Der Dreikönigsbrauch
Zwischen Brauch und Evangelium
MODUL 7/9

Reiner Makohl
Erstveröffentlichung: 10. Februar 2026
Letztes Update: 25. September 2026
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Grafik: Der Dreikönigsbrauch: Die Geschichte der Weisen aus dem Morgenland
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siehe unten.
Am 6. Januar ist Epiphanias, Tag der Erscheinung des Herrn. An diesem Tag ist in den Kirchen die Erzählung Matthäus 2,1-12 Evangeliumstext. Dieser Text dient der Lesung im Gottesdienst und kann Grundlage einer Predigt sein.
Der 6. Januar ist aus vorreformatorischer Zeit und aus modernen katholischen Bräuchen heraus auch als Dreikönigstag bekannt. Die Grundlage für diese Bezeichnung ist die Legende der Heiligen Drei Könige, die ihren Ursprung in der Geschichte der Weisen aus dem Morgenland im Matthäusevangelium hat.
Doch wie passen Evangelium und Legende zusammen? Wie wurde die Erzählung der Weisen aus dem Morgenland durch die Legende und Brauchtum überformt? Was davon findet sich wirklich bei Matthäus?
Dieses Modul fragt nicht danach, wie der Dreikönigsbrauch entstanden ist oder wie er religiös genutzt wird. Wer Matthäus liest, begegnet keinen religiösen Festschreibungen, sondern einer offenen, wenig konkretisierten Erzählung, die irritiert, die politisch aufgeladen ist und die sich jeder gedanklichen Verlängerung entzieht. An ihrer Darstellung in Tradition und Verkündigung entscheidet sich, ob das Evangelium gehört wird oder zur Legitimation der Legende in religiöser Praxis dient.
Der ferne Gott nähert sich im Hören auf das Wort. Wo Rituale, Zeichen oder Legenden diese Nähe verfügbar machen wollen, suggerieren sie Sicherheit ohne Wirksamkeit.
Matthäus erzählt die Geschichte der Magier auffallend zurückhaltend. Er nennt keine Namen, keine Zahl, keine Herkunft im engeren Sinn – und vor allem keine Fortsetzung. [
↗1] Nichts an dieser Erzählung lädt dazu ein, aus ihr einen Brauch, ein Ritual oder eine religiöse Praxis abzuleiten.
Diese Zurückhaltung ist Ausdruck einer Theologie, die Gottes Nähe erklärt. Der Besuch der Weisen ist eingebettet in eine offene Erzählung, die Fragen aufwirft. Spätere Deutungen suchen Antworten, um den Text im Kontext religiösen Glaubens verstehbar zu machen. Dabei verändern sie die Sicht auf die Geschichte, wie Matthäus wirklich erzählt.
Die Magier sind keine frommen Könige, sondern religiöse Fremde. [
↗2] Matthäus macht ausgerechnet sie zu Zeugen der Geburt Jesu. Damit widerspricht er allen Erwartungen. Nicht die religiösen Autoritäten Jerusalems erkennen, was geschieht, sondern Menschen von außen.
Diese Setzung ist provokant. Sie irritiert religiöse Selbstgewissheit und verschiebt die Frage nach Wahrheit weg von Zuständigkeit und Nähe. Der Text beginnt nicht mit Bestätigung, sondern mit Verunsicherung.
Die Frage nach dem „König der Juden“ ist bei Matthäus keine fromme Suchbewegung. Sie zielt auf Macht, Herrschaft und Ordnung und wirkt gerade deshalb beunruhigend. [
↗3]
Herodes reagiert nicht religiös, sondern politisch. Die Geburt Jesu wird als Bedrohung wahrgenommen.
Doch auch die Magier denken politisch. Sie suchen einen Thronnachfolger, keinen messianischen Erlöser im theologischen Sinn Israels. Ihre Frage gilt königlicher Herrschaft, wie sie im Horizont antiker Königstheologie verstanden wird. Matthäus erzählt daher keine entpolitisierte Heilsgeschichte, sondern eine Kollision konkurrierender Machtansprüche. [
↗4]
Spätere Auslegung entschärft diese Brisanz. Bereits Tertullian deutet im 3. Jahrhundert die Magier als Könige. Origenes fixiert ebenfalls im 3. Jahrhundert die Dreizahl symbolisch. Beda Venerabilis liest die Geschichte im 8. Jahrhundert ausdrücklich im Stil mittelalterlicher Auslegung als mystice (mystisch), also heilsgeschichtlich und allegorisch, nicht als politisches Ereignis. [
↗5]
Diese Spiritualisierung ist keine harmlose Auslegung. Sie neutralisiert eine theologisch zentrale Dimension des Textes, indem sie die politische Brisanz der Erzählung in Allegorie auflöst und damit die Irritation des Evangeliums entschärft.
Die Huldigung der Magier ist kein Gottesdienst. Sie folgt keinem religiösen Ritual. Es handelt sich um eine politische Geste: die Anerkennung eines Herrschers. [
↗6]
Erst spätere Auslegung liest daraus eine kultische Anbetung.
Matthäus selbst erzählt keine Liturgie. Er begründet keinen Kult. Wer hier religiöse Praxis erkennt, liest bereits mit späteren Vorstellungen zurück in den Text.
Die Magier ziehen auf einem anderen Weg heim und verschwinden aus dem erzählerischen Horizont. [
↗7]
Über ihren Verbleib erfährt man nichts. Sie hinterlassen keine Spur, keine Erinnerung und keinen Ansatzpunkt für eine fortsetzbare Geschichte.
Gerade dieser Abbruch ist kein erzählerischer Mangel. Er ist theologisch entscheidend. Der Text verweigert jede religiöse Verlängerung. Es gibt kein Danach, das verwaltet, erinnert oder tradiert werden soll.
Die bei Matthäus bewusst gewahrte Anonymität der Magier wird außerbiblisch durch Legenden gefüllt. Namen werden vergeben, Bedeutungen festgelegt, Rituale entwickelt. Aus einer offenen Erzählung wird eine geschlossene religiöse Form. [
↗8]
Der Text wird nicht mehr gehört, sondern als Freigabe für Praxis genutzt.
Was ursprünglich irritierte, wird vertraut gemacht. Was begrenzt war, wird ausgedehnt. Was der Text bewusst offenhielt, wird gefüllt. Der Text verliert seine innere Spannung und mit ihr seine kritische Kraft.
Entmythologisierung richtet sich nicht gegen das Evangelium, sondern gegen seine Überformung. [
↗9]
Sie nimmt die Grenze des Textes ernst. Wo biblische Erzählungen zur Legitimation religiöser Mittel genutzt werden, verlieren sie ihre Freiheit.
Evangelische Auslegung fragt daher nicht, was sich aus dem Text machen lässt, sondern was er verweigert. Gerade diese Verweigerung schützt das Evangelium davor, zur religiösen Technik zu werden.
Matthäus erzählt kein Modell religiöser Praxis. Er erzählt ein Ereignis, das offen bleibt, irritiert und sich jeder Verfügung entzieht. Gerade diese Offenheit gehört zur theologischen Aussage des Textes.
Wo diese Offenheit durch Legendenbildung, Allegorisierung oder ritualisierte Praxis geschlossen wird, verliert der Text nicht nur seine kritische Kraft, sondern auch seine Freiheit für die Hörenden. Deutungen verengen den Raum, in dem das Evangelium Menschen existenziell ansprechen kann.
Je stärker offene Fragen ausgestaltet und festgeschrieben werden, desto größer wird die Gefahr, dass der Text nicht mehr gehört, sondern nur noch bestätigt wird. Entmythologisierung zielt daher nicht auf den Text, sondern auf seine Überformungen. Sie schützt die Freiheit des Evangeliums, indem sie die Offenheit der Erzählung wieder freilegt.
Gottes Nähe wird nicht erzeugt, nicht gesichert und nicht verwaltet. Sie ereignet sich im Glauben als gelebte Beziehung zum Wort. Wo Rituale, Zeichen oder Legenden diese Nähe verfügbar machen sollen, ersetzen sie den Zuspruch des Wortes durch religiöse Absicherung. [
↗10]
Evangelische Freiheit bewährt sich nicht in der Vervielfältigung religiöser Formen, sondern in ihrer theologischen Begrenzung. Wo diese Grenze gewahrt bleibt, bleibt das Wort frei. Und nur ein freies Wort kann irritieren, widersprechen und neu ausrichten. [
↗11]
Wie hatte Martin Luther Matthäus 2,1-12 ausgelegt? Er bestimmt eine Wortbindung, an der sich evangelisches Denken bis heute messen lassen muss.
Die Epiphaniaspredigt Martin Luthers von 1522 zeigt exemplarisch, wie reformatorische Theologie zwischen biblischem Text, volkstümlicher Deutung und kirchlicher Praxis unterscheidet. An ihr lässt sich erkennen, warum den Weisen weder Segenskompetenz noch eine normierende Rolle für evangelische Praxis zukommt.
Woher stammen die Gebeine der „Heiligen Drei Könige“? Eine theologische Analyse von Reliquienverehrung, Dreikönigsschrein und der Logik religiöser Verfügbarkeit.
Im Kölner Dom, hinter dem Hochaltar, steht der Dreikönigsschrein. In ihm liegen Gebeine, die der kirchlichen Tradition zufolge den Heiligen Drei Königen gehören. Der Schrein ist keine Legende, er ist da. Die Reliquien sind da. Die Pilgernden sind da. Doch die biblische Erzählung kennt weder drei Könige noch ihre Namen, weder ihr Sterben noch ihre Gräber. Matthäus lässt die Magier auf einem anderen Weg heimziehen und hinter dem Horizont des Evangeliums verschwinden. Wie kommt es dann, dass man ihre Knochen besitzt, verehrt und in Gold fasst?
Eine evangelisch-reformatorische Analyse des Dreikönigsbrauchs: der Text von Matthäus 2 in der Wirkungsgeschichte und in der religiösen Praxis.
Die kleine Studie „Der Dreikönigsbrauch“ untersucht in neun Modulen die theologischen Grundlagen und Bedeutungen dieses Brauchtums. Maßstab sind dabei weder die kirchliche Überlieferung mit ihren Auslegungen und Deutungen noch regional verankerte Traditionen, sondern die evangelisch-reformatorische Wortbindung. Gefragt wird, worauf der Dreikönigsbrauch theologisch gründet und ob er als Teil evangelischer religiöser Praxis zu rechtfertigen ist.
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Grafik: Der Dreikönigsbrauch: Die Geschichte der Weisen aus dem Morgenland
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