
Reiner Makohl | Februar 2026
Theodizee bezeichnet den Versuch, Gott angesichts des Leids zu rechtfertigen. Die biblischen Texte gehen einen anderen Weg: Sie rechtfertigen nicht Gott, sondern binden den Menschen in Verantwortung.
Systematische Kurzformel
Die klassische Theodizeefrage ist kein ungelöstes Problem des Glaubens, sondern eine falsche Fragestellung, weil sie Verantwortung von Menschen auf Gott verschiebt.
Der Begriff Theodizee (altgriechisch: θεός, theós, Gott; δίκη ,díkē, Gerechtigkeit) bezeichnet den Versuch, Gott angesichts von Leid, Gewalt und Unrecht zu rechtfertigen. Klassisch lautet die Frage:
Wenn Gott allmächtig und gut ist – warum lässt er Leid zu?
Diese Fragestellung ist tief in der christlichen Tradition verankert und prägt bis heute Predigt, Seelsorge und öffentliche Religionskritik. Sie wirkt plausibel, weil sie moralische Empörung ernst nimmt. Zugleich setzt sie jedoch ein Gottesbild voraus, das im biblischen Zeugnis nicht selbstverständlich vorausgesetzt wird.
Die klassische Theodizee geht implizit von einem Gott aus,
Leid erscheint in diesem Modell als erklärungsbedürftige Abweichung. Gottes Nicht-Eingreifen wird zum Problem, das aufgelöst werden soll.
Ein solches Gottesbild ist jedoch kein textlicher Befund, sondern eine systematische Vorannahme.
Die biblischen Texte begegnen dem Leid nicht mit einer Rechtfertigung Gottes, sondern mit der Übertragung von Verantwortung auf den Menschen. Seit der Paradieserzählung ist Verantwortung nicht mehr abwälzbar. Gott delegiert sie – nicht als Strafe, sondern als Ausdruck von Vertrauen. [
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Leid wird in der Bibel nicht erklärt, relativiert oder nachträglich sinnvoll gemacht. Es wird benannt, beklagt und Gott entgegengehalten. Zugleich wird der Mensch in die Verantwortung gerufen, Leid nicht zuzufügen und, wo immer möglich, zu begrenzen.
In diesem Horizont wird deutlich:
Die klassische Theodizeefrage verschiebt Verantwortung vom Menschen auf Gott. Sie fragt nach göttlichem Eingreifen dort, wo die biblischen Texte menschliches Handeln oder Unterlassen thematisieren.
Die Frage „Warum greift Gott nicht ein?“ setzt voraus, dass Gott eingreifen müsste, könnte oder sollte. Die biblischen Erzählungen legen ein solches Verständnis jedoch nicht zugrunde.
Sie erzählen Gott nicht als ständigen Korrektiv der Geschichte, sondern als Gegenüber, das Verantwortung überträgt und den Menschen ernst nimmt, und zwar auch dort, wo dieser scheitert.
Theodizee wird so zu einer religiösen Entlastungsstrategie:
Sie entlastet den Menschen von Verantwortung, indem sie sie auf ein göttliches Gegenüber projiziert. [
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Warum die Frage nur „von innen“ gestellt werden kann
Die klassische Theodizeefrage wird häufig so gestellt, als könne über Gottes Eigenschaften unabhängig von seiner Existenz entschieden werden. Tatsächlich wird das Leid der Welt dabei zum Prüfstein der Frage, ob Gott überhaupt existieren könne.
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Damit verlässt die Theodizee faktisch den Boden des Glaubens. Denn Allmacht, Güte oder Wirksamkeit können nur dort diskutiert werden, wo Gott als existent vorausgesetzt wird. Wird diese Voraussetzung aufgehoben oder in der Schwebe gehalten, wird der Begriff „Gott“ inhaltsleer.
Der Begriff „Gott“ ist hier kein austauschbarer Platzhalter, sondern ein durch die biblische Überlieferung bestimmter Begriff. Er bezieht sich nicht auf irgendeine Form von Göttlichkeit, sondern konkret auf den Gott des Glaubens. Werden die diesem Gottesbegriff konstitutiven Eigenschaften suspendiert, entsteht kein alternativer Gottesbegriff. Ein solcher kann es außerhalb des Glaubenssystems nicht geben.
Außerhalb des Glaubenssystems bleibt kein anderer Gott zurück, sondern ein Vakuum in Bezug auf Göttlichkeit.
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Theodizee kann deshalb nur von innen diskutiert werden. Wer sie stellt, befindet sich bereits im Modell des Glaubens. Innerhalb dieses Modells entscheidet nicht philosophische Spekulation, sondern der biblische Text.
Stilkunst.de arbeitet wortgebunden. Maßstab theologischen Denkens ist der Textbefund. Entscheidend ist nicht, was Gott metaphysisch sein müsste, sondern wie Gott im biblischen Zeugnis begegnet. [
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Dieses Zeugnis kennt:
Es kennt aber:
In diesem Rahmen verliert die klassische Theodizeefrage ihre Plausibilität.
Evangelisch betrachtet ist die klassische Theodizeefrage keine offene Denkaufgabe, sondern ein Symptom verfehlter Fragestellung. Sie entsteht dort, wo Gott zum Interventionsakteur der Geschichte gemacht wird und menschliche Verantwortung an ihn zurückdelegiert wird.
Das biblische Zeugnis geht einen anderen Weg. Es bindet Gott nicht an die Pflicht, Leid nachträglich zu erklären oder proaktiv zu verhindern. Es bindet den Menschen an Verantwortung, die übertragen und nicht widerrufbar ist. Leid wird nicht religiös entschärft, sondern theologisch ernst genommen, indem es benannt, beklagt und dem Handeln des Menschen ausgesetzt wird.
Evangelischer Glaube rechtfertigt nicht Gott vor der Welt. Er lässt sich von Gottes Wort in Anspruch nehmen. Maßstab ist nicht metaphysische Kohärenz, sondern Wortbindung. Wo diese Bindung ernst genommen wird, verliert die klassische Theodizeefrage ihre Plausibilität, und zwar nicht, weil Leid gering geschätzt würde, sondern weil Verantwortung nicht verschoben werden darf.
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Beispiel:
Reiner Makohl, Theologische Begriffe: Theodizee., in: Stilkunst.de,
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