Theodizee

Eine evangelische Begriffserklärung
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Begriffserklärung

Theodizee

Ein Begriff zwischen Rechtfertigungslogik und Verantwortungsfrage

 

Warum die klassische Fragestellung das biblische Zeugnis verfehlt

 

Reiner Makohl | Februar 2026

 

Theo­di­zee bezeichnet den Ver­such, Gott an­ge­sichts des Leids zu recht­fer­ti­gen. Die bi­b­li­schen Tex­te ge­hen ei­nen an­de­ren Weg: Sie recht­fer­ti­gen nicht Gott, son­dern bin­den den Men­schen in Ver­ant­wor­tung.

Systematische Kurzformel

Die klassische Theo­di­zeefrage ist kein ungelöstes Problem des Glaubens, sondern eine falsche Fragestellung, weil sie Verantwortung von Menschen auf Gott verschiebt.

1. Begriff und Problemstellung

Was mit „Theo­di­zee“ gemeint ist

 

Der Begriff Theo­di­zee (alt­grie­chisch: θεόςtheós, Gott; δίκη ,díkē, Ge­rech­tig­keit) be­zeich­net den Ver­such, Gott an­ge­sichts von Leid, Ge­walt und Un­recht zu recht­fer­ti­gen. Klas­sisch lau­tet die Fra­ge:

Wenn Gott all­mäch­tig und gut ist – wa­rum lässt er Leid zu?

Diese Fragestellung ist tief in der christ­li­chen Tra­di­tion ver­an­kert und prägt bis heu­te Pre­digt, Seel­sor­ge und öf­fent­li­che Re­li­gi­ons­kri­tik. Sie wirkt plau­si­bel, weil sie mo­ra­li­sche Em­pö­rung ernst nimmt. Zu­gleich setzt sie je­doch ein Got­tes­bild vo­r­aus, das im bi­b­li­schen Zeug­nis nicht selbst­ver­ständ­lich vo­r­aus­ge­setzt wird.

 

2. Das vorausgesetzte Gottesbild

Der implizite Interventionsgott

 

Die klassische Theo­di­zee geht im­pli­zit von ei­nem Gott aus,

  • der jederzeit allwissend ist,
  • der überall gegenwärtig ist,
  • der jederzeit ein­grei­fen könn­te,
  • und der den Ver­lauf der Ge­schich­te kon­trol­liert oder kon­trol­lie­ren müss­te. [→↗1]

Leid erscheint in diesem Mo­dell als er­klä­rungs­be­dürf­ti­ge Ab­wei­chung. Got­tes Nicht-Ein­grei­fen wird zum Pro­blem, das auf­ge­löst wer­den soll.

Ein solches Got­tes­bild ist je­doch kein text­li­cher Be­fund, son­dern ei­ne sys­te­ma­ti­sche Vor­an­nah­me.

 

3. Der biblische Zugang

Verantwortung statt Rechtfertigung

 

Die biblischen Texte be­geg­nen dem Leid nicht mit ei­ner Recht­fer­ti­gung Got­tes, son­dern mit der Über­tra­gung von Ver­ant­wor­tung auf den Men­schen. Seit der Pa­ra­dies­er­zäh­lung ist Ver­ant­wor­tung nicht mehr ab­wälz­bar. Gott de­le­giert sie – nicht als Stra­fe, son­dern als Aus­druck von Ver­trau­en. [→↗2]

Leid wird in der Bibel nicht er­klärt, re­la­ti­viert oder nach­träg­lich sinn­voll ge­macht. Es wird be­nannt, be­klagt und Gott ent­ge­gen­ge­hal­ten. Zu­gleich wird der Mensch in die Ver­ant­wor­tung ge­ru­fen, Leid nicht zu­zu­fü­gen und, wo im­mer mög­lich, zu be­gren­zen.

In diesem Horizont wird deutlich:

Die klassische Theo­di­zee­fra­ge ver­schiebt Ver­ant­wor­tung vom Men­schen auf Gott. Sie fragt nach gött­li­chem Ein­grei­fen dort, wo die bi­b­li­schen Tex­te mensch­li­ches Han­deln oder Un­ter­las­sen the­ma­ti­sie­ren.

 

4. Theo­di­zee als Verschiebung

Wie Verantwortung religiös verlagert wird

 

Die Frage „Warum greift Gott nicht ein?“ setzt voraus, dass Gott ein­grei­fen müss­te, könn­te oder soll­te. Die bi­b­li­schen Er­zäh­lun­gen le­gen ein sol­ches Ver­ständ­nis je­doch nicht zu­grun­de.

Sie erzählen Gott nicht als stän­di­gen Kor­rek­tiv der Ge­schich­te, son­dern als Ge­gen­über, das Ver­ant­wor­tung über­trägt und den Men­schen ernst nimmt, und zwar auch dort, wo die­ser schei­tert.

Theo­di­zee wird so zu ei­ner re­li­gi­ö­sen Ent­las­tungs­stra­te­gie:

Sie ent­las­tet den Men­schen von Ver­ant­wor­tung, in­dem sie sie auf ein gött­li­ches Ge­gen­über pro­ji­ziert. [→↗3]

 

Exkurs:
Theo­di­zee und Glaubensmodell

Warum die Frage nur „von innen“ gestellt werden kann

 

Die klas­si­sche Theo­di­zee­fra­ge wird häu­fig so ge­stellt, als kön­ne über Got­tes Ei­gen­schaf­ten un­ab­hän­gig von sei­ner Exis­tenz ent­schie­den wer­den. Tat­säch­lich wird das Leid der Welt da­bei zum Prüf­stein der Fra­ge, ob Gott über­haupt exis­tie­ren kön­ne.
[→↗4]

Damit verlässt die Theo­di­zee fak­tisch den Bo­den des Glau­bens. Denn All­macht, Gü­te oder Wirk­sam­keit kön­nen nur dort dis­ku­tiert wer­den, wo Gott als exis­tent vo­r­aus­ge­setzt wird. Wird die­se Vo­r­aus­set­zung auf­ge­ho­ben oder in der Schwe­be ge­hal­ten, wird der Begriff „Gott“ in­halts­leer.

Der Begriff „Gott“ ist hier kein aus­tausch­ba­rer Platz­hal­ter, son­dern ein durch die bib­li­sche Über­lie­fe­rung be­stimm­ter Be­griff. Er be­zieht sich nicht auf ir­gend­ei­ne Form von Gött­lich­keit, son­dern kon­kret auf den Gott des Glau­bens. Wer­den die die­sem Got­tes­be­griff kon­sti­tu­ti­ven Ei­gen­schaf­ten sus­pen­diert, ent­steht kein al­ter­na­ti­ver Got­tes­be­griff. Ein sol­cher kann es au­ßer­halb des Glau­bens­sys­tems nicht ge­ben.

Außerhalb des Glau­bens­sys­tems bleibt kein an­de­rer Gott zu­rück, son­dern ein Va­ku­um in Be­zug auf Gött­lich­keit.
[→↗5]

Theo­di­zee kann des­halb nur von in­nen dis­ku­tiert wer­den. Wer sie stellt, be­fin­det sich be­reits im Mo­dell des Glau­bens. In­ner­halb die­ses Mo­dells ent­schei­det nicht phi­lo­so­phi­sche Spe­ku­la­ti­on, son­dern der bi­b­li­sche Text.

 

5. Wortbindung als Kriterium

Textbefund statt metaphysischer Zuschreibung

 

Stilkunst.de ar­bei­tet wort­ge­bun­den. Maß­stab theo­lo­gi­schen Den­kens ist der Text­be­fund. Ent­schei­dend ist nicht, was Gott me­ta­phy­sisch sein müss­te, son­dern wie Gott im bi­b­li­schen Zeug­nis be­geg­net. [→↗6]

Dieses Zeugnis kennt:

  • keinen permanenten Über­wa­cher,
  • keinen allgegenwärtigen In­ter­ven­ti­ons­gott,
  • keine nachträgliche Sinn­stif­tung des Leids.

Es kennt aber:

  • die Delegation von Ver­ant­wor­tung,
  • das Mit-Leiden Gottes,
  • und die Zumutung mensch­li­chen Han­delns.

In diesem Rahmen ver­liert die klas­si­sche Theo­di­zee­fra­ge ihre Plau­si­bi­li­tät.

 

6. Evangelische Perspektive

Wortbindung statt Rechtfertigungslogik

 

Evangelisch be­trach­tet ist die klas­si­sche Theo­di­zee­fra­ge kei­ne of­fe­ne Denk­auf­ga­be, son­dern ein Symp­tom ver­fehl­ter Fra­ge­stel­lung. Sie ent­steht dort, wo Gott zum In­ter­ven­ti­ons­ak­teur der Ge­schich­te ge­macht wird und mensch­li­che Ver­ant­wor­tung an ihn zu­rück­de­le­giert wird.

Das bi­b­li­sche Zeug­nis geht ei­nen an­de­ren Weg. Es bin­det Gott nicht an die Pflicht, Leid nach­träg­lich zu er­klä­ren oder pro­ak­tiv zu ver­hin­dern. Es bin­det den Men­schen an Ver­ant­wor­tung, die über­tra­gen und nicht wi­der­ruf­bar ist. Leid wird nicht re­li­gi­ös ent­schärft, son­dern theo­lo­gisch ernst ge­nom­men, in­dem es be­nannt, be­klagt und dem Han­deln des Men­schen aus­ge­setzt wird.

Evangelischer Glaube recht­fer­tigt nicht Gott vor der Welt. Er lässt sich von Got­tes Wort in An­spruch neh­men. Maß­stab ist nicht me­ta­phy­si­sche Ko­hä­renz, son­dern Wort­bin­dung. Wo die­se Bin­dung ernst ge­nom­men wird, ver­liert die klas­si­sche Theo­di­zee­fra­ge ih­re Plau­si­bi­li­tät, und zwar nicht, weil Leid ge­ring ge­schätzt wür­de, son­dern weil Ver­ant­wor­tung nicht ver­scho­ben wer­den darf.

 

 

Verbindung zu anderen Begriffen

  • → Allmacht: Beziehungsmacht statt Interventionsmacht
  • → Verantwortung: delegierte, nicht rückdeligierbare und rücknehmbare Bindung
  • → Wortbindung: Maßstab reformatorischer Theologie
 

Zitationshinweis

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Beispiel:
Reiner Makohl, Theologische Begriffe: Theodizee., in: Stilkunst.de,
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SK Version 25.02.2026