
Reiner Makohl | Februar 2026
Resemantisierung bezeichnet den Vorgang, bei dem einem bestehenden Zeichen, Brauch oder einer religiösen Praxis eine neue theologische Deutung zugeschrieben wird, während Form, Vollzug und funktionale Logik weitgehend erhalten bleiben. Der Sinn wird verändert, nicht jedoch die operative Logik des Vollzugs.
Systematische Kurzformel
Resemantisierung ändert die Deutung, nicht die Funktion.
Religiöse Praxis verschwindet selten abrupt. Viel häufiger wird sie umgedeutet. Zeichen, die ursprünglich schützend, abwehrend oder funktional verstanden wurden, erhalten nachträglich eine neue religiöse Begründung. Die äußere Handlung bleibt dieselbe, doch ihr Sinn soll sich geändert haben.
Diesen Vorgang bezeichnet die Theologie als Resemantisierung. Er ist weder ungewöhnlich noch per se illegitim. Problematisch wird er dort, wo behaupteter Sinn und faktischer Vollzug auseinanderfallen und die Praxis weiterhin das leistet, was sie zuvor funktional bewirken sollte. [
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Resemantisierung meint keine bloße Neuformulierung, sondern eine nachträgliche Bedeutungszuschreibung. Ein Zeichen oder Brauch wird nicht neu eingeführt, sondern theologisch neu interpretiert.
Charakteristisch sind drei Merkmale:
Resemantisierung ist damit kein Neuanfang, sondern eine Umdeutung bei gleichbleibendem Vollzug. [
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Resemantisierung darf nicht mit Relecture verwechselt werden.
Diese Unterscheidung ist für die evangelische Bewertung religiöser Bräuche zentral.
Im Dreikönigsbrauch wird Resemantisierung besonders deutlich am Zeichen „C + M + B“.
Historisch fungierte die Buchstabenfolge als apotropäisches Schutzzeichen, getragen von der Namensmacht heiliger Gestalten. Später wurde dieselbe Zeichenfolge als (lateinisch:) Christus mansionem benedicat (dt.: Christus segne dieses Haus) gedeutet. Inzwischen wird zunehmend von der Bedeutung des Haussegens (Ziel der Segnung ist das Gebäude bzw. sind die Räume) auf eine Bedeutung als Segen für die Bewohner verwiesen, da das Segnen von Gegenständen oder Räumen insbesondere nicht der evangelischen Lehre folgt.
Theologisch entscheidend ist:
Die Resemantisierung betrifft somit nicht den Vollzug, sondern seine Begründung.
Aus
evangelisch-reformatorischer Perspektive ist Resemantisierung kein neutraler Vorgang. Sie verlangt Prüfung. Das zentrale Kriterium lautet: Wortbindung. [
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Wo ein Zeichen unabhängig vom gehörten Wort eine Wirkung entfalten soll, tritt das Zeichen an die Stelle der Verheißung. Damit wird das Zeichen funktionalisiert, auch dann, wenn es christologisch gedeutet wird. [
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Reformatorisch problematisch ist Resemantisierung dort, wo
Resemantisierung erklärt, warum viele religiöse Praktiken christlich erscheinen, ohne aus dem Evangelium heraus entstanden zu sein.
Der Begriff ermöglicht die Unterscheidung
So ist beispielsweise für die Analyse des Dreikönigsbrauchs Resemantisierung unverzichtbar, weil sie sichtbar macht, dass nicht der Sinn allein, sondern der Vollzug theologisch entscheidend ist. [
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