Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä
Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr
MODUL 4/9
Reiner Makohl | Februar 2026
Der Sonntag Quinquagesimä bildet den Abschluss der Vorpassionszeit. Sein Name gehört zur Reihe der lateinischen Zahlbezeichnungen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä. In der liturgischen Praxis wird er jedoch meist unter einem anderen Namen wahrgenommen: Estomihi.
Diese Doppelbezeichnung führt dazu, dass die ursprüngliche Bedeutung des Namens leicht aus dem Blick gerät. Während „Quinquagesimä“ eine Zahl nennt – den fünfzigsten Tag –, verweist „Estomihi“ auf den Introitus des Sonntags.
Dieses Modul fragt daher zweierlei: Wie ist die Zahl fünfzig im Kalender zu verstehen? Und weshalb tritt in der liturgischen Praxis der Psalmversname Estomihi an die Stelle der Zahlbezeichnung?
Die Untersuchung zeigt, dass auch Quinquagesimä keine symbolische Zahl bezeichnet. Der Name gehört zu einer präzisen kalendarischen Zählstruktur, die auf Ostern ausgerichtet ist.
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Grafik: Der Sonntagsname Quinquagesimä
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siehe unten.
Quinquagesima beginnt am Sonntag, an dem man Esto mihi in deum protectorem („Sei mir ein schützender Gott“,
Ps 31,3) singt, und endet an Ostern.
Jacobus de Voragine
Der Sonntag Quinquagesimä (lat.: quinquagesima: der Fünfzigste) ist – sofern im Kalender vorhanden! – der Sonntag vor der Passionszeit. → 1: Die Vorpassionszeit
Der Name bedeutet: der fünfzigste [Tag]. Der Sonntag liegt 49 Tage vor Ostern und zeigt tatsächlich auf Ostersonntag, dem fünfzigsten Tag ab Quinquagesimä. → 2: Inklusivzählung
In der evangelischen Tradition wird der Name Quinquagesimä seit der Liturgiereform von 1977/1978 kaum noch verwendet. Der Sonntag heißt nun „Sonntag vor der Passionszeit - Estomihi“. Der Name Estomihi stammt aus der vorreformatorischen und altkrichlichen Zeit, gewählt nach dem Introitus, der an diesem Sonntag gesungen wurde: Esto mihi in deum protectorem, quare obdormis („Sei mir ein schützender Fels“;
Ps 31,3).
Damit unterscheidet er sich von den beiden vorausgehenden Sonntagen Septuagesimä und Sexagesimä. Während dort die Zahlbezeichnung im Vordergrund steht, begegnet hier im gottesdienstlichen Gebrauch häufig der Psalmversname.
Der Grund liegt in der liturgischen Funktion dieses Sonntags. Quinquagesimä steht unmittelbar vor dem Beginn der Passionszeit. In vielen kirchlichen Traditionen markierte dieser Sonntag daher eine Schwelle zwischen der festlichen Epiphaniaszeit und der kommenden Bußzeit.
Gerade diese Übergangsfunktion hat dazu geführt, dass der Sonntag stärker inhaltlich als rechnerisch interpretiert wurde. Seine Bedeutung wurde mit Bußvorbereitung, Fastenbeginn oder moralischen Themen verbunden.
Der Name Quinquagesimä verweist jedoch auf eine einfache kalendarische Aussage: den fünfzigsten Tag. Doch ab wo und wie wurde gezählt?
Auch Quinquagesima wurde mit einer zusätzlichen Fastenwoche im Kalender begründet.
So war klar, dass die Fastenzeit (Quadragesima) ab dem Sonntag Quadragesimä nur 36 Tage umfassen konnte, weshalb vier Tage vor dem Sonntag Quadragesimä zur Fastenzeit gerechnet wurden. Die Fastenzeit begann am Aschermittwoch. → 3: Das Fastenrechenmodell bei Jacobus de Voragine
Anders als das Volk fasteten die Kleriker auch an den beiden Tagen vor Aschermittwoch. So wurde schließlich eine ganze Woche daraus, die man Quinquagesima nannte. Das sei so bereits von Papst Telesphorus (Bischof von Rom um 125 bis um 136) angeordnet worden. → 4: Telesphorus-Tradition bei Ps.-Ambrosius
Bemerkenswert ist, dass in dieser Erklärung die eine Woche vor Quadragesimä, nicht der Sonntag, Quinquagesima genannt wurde.
Der Name Quinquagesima lässt sich aus diesen sechs Fastentagen vor dem Sonntag Quadragesimä nicht erklären. Zwar sind es ab dem Sonntag Quinquagesimä 50 Kalendertage bis Ostern, doch sind es inklusive der zusätzlichen zwei Fastentage für die Kleriker nur 42 Fastentage. Auch ohne die Verlängerung der Fastenzeit wären es 50, also Quinquagesima, Kalendertage.
Es ist keine Verbindung zwischen dem Namen des Sonntags und der Fastenzeit erkennbar.
Die Zahl fünfzig im Namen Quinquagesimä ist das Ergebnis einer präzisen Zählung nach der inklusiven Zählweise, nicht mehr und nicht weniger. → 2: Inklusivzählung
Dass dieser Befund im Laufe der Kirchengeschichte theologisch aufgeladen wurde, zeigt die Auslegung des Jacobus de Voragine (13. Jh.) beispielhaft. Er nimmt die im Kalender vorgefundene Zahl und schlägt eine Brücke zum alttestamentlichen Jubeljahr (
3Mos 25,8-19): Das fünfzigste Jahr war ein Jahr des Erlasses und der Freiheit, also sei der fünfzigste Tag vor Ostern der Beginn einer Zeit der Buße. Die Zahl wird zur Begründung eines Programms.
Jacobus de Voragine bleibt dabei nicht bei der Analogie stehen. Er entfaltet eine spirituelle Konsequenz: Durch die Buße werden „die Schulden der Sünden vergeben“, alle „aus der Knechtschaft der Dämonen befreit“ und zur „Inbesitznahme der himmlischen Wohnungen“ zurückgeführt. → 5: Das Jubeljahr
Die drei Elemente des Jubeljahrs – Schuldenerlass, Sklavenbefreiung, Landrestitution – werden so zu Bildern einer Erlösung, die der Mensch durch eigene Leistung erwirbt.
Damit ist die Grenze bezeichnet, an der eine kalendarische Orientierungshilfe zum rituellen Instrument wird. Das Jubeljahr erklärt nicht den Namen Quinquagesimä, es deutet ihn um. Die Struktur stand vor der Deutung.
Nach Jacobus de Voragine ist die Zahl 50 mehrfach von Bedeutung: „Im fünfzigsten Jahr wurden Sklaven frei, am fünfzigsten Tag nach dem Tag des geschlachteten Lammes wurde das Gesetz gegeben, am fünfzigsten Tag nach Ostern wurde der Heilige Geist verliehen. Darum versinnbildlicht diese Zahl die Seligkeit, worin Erlangung der Freiheit, Erkenntnis der Wahrheit und Vollendung der Liebe enthalten sind.“ → 6: Jacobus de Voragine zur Versinnbildlichung der Zahl 50
Jacobus de Voragine benennt drei Ereignisse, die alle mit der Zahl fünfzig verbunden sind: Im fünfzigsten Jahr wurden Sklaven frei. Am fünfzigsten Tag nach dem Opferlamm wurde das Gesetz gegeben. Am fünfzigsten Tag nach Ostern wurde der Heilige Geist verliehen.
Diese drei Aussagen sind nicht beliebig gereiht. Sie folgen einer typologischen Logik, die im mittelalterlichen Denken selbstverständlich war, heute aber erläutert werden muss.
Das jüdische Fest Schawuot (hebr. שָׁבוּעוֹת, „Wochen“) wird fünfzig Tage nach dem Passahfest begangen, daher sein griechischer Name Pentekoste (πεντηκοστή, „der fünfzigste [Tag]“).
Das Fest erinnert an den Gesetzeserlass am Sinai: Fünfzig Tage nach dem Auszug aus Ägypten, der durch das Blut des Passahlamms ermöglicht wurde, empfing Israel die Tora. Die Grundlage dafür findet sich in der Passahordnung (
2Mos 12,1–14), der Ankunft am Sinai im dritten Monat (
2Mos 19,1) sowie der Zählung der fünfzig Tage bis Schawuot (
3Mos 23,15-22).
Das Passahlamm und der Sinai-Bund gehören also zusammen. Sie sind durch den Abstand von fünfzig Tagen kalendarisch verklammert.
Die frühchristliche Theologie las diesen Zusammenhang als Vorauszeichnung: Christus ist das wahre Passahlamm (
1Kor 5,7). Sein Tod und seine Auferstehung an Ostern entsprechen dem Auszug aus Ägypten.
Fünfzig Tage nach Ostern, an Pfingsten, wird nicht das steinerne Gesetz, sondern der Heilige Geist gegeben (
Apg 2,1–4).
Was am Sinai als äußeres Gebot kam, kommt nun als innere Erneuerung: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz schreiben“ (
Jer 31,33), ein Wort, das der Hebräerbrief ausdrücklich auf den neuen Bund in Christus bezieht (
Hebr 8,10).
Die fünfzig Tage sind in dieser Lesart kein kalendarischer Zufall, sondern heilsgeschichtliches Programm. Passah und Schawuot, Ostern und Pfingsten, beide Paare sind durch denselben Abstand verbunden, weil das Neue Testament die Struktur des Alten erfüllt, nicht ersetzt.
Jacobus fügt dem eine dritte Entsprechung hinzu: das Jubeljahr, das fünfzigste Jahr (
3Mos 25,8–13.54-55). Auch dort steht am Anfang ein Befreiungsakt und am Ende die Rückkehr in den ursprünglichen Besitz.
Die Zahl fünfzig trägt damit bei Jacobus drei Schichten: Befreiung (Jubeljahr), Offenbarung (Sinai/Pfingsten) und Vollendung (Seligkeit). Er fasst sie zusammen als „adeptio libertatis, cognitio veritatis et perfectio caritatis“, also „Erlangung der Freiheit, Erkenntnis der Wahrheit, Vollendung der Liebe“.
Diese typologische Auslegung ist theologisch bedeutsam und in sich stimmig. Sie erklärt jedoch nicht den Namen Quinquagesimä.
Die Zahl fünfzig war im Kalender bereits gesetzt, und zwar durch die computatio romana, die römische Art der Kalenderberechnungen, nicht durch Heilsgeschichte. Jacobus deutet eine vorgefundene Struktur; er beschreibt nicht ihre Entstehung.
Nach dem sorgenvollen Schrei »Circumdederunt me« („Es umringten mich“,
Psalm 18,5) vom Sonntag Septuagesimä, und dem Hilferuf »Exsurge, quare obdormis, Domine« („Wach auf! Warum schläfst du, Herr?“,
Psalm 44,24) vom Sonntag Sexagesimä folgt nun als Introitus zu diesem Sonntag konsequenterweise die Bitte »Esto mihi in deum protectorem« („Sei mir ein schützender Gott“,
Psalm 31,3). → 7: Introitus am Sonntag Quinquagesimä
Die wohl bedeutsamste Erklärung liefert Jacobus de Voragine am Ende seines Kapitels über Quinquagesima: „Quinquagesima endet [...] an Ostern, weil die Buße uns zu einem neuen Leben auferstehen lässt.“ → 8: Jacobus de Voragine zum Abschluss der Quinquagesima
Die Untersuchung der historischen Deutungsversuche zeigt ein durchgehendes Muster: Sowohl die Legenden um eine verlängerte Fastenzeit (Papst Telesphorus) als auch die allegorischen Bezüge auf das biblische Erlassjahr setzen die Zahl Fünfzig bereits voraus. Diese Erklärungen begründen nicht den Namen, sondern versuchen, eine vorgefundene kalendarische Struktur nachträglich mit Sinn zu füllen.
Das Rätsel der Zahl fünfzig löst sich erst durch den Wechsel der Blickrichtung. Quinquagesimä ist keine Beschreibung einer Fastendauer, sondern eine exakte Positionsangabe.
In der Architektur des Kirchenjahres fungiert das Osterfest als der zentrale Fixpunkt, von dem aus die Zeit berechnet wird. Während die Namen der Vorfastenzeit (70, 60, 50) das Ergebnis einer Rückwärtszählung vom Ostertermin aus sind, markiert Quinquagesimä den Moment, in dem diese Zählung punktgenau am Ostersonntag landet.
Damit tritt die funktionale Logik des Fastens hinter die ordnende Logik des Kalenders zurück. Quinquagesimä bezeichnet kein Bußprogramm, sondern dokumentiert die mathematische Verzahnung der Vorpassionszeit mit dem Osterfest. An Quinquagesimä beginnt die Zeit des Wartens auf die Auferstehung Jesu.
In der heutigen evangelischen Praxis ist die historische Vorfastenzeit einer inhaltlich definierten Vorpassionszeit gewichen. Seit der Revision der Perikopenordnung (2018) endet die Epiphaniaszeit am 2. Februar (Tag der Darstellung Jesu im Tempel [Lichtmess]). Damit wird die Weihnachtszeit bis zum vierzigsten Tag nach Weihnachten gedacht und der Übergang zur Vorpassionszeit kalendarisch fixiert.
Nach dem 2. Februar folgt abhängig vom Ostertermin eine variable Pufferzone von bis zu fünf Sonntagen, die als Sonntage vor der Passionszeit bezeichnet werden. Quinquagesimä (Estomihi) ist in dieser Abfolge der letzte dieser Sonntage.
Die offizielle Leseordnung führt den Namen Quinquagesimä an dieser Stelle nicht mehr; der Sonntag erscheint schlicht als Sonntag vor der Passionszeit – Estomihi. Damit tritt die ursprüngliche Zahlbezeichnung in der liturgischen Wahrnehmung zurück.
Der historische Name Quinquagesimä verweist jedoch auf den fünfzigsten Tag vor Ostern. Die -gesima-Sonntage markieren damit ursprünglich keine thematischen Passionssonntage, sondern kalendarische Orientierungspunkte innerhalb einer auf die Osterzeit ausgerichteten Zeitstruktur.
Die Verschiebung zeigt sich besonders deutlich im Vergleich der älteren und der aktuellen Leseordnung.
| Text | Altkirchlich | Eisenacher | Aktuell |
|---|---|---|---|
| Psalm | |||
| Evangelium | |||
| Epistel | |||
| Altes Testament | - | ||
| 2. Ev. | - | - | |
| 2. Ep. | - | - | |
| Reihe I | - | - | |
| Reihe II | - | - | |
| Reihe III | - | - | |
Anmerkungen:
Die altkirchlichen Perikopen entstammen den Liturgien der vorreformatorischen Zeit und wurden in die evangelischen Predigtordnungen übernommen.
Ab 1899 galt dann in den evangelischen Landeskirchen überwiegend die neue Ordnung, die auf der Eisenacher Konferenz festgelegt wurde.
Die Ordnung, in der sechs Predigtreihen festgelegt wurden (für sechs Gottesdienstjahre), wurde erstmals 1956 offiziell in den lutherischen Landeskirchen gültig. Die uniierten Kirchen nahmen sie ab dem Kirchenjahr 1977/1978 auf, die neueste Revision gilt seit dem Kirchenjahr 2018/2019.
In der aktuellen Perikopenordnung zeigen sich mehrere inhaltliche Verschiebungen. → 9: Perikope / Perikopenordnung / Leseordnung
Der Wochenpsalm wird nicht mehr vollständig gelesen, sondern auf einzelne Verse reduziert (
Ps 31,2–6.8–9.16–17). Die Klagepassagen des Psalms treten dabei weitgehend zurück; stärker hervorgehoben wird das Vertrauen des Beters, insbesondere der Vers „In deine Hände befehle ich meinen Geist“ (
Ps 31,6), der in der Passionserzählung als Sterbewort Jesu aufgenommen wird (
Lk 23,46).
Die frühere Evangeliumslesung von der Heilung des blinden Bartimäus (
Lk 18,31–43) ist in der neuen Ordnung durch
Mk 8,31–38 ersetzt worden. Der Text bleibt jedoch als Predigtperikope in Reihe Ⅱ erhalten. → 10: Die Evangeliumsperikope am Sonntag Quinquagesimä
Auch die alttestamentliche Lesung hat sich verändert. Die ältere Ordnung las
Jer 8,4-9, eine prophetische Kritik falscher religiöser Gewissheit. In der neuen Ordnung tritt an diese Stelle
Amos 5,21-24, wo ein Kult, der nicht von Recht und Gerechtigkeit getragen ist, ausdrücklich verworfen wird.
Unter den Predigttexten der neuen Ordnung erscheint zusätzlich in Reihe Ⅲ
Jes 58,1-9a, ein weiterer prophetischer Text, der die übliche Fastenpraxis grundsätzlich infrage stellt und Fasten stattdessen als konkrete Taten der Gerechtigkeit und der Mitmenschlichkeit beschreibt.
Insgesamt rücken die Texte der neuen Ordnung stärker Themen der Buße, des Fastens und der Kreuzesnachfolge in den Vordergrund. Die frühere Kombination verband den Sonntag dagegen stärker mit einem Zeichen der Befreiung und der österlichen Hoffnung und richtete ihn damit deutlicher auf das kommende Osterereignis aus.
Zusätzlich kann die Wahrnehmung des Sonntags durch seine kalendarische Lage regional durch Karneval überlagert sein. Da er vor Rosenmontag liegt, steht er unmittelbar vor den Höhepunkten der Karnevalszeit. In Regionen mit ausgeprägter Fastnachts- oder Karnevalstradition wird dieser Zusammenhang mitunter auch in Predigten oder kirchlichen Veranstaltungen aufgegriffen.
Der Einführungstext zu diesem Sonntag im Perikopenbuch nach der Ordnung Gottesdienstlicher Texte und Lieder erwähnt in diesem Zusammenhang den Paulustext
1Kor 4,10 („Wir sind Narren um Christi willen; ihr aber seid klug in Christus“), jedoch ausdrücklich nur als möglichen Gegenakzent, und regt an zu prüfen, ob das Thema im Gottesdienst überhaupt angemessen aufgegriffen werden kann.
Predigten, die das närrische Treiben aufnehmen, verbinden es dennoch nicht selten mit moralischen Appellen zur kommenden Fastenzeit. Dadurch kann der Eindruck entstehen, der Sonntag selbst begründe oder verweise auf eine evangelische Fastenpraxis.
Aus dieser Wahrnehmung ergibt sich leicht die Vorstellung einer direkten Verbindung zwischen diesem Sonntag und der vorösterlichen Fastenzeit der römischen Tradition. Da der darauffolgende Sonntag Quadragesimä („der Vierzigste“) innerhalb der vorösterlichen Bußzeit liegt, wird sein Name häufig als Bezeichnung der vierzigtägigen Fastenzeit (Quadragesima) gedeutet.
Dabei wird übergangen, dass Quadragesimä („der vierzigste [Tag]“) nicht dasselbe ist wie Quadragesima („die vierzig [Tage]“). Um diese Gleichsetzung plausibel erscheinen zu lassen, werden nachträglich Fastenregeln oder rechnerische Anpassungen herangezogen, für die sich jedoch keine zeitgenössischen Belege zur Entstehung des Sonntagsnamens nachweisen lassen.
Dennoch werden von dieser Deutung aus häufig auch die vorausgehenden Sonntagsnamen Quinquagesimä, Sexagesimä und Septuagesimä mit angeblichen alten Fastenregeln erklärt.
Der Wechsel der Evangeliumsperikope ist keine bloß technische Revision. Er verändert den theologischen Charakter dieses Sonntags spürbar.
Die frühere Kombination –
Lk 18,31–43 als Evangelium und
Ps 31 als Wochenpsalm – stellte dem angekündigten Leiden eine Gegenbewegung gegenüber. Die Leidensankündigung Jesu wird in der Bartimäus-Geschichte unmittelbar von einer Heilung beantwortet. Der Blinde ruft, weil er Rettung erwartet, und er bekommt sie. Der Psalm klagt offen, weil Klage im Vertrauen auf Gott ihren Ort hat. Der Sonntag endet im Lob Gottes. Die Blickrichtung weist auf Ostern.
Die neue Kombination –
Mk 8,31–38 als Evangelium und
Ps 31 in Auswahlversen – verschiebt diesen Akzent. Mk 8,34 lautet: „Wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich.“ Das Kreuz erscheint hier nicht mehr als das, was überwunden wird, sondern als das, was in der Nachfolge getragen werden soll. Die Heilungsgeschichte entfällt. Das Lob am Ende der Erzählung entfällt. Im Zentrum steht der Ruf zur Standhaftigkeit im Leiden.
Der verkürzte Psalm verstärkt diese Verschiebung. Von der inneren Bewegung des Psalms – Klage, Bitte und Vertrauen – bleibt vor allem der Vertrauenssatz bestehen. Hervorgehoben wird insbesondere Vers 6: „In deine Hände befehle ich meinen Geist“, das Sterbewort Jesu am Kreuz (
Lk 23,46). → 11: Ps 31,6 als Sterbewort Jesu
Was im Psalm ursprünglich am Ende eines langen Weges der Klage steht, erhält so eine leitende Stellung für den ganzen Sonntag.
Das ist theologisch nicht falsch, aber es erscheint einseitig. Die reformatorische Botschaft richtet sich gegen eine Frömmigkeit, die dem Menschen sein Leiden als religiöse Aufgabe auferlegt. „Nehme sein Kreuz auf sich“ bedeutet bei Luther nicht: Akzeptiere dein Schicksal als göttliche Pädagogik. Es meint: Stehe zu dem, was dir um des Evangeliums willen auferlegt wird. Das Kreuz kommt, es wird nicht gesucht und nicht verklärt. → 12: Luther zum Kreuzestragen
Wo der Sonntag jedoch primär mit Leidensankündigung, Kreuzesnachfolge und dem Sterbewort Jesu besetzt wird, droht diese Unterscheidung zu verschwimmen. Aus dem letzten Sonntag vor der Passionszeit, der kalendarisch ein Orientierungspunkt innerhalb der auf Ostern ausgerichteten Zeitstruktur ist, wird dann leicht ein thematischer Auftakt zur Fastenzeit. Die Architektur des Kirchenjahres, die ursprünglich auf Ostern hin orientiert ist, wird so zunehmend von Karfreitag her gelesen.

Der Name Quinquagesimä ist eine Ordnungszahl (Ordinalzahl) und bedeutet „der Fünfzigste“. Diese Zahl erschließt sich nicht durch eine vorwärtsgewandte Zeitrechnung, sondern durch die spezifische Konstruktionslogik der Osterzeit.
Da der Ostertermin für jedes Kirchenjahr neu berechnet werden muss, fungiert er als das gravitative Zentrum des Kirchenjahres. Von diesem festgestellten Datum aus entfaltet die Liturgie ihre Zeitstruktur in zwei Richtungen. Für die Benennung der Vorfastensonntage ist dabei eine konsequente Rückschau maßgeblich:
Diese vom Ziel definierte Struktur findet sich bereits bei Jacobus de Voragine bestätigt. Dass diese Zeitspanne bereits im Mittelalter als definierte Einheit verstanden wurde, zeigt er zu Beginn seiner Auslegung des Sonntags Quinquagesima → 13: Zur kalendarischen Bestimmung der Quinquagesima:
Quinquagesima beginnt am Sonntag, an dem man Esto mihi in deum protectorem („Sei mir ein schützender Gott“, Ps 31,3) singt, und endet an Ostern.
Jacobus de Voragine beschreibt hier keine Symbolik, sondern eine kalendarische Bestimmung. Die Zahl wird als fest umrissene Zeitspanne verstanden. Die Struktur steht vor der Deutung.
Quinquagesima beginnt am Sonntag „Esto mihi in deum protectorem“ und endet Ostertag. Mehr sagt der Name nicht, aber genau das sagt er.
Quadragesimä bezeichnet den 40. Tag einer Zeitspanne bis Gründonnerstag. Das Modul zeigt, wie die kalendarische Logik durch Fastenpraxis verdeckt wurde.
Der Sonntag Quadragesimä (Invokavit) eröffnet die Passionszeit und wird meist mit der vierzigtägigen Fastenzeit verbunden. Sein Name bezeichnet jedoch eine präzise Rückwärtszählung bis zum Gründonnerstag. Das Modul rekonstruiert diese Zählweise und zeigt, wie sie durch spätere Deutungen überlagert wurde.
Der Sonntag Sexagesimä ist Teil der Vorpassionszeit. Sein Name bezeichnet eine genaue Zählung bis zum Mittwoch der Osterwoche.
Der Sonntag Sexagesimä steht innerhalb der Vorpassionszeit und gilt oft als Glied einer symbolischen Zahlenfolge. Sein Name bezeichnet jedoch eine eigenständige Rückwärtszählung mit einem spezifischen Zielpunkt in der Osterwoche. Das Modul klärt die zugrunde liegende Zählordnung und grenzt sie von vereinfachenden Interpretationen ab.
Im evangelischen Kirchenkalender tauchen nach der Epiphaniaszeit Sonntage auf, deren Namen kaum noch verständlich sind. Die Studie fragt nach Erklärungen und Sinn.
Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr.
Die Übersicht zeigt alle Module.
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Abbildung: Der Sonntagsname Quinquagesimä
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Reiner Makohl, Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Der Sonntag Quinquagesimä (Estomihi), in: Stilkunst.de,
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