Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä
Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr
MODUL 8/8
Reiner Makohl | Februar 2026
Die Sonntage der vorösterlichen Zeit tragen Namen, die kaum noch jemand kennt: Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä, Quadragesimä. Wo sie noch gebraucht werden, klingen sie alt, nach Latein, nach Liturgie, nach einer fernen kirchlichen Welt. Quinquagesimä heißt im evangelischen Gottesdienst heute nur noch Estomihi oder Sonntag vor der Passionszeit, Quadragesimä heißt Invokavit oder 1. Sonntag der Passionszeit. Die älteren Namen sind weitgehend verschwunden.
Namen haben Bedeutung. Sind mit den Namen die Bedeutungen der Sonntage und der Sinn der Zeitspannen, die sie einleiten, verloren gegangen? Sind die Namen noch immer mehr als ein gedrucktes Wort im Kirchenkalender? Und was können diese Sonntage aus dem Ursprung ihrer Namen heraus für eine zeitgemäße evangelische Lebenspraxis bedeuten?
Die Antworten liegen näher am Evangelium, als die Begriffe Fasten, Buße und Passion vermuten lassen.
📖Lesezeit ohne Fußnoten: ca. 18 Minuten, mit Studium der Fußnoten ca. 33 Minuten.
Geringe Kenntnisse über die Struktur des evangelischen Kirchenjahres erleichtern das Verständnis.

Grafik: Die Sonntagsnamen und ihre Bedeutung für die christliche Lebenspraxis
Bildnachweis:
siehe unten.
Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä bezeichnen Zeiten freudiger Erwartung, die vom Zuspruch des Evangeliums getragen werden und zur Praxis des Glaubens hinführen.
Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä verweisen auf ineinandergeschachtelte Zeiträume. Von jedem Sonntag aus führen die verstreichenden Tage zu einem bestimmten Tag, an dem Heilshandeln Gottes verkündigt wird.

Grafik: Die Sonntagsnamen und die verschachtelten Zeitspannen im Kalender
Bildnachweis:
siehe unten.
Die Grafik zeigt die vier ineinander verschachtelten Zeitspannen, die den Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä zugrunde liegen.
Der Sonntag Quadragesimä liegt sechs Wochen vor Ostern. Der Name bedeutet „der vierzigste [Tag]“, gezählt vom Gründonnerstag bis zu diesem Sonntag. → 1: Inklusivzählung
Der Gründonnerstag hatte bereits im Mittelalter besondere Bedeutung. Aufgrund von schweren Sünden Exkommunizierten wurde die Wiederaufnahme in die Gemeinschaft zuteil; Sünder erhielten die Lossprechung, und alle Christen kamen in Gemeinschaft am Tisch des Herrn zusammen. → 2: Der Gründonnerstag als Hoffnungsträger
Der Sonntag Quinquagesimä liegt sieben Wochen vor Ostern. Sein Name bedeutet „der fünfzigste [Tag]“, gezählt vom Ostersonntag bis Quinquagesimä. Traditionell wurden in der Osternacht die Katechumenen, erwachsene Menschen, die sich auf die Taufe vorbereitet hatten, getauft. Sie erhielten weiße Gewänder, die sie als Neophyten, als neugetaufte Erwachsene, in den Gottesdiensten der Osterwoche zu tragen hatten.
Die Feier der Osternacht war geprägt vom Staunen und der Freude über die Gnade des Geheimnisses der Erlösung, des Ostermysteriums. → 3: Ostern und das Geheimnis der Erlösung
Der Sonntag Sexagesimä liegt acht Wochen vor Ostern. Sein Name bedeutet „der sechzigste [Tag]“, gezählt vom Mittwoch nach Ostern bis zu diesem Sonntag. Die Mitte der Osterwoche war bestimmt vom Sieg der Freude über die Begegnung mit dem Auferstandenen über jede Trauer. → 4: Das Evangelium des Ostermittwochs: Sehen, Anrede und Sendung
Der Sonntag Septuagesimä liegt neun Wochen vor Ostern. Sein Name bedeutet „der siebzigste [Tag]“, gezählt vom Samstag nach Ostern. Am Ende der Osterwoche wird der Beginn des neuen Lebens zentral: Das alte Leben ist vergangen, der Beginn neuen Lebens wird liturgisch betont.
Im Mittelalter war dies der Tag, an dem die Neugetauften ihre weißen Gewänder ablegten und ihr neues christliches Leben in der alltäglichen Gemeinschaft der Christen begannen. → 5: Der Samstag der abzulegenden weißen Gewänder
Die vorösterliche Zeit ist damit eine Zeit der freudigen Erwartung dessen, was Gott gibt.
Das hat Konsequenzen für die Praxis. Evangelische Frömmigkeit in der vorösterlichen Zeit entsteht aus dem Hören des Evangeliums. Aus diesem Hören wachsen Vertrauen, Handeln und Verantwortung.
Dabei kommen auch die Namen selbst noch einmal in den Blick. Estomihi und Invokavit, die heute geläufigeren Bezeichnungen für Quinquagesimä und Quadragesimä, sowie deren einfache Sonntagszählungen als „Sonntag vor der Passionszeit“ und „1. Sonntag der Passionszeit“ zeigen, dass der Prozess der Benennung dieser Sonntage nicht abgeschlossen ist. → 6: Die Sonntage der Vorpassionszeit und der Passionszeit
Zu bedenken ist: Wie ein Sonntag heißt, bestimmt mit, was von ihm erwartet wird.
Der im evangelischen Raum wieder aufkommende Brauch, die Bezeichnung Fastenzeit für die Passionszeit zu proklamieren, könnte zur Folge haben, dass sich auch wieder Bezeichnungen wie „Vorfastenzeit“ oder „1. Sonntag in der Fastenzeit“ einschleichen. Bezeichnungen, die mit der Revision der Leseordnung von 1978 überwunden schienen. → 7: Wiederbelebung der Fastenzeit im evangelischen Kontext
Wer Fastenzeit ruft, meint Askese und Fasten. Gemeint ist dann nicht Passion, gemeint ist schon gar nicht freudige Erwartung.
Die doppelte Bezeichnung „Passionszeit – Fastenzeit“, wie sie die EKD auf ihrer Webseite führt, ist als Versuch zu verstehen, das Fasten in die evangelische Praxis neu zu integrieren. Das zeigen auch Formulierungen, die ausdrücklich für das Fasten werben. → 8: EKD: Passionszeit – Fastenzeit
Christen würden zwar „frei von dem Gedanken, Gott etwas schuldig zu sein“ fasten, doch „um sich bewusst für Gott zu öffnen“, zwar „nicht um sich dadurch zu bestrafen, sondern um ‚Platz für Gott‛ zu schaffen.“ [Zitate aus den genannten Webseiten der EKD]
Aber verändert eine einfache Resemantisierung den Vollzug? Unterscheidet sich moderner Verzicht vom Verzicht im Mittelalter? Ist die Erwartung an die tatsächliche Wirkung heute eine andere?
Die Vorstellung, durch Fasten „offener für Gott“ zu werden, ist keine neue Einsicht. Sie entspricht der klassischen Begründung des Fastens in der asketischen Tradition. Sie unterschreitet dabei sogar den Maßstab, den bereits Augustinus († 430) anmahnte, dass ein Fasten ohne Barmherzigkeit (lat.: misericordia) ganz im Sinne von
Jes 58,1–12 inhaltsleer bleibt. → 9: Die klassische asketische Begründung
Wo Fasten als geistliche Praxis empfohlen wird, entsteht daraus notwendig eine Erwartungshaltung. Der Mensch soll an sich arbeiten, um „empfänglicher“ zu werden. Auch dort, wo die Freiwilligkeit betont wird, entfaltet diese Praxis durch prominente Empfehlung, klerikales Vorbild und mediale Präsenz eine faktische Normativität.
Leitende Geistliche tragen dazu bei, wenn sie in der Passionszeit die Fastenzeit bewerben und dabei positive Wirkungen des Fastens für den Menschen in seiner Beziehung zu Gott betonen. Auch Beiträge zur Fastenpraxis im Web, in meinungsbildenden Foren und in den sozialen Medien fördern die Logik eines Angebots zur spirituellen Selbstoptimierung.
Das virale Bewerben des Fastens erzeugt eine informelle Verpflichtung, der sich der Einzelne kaum entziehen kann, ohne seine spirituelle Integrität infrage zu stellen. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt vom Zuspruch Gottes auf die (selbstoptimierende) Disposition des Menschen.
Wo Fasten als Weg der „Öffnung für Gott“ verstanden und beworben wird, gerät diese Praxis in Spannung zur reformatorischen Einsicht, dass Gottes Nähe nicht vorbereitet wird, sondern zugesprochen ist. → 10: Reformatorische Kritik: Gottes Nähe als Zuspruch
Fasten bleibt auch in moderner Deutung eine Praxis der Selbstveränderung. Es begründet keine neue theologische Einsicht, sondern führt die Logik der asketischen Tradition fort.
Allerdings: Um Gott zu hören, braucht es kein leeres Magenknurren – auch nicht im übertragenen Sinn von beliebigem Verzicht! –, sondern nur sein Wort.
Die vorösterliche Zeit erhält ihre Gestalt aus dem, worauf sie zuläuft: die Verkündigung der frohen Botschaft als zugesprochene Teilhabe.
So hatte einst für die, die vom Tisch ausgeschlossen waren, diese Erwartung einen klaren Inhalt. Sie lebten darauf hin, wieder teilnehmen zu dürfen. Vergebung bedeutete Zugang. Gemeinschaft bedeutete, wieder am Mahl teilzuhaben und gesellschaftlich akzeptiert zu sein. Das Ziel war konkret erfahrbar.
Diese Struktur bleibt erhalten, auch wenn ihre äußere Form sich verändert hat. Erwartung richtet sich auf Teilhabe. Sie fragt danach, was es heißt, am Tisch des Herrn zu stehen, den Zuspruch zu empfangen und darin zu leben.
Die Zeit ist auf das Hören der Verkündigung hin ausgerichtet, die diesen Zugang eröffnet. Der Glaube entsteht im Hören und richtet sich auf das, was darin zugesprochen wird.
Diese Erwartung führt nicht in eine Phase religiöser Vorleistungen. Sie führt in eine Klärung: Was bedeutet es, teilzuhaben? Was heißt es, von diesem Zuspruch her zu leben?
Damit gewinnt die Zeit ihre Richtung, die von Erwartungen gefüllt ist. Gefeiert werden schließlich die Gemeinschaft miteinander und mit Christus, die Gegenwart des Reichs Gottes und das Geheimnis der Erlösung in der Auferstehung, die Begegnung mit Christus im Alltag und der Beginn eines neuen Lebens in der Begleitung Gottes.
Die Freude darüber prägt die Zeit vor Ostern. Die christlichen Botschaften verkünden Freude, Liebe und Hoffnung, ausgerichtet auf ein Leben in Gemeinschaft. Da ist kein Platz für hängende Köpfe voller Trauer, asketische Sühneleistung oder spirituelle Selbstoptimierung.
Am Gründonnerstag wird sichtbar, worin die Gemeinschaft mit Gott besteht. Sie wird nicht hergestellt, sondern vollzogen. Im Abendmahl erinnert Christus an seine Zusage. Er stiftet Gemeinschaft unter denen, die empfangen und sein Wort hören.
Jesus spricht zweimal die Erinnerungsaufforderung „Das tut zu meinem Gedächtnis“ (
1Kor 11,24.25). Er bindet die Gläubigen an seine Zusagen „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (
Mt 18,20) und „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (
Mt 28,20c).
Die Gegenwart Christi ist keine gottesdienstliche Ausnahmesituation. Sie ist weder an den Tisch des Herrn noch an den Kirchraum gebunden. Sie erschöpft sich nicht in Predigt, Gebet oder Gesang. Sie ereignet sich im Leben derer, die sich durch sein Wort treffen lassen und danach handeln.
Christus ist gegenwärtig, wo beispielsweise ein Mensch einem anderen vergibt, obwohl er allen Grund hätte, festzuhalten; wo jemand sich dem Leid eines anderen zuwendet, statt daran vorbeizugehen; wo Gemeinschaft entsteht, die nicht auf Leistung oder Übereinstimmung beruht.
Dort wird sichtbar, was die Gegenwart Christi bewirkt und was sie einfordert.
Diese Gegenwart zwingt nicht. Sie stellt in Anspruch. Sie ruft zu verantwortlichem Handeln, das dem Zuspruch entspricht. Sie kann überhört, zurückgewiesen oder ins Gegenteil verkehrt werden – mit Folgen, die dem Evangelium widersprechen und Gläubige gefährden können.
Die Gemeinschaft mit Christus erwartet Antworten. Wo sie ausbleiben, bleibt der Vollzug womöglich äußerlich. Teilnahme allein ersetzt die Antwort nicht.
Die Gemeinschaft mit Christus drängt darum in die Gemeinschaft mit anderen. Wer sich in dieser Gemeinschaft weiß, sich als Teil dieser Gemeinschaft versteht, kann die Trennung zwischen Gottesdienst und Alltag nicht aufrechterhalten. Das Abendmahl ist Erinnerung und Auftrag zugleich: Teilhabe am Reich Gottes, das nicht am Ausgang der Kirche endet und im gelebten Alltag ihre wahre Gestalt annimmt.
Ab dem Sonntag Quadragesimä, Invokavit, dem ersten Sonntag der Passionszeit, geht der gläubige Mensch Tag für Tag in freudiger Erwartung auf die Teilhabe an der Gemeinschaft mit Christus zu und auf den Zuspruch, in dieser Gemeinschaft angenommen zu sein.
Am Ostertag und besonders in der Osternacht geht es um „das Geheimnis der Erlösung“, begründet in der Auferstehung Jesu von den Toten. Auch in evangelischen Gemeinden ist nun öfter der ursprünglich orthodoxe Wechselruf zu vernehmen, „Christus ist auferstanden!“ – „Er ist wahrlich auferstanden!“ Er macht das Ostermysterium hörbar. Doch was ist die Bedeutung dieser Auferstehung für die christliche Lebenspraxis im Hier und Jetzt? → 12: Der Ostergruß und seine Herkunft
Paulus schreibt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (
2Kor 5,17)
Paulus spricht im Präsens. Die neue Schöpfung ist keine Verheißung, die noch aussteht, sondern Wirklichkeit, die bereits eingetreten ist und die Teilhabe erlaubt. Jesus formuliert es so: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (
Lk 17,21) und „Wer mein Wort hört [...] ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen“ (
Joh 5,24) – wiederum Präsens, wiederum vollzogen.
Das bedeutet: Auferstehung ist nicht allein ein Ereignis am Ende der Zeit. Sie ist die Grundbedingung des Lebens derer, die in Christus sind. Wer in Christus ist, lebt bereits im Reich Gottes, lebt bereits aus der Kraft des Neuen. Das Alte hat in ihm seinen Anspruch verloren. Dies geschieht aus dem Wort heraus: weil Gott gesprochen hat. Doch es braucht fruchtbaren Boden: Das gehörte Wort muss sich entfalten können. Das wiederum geschieht allein aus Glauben. → 13: Glaube aus dem Hören
Die Zeitspanne, die Quinquagesimä einleitet, endet am Ostersonntag. Nicht am Karfreitag, nicht an der Grabesruhe des Karsamstags. Das Durchleben der fünfzig Tage zielt auf die Feier der Auferstehung als das Ereignis, von dem
2Kor 5,17 spricht: Nicht Trauer, sondern Neubeginn ist das Thema. Es geht nicht um das mit Christus Leiden der Sünder, sondern um die Zusage an die Menschen, dass das Alte vergangen ist. Diese Zusage ist keine fromme Vertröstung auf ein Leben nach dem Tod, sondern existentielle Gegenwart: Der Mensch, der sich dafür entscheidet, kann neu leben, weil Gott gesprochen hat.
Am Mittwoch der Osterwoche tritt die Gegenwart Christi in den Vordergrund. Sie wird nicht behauptet, sondern erfahren.
Die biblischen Berichte erzählen von Begegnungen. Der Auferstandene wird gesehen, gehört, erkannt und spricht Menschen an. Diese Anrede verändert. Sie bleibt nicht im Inneren, sondern setzt Bewegung frei.
Glaube entsteht aus dieser Anrede. Er ist keine Haltung, die sich ein Mensch selbst aneignet, sondern Antwort auf das, was ihn trifft. Wer angesprochen wird, bleibt nicht bei sich. Er wird selbst zum Handelnden.
Die Gegenwart Christi zeigt sich deshalb nicht in religiöser Innerlichkeit, sondern im Leben. Sie wird sichtbar, wo Menschen einander wahrnehmen, ansprechen und handeln.
Wo ein Mensch dem anderen begegnet, wo er sich seinem Leid zuwendet und Verantwortung übernimmt, dort gewinnt diese Gegenwart Gestalt.
Die Gegenwart Christi kann in bestimmten Augenblicken besonders erfahrbar sein. Sie ist jedoch nicht auf solche Momente beschränkt, sondern gehört zum Leben derer, die sich durch sein Wort bestimmen lassen.
Die Zeitspanne, die Sexagesimä eröffnet, führt auf diesen Punkt zu: Der Glaube bleibt nicht beim Hören stehen. Er wird im Leben sichtbar.
Am Ende der Osterwoche tritt der Neubeginn in den Vordergrund. Der Mensch tritt verändert in sein eigenes Leben ein. Der Wandel ist existentiell bedeutsam.
In der frühen Kirche legten die Neugetauften an diesem Tag ihre weißen Gewänder ab. Damit begann ihr neues Leben im Alltag. Der Übergang vom liturgischen Raum in das gewöhnliche Leben wurde bewusst vollzogen.
Dieser Schritt ist entscheidend. Das neue Leben zeigt sich nicht im besonderen sakralen Raum, sondern im gewöhnlichen Leben. Es bewährt sich dort, wo Menschen handeln.
Der Christ erscheint im Alltag. Dort hat er Teil am Reich Gottes und zugleich Anteil am bürgerlichen Leben. Beides gehört zusammen. Der Glaube lässt sich nicht auf den Raum der Kirche begrenzen.
Der Glaube fordert vom Christen, sich in allen Bereichen des Lebens zu verorten – im gesellschaftlichen wie im kirchlichen. Denken, Reden und Handeln lassen sich nicht vom Glauben trennen.
Der Neubeginn betrifft die Existenz. Er ist kein Zusatz, keine Verbesserung des Alten. Er bedeutet einen Wechsel der Orientierung. Das Leben erhält seinen Maßstab von außen: aus dem Zuspruch, der gehört wurde.
Daraus entsteht Verantwortung. Wer neu lebt, handelt anders. Er richtet sein Leben nicht mehr an sich selbst aus, sondern an dem, was ihm zugesprochen ist.
Die Zeitspanne, die Septuagesimä einleitet, führt auf diesen Punkt zu: Das neue Leben beginnt nicht später. Es beginnt jetzt.
Die Ordnung der Zeit wirkt auf das Leben des Glaubens zurück. Wer auf Gemeinschaft hin lebt, wird Gemeinschaft suchen und gestalten. Wer vom zugesprochenen Leben her denkt, wird dem Leben Gewicht geben. Wer sich angesprochen weiß, wird andere ansprechen. Wer den Neubeginn kennt, wird sich und anderen Veränderung zutrauen.
Die Sonntagsnamen geben dieser Bewegung eine Form. Sie verbinden die Zeit mit dem, was geglaubt wird, und führen in eine Praxis, die daraus hervorgeht.
Eine andere Zeitordnung erzeugt eine andere Wirkung.
Im evangelischen Raum werden zunehmend Begriffe und Formen etabliert, die nicht aus der reformatorischen Tradition stammen: das Mysterium Paschale (das Ostermysterium), das Triduum Sacrum (die heiligen drei Tage), die Osternacht (lat.: Vigilia Paschalis; Ostervigil) als liturgisches Zentrum.
Die EKD bewirbt auf ihrer Website das Triduum Sacrum ausdrücklich als zusammenhängenden dreiteiligen Gottesdienst von Gründonnerstag bis Osternacht. Dahinter steht eine bestimmte theologische Architektur: Leiden, Tod und Auferstehung als untrennbare Einheit, zentriert auf die Osternacht als Höhepunkt. → 14: Triduum Sacrum im evangelischen Raum
Diese Architektur ist nicht falsch. Aber sie ist nicht reformatorisch. Sie verlagert das Gewicht vom gesprochenen Wort auf den rituellen Vollzug, von der Verkündigung auf das Erleben. Wo die Sonntagsnamen auf freudige Endpunkte hinweisen, zentriert das Triduum Sacrum die vorösterliche Zeit auf das Leiden. Beides sind Ordnungen der Zeit. Aber sie führen in verschiedene Richtungen.
Zu überdenken bleibt: Ist ritueller Vollzug hinreichender Lebensbezug?
Die Frage, ob ritueller Vollzug hinreichender Lebensbezug ist, beantwortet sich von hier aus. Drei Gottesdienste zu besuchen, die Leiden und Tod ins Zentrum stellen, ist kein Lebensbezug im evangelischen Sinn. Der Lebensbezug des Glaubens zeigt sich nicht im Nachvollzug des Leidens, sondern im Handeln aus der Auferstehung heraus.
Die Auferstehung ist nicht Trost für das Leid, sondern Grund des Lebens: im Hier und Jetzt, in der Gemeinschaft, in der Zuwendung zum Nächsten. Die ersten Christen waren überzeugt, dass das Reich Gottes nicht erst kommt, sondern bereits beginnt. Das Johannesevangelium sagt es so: Jeder, der glaubt, ist schon jetzt vom Tod zum Leben hindurchgedrungen. → 15: Auferstehung als gegenwärtige Wirklichkeit
Im Glauben beginnt die Wirklichkeit des neuen Lebens hier und jetzt.
Wer aus der Auferstehung lebt, trägt nicht das Kreuz zur Schau, sondern teilt das Brot.
Jesus selbst hat die Verhältnisse klargestellt: „Eure Traurigkeit soll zur Freude werden“ (
Joh 16,20; Über Trauer und Hoffnung bei Jesu Abschied). Er setzt die Trauer voraus, aber er verweilt nicht bei ihr. Sie ist Durchgang, nicht Ziel.
Die liturgische Tradition hat aus diesem Durchgang eine Verweildauer gemacht und dabei das Ziel aus den Augen verloren, auf das die alten Sonntagsnamen von Anfang an hinführen: auf Gemeinschaft, auf Teilhabe am Reich Gottes im Hier und Jetzt, auf Begegnung mit Christus im Alltag und auf den Beginn neuen Lebens unter der Führung Gottes. Sie bereiten der Freude den Weg, die niemand nehmen kann.
Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä erschließen die vorösterliche Zeit als eine Ordnung der Erwartung.
Sie richten den Blick auf das, was Gott gibt. Von dort her ergibt sich, was der Mensch tun soll: als Antwort des Glaubens, nicht als seine Voraussetzung. → 16: Handeln als Folge des Zuspruchs
Von dort her gewinnt die Zeit ihre Richtung: Gemeinschaft, Leben, Begegnung und Neubeginn sind keine Themen, sondern Wirklichkeiten, auf die der Glaube zugeht.
Diese Perspektive ist weithin verloren gegangen. Wo die Zeit als Fastenzeit verstanden wird, tritt an die Stelle der Erwartung die Praxis der Selbstveränderung.
Die ursprüngliche Ordnung zeigt eine andere Bewegung: vom Zuspruch zur Teilhabe, vom Hören zum Handeln.
Die neuen Namen verdecken die ursprüngliche Ordnung. Statt Quinquagesimä und Quadragesimä stehen schon lange Estomihi und Invokavit in der Leseordnung, zugleich als Sonntag vor der Passionszeit und 1. Sonntag der Passionszeit ausgewiesen. Die Namen Septuagesimä und Sexagesimä sind überlagert durch 3. und 2. Sonntag vor der Passionszeit.
Rein funktionale Zählung ist inhaltlich leer. Sie sagt nichts von Gnade oder Verheißung, nur die Zahl der Wochen bis Karfreitag.
Ohne Namen entsteht ein offener Raum, der nun wieder mit Fastenpraxis gefüllt wird. Die Passionszeit wird informell wieder als Fastenzeit ausgestaltet. Der Unterschied wird aufgehoben oder sogar zu Ungunsten der Passionszeit verschoben. → 8: Passionszeit – Fastenzeit
Die vorösterliche Zeit wird zur Zeit der Selbstveränderung: Verzicht als Vorleistung, Askese als reflexiver menschlicher Beitrag für die Begegnung mit Gott. Das Tun des Menschen rückt in den Mittelpunkt.
Zur Passion selbst finden die Kirchen kaum eigene Gedanken. Oft wird nur noch vom Leid gesprochen, ohne den Rettungsanker der Auferstehung. Dass im Leid das Heil verborgen sei, wird noch immer transportiert, was aber genau das Gegenteil der reformatorischen Erkenntnis ist: Die Liebe Gottes gilt aus Gnade, nicht wegen des Leidens. Im größten Leid ist kein verborgenes Heil; das Heil ist schon in Christus geschenkt, und zwar trotz des Leidens, nicht wegen des Leidens.
Die evangelische Theologie fragt unentwegt: Warum ist Christus (oder Jesus – je nach theologischem Anspruch) für uns gestorben? Die Versuche, das zu beantworten, füllen seit Jahrhunderten die Passionszeit. Sie fragt deutlich seltener: Warum ist Christus für uns auferstanden? Antworten zu beiden Fragen können nur dort zufriedenstellen, wo sie existentiell den Hörer treffen. → 17: EKD: Für uns gestorben
Die neuen Namen verdecken also die ursprüngliche Ordnung und schaffen Raum zur Wiederbelebung längst überwundener Rituale. Die vorösterliche Zeit wird zur Fastenzeit, die Passion zur Leidensästhetik ohne Auferstehung.
Die Kirche verliert den Mut zum Wort, das befreit, und richtet sich nach der Qualität menschlicher Erlebbarkeit. Der Glaube wird wieder mehr und mehr an das eigene Tun gebunden – ein Rückfall hinter die reformatorische Erkenntnis, dass Gott dem Menschen zuvorkommt, bevor der Mensch sich auf den Weg macht. → 18: Rituale als Anker in der Passionszeit
Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä wurden über Jahrhunderte falsch gelesen. Nicht böswillig, aber folgenreich. Aus Zeiten freudiger Erwartung wurden Zeiten der Buße, des Fastens, der Selbstprüfung. Aus Wegbereitern zur Freude wurden Wegweiser zum Kreuz. Die Fastenlogik hat sich so tief in die vorösterliche Zeit eingeschrieben, dass ihre ursprüngliche Ordnung kaum noch sichtbar war.
Diese Studie hat die ursprüngliche Ordnung freigelegt. Die vier Sonntagsnamen bezeichnen eigenständige Zeitspannen, die auf Tage heilsgeschichtlicher Bedeutung hinweisen: auf Gemeinschaft, auf Auferstehung, auf Begegnung mit dem Auferstandenen, auf den Beginn neuen Lebens. Kein einziger dieser Endpunkte liegt im Bereich des Leidens. Sie alle liegen im Bereich der Gabe.
Was ergibt sich daraus für das Christenleben? Die vorösterliche Zeit ist keine Vorbereitungszeit auf den Tod Christi. Sie ist eine Zeit der Einübung in die Wirklichkeit, die bereits zugesprochen ist. Das Reich Gottes beginnt nicht erst in ferner Zukunft. Es hat bereits begonnen: hier, in der Gemeinschaft, im geteilten Brot, in der Zuwendung zum Nächsten. Die Zusage Gottes eröffnet die Teilhabe daran, jetzt, für jeden, der hört.
Christlicher Glaube beginnt mit dem Zuspruch. Diese Antwort zeigt sich im Handeln, im Umgang mit dem anderen Menschen. Dort wird sichtbar, ob Glaube Wirklichkeit wird.
Die vorösterliche Zeit führt nicht in die Asche, sondern ins Leben.
Die Hoffnung, von der diese Sonntage sprechen, wartet nicht auf Ostern.
Sie tanzt schon vorher.
Verbirgt sich hinter den Namen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä ein eigener, heute nicht mehr erkennbarer Sinn?
Die Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä werden bis heute häufig als Teil einer vorösterlichen Zeit verstanden, die durch Fasten, Buße und die Ausrichtung auf die Passion Christi geprägt ist. Ihre Namen erscheinen in diesem Zusammenhang als Ausdruck einer abgestuften Annäherung an das Ende der Karwoche. Doch trifft diese Deutung die historische und liturgische Wirklichkeit dieser Sonntage tatsächlich?
Im evangelischen Kirchenkalender tauchen nach der Epiphaniaszeit Sonntage auf, deren Namen kaum noch verständlich sind. Die Studie fragt nach Erklärungen und Sinn.
Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä – Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr.
Die Übersicht zeigt alle Module.
Bildnachweise:
Abbildung: Die Sonntagsnamen und ihre Bedeutung für die christliche Lebenspraxis
sowie alle Thumbnail-Grafiken:
Grafik: Reiner Makohl
Copyright: 2026 by Reiner Makohl, geschütztes Bildmaterial
Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Beispiel:
Reiner Makohl, Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä: Wegbereiter freudiger Erwartung des Ostergeschehens, in: Stilkunst.de,
abgerufen unter:
(abgerufen am )