Allmacht

Eine evangelische Begriffserklärung
Symbol Wissen

Begriffserklärung

Allmacht

Ein Begriff zwischen Machtzuschreibung und Verantwortungslogik

 

Gottes Macht als Beziehungsgeschehen

 

Reiner Makohl | Februar 2026

 

Allmacht ist einer der fol­gen­reichs­ten Be­grif­fe des christ­li­chen Glau­bens, und ei­ner der am we­nigs­ten be­frag­ten. Was er be­deu­tet, scheint selbst­ver­ständ­lich. Doch ge­nau die­se Selbst­ver­ständ­lich­keit ist das Pro­blem.

Dieser Text fragt, wie die bi­b­li­schen Er­zäh­lun­gen selbst von Got­tes Macht spre­chen, und was da­r­aus für das Ver­hält­nis von Ver­trau­en, Frei­heit und men­sch­li­cher Ver­ant­wor­tung folgt. Die Ant­wort über­rascht: All­macht ist im bi­b­li­schen Zeug­nis kein Herr­schafts­be­griff, son­dern ein Be­zie­hungs­be­griff.

Systematische Kurzformel

Allmacht bezeichnet im biblischen Zeugnis nicht Gottes Fähigkeit, jederzeit in den Lauf der Geschichte einzugreifen, sondern seine Macht, Freiheit zu ermöglichen, Verantwortung zu übertragen und Beziehung auszuhalten. Gottes Macht wird real, wo Menschen in seinem Sinn handeln.

1. Der geläufige Missbrauch des Begriffs

Allmacht als falsche Interventionsannahme

 

Im kirchlichen und populären Sprach­ge­brauch wird All­macht meist als un­ein­ge­schränk­te In­ter­ven­ti­ons­fä­hig­keit ver­stan­den. Gott kön­ne je­der­zeit al­les be­wir­ken, ver­hin­dern oder kor­ri­gie­ren. Leid er­scheint in die­sem Mo­dell ent­we­der als Be­weis ei­nes gött­li­chen Ver­sa­gens oder als mo­ra­li­sches Pro­blem Got­tes.

Dieses Verständnis ist weit ver­brei­tet, aber nicht bi­b­lisch be­grün­det. Es ist Er­geb­nis spä­te­rer sys­te­ma­ti­scher Zu­schrei­bun­gen, nicht des er­zäh­le­ri­schen Be­funds der bi­b­li­schen Tex­te. [→↗1]

 

2. Allmacht im biblischen Erzählen

Situativ, relational, szenisch

 

Die biblischen Texte er­zäh­len Got­tes Macht si­tu­a­tiv, re­la­ti­o­nal und sze­nisch. Gott han­delt dort all­mäch­tig, wo er han­delt – et­wa im Schöp­fungs­ge­sche­hen! –, nicht aber als per­ma­nent ge­gen­wär­ti­ger Wel­ten­len­ker, der je­de mensch­li­che Hand­lung über­wacht oder kor­ri­giert.

In zentralen Er­zäh­lun­gen greift Gott nicht ein: im Ge­spräch der Schlan­ge mit der Frau (Gen 3), beim Mord an Abel (Gen 4) sowie im Lei­den und Ster­ben Je­su. Die­se Tex­te funk­ti­o­nie­ren nur, weil Got­tes Macht nicht als per­ma­nen­te In­ter­ven­ti­ons­macht vo­r­aus­ge­setzt wird. [→↗2]

 

3. Allmacht und Delegation von Verantwortung

Macht durch Selbstbegrenzung

 

Biblische Allmacht zeigt sich ge­ra­de da­rin, dass Gott Macht ab­gibt. Er über­trägt Ver­ant­wor­tung auf den Men­schen und bin­det sich an des­sen Han­deln. Die­se De­le­ga­tion ist kei­ne Schwä­che, son­dern Aus­druck gött­li­cher Stär­ke.

Gott ver­traut dem Men­schen. Die­ses Ver­trau­en be­grün­det Frei­heit und Ver­ant­wor­tung. All­macht be­steht hier nicht im Zwang, son­dern in der Fä­hig­keit, Be­zie­hung zu er­mög­li­chen und Frei­heit aus­zu­hal­ten. [→↗3]

 

4. Allmacht und Nicht-Eingreifen

Selbstbindung statt Ohnmacht

 

Das häufige Nicht-Ein­grei­fen Got­tes ist kein Be­weis feh­len­der Macht, son­dern Fol­ge ei­ner be­wusst ein­ge­gan­ge­nen Selbst­bin­dung. Gott hebt mensch­li­che Ver­ant­wor­tung nicht auf, indem er sie im ent­schei­den­den Mo­ment kor­ri­giert.

Allmacht zeigt sich da­her nicht als Ga­ran­tie, dass Leid ver­hin­dert wird, son­dern als Zu­sa­ge, dass mensch­li­ches Han­deln ernst ge­nom­men wird, und zwar mit all sei­nen Fol­gen. [→↗4]

Leid ist dann nicht Aus­druck gött­li­cher Un­tä­tig­keit, son­dern Kon­se­quenz ei­ner Welt, de­ren Ver­lauf dem Men­schen an­ver­traut ist. All­macht wird nicht wi­der­legt, son­dern an­ders ver­stan­den: als Be­zie­hungs­macht statt als Durch­set­zungs­macht. [→↗5]

 

Exkurs:
Allmacht und Theodizee

Warum sich die Frage verschiebt

 

Die klas­si­sche Theo­di­zee setzt All­macht mit In­ter­ven­tions­fä­hig­keit gleich: Ein gu­ter und all­mäch­ti­ger Gott müss­te ein­grei­fen. Warum tut er es nicht?

Wird Allmacht jedoch als Be­zie­hungs­macht statt als Ein­griffs­macht ver­stan­den, ver­schiebt sich die Fra­ge grund­le­gend. Sie rich­tet sich nicht län­ger ge­gen Gott, son­dern an den Men­schen.

Wie diese Ver­schie­bung theo­lo­gisch zu ver­ste­hen ist und wa­rum die klas­si­sche Theo­di­zee-Fra­ge da­mit ih­ren Bo­den ver­liert, wird auf der Be­griffs­sei­te Theo­di­zee aus­führ­li­cher ent­fal­tet.

 

→ Theodizee: die Frage nach der Wirk­sam­keit gött­li­cher Macht an­ge­sichts von Leid

5. Wortbindung statt Metaphysik

Maßstab ist der Text

Stilkunst.de ar­bei­tet wort­ge­bun­den. Maß­geb­lich ist nicht, was All­macht me­ta­phy­sisch be­deu­ten könn­te, son­dern wie der bi­b­li­sche Text Got­tes Macht er­zählt.

Der Text kennt keine all­ge­gen­wär­ti­ge Steu­e­rungs­in­s­tanz, kei­nen gött­li­chen Not­fall­knopf und kei­ne nach­träg­li­che Kor­rek­tur mensch­li­cher Ge­schich­te. Er kennt aber gött­li­ches Ver­trau­en, mensch­li­che Ver­ant­wor­tung und die Zu­mu­tung der Frei­heit.

In diesem Rahmen ist All­macht kein Herr­schafts­be­griff, son­dern ein Be­zie­hungs­be­griff. [→↗6]

 

6. Evangelische Perspektive

Wortbindung statt Machtprojektion

 

Evangelisch be­trach­tet ist der All­machts­be­griff kein me­ta­phy­si­sches At­tri­but Got­tes, son­dern ei­ne sprach­li­che Ver­dich­tung des bi­b­li­schen Zeug­nis­ses von Got­tes treu­em Han­deln. Er ent­steht nicht aus spe­ku­la­ti­ver Zu­schrei­bung, son­dern aus der Aus­le­gung kon­kre­ter Ge­schich­ten, in de­nen Gott bin­det, ver­heißt, ruft und Ver­ant­wor­tung über­trägt.

Wo Allmacht als In­ter­ven­ti­ons­macht ver­stan­den wird, wird Ver­ant­wor­tung ver­scho­ben. Der Mensch rech­net mit gött­li­chem Ein­grei­fen, statt sich selbst in An­spruch neh­men zu las­sen. Das bi­b­li­sche Zeug­nis geht ei­nen an­de­ren Weg. Es er­zählt von ei­nem Gott, der Macht ge­ra­de da­durch er­weist, dass er den Men­schen ernst nimmt und sich selbst an sein Wort bin­det.

Evangelischer Glaube be­kennt Got­tes All­macht nicht, um ihn ge­gen die Wirk­lich­keit zu ver­tei­di­gen. Er be­kennt sie, weil Got­tes Wort trägt, auch dort, wo kei­ne In­ter­ven­tion er­folgt. Maß­stab ist nicht, ob gött­li­che Macht sich durch­setzt. Maß­geb­lich ist, wie Gott sich im bi­b­li­schen Zeug­nis an sein Wort bin­det. Wo die­se Bin­dung ernst ge­nom­men wird, ver­liert der Ge­dan­ke ei­ner all­ge­gen­wär­ti­gen In­ter­ven­ti­ons­macht sei­ne Plau­si­bi­li­tät, oh­ne dass Got­tes Macht re­la­ti­viert wür­de.

 

 

Verbindung zu anderen Begriffen

  • → Theodizee: die Frage nach der Wirksamkeit göttlicher Macht angesichts von Leid
  • → Verantwortung: die delegierte, nicht rückdeligierbare und rücknehmbare Bindung
  • → Wortbindung: der Maßstab reformatorischer Theologie
 

Zitationshinweis

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Beispiel:
Reiner Makohl, Theologische Begriffe: Allmacht., in: Stilkunst.de,
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SK Version 25.02.2026