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Zeiten neuer Hoffnung

Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä als Wegbereiter freudiger Erwartung des Ostergeschehens

Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä

 

Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr

MODUL 8/8

Evangelisch gedacht
wortgebundene Klärungen zwischen Brauch, Bibel und Gegenwart

Die neue Hoffnung in den Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä

Die Sonntagsnamen als Wegbereiter freudiger Erwartung des Ostergeschehens

Vom Zuspruch des Evangeliums zur existentiell bedeutsamen Praxis des Glaubens

 

Reiner Makohl | Februar 2026

 

Wor­um es hier geht

 

Die Sonn­ta­ge der vor­ös­ter­li­chen Zeit tra­gen Na­men, die kaum noch je­mand kennt: Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä, Qua­dra­ge­si­mä. Wo sie noch ge­braucht wer­den, klin­gen sie alt, nach La­tein, nach Li­tur­gie, nach ei­ner fer­nen kirch­li­chen Welt. Quin­qua­ge­si­mä heißt im evan­ge­li­schen Got­tes­dienst heu­te nur noch Es­to­mi­hi oder Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit, Qua­dra­ge­si­mä heißt In­vo­ka­vit oder 1. Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit. Die äl­te­ren Na­men sind weit­ge­hend ver­schwun­den.

Na­men ha­ben Be­deu­tung. Sind mit den Na­men die Be­deu­tun­gen der Sonn­ta­ge und der Sinn der Zeit­span­nen, die sie ein­lei­ten, ver­lo­ren ge­gan­gen? Sind die Na­men noch im­mer mehr als ein ge­druck­tes Wort im Kir­chen­ka­len­der? Und was kön­nen die­se Sonn­ta­ge aus dem Ur­sprung ih­rer Na­men her­aus für ei­ne zeit­ge­mä­ße evan­ge­li­sche Le­bens­pra­xis be­deu­ten?

Die Ant­wor­ten lie­gen nä­her am Evan­ge­li­um, als die Be­grif­fe Fas­ten, Bu­ße und Pas­si­on ver­mu­ten las­sen.

 

📖Le­se­zeit oh­ne Fuß­no­ten: ca. 18 Mi­nu­ten, mit Stu­di­um der Fuß­no­ten ca. 33 Mi­nu­ten.
Ge­rin­ge Kennt­nis­se über die Struk­tur des evan­ge­li­schen Kir­chen­jah­res er­leich­tern das Ver­ständ­nis.

 
Die Sonntagsnamen und ihre Bedeutung für die christliche Lebenspraxis

Gra­fik: Die Sonn­tags­na­men und ih­re Be­deu­tung für die christ­li­che Le­bens­pra­xis
Bild­nach­weis: → sie­he un­ten.

 

Die Sonn­tags­na­men Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä be­zeich­nen Zei­ten freu­di­ger Er­war­tung, die vom Zu­spruch des Evan­ge­li­ums ge­tra­gen wer­den und zur Pra­xis des Glau­bens hin­füh­ren.

 

Ein­lei­tung

 

Die Sonn­tags­na­men Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä ver­wei­sen auf in­ein­an­der­ge­schach­tel­te Zeit­räu­me. Von je­dem Sonn­tag aus füh­ren die ver­strei­chen­den Ta­ge zu ei­nem be­stimm­ten Tag, an dem Heils­han­deln Got­tes ver­kün­digt wird.

Die Sonntagsnamen und ihre Bedeutung für die Osterzeit

Gra­fik: Die Sonn­tags­na­men und die ver­schach­tel­ten Zeit­span­nen im Ka­len­der
Bild­nach­weis: → sie­he un­ten.

Die Gra­fik zeigt die vier in­ein­an­der ver­schach­tel­ten Zeit­span­nen, die den Sonn­tags­na­men Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä zu­grun­de lie­gen.

 

Stand­ort­be­stim­mung

 

Die bis­he­ri­gen Un­ter­su­chun­gen ha­ben ge­zeigt:

Der Sonn­tag Qua­dra­ge­si­mä liegt sechs Wo­chen vor Os­tern. Der Na­me be­deu­tet „der vier­zigs­te [Tag]“, ge­zählt vom Grün­don­ners­tag bis zu die­sem Sonn­tag. 1: In­klu­siv­zäh­lung

Der Grün­don­ners­tag hat­te be­reits im Mit­tel­al­ter be­son­de­re Be­deu­tung. Auf­grund von schwe­ren Sün­den Ex­kom­mu­ni­zier­ten wur­de die Wie­der­auf­nah­me in die Ge­mein­schaft zu­teil; Sün­der er­hiel­ten die Los­spre­chung, und al­le Chris­ten ka­men in Ge­mein­schaft am Tisch des Herrn zu­sam­men. 2: Der Grün­don­ners­tag als Hoff­nungs­trä­ger

Der Sonn­tag Quin­qua­ge­si­mä liegt sie­ben Wo­chen vor Os­tern. Sein Na­me be­deu­tet „der fünf­zigs­te [Tag]“, ge­zählt vom Os­ter­sonn­tag bis Quin­qua­ge­si­mä. Tra­di­tio­nell wur­den in der Os­ter­nacht die Ka­te­chu­me­nen, er­wach­se­ne Men­schen, die sich auf die Tau­fe vor­be­rei­tet hat­ten, ge­tauft. Sie er­hiel­ten wei­ße Ge­wän­der, die sie als Neo­phy­ten, als neu­ge­tauf­te Er­wach­se­ne, in den Got­tes­diens­ten der Os­ter­wo­che zu tra­gen hat­ten.

Die Fei­er der Os­ter­nacht war ge­prägt vom Stau­nen und der Freu­de über die Gna­de des Ge­heim­nis­ses der Er­lö­sung, des Os­ter­mys­te­ri­ums. 3: Os­tern und das Ge­heim­nis der Er­lö­sung

Der Sonn­tag Se­xa­ge­si­mä liegt acht Wo­chen vor Os­tern. Sein Na­me be­deu­tet „der sech­zigs­te [Tag]“, ge­zählt vom Mitt­woch nach Os­tern bis zu die­sem Sonn­tag. Die Mit­te der Os­ter­wo­che war be­stimmt vom Sieg der Freu­de über die Be­geg­nung mit dem Auf­er­stan­de­nen über je­de Trau­er. 4: Das Evan­ge­li­um des Os­ter­mitt­wochs: Se­hen, An­re­de und Sen­dung

Der Sonn­tag Sep­tua­ge­si­mä liegt neun Wo­chen vor Os­tern. Sein Na­me be­deu­tet „der sieb­zigs­te [Tag]“, ge­zählt vom Sams­tag nach Os­tern. Am En­de der Os­ter­wo­che wird der Be­ginn des neu­en Le­bens zen­tral: Das al­te Le­ben ist ver­gan­gen, der Be­ginn neu­en Le­bens wird li­tur­gisch be­tont.

Im Mit­tel­al­ter war dies der Tag, an dem die Neu­ge­tauf­ten ih­re wei­ßen Ge­wän­der ab­leg­ten und ihr neu­es christ­li­ches Le­ben in der all­täg­li­chen Ge­mein­schaft der Chris­ten be­gan­nen. 5: Der Sams­tag der ab­zu­le­gen­den wei­ßen Ge­wän­der

Die vor­ös­ter­li­che Zeit ist da­mit ei­ne Zeit der freu­di­gen Er­war­tung des­sen, was Gott gibt.

Das hat Kon­se­quen­zen für die Pra­xis. Evan­ge­li­sche Fröm­mig­keit in der vor­ös­ter­li­chen Zeit ent­steht aus dem Hö­ren des Evan­ge­li­ums. Aus die­sem Hö­ren wach­sen Ver­trau­en, Han­deln und Ver­ant­wor­tung.

Da­bei kom­men auch die Na­men selbst noch ein­mal in den Blick. Es­to­mi­hi und In­vo­ka­vit, die heu­te ge­läu­fi­ge­ren Be­zeich­nun­gen für Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä, so­wie de­ren ein­fa­che Sonn­tags­zäh­lun­gen als „Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit“ und „1. Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit“ zei­gen, dass der Pro­zess der Be­nen­nung die­ser Sonn­ta­ge nicht ab­ge­schlos­sen ist. 6: Die Sonn­ta­ge der Vor­pas­si­ons­zeit und der Pas­si­ons­zeit

Zu be­den­ken ist: Wie ein Sonn­tag heißt, be­stimmt mit, was von ihm er­war­tet wird.

 

Die Wie­der­be­le­bung der Be­deu­tung »Fas­ten­zeit«

 

Die Fort­füh­rung as­ke­ti­scher Tra­di­ti­on im evan­ge­li­schen Raum

Der im evan­ge­li­schen Raum wie­der auf­kom­men­de Brauch, die Be­zeich­nung Fas­ten­zeit für die Pas­si­ons­zeit zu pro­kla­mie­ren, könn­te zur Fol­ge ha­ben, dass sich auch wie­der Be­zeich­nun­gen wie „Vor­fas­ten­zeit“ oder „1. Sonn­tag in der Fas­ten­zeit“ ein­schlei­chen. Be­zeich­nun­gen, die mit der Re­vi­si­on der Le­se­ord­nung von 1978 über­wun­den schie­nen. 7: Wie­der­be­le­bung der Fas­ten­zeit im evan­ge­li­schen Kon­text

Wer Fas­ten­zeit ruft, meint As­ke­se und Fas­ten. Ge­meint ist dann nicht Pas­si­on, ge­meint ist schon gar nicht freu­di­ge Er­war­tung.

Die dop­pel­te Be­zeich­nung „Pas­si­ons­zeit – Fas­ten­zeit“, wie sie die EKD auf ih­rer Web­sei­te führt, ist als Ver­such zu ver­ste­hen, das Fas­ten in die evan­ge­li­sche Pra­xis neu zu in­te­grie­ren. Das zei­gen auch For­mu­lie­run­gen, die aus­drück­lich für das Fas­ten wer­ben. 8: EKD: Pas­si­ons­zeit – Fas­ten­zeit

Chris­ten wür­den zwar „frei von dem Ge­dan­ken, Gott et­was schul­dig zu sein“ fas­ten, doch „um sich be­wusst für Gott zu öff­nen“, zwar „nicht um sich da­durch zu be­stra­fen, son­dern um ‚Platz für Gott‛ zu schaf­fen.“ [Zi­ta­te aus den ge­nann­ten Web­sei­ten der EKD]

Aber ver­än­dert ei­ne ein­fa­che Re­se­man­ti­sie­rung den Voll­zug? Un­ter­schei­det sich mo­der­ner Ver­zicht vom Ver­zicht im Mit­tel­al­ter? Ist die Er­war­tung an die tat­säch­li­che Wir­kung heu­te ei­ne an­de­re?

Frei­wil­lig­keit und fak­ti­sche Nor­ma­ti­vi­tät

Die Vor­stel­lung, durch Fas­ten „of­fe­ner für Gott“ zu wer­den, ist kei­ne neue Ein­sicht. Sie ent­spricht der klas­si­schen Be­grün­dung des Fas­tens in der as­ke­ti­schen Tra­di­ti­on. Sie un­ter­schrei­tet da­bei so­gar den Maß­stab, den be­reits Au­gus­ti­nus († 430) an­mahn­te, dass ein Fas­ten oh­ne Barm­her­zig­keit (lat.: mi­se­ri­cor­dia) ganz im Sin­ne von → Jes 58,1–12 in­halts­leer bleibt. 9: Die klas­si­sche as­ke­ti­sche Be­grün­dung

Wo Fas­ten als geist­li­che Pra­xis emp­foh­len wird, ent­steht dar­aus not­wen­dig ei­ne Er­war­tungs­hal­tung. Der Mensch soll an sich ar­bei­ten, um „emp­fäng­li­cher“ zu wer­den. Auch dort, wo die Frei­wil­lig­keit be­tont wird, ent­fal­tet die­se Pra­xis durch pro­mi­nen­te Emp­feh­lung, kle­ri­ka­les Vor­bild und me­dia­le Prä­senz ei­ne fak­ti­sche Nor­ma­ti­vi­tät.

Lei­ten­de Geist­li­che tra­gen da­zu bei, wenn sie in der Pas­si­ons­zeit die Fas­ten­zeit be­wer­ben und da­bei po­si­ti­ve Wir­kun­gen des Fas­tens für den Men­schen in sei­ner Be­zie­hung zu Gott be­to­nen. Auch Bei­trä­ge zur Fas­ten­pra­xis im Web, in mei­nungs­bil­den­den Fo­ren und in den so­zi­a­len Me­di­en för­dern die Lo­gik ei­nes An­ge­bots zur spi­ri­tu­el­len Selbst­op­ti­mie­rung.

Das vi­ra­le Be­wer­ben des Fas­tens er­zeugt ei­ne in­for­mel­le Ver­pflich­tung, der sich der Ein­zel­ne kaum ent­zie­hen kann, oh­ne sei­ne spi­ri­tu­el­le In­te­gri­tät in­fra­ge zu stel­len. Da­mit ver­schiebt sich der Schwer­punkt vom Zu­spruch Got­tes auf die (selbst­op­ti­mie­ren­de) Dis­po­si­ti­on des Men­schen.

As­ke­ti­sche Tra­di­ti­on ge­gen re­for­ma­to­ri­sche Hal­tung

Wo Fas­ten als Weg der „Öff­nung für Gott“ ver­stan­den und be­wor­ben wird, ge­rät die­se Pra­xis in Span­nung zur re­for­ma­to­ri­schen Ein­sicht, dass Got­tes Nä­he nicht vor­be­rei­tet wird, son­dern zu­ge­spro­chen ist. 10: Re­for­ma­to­ri­sche Kri­tik: Got­tes Nä­he als Zu­spruch

Fas­ten bleibt auch in mo­der­ner Deu­tung ei­ne Pra­xis der Selbst­ver­än­de­rung. Es be­grün­det kei­ne neue theo­lo­gi­sche Ein­sicht, son­dern führt die Lo­gik der as­ke­ti­schen Tra­di­ti­on fort.

Al­ler­dings: Um Gott zu hö­ren, braucht es kein lee­res Ma­gen­knur­ren – auch nicht im über­tra­ge­nen Sinn von be­lie­bi­gem Ver­zicht! –, son­dern nur sein Wort.

 

1. Teil­ha­be als Aus­rich­tung des Glau­bens

Die Zeit der Freu­de vor Os­tern
 

Die vor­ös­ter­li­che Zeit er­hält ih­re Ge­stalt aus dem, wor­auf sie zu­läuft: die Ver­kün­di­gung der fro­hen Bot­schaft als zu­ge­spro­che­ne Teil­ha­be.

So hat­te einst für die, die vom Tisch aus­ge­schlos­sen wa­ren, die­se Er­war­tung ei­nen kla­ren In­halt. Sie leb­ten dar­auf hin, wie­der teil­neh­men zu dür­fen. Ver­ge­bung be­deu­te­te Zu­gang. Ge­mein­schaft be­deu­te­te, wie­der am Mahl teil­zu­ha­ben und ge­sell­schaft­lich ak­zep­tiert zu sein. Das Ziel war kon­kret er­fahr­bar.

Die­se Struk­tur bleibt er­hal­ten, auch wenn ih­re äu­ße­re Form sich ver­än­dert hat. Er­war­tung rich­tet sich auf Teil­ha­be. Sie fragt da­nach, was es heißt, am Tisch des Herrn zu ste­hen, den Zu­spruch zu emp­fan­gen und dar­in zu le­ben.

Die Zeit ist auf das Hö­ren der Ver­kün­di­gung hin aus­ge­rich­tet, die die­sen Zu­gang er­öff­net. Der Glau­be ent­steht im Hö­ren und rich­tet sich auf das, was dar­in zu­ge­spro­chen wird.

Die­se Er­war­tung führt nicht in ei­ne Pha­se re­li­giö­ser Vor­leis­tun­gen. Sie führt in ei­ne Klä­rung: Was be­deu­tet es, teil­zu­ha­ben? Was heißt es, von die­sem Zu­spruch her zu le­ben?

Da­mit ge­winnt die Zeit ih­re Rich­tung, die von Er­war­tun­gen ge­füllt ist. Ge­fei­ert wer­den schließ­lich die Ge­mein­schaft mit­ein­an­der und mit Chris­tus, die Ge­gen­wart des Reichs Got­tes und das Ge­heim­nis der Er­lö­sung in der Auf­er­ste­hung, die Be­geg­nung mit Chris­tus im All­tag und der Be­ginn ei­nes neu­en Le­bens in der Be­glei­tung Got­tes.

Die Freu­de dar­über prägt die Zeit vor Os­tern. Die christ­li­chen Bot­schaf­ten ver­kün­den Freu­de, Lie­be und Hoff­nung, aus­ge­rich­tet auf ein Le­ben in Ge­mein­schaft. Da ist kein Platz für hän­gen­de Köp­fe vol­ler Trau­er, as­ke­ti­sche Süh­ne­leis­tung oder spi­ri­tu­el­le Selbst­op­ti­mie­rung.

 

 

2. Die Sonn­tags­na­men als Weg­be­rei­ter freu­di­ger Er­war­tung

Ge­mein­schaft, Le­ben, Be­geg­nung, Neu­be­ginn
 

 

2.1. Grün­don­ners­tag: Zu­spruch im Abend­mahl

40 Ta­ge von Qua­dra­ge­si­mä bis Grün­don­ners­tag
 

Am Grün­don­ners­tag wird sicht­bar, wor­in die Ge­mein­schaft mit Gott be­steht. Sie wird nicht her­ge­stellt, son­dern voll­zo­gen. Im Abend­mahl er­in­nert Chris­tus an sei­ne Zu­sa­ge. Er stif­tet Ge­mein­schaft un­ter de­nen, die emp­fan­gen und sein Wort hö­ren.

Je­sus spricht zwei­mal die Er­in­ne­rungs­auf­for­de­rung „Das tut zu mei­nem Ge­dächt­nis“ (→ 1Kor 11,24.25). Er bin­det die Gläu­bi­gen an sei­ne Zu­sa­gen „Wo zwei oder drei ver­sam­melt sind in mei­nem Na­men, da bin ich mit­ten un­ter ih­nen“ (→ Mt 18,20) und „Sie­he, ich bin bei euch al­le Ta­ge bis an der Welt En­de“ (→ Mt 28,20c).

Die Ge­gen­wart Chris­ti ist kei­ne got­tes­dienst­li­che Aus­nah­me­si­tua­ti­on. Sie ist we­der an den Tisch des Herrn noch an den Kirch­raum ge­bun­den. Sie er­schöpft sich nicht in Pre­digt, Ge­bet oder Ge­sang. Sie er­eig­net sich im Le­ben de­rer, die sich durch sein Wort tref­fen las­sen und da­nach han­deln.

Chris­tus ist ge­gen­wär­tig, wo bei­spiels­wei­se ein Mensch ei­nem an­de­ren ver­gibt, ob­wohl er al­len Grund hät­te, fest­zu­hal­ten; wo je­mand sich dem Leid ei­nes an­de­ren zu­wen­det, statt dar­an vor­bei­zu­ge­hen; wo Ge­mein­schaft ent­steht, die nicht auf Leis­tung oder Über­ein­stim­mung be­ruht.

Dort wird sicht­bar, was die Ge­gen­wart Chris­ti be­wirkt und was sie ein­for­dert.

Die­se Ge­gen­wart zwingt nicht. Sie stellt in An­spruch. Sie ruft zu ver­ant­wort­li­chem Han­deln, das dem Zu­spruch ent­spricht. Sie kann über­hört, zu­rück­ge­wie­sen oder ins Ge­gen­teil ver­kehrt wer­den – mit Fol­gen, die dem Evan­ge­li­um wi­der­spre­chen und Gläu­bi­ge ge­fähr­den kön­nen.

Die Ge­mein­schaft mit Chris­tus er­war­tet Ant­wor­ten. Wo sie aus­blei­ben, bleibt der Voll­zug wo­mög­lich äu­ßer­lich. Teil­nah­me al­lein er­setzt die Ant­wort nicht.

Die Ge­mein­schaft mit Chris­tus drängt dar­um in die Ge­mein­schaft mit an­de­ren. Wer sich in die­ser Ge­mein­schaft weiß, sich als Teil die­ser Ge­mein­schaft ver­steht, kann die Tren­nung zwi­schen Got­tes­dienst und All­tag nicht auf­recht­er­hal­ten. Das Abend­mahl ist Er­in­ne­rung und Auf­trag zu­gleich: Teil­ha­be am Reich Got­tes, das nicht am Aus­gang der Kir­che en­det und im ge­leb­ten All­tag ih­re wah­re Ge­stalt an­nimmt.

Ab dem Sonn­tag Qua­dra­ge­si­mä, In­vo­ka­vit, dem ers­ten Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit, geht der gläu­bi­ge Mensch Tag für Tag in freu­di­ger Er­war­tung auf die Teil­ha­be an der Ge­mein­schaft mit Chris­tus zu und auf den Zu­spruch, in die­ser Ge­mein­schaft an­ge­nom­men zu sein.

 

 

2.2. Die Os­ter­nacht – Auf­er­ste­hung als ge­gen­wär­ti­ge Wirk­lich­keit

50 Ta­ge von Quin­qua­ge­si­mä bis zur Os­ter­fei­er
 

Am Os­ter­tag und be­son­ders in der Os­ter­nacht geht es um „das Ge­heim­nis der Er­lö­sung“, be­grün­det in der Auf­er­ste­hung Je­su von den To­ten. Auch in evan­ge­li­schen Ge­mein­den ist nun öf­ter der ur­sprüng­lich or­tho­do­xe Wech­sel­ruf zu ver­neh­men, „Chris­tus ist auf­er­stan­den!“ – „Er ist wahr­lich auf­er­stan­den!“ Er macht das Os­ter­mys­te­ri­um hör­bar. Doch was ist die Be­deu­tung die­ser Auf­er­ste­hung für die christ­li­che Le­bens­pra­xis im Hier und Jetzt? 12: Der Os­ter­gruß und sei­ne Her­kunft

Pau­lus schreibt: „Ist je­mand in Chris­tus, so ist er ei­ne neue Schöp­fung; das Al­te ist ver­gan­gen, sie­he, Neu­es ist ge­wor­den.“ (→ 2Kor 5,17)

Pau­lus spricht im Prä­sens. Die neue Schöp­fung ist kei­ne Ver­hei­ßung, die noch aus­steht, son­dern Wirk­lich­keit, die be­reits ein­ge­tre­ten ist und die Teil­ha­be er­laubt. Je­sus for­mu­liert es so: „Das Reich Got­tes ist mit­ten un­ter euch“ (→ Lk 17,21) und „Wer mein Wort hört [...] ist vom Tod zum Le­ben hin­durch­ge­drun­gen“ (→ Joh 5,24) – wie­der­um Prä­sens, wie­der­um voll­zo­gen.

Das be­deu­tet: Auf­er­ste­hung ist nicht al­lein ein Er­eig­nis am En­de der Zeit. Sie ist die Grund­be­din­gung des Le­bens de­rer, die in Chris­tus sind. Wer in Chris­tus ist, lebt be­reits im Reich Got­tes, lebt be­reits aus der Kraft des Neu­en. Das Al­te hat in ihm sei­nen An­spruch ver­lo­ren. Dies ge­schieht aus dem Wort her­aus: weil Gott ge­spro­chen hat. Doch es braucht frucht­ba­ren Bo­den: Das ge­hör­te Wort muss sich ent­fal­ten kön­nen. Das wie­der­um ge­schieht al­lein aus Glau­ben. 13: Glau­be aus dem Hö­ren

Die Zeit­span­ne, die Quin­qua­ge­si­mä ein­lei­tet, en­det am Os­ter­sonn­tag. Nicht am Kar­frei­tag, nicht an der Gra­bes­ru­he des Kar­sams­tags. Das Durch­le­ben der fünf­zig Ta­ge zielt auf die Fei­er der Auf­er­ste­hung als das Er­eig­nis, von dem → 2Kor 5,17 spricht: Nicht Trau­er, son­dern Neu­be­ginn ist das The­ma. Es geht nicht um das mit Chris­tus Lei­den der Sün­der, son­dern um die Zu­sa­ge an die Men­schen, dass das Al­te ver­gan­gen ist. Die­se Zu­sa­ge ist kei­ne from­me Ver­trös­tung auf ein Le­ben nach dem Tod, son­dern exis­ten­ti­el­le Ge­gen­wart: Der Mensch, der sich da­für ent­schei­det, kann neu le­ben, weil Gott ge­spro­chen hat.

 

 

2.3. Der Mitt­woch nach Os­tern – Die Ge­gen­wart Chris­ti

60 Ta­ge von Se­xa­ge­si­mä bis zum Mitt­woch der Os­ter­wo­che
 

Am Mitt­woch der Os­ter­wo­che tritt die Ge­gen­wart Chris­ti in den Vor­der­grund. Sie wird nicht be­haup­tet, son­dern er­fah­ren.

Die bi­bli­schen Be­rich­te er­zäh­len von Be­geg­nun­gen. Der Auf­er­stan­de­ne wird ge­se­hen, ge­hört, er­kannt und spricht Men­schen an. Die­se An­re­de ver­än­dert. Sie bleibt nicht im In­ne­ren, son­dern setzt Be­we­gung frei.

Glau­be ent­steht aus die­ser An­re­de. Er ist kei­ne Hal­tung, die sich ein Mensch selbst an­eig­net, son­dern Ant­wort auf das, was ihn trifft. Wer an­ge­spro­chen wird, bleibt nicht bei sich. Er wird selbst zum Han­deln­den.

Die Ge­gen­wart Chris­ti zeigt sich des­halb nicht in re­li­giö­ser In­ner­lich­keit, son­dern im Le­ben. Sie wird sicht­bar, wo Men­schen ein­an­der wahr­neh­men, an­spre­chen und han­deln.

Wo ein Mensch dem an­de­ren be­geg­net, wo er sich sei­nem Leid zu­wen­det und Ver­ant­wor­tung über­nimmt, dort ge­winnt die­se Ge­gen­wart Ge­stalt.

Die Ge­gen­wart Chris­ti kann in be­stimm­ten Au­gen­bli­cken be­son­ders er­fahr­bar sein. Sie ist je­doch nicht auf sol­che Mo­men­te be­schränkt, son­dern ge­hört zum Le­ben de­rer, die sich durch sein Wort be­stim­men las­sen.

Die Zeit­span­ne, die Se­xa­ge­si­mä er­öff­net, führt auf die­sen Punkt zu: Der Glau­be bleibt nicht beim Hö­ren ste­hen. Er wird im Le­ben sicht­bar.

 

 

2.4. Der Sams­tag nach Os­tern – Auf­bruch ins neue Le­ben

70 Ta­ge von Sep­tua­ge­si­mä bis zum Sams­tag der Os­ter­wo­che
 

Am En­de der Os­ter­wo­che tritt der Neu­be­ginn in den Vor­der­grund. Der Mensch tritt ver­än­dert in sein ei­ge­nes Le­ben ein. Der Wan­del ist exis­ten­ti­ell be­deut­sam.

In der frü­hen Kir­che leg­ten die Neu­ge­tauf­ten an die­sem Tag ih­re wei­ßen Ge­wän­der ab. Da­mit be­gann ihr neu­es Le­ben im All­tag. Der Über­gang vom li­tur­gi­schen Raum in das ge­wöhn­li­che Le­ben wur­de be­wusst voll­zo­gen.

Die­ser Schritt ist ent­schei­dend. Das neue Le­ben zeigt sich nicht im be­son­de­ren sa­kra­len Raum, son­dern im ge­wöhn­li­chen Le­ben. Es be­währt sich dort, wo Men­schen han­deln.

Der Christ er­scheint im All­tag. Dort hat er Teil am Reich Got­tes und zu­gleich An­teil am bür­ger­li­chen Le­ben. Bei­des ge­hört zu­sam­men. Der Glau­be lässt sich nicht auf den Raum der Kir­che be­gren­zen.

Der Glau­be for­dert vom Chris­ten, sich in al­len Be­rei­chen des Le­bens zu ver­or­ten – im ge­sell­schaft­li­chen wie im kirch­li­chen. Den­ken, Re­den und Han­deln las­sen sich nicht vom Glau­ben tren­nen.

Der Neu­be­ginn be­trifft die Exis­tenz. Er ist kein Zu­satz, kei­ne Ver­bes­se­rung des Al­ten. Er be­deu­tet ei­nen Wech­sel der Ori­en­tie­rung. Das Le­ben er­hält sei­nen Maß­stab von au­ßen: aus dem Zu­spruch, der ge­hört wur­de.

Dar­aus ent­steht Ver­ant­wor­tung. Wer neu lebt, han­delt an­ders. Er rich­tet sein Le­ben nicht mehr an sich selbst aus, son­dern an dem, was ihm zu­ge­spro­chen ist.

Die Zeit­span­ne, die Sep­tua­ge­si­mä ein­lei­tet, führt auf die­sen Punkt zu: Das neue Le­ben be­ginnt nicht spä­ter. Es be­ginnt jetzt.

 

 

3. Die Ord­nung der Zeit und ih­re Wir­kung

Glau­be oh­ne Le­bens­be­zug ist leer
 

Die Ord­nung der Zeit wirkt auf das Le­ben des Glau­bens zu­rück. Wer auf Ge­mein­schaft hin lebt, wird Ge­mein­schaft su­chen und ge­stal­ten. Wer vom zu­ge­spro­che­nen Le­ben her denkt, wird dem Le­ben Ge­wicht ge­ben. Wer sich an­ge­spro­chen weiß, wird an­de­re an­spre­chen. Wer den Neu­be­ginn kennt, wird sich und an­de­ren Ver­än­de­rung zu­trau­en.

Die Sonn­tags­na­men ge­ben die­ser Be­we­gung ei­ne Form. Sie ver­bin­den die Zeit mit dem, was ge­glaubt wird, und füh­ren in ei­ne Pra­xis, die dar­aus her­vor­geht.

Ei­ne an­de­re Zeit­ord­nung er­zeugt ei­ne an­de­re Wir­kung.

Im evan­ge­li­schen Raum wer­den zu­neh­mend Be­grif­fe und For­men eta­bliert, die nicht aus der re­for­ma­to­ri­schen Tra­di­ti­on stam­men: das Mys­te­ri­um Pas­cha­le (das Os­ter­mys­te­ri­um), das Tri­du­um Sa­crum (die hei­li­gen drei Ta­ge), die Os­ter­nacht (lat.: Vi­gi­lia Pas­cha­lis; Os­ter­vi­gil) als li­tur­gi­sches Zen­trum.

Die EKD be­wirbt auf ih­rer Web­site das Tri­du­um Sa­crum aus­drück­lich als zu­sam­men­hän­gen­den drei­tei­li­gen Got­tes­dienst von Grün­don­ners­tag bis Os­ter­nacht. Da­hin­ter steht ei­ne be­stimm­te theo­lo­gi­sche Ar­chi­tek­tur: Lei­den, Tod und Auf­er­ste­hung als un­trenn­ba­re Ein­heit, zen­triert auf die Os­ter­nacht als Hö­he­punkt. 14: Tri­du­um Sa­crum im evan­ge­li­schen Raum

Die­se Ar­chi­tek­tur ist nicht falsch. Aber sie ist nicht re­for­ma­to­risch. Sie ver­la­gert das Ge­wicht vom ge­spro­che­nen Wort auf den ri­tu­el­len Voll­zug, von der Ver­kün­di­gung auf das Er­le­ben. Wo die Sonn­tags­na­men auf freu­di­ge End­punk­te hin­wei­sen, zen­triert das Tri­du­um Sa­crum die vor­ös­ter­li­che Zeit auf das Lei­den. Bei­des sind Ord­nun­gen der Zeit. Aber sie füh­ren in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen.

Zu über­den­ken bleibt: Ist ri­tu­el­ler Voll­zug hin­rei­chen­der Le­bens­be­zug?

Ab­schluss­ge­dan­ke

Die Fra­ge, ob ri­tu­el­ler Voll­zug hin­rei­chen­der Le­bens­be­zug ist, be­ant­wor­tet sich von hier aus. Drei Got­tes­diens­te zu be­su­chen, die Lei­den und Tod ins Zen­trum stel­len, ist kein Le­bens­be­zug im evan­ge­li­schen Sinn. Der Le­bens­be­zug des Glau­bens zeigt sich nicht im Nach­voll­zug des Lei­dens, son­dern im Han­deln aus der Auf­er­ste­hung her­aus.

Die Auf­er­ste­hung ist nicht Trost für das Leid, son­dern Grund des Le­bens: im Hier und Jetzt, in der Ge­mein­schaft, in der Zu­wen­dung zum Nächs­ten. Die ers­ten Chris­ten wa­ren über­zeugt, dass das Reich Got­tes nicht erst kommt, son­dern be­reits be­ginnt. Das Jo­han­nes­evan­ge­li­um sagt es so: Je­der, der glaubt, ist schon jetzt vom Tod zum Le­ben hin­durch­ge­drun­gen. 15: Auf­er­ste­hung als ge­gen­wär­ti­ge Wirk­lich­keit

Im Glau­ben be­ginnt die Wirk­lich­keit des neu­en Le­bens hier und jetzt.

Wer aus der Auf­er­ste­hung lebt, trägt nicht das Kreuz zur Schau, son­dern teilt das Brot.

 

 

Fa­zit

Die Trau­er ist nicht das The­ma

 

Je­sus selbst hat die Ver­hält­nis­se klar­ge­stellt: „Eu­re Trau­rig­keit soll zur Freu­de wer­den“ (→ Joh 16,20; Über Trau­er und Hoff­nung bei Je­su Ab­schied). Er setzt die Trau­er vor­aus, aber er ver­weilt nicht bei ihr. Sie ist Durch­gang, nicht Ziel.

Die li­tur­gi­sche Tra­di­ti­on hat aus die­sem Durch­gang ei­ne Ver­weil­dau­er ge­macht und da­bei das Ziel aus den Au­gen ver­lo­ren, auf das die al­ten Sonn­tags­na­men von An­fang an hin­füh­ren: auf Ge­mein­schaft, auf Teil­ha­be am Reich Got­tes im Hier und Jetzt, auf Be­geg­nung mit Chris­tus im All­tag und auf den Be­ginn neu­en Le­bens un­ter der Füh­rung Got­tes. Sie be­rei­ten der Freu­de den Weg, die nie­mand neh­men kann.

 

Die Wie­der­ent­de­ckung ei­ner ver­lo­re­nen Per­spek­ti­ve

 

Die Sonn­tags­na­men Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä er­schlie­ßen die vor­ös­ter­li­che Zeit als ei­ne Ord­nung der Er­war­tung.

Sie rich­ten den Blick auf das, was Gott gibt. Von dort her er­gibt sich, was der Mensch tun soll: als Ant­wort des Glau­bens, nicht als sei­ne Vor­aus­set­zung. 16: Han­deln als Fol­ge des Zu­spruchs

Von dort her ge­winnt die Zeit ih­re Rich­tung: Ge­mein­schaft, Le­ben, Be­geg­nung und Neu­be­ginn sind kei­ne The­men, son­dern Wirk­lich­kei­ten, auf die der Glau­be zu­geht.

Die­se Per­spek­ti­ve ist weit­hin ver­lo­ren ge­gan­gen. Wo die Zeit als Fas­ten­zeit ver­stan­den wird, tritt an die Stel­le der Er­war­tung die Pra­xis der Selbst­ver­än­de­rung.

Die ur­sprüng­li­che Ord­nung zeigt ei­ne an­de­re Be­we­gung: vom Zu­spruch zur Teil­ha­be, vom Hö­ren zum Han­deln.

 

Lee­re Na­men, ge­füll­te Zeit

 

Die neu­en Na­men ver­de­cken die ur­sprüng­li­che Ord­nung. Statt Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä ste­hen schon lan­ge Es­to­mi­hi und In­vo­ka­vit in der Le­se­ord­nung, zu­gleich als Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit und 1. Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit aus­ge­wie­sen. Die Na­men Sep­tua­ge­si­mä und Se­xa­ge­si­mä sind über­la­gert durch 3. und 2. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit.

Rein funk­tio­na­le Zäh­lung ist in­halt­lich leer. Sie sagt nichts von Gna­de oder Ver­hei­ßung, nur die Zahl der Wo­chen bis Kar­frei­tag.

Oh­ne Na­men ent­steht ein of­fe­ner Raum, der nun wie­der mit Fas­ten­pra­xis ge­füllt wird. Die Pas­si­ons­zeit wird in­for­mell wie­der als Fas­ten­zeit aus­ge­stal­tet. Der Un­ter­schied wird auf­ge­ho­ben oder so­gar zu Un­guns­ten der Pas­si­ons­zeit ver­scho­ben. 8: Pas­si­ons­zeit – Fas­ten­zeit

Die vor­ös­ter­li­che Zeit wird zur Zeit der Selbst­ver­än­de­rung: Ver­zicht als Vor­leis­tung, As­ke­se als re­fle­xi­ver mensch­li­cher Bei­trag für die Be­geg­nung mit Gott. Das Tun des Men­schen rückt in den Mit­tel­punkt.

Zur Pas­si­on selbst fin­den die Kir­chen kaum ei­ge­ne Ge­dan­ken. Oft wird nur noch vom Leid ge­spro­chen, oh­ne den Ret­tungs­an­ker der Auf­er­ste­hung. Dass im Leid das Heil ver­bor­gen sei, wird noch im­mer trans­por­tiert, was aber ge­nau das Ge­gen­teil der re­for­ma­to­ri­schen Er­kennt­nis ist: Die Lie­be Got­tes gilt aus Gna­de, nicht we­gen des Lei­dens. Im größ­ten Leid ist kein ver­bor­ge­nes Heil; das Heil ist schon in Chris­tus ge­schenkt, und zwar trotz des Lei­dens, nicht we­gen des Lei­dens.

Die evan­ge­li­sche Theo­lo­gie fragt un­ent­wegt: Wa­rum ist Chris­tus (oder Je­sus – je nach theo­lo­gi­schem An­spruch) für uns ge­stor­ben? Die Ver­su­che, das zu be­ant­wor­ten, fül­len seit Jahr­hun­der­ten die Pas­si­ons­zeit. Sie fragt deut­lich sel­te­ner: Wa­rum ist Chris­tus für uns auf­er­stan­den? Ant­wor­ten zu bei­den Fra­gen kön­nen nur dort zu­frie­den­stel­len, wo sie exis­ten­ti­ell den Hö­rer tref­fen. 17: EKD: Für uns ge­stor­ben

Die neu­en Na­men ver­de­cken al­so die ur­sprüng­li­che Ord­nung und schaf­fen Raum zur Wie­der­be­le­bung längst über­wun­de­ner Ri­tua­le. Die vor­ös­ter­li­che Zeit wird zur Fas­ten­zeit, die Pas­si­on zur Lei­dens­äs­the­tik oh­ne Auf­er­ste­hung.

Die Kir­che ver­liert den Mut zum Wort, das be­freit, und rich­tet sich nach der Qua­li­tät mensch­li­cher Er­leb­bar­keit. Der Glau­be wird wie­der mehr und mehr an das ei­ge­ne Tun ge­bun­den – ein Rück­fall hin­ter die re­for­ma­to­ri­sche Er­kennt­nis, dass Gott dem Men­schen zu­vor­kommt, be­vor der Mensch sich auf den Weg macht. 18: Ri­tua­le als An­ker in der Pas­si­ons­zeit

 

 

Schluss­wort

Vom Zu­spruch zur Wirk­lich­keit des Le­bens
 

Die Sonn­tags­na­men Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä wur­den über Jahr­hun­der­te falsch ge­le­sen. Nicht bös­wil­lig, aber fol­gen­reich. Aus Zei­ten freu­di­ger Er­war­tung wur­den Zei­ten der Bu­ße, des Fas­tens, der Selbst­prü­fung. Aus Weg­be­rei­tern zur Freu­de wur­den Weg­wei­ser zum Kreuz. Die Fas­ten­lo­gik hat sich so tief in die vor­ös­ter­li­che Zeit ein­ge­schrie­ben, dass ih­re ur­sprüng­li­che Ord­nung kaum noch sicht­bar war.

Die­se Stu­die hat die ur­sprüng­li­che Ord­nung frei­ge­legt. Die vier Sonn­tags­na­men be­zeich­nen ei­gen­stän­di­ge Zeit­span­nen, die auf Ta­ge heils­ge­schicht­li­cher Be­deu­tung hin­wei­sen: auf Ge­mein­schaft, auf Auf­er­ste­hung, auf Be­geg­nung mit dem Auf­er­stan­de­nen, auf den Be­ginn neu­en Le­bens. Kein ein­zi­ger die­ser End­punk­te liegt im Be­reich des Lei­dens. Sie al­le lie­gen im Be­reich der Ga­be.

Was er­gibt sich dar­aus für das Chris­ten­le­ben? Die vor­ös­ter­li­che Zeit ist kei­ne Vor­be­rei­tungs­zeit auf den Tod Chris­ti. Sie ist ei­ne Zeit der Ein­übung in die Wirk­lich­keit, die be­reits zu­ge­spro­chen ist. Das Reich Got­tes be­ginnt nicht erst in fer­ner Zu­kunft. Es hat be­reits be­gon­nen: hier, in der Ge­mein­schaft, im ge­teil­ten Brot, in der Zu­wen­dung zum Nächs­ten. Die Zu­sa­ge Got­tes er­öff­net die Teil­ha­be dar­an, jetzt, für je­den, der hört.

Christ­li­cher Glau­be be­ginnt mit dem Zu­spruch. Die­se Ant­wort zeigt sich im Han­deln, im Um­gang mit dem an­de­ren Men­schen. Dort wird sicht­bar, ob Glau­be Wirk­lich­keit wird.

Die vor­ös­ter­li­che Zeit führt nicht in die Asche, son­dern ins Le­ben.
Die Hoff­nung, von der die­se Sonn­ta­ge spre­chen, war­tet nicht auf Os­tern.
Sie tanzt schon vor­her.

 

 

Wie es weiter gehen kann

 

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Die Sonn­ta­ge als Count­down zum Os­ter­sonn­tag?

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→  Der verlorene Sinn

Ver­birgt sich hin­ter den Na­men Sep­tua­ge­si­mä, Sex­a­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä ein ei­ge­ner, heu­te nicht mehr er­kenn­ba­rer Sinn?

Die Sonn­ta­ge Sep­tua­ge­si­mä, Sex­a­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä wer­den bis heu­te häu­fig als Teil ei­ner vor­ös­ter­li­chen Zeit ver­stan­den, die durch Fas­ten, Buße und die Aus­rich­tung auf die Pas­si­on Chris­ti ge­prägt ist. Ih­re Na­men er­schei­nen in die­sem Zu­sam­men­hang als Aus­druck ei­ner ab­ge­stuf­ten An­nä­he­rung an das En­de der Kar­wo­che. Doch trifft die­se Deu­tung die his­to­ri­sche und li­tur­gi­sche Wirk­lich­keit die­ser Sonn­ta­ge tat­säch­lich?

 

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→Vier merkwürdige Namen

Im evan­ge­li­schen Kir­chen­ka­len­der tau­chen nach der Epi­pha­nias­zeit Sonn­ta­ge auf, de­ren Na­men kaum noch ver­ständ­lich sind. Die Stu­die fragt nach Er­klä­run­gen und Sinn.

Die Sonn­tags­na­men Sep­tua­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä – Her­kunft und Sinn im li­tur­gi­schen Jahr.
Die Über­sicht zeigt al­le Mo­du­le.

 

 

Bildnachweise:

Abbildung: Die Sonntagsnamen und ihre Bedeutung für die christliche Lebenspraxis
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Reiner Makohl, Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä: Wegbereiter freudiger Erwartung des Ostergeschehens, in: Stilkunst.de,
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SK Version 28.04.2026