weissager keine Könige, sondern gelehrte und erfahrene Leute in solcher natürlichen Kunst gewesen.“ [→↗3]

Wenn man das Evangelium „eigentlich verdeutschen“ (Luther) wolle, müsse man sagen:

„Es sind gekommen die natürlichen Meister vom Aufgang oder die Naturkundigen aus reichem Arabien.“ [→↗4]

Damit ist jede politische oder geistliche Überhöhung ausgeschlossen. Die Besucher sind weder Könige noch Träger besonderer Offenbarung, sondern Vertreter heidnischer Gelehrsamkeit.

Ihre Bewegung geht nicht von eigener Weisheit aus, sondern von einem Zeichen, das sie nur unvollkommen verstehen.

Wo aus Magiern Könige werden, verschiebt sich der Akzent. Die Legende adelt die Figuren und stabilisiert die Christologie über Repräsentation von Macht. Luther hingegen liest den Text als Begegnung zwischen göttlicher Führung und menschlicher Begrenztheit. Die Bezeichnung „Könige“ gehört zur Tradition, nicht zur Schrift.

Luther erklärt, was die Weisen, Weissager und Magier sind und warum sie nicht als Könige ausgelegt werden können. Nun ist zu untersuchen, wie er ihr Handeln deutet.

 

2. Huldigung ist keine Anbetung

Wie Luther Matthäus 2 liest
 

Im Matthäusevangelium sagen die Weisen aus dem Mor­gen­land, sie sei­en ge­kom­men, um das neu­ge­bo­re­ne Kind „an­zu­be­ten“ (Luther­über­set­zung, → Mt 2,2).

Die­ser Aus­druck ist er­klä­rungs­be­dürf­tig. Luther liest ihn nicht als christ­li­che Got­tes­ver­eh­rung, son­dern als eine Form hö­fi­scher Ehr­be­zeu­gung.

Luther macht zunächst deutlich, dass es sich bei den so­ge­nann­ten Wei­sen we­der um Kö­ni­ge noch um geist­li­che Au­to­ri­tä­ten han­delt, son­dern um heid­ni­sche Stern­deu­ter. Ihre re­li­gi­ö­se Pra­xis ver­or­tet er au­ßer­halb des Evan­ge­li­ums. Ent­spre­chend be­stimmt er auch ihre Hand­lung vor dem Kind in Beth­le­hem:

„Dieses Anbeten ist hier nicht so zu verstehen, wie wir Gott anbeten, sondern als eine äußere Ehrbezeugung, wie man sie einem hohen Herrn erweist.“ [→↗5]

Das Niederfallen der Weisen ist für Luther kein Got­tes­dienst und kein Akt des Glau­bens, son­dern eine welt­li­che Hul­di­gung. Die­se Deu­tung wird durch sein Ver­ständ­nis der Ga­ben un­ter­stri­chen:

„Sie bringen ihm Gaben, wie man es gewohnt ist, große Herren zu ehren, nicht so, als wäre eine solche Handlung ein Dienst vor Gott.“ [→↗6]

Damit ist der Sach­ver­halt klar be­stimmt: Die Szene be­schreibt kei­ne christ­li­che An­be­tung im re­for­ma­to­ri­schen Sinn. Sie be­grün­det we­der Leh­re noch kirch­li­che Pra­xis, son­dern bleibt ei­ne äu­ßer­li­che Eh­rung in­ner­halb der da­ma­li­gen Welt­ord­nung.

 

3. Keine Segenskompetenz

Warum aus Huldigung kein christlicher Segen folgt
 

Aus der Bestimmung der Handlung ergibt sich: Wo kei­ne An­be­tung im re­for­ma­to­ri­schen Sinn vor­liegt, kann auch kei­ne geist­li­che Kom­pe­tenz fol­gen.

Für Luther ist Segen an Wort, Ver­hei­ßung und Sen­dung ge­bun­den, nicht an Zei­chen oder from­me Hand­lung. Nichts davon fin­det sich bei den Wei­sen.

Luther beschreibt sie aus­drück­lich als Emp­fan­gen­de. Sie kom­men, se­hen und eh­ren. Sie han­deln nicht im Auf­trag, sie ver­kün­di­gen nicht und sie ge­ben nichts wei­ter:

„Sie predigen nicht, sie lehren nicht, sie geben auch nichts weiter, sondern sie kommen allein, um zu sehen und zu ehren.“ [→↗7]

Ihr Weg endet bei Chris­tus. Er setzt sich nicht fort in ei­ner re­li­gi­ö­sen Funk­ti­on ge­gen­über an­de­ren. Luther for­mu­liert den zu­grun­de lie­gen­den Maß­stab so:

„Denn wo kein Wort ist, da ist auch kein Glaube, und wo kein Glaube ist, da gibt es keinen rechten Gottesdienst.“ [→↗8]

Damit ist jede Ab­lei­tung ei­ner Se­gens­pra­xis aus­ge­schlos­sen. Die Ga­ben der Wei­sen sind Zei­chen mensch­li­cher Eh­rung, kei­ne Trä­ger gött­li­cher Ver­hei­ßung. Sie be­wir­ken nichts, sie über­tra­gen nichts und sie be­grün­den kei­ne geist­li­che Hand­lung.

 

4. Kalendername und Volksbrauch

Kontext, nicht Norm
 

Dass Luther seine Predigt mit dem Ti­tel Evan­ge­li­um am Ta­ge der hei­li­gen drei Kö­ni­ge über­schrieb, be­deu­tet kei­ne theo­lo­gi­sche Zu­stim­mung zum Drei­kö­nigs­brauch. Er über­nahm den Ka­len­der­ti­tel, weil er vor­find­lich war, nicht weil er ihn le­gi­ti­mier­te.

Der volksfromme Drei­kö­nigs­brauch hatte im deutsch­spra­chi­gen Raum be­reits im Spät­mit­tel­al­ter er­heb­li­che ge­sell­schaft­li­che und re­li­gi­ö­se Wirk­macht. Haus­an­schrei­bun­gen (C+M+B bzw. K+M+B), Schutz­vor­stel­lun­gen (wie sie beispielsweise in Dreikönigsamuletten und Dreikönigszetteln verankert sind) und apo­tro­pä­i­sche Prak­ti­ken präg­ten den re­li­gi­ö­sen All­tag. [→↗9]
Luther be­geg­net die­sem Be­fund nicht durch Über­nah­me, son­dern durch Ent­lee­rung sei­ner re­li­gi­ö­sen Funk­tion.

Moderne evangelische Praxis geht hier häu­fig ei­nen an­de­ren Weg. Wäh­rend die rö­misch-ka­tho­li­sche Tra­di­ti­on den Brauch ein­fach chris­to­lo­gisch um­deu­tet (Chris­tus man­si­o­nem be­ne­di­cat; Chris­tus seg­ne die­ses Haus!), [→↗10] wird evan­ge­lisch viel­fach ei­ne zwei­te Be­deu­tungs­ver­schie­bung vor­ge­nom­men: Das Zei­chen sei nicht für das Haus, son­dern für die Be­wohn­er gemeint, gesegnet wird nicht der Raum, gesegnet werden die Menschen darin. Die­se Un­ter­schei­dung fin­det we­der im Wort­laut der la­tei­ni­schen Se­gens­for­mel noch in der Logik des Krei­de­zei­chens ei­ne Grund­la­ge. Sie stellt kei­ne Klä­rung dar, son­dern ei­ne wei­te­re, nicht trans­pa­ren­te Um­deu­tung.

 

Zwischenfazit

Huldigung ohne Wortbindung
 

Luthers Auslegung folgt einer klaren Linie. Die Weisen sind keine Könige, sondern Gelehrte aus einem fremden Land mit fremder Religion und Kultur. Sie huldigen Jesus, dem Kind, ohne dass ihr Handeln als messianische Erkenntnis im christlichen Sinn verstanden werden kann, und ohne ihn als Christus anzubeten. Sie handeln ohne Wort, ohne Auftrag und ohne Verheißung. Ihr Tun begründet keine religiöse Praxis über den einmaligen Vorgang hinaus. Wo keine Sendung vorliegt, kann auch kein Segen folgen. Diese Grenze ist für Luther grundlegend und nicht aufhebbar.

 

Schluss

Auslegung und Praxis sind an das Wort gebunden
 

Die reformatorische Auslegung von Matthäus 2 setzt einen Maßstab, der bis heute trägt.

Luther übernimmt weder den Dreikönigsbrauch noch verleiht er den Weisen eine geistliche Funktion. Er bindet Auslegung und Praxis strikt an das Wort. Alles, was den Weisen eine segensvermittelnde Rolle zuschreibt, verlässt diese Bindung und ersetzt Wortbindung durch die religiöse Funktionalisierung von Zeichen.

 

 

Wie es weiter gehen kann

 

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Drei Könige und die Wortbindung

Das letzte Modul zieht ein theo­lo­gi­sches Fa­zit. Es fragt nicht, ob der Drei­kö­nigs­brauch ver­ständ­lich, be­liebt oder gut ge­meint ist. Es fragt, ob er dem re­for­ma­to­ri­schen Maß­stab der Wort­bin­dung stand­hält.

 

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Was Matthäus wirklich erzählt

Das Modul kehrt zum biblischen Text zurück. Es fragt, was Mat­thä­us tat­säch­lich er­zählt, und wa­rum sei­ne Of­fen­heit spä­ter nicht aus­ge­hal­ten wur­de.

 

→ Zur Modulübersicht

Der Dreikönigsbrauch - Epiphanias zwischen Brauch und Evangelium.
Die Übersicht zeigt alle neun Module.

 

Zitationshinweis

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Beispiel:
Reiner Makohl, Der Dreikönigsbrauch - zwischen Brauch und Evangelium, Luther und Epiphanias, in: Stilkunst.de,
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SK Version 14.02.2026