Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä
Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr
MODUL 7/8
Reiner Makohl | Februar 2026
Die Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä werden bis heute häufig als Teil einer vorösterlichen Zeit verstanden, die durch Fasten, Buße und die Ausrichtung auf die Passion Christi geprägt ist. Ihre Namen erscheinen in diesem Zusammenhang als Ausdruck einer abgestuften Annäherung an das Ende der Karwoche.
Doch trifft diese Deutung die historische und liturgische Wirklichkeit dieser Sonntage tatsächlich?
Ist der Sinn dieser Namen im Lauf der Geschichte weitgehend verloren gegangen? Wurden österliche Ansprache, Hoffnung und Freude zunehmend durch Sühne, Fasten und Trauer überlagert? Haben asketische Praxis und Fasten ein Bedürfnis nach Genugtuung vor Gott befördert, statt in der Verkündigung das Hören des Wortes zu eröffnen – und damit die Freude über das Evangelium?
Zu untersuchen ist daher, ob sich hinter den überlieferten Namen ein eigener, heute kaum noch wahrgenommener Sinn verbirgt.
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Geringe Kenntnisse über die Struktur des evangelischen Kirchenjahres erleichtern das Verständnis.

Grafik: Die Sonntagsnamen und ihre Bedeutung für die Osterzeit
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siehe unten.
Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä bezeichnen ineinander verschachtelte Zeiträume, die auf den Zuspruch des Evangeliums von Gründonnerstag bis zum Samstag nach Ostern geordnet sind.
Die Untersuchung der vier Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä ergab, dass sie weder aus einer einheitlichen Zählung hervorgehen noch auf eine durchgehende Deutung als Buß- oder Vorbereitungszeit festgelegt werden können. Jeder dieser Namen verweist auf einen eigenen zeitlichen Bezug und ist auf einen bestimmten liturgischen Zusammenhang hin ausgerichtet.
Für jeden der vier Sonntagsnamen gibt es im Rahmen dieser Studie eine eigenständige Abhandlung, die Ursprünge und Bedeutungen untersucht. Das Navigationsverzeichnis der Studie führt zu diesen Abhandlungen:
Im evangelischen Kirchenkalender tauchen nach der Epiphaniaszeit Sonntage auf, deren Namen kaum noch verständlich sind. Die Studie fragt nach Erklärungen und Sinn.
Erst in der Zusammenschau wird erkennbar, dass diese Bezüge nicht nebeneinander stehen, sondern ineinandergreifen. Die vier Zeiträume bilden keine lineare Abfolge, sondern eine gestufte Ordnung, die sich vom Osterfest her erschließt.
Damit verschiebt sich auch der Blick auf die vorösterliche Zeit insgesamt. Was als einheitliche Phase der Vorbereitung erscheint, erweist sich als differenzierte Struktur mit eigenen Bezugspunkten, die nicht aus späteren Frömmigkeitsformen abzuleiten ist, sondern aus der Ordnung des Kirchenjahres selbst.
Die vier Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä werden häufig als zusammenhängende Reihe wahrgenommen, deren Namen eine abgestufte Ordnung erkennen lassen. Daraus ergibt sich leicht der Eindruck einer einheitlichen Zählung, die sich schrittweise auf einen gemeinsamen Zielpunkt hin bewegt.
Die Untersuchung der einzelnen Sonntage zeigt jedoch ein anderes Bild. Jeder dieser Tage steht in einem eigenen zeitlichen Bezug zum Osterfest. Die Zahlen, die in ihren Namen enthalten sind, lassen sich nicht aus einer durchgehenden Linie erklären, sondern beziehen sich jeweils auf unterschiedliche Endpunkte innerhalb der österlichen Zeit.
Damit gewinnen die Sonntage ein eigenes Profil. Sie markieren jeweils einen eigenständigen Zeitraum und verweisen auf unterschiedliche zeitliche Zusammenhänge, die jeweils für sich bestimmt sind. Ihre Gemeinsamkeit liegt nicht in einer durchgehenden Zählung, sondern darin, dass sie alle auf das Osterfest bezogen sind, jedoch auf unterschiedliche Weise.

Grafik: Die Sonntagsnamen und die verschachtelten Zeitspannen im Kalender
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Die Grafik zeigt die vier ineinander verschachtelten Zeitspannen, die den Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä zugrunde liegen. Die Zeitleiste macht sichtbar, dass weder die 40-tägige Fastenzeit noch die 46-tägige Passionszeit mit einer dieser Zeitspannen deckungsgleich ist.
Die Grafik legt offen, was eine lineare Betrachtung verdeckt: Die vier Zeitspannen, die den Sonntagsnamen zugrunde liegen, sind nicht hintereinandergeschaltet, sondern ineinandergeschachtelt. Jede umschließt die folgende. Septuagesimä bezeichnet den weitesten Rahmen, Quadragesimä den engsten.
Diese Struktur lässt sich nicht als Countdown lesen. Ein Countdown setzt einen gemeinsamen Zielpunkt voraus, auf den alle Glieder der Reihe zulaufen. Hier aber enden die vier Zeitspannen an unterschiedlichen Punkten innerhalb der österlichen Zeit: Septuagesimä, die weiteste Zeitspanne, endet am Samstag nach Ostern. Sexagesimä endet am Mittwoch nach Ostern. Quinquagesimä endet am Ostersonntag, und Quadragesimä endet an Gründonnerstag. Keine dieser Zeitspannen endet an Karsamstag, keine geht vom Aschermittwoch aus.
Ebenso wenig deckt sich eine der vier Zeitspannen mit der 40-tägigen Fastenzeit oder der 46-tägigen Passionszeit. Beide beginnen erst nach Septuagesimä, Sexagesimä und Quinquagesimä und sind damit jüngere Einlagerungen in einen Kalender, dessen Grundstruktur durch die Sonntagsnamen bereits bestimmt war.
Die vier eigenständigen Endpunkte sind keine nachträglichen Konstruktionen. Sie sind liturgische Größen, die im Kirchenjahr einen festen Platz haben und dort eine bestimmte Funktion erfüllen. → 1: Beschreibung der Zeitspannen im Mittelalter
Gründonnerstag, Ostersonntag, der Mittwoch nach Ostern und der Samstag nach Ostern sind nicht austauschbar. Jeder dieser Tage markiert einen eigenen Moment im heilsgeschichtlichen Geschehen der Erlösung durch Christus. Sie strukturieren die österliche Zeit nicht von außen, sondern von innen: es sind Tage, an denen die Kirche das Heilsgeschehen feiert, erinnert und verkündigt.
Die Sonntagsnamen sind auf liturgische Wirklichkeiten bezogen, die die Kirche als tragend empfunden hat, lange bevor die Fastenzeit ihre heutige Gestalt annahm.
Diese Eigenständigkeit der Bezugspunkte ist auch der Grund, warum die spätere Überlagerung durch Fasten- und Passionsdeutungen die ursprüngliche Struktur nicht aufheben, sie aber verdecken konnte. Die Struktur war älter als die Deutung. Sie ist es, die in den Namen noch immer aufbewahrt ist.
Die Zeitspannen sind verschachtelt, nicht gestaffelt. Ihre Ordnung ist konzentrisch, nicht linear. Und ihr gemeinsamer Mittelpunkt ist nicht ein kalendarischer Tag, wie es der Karsamstag als Tag des Endes der Passionszeit geworden ist, sondern das heilsgeschichtliche Ereignis, das Geheimnis der Erlösung (lat.: mysterium paschale, Ostermysterium), das im Osterfest gefeiert wird. → 2: Ostern und das Geheimnis der Erlösung
Die Zählung läuft also nicht auf das Ende der Passionszeit zu, sondern auf Tage, die Hoffnung und Freude ausdrücken: die Gemeinschaft im Abendmahl, die Auferstehung und die Begegnungen mit dem Auferstandenen.
Die Endpunkte liegen nicht in der Zeit des Leidens Christi und des Betrauerns seines irdischen Todes. Das bedeutet: Wer die Sonntagsnamen als Vorbereitung auf den Tod Christi liest, legt ihnen eine Zielrichtung unter, die ihrer Zeitstruktur widerspricht.
Die vier Endpunkte, auf die die Zeitspannen der Sonntagsnamen ausgerichtet sind, haben eines gemeinsam: Sie bezeichnen keine Momente des Verlustes, der Trauer oder des Scheiterns, sondern Momente der Gemeinschaft, der Begegnung und des neuen Lebens. Diese positive Grundbestimmung ist nicht zufällig. Sie gehört zur inneren Logik einer Zeitordnung, die vom Osterfest her gedacht ist.
Gründonnerstag, der Endpunkt von Quadragesimä, ist durch die Feier des Abendmahls bestimmt. In der alten Liturgie ist dieser Tag zugleich der Tag der Wiederaufnahme der Büßer: Wer aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen war, wird an diesem Tag wieder in die Abendmahlsgemeinschaft aufgenommen (Rekonziliation). → 3: Die altkirchliche Bußpraxis
Der Endpunkt von Quadragesimä ist damit kein Tag der Vorbereitung auf den Tod, sondern ein Tag der Lossprechung und der Wiederherstellung von Gemeinschaft sowie der Feier der Gegenwart Christi in der Tischgemeinschaft.
Das Ziel der längsten Fastenzeit ist nicht Karfreitag, ist nicht Ostersonntag, sondern die Gemeinschaft am Tisch des Herrn.
Quinquagesimä endet am Ostersonntag. Dieser Tag ist der Ursprung des christlichen Kirchenjahres überhaupt. Die Auferstehung Christi ist nicht ein Ereignis neben anderen, sondern jenes Ereignis, von dem her die Kirche ihre Zeit ordnet, ihr Bekenntnis formuliert und ihr Leben versteht. Dass Quinquagesimä auf diesen Tag ausgerichtet ist, gibt ihr ein Gewicht, das weit über eine bloße Vorbereitungszeit hinausgeht.
Das Ziel ist jedoch nicht der kalendarische Feiertag und nicht das Ende des Leidens Christi, sondern die Konfrontation des Glaubens mit der Auferstehung, dem Kern des Ostergeheimnisses.
Sexagesimä endet am Mittwoch nach Ostern, in der Mitte der Osterwoche. Die alte Kirche hat diese Woche als ungeteilte Festzeit begangen. → 4: Die Osterwoche als ungeteilte Festzeit
Der Endpunkt liegt damit nicht am Rand, sondern im Zentrum der österlichen Feier.
Das Evangelium dieses Tages (Joh 20,1–18) entfaltet diese Mitte in einer gestuften Bewegung. Am Grab sehen die Jünger die Zeichen und gelangen zum ersten Glauben. In der Begegnung mit Maria von Magdala wird der Auferstandene persönlich erfahrbar: Er ruft sie beim Namen und sendet sie. → 5: Das Evangelium des Ostermittwochs
Der Endpunkt von Sexagesimä bezeichnet damit nicht nur den Beginn des Glaubens, sondern die konkrete Beziehung zum Auferstandenen. Sein Wort schafft Erkenntnis, seine Anrede schafft Gemeinschaft, und seine Sendung führt in das neue Leben. In den Orationen der Osterwoche wird diese Wirklichkeit ausdrücklich als gegenwärtiger Vollzug beschrieben: Christus versöhnt und spricht frei; die Gläubigen werden als neu geborenes Volk in die Einheit von Glauben und Leben gestellt. → 6: Der Vollzug der Erlösung
Die mit Sexagesimä eröffnete Zeit des Hörens auf das Wort (Gleichnis vom Sämann) findet hier ihre Entsprechung. Das gehörte Wort bleibt nicht im Hören stehen, sondern erweist sich im Leben als wirksam und führt in die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen. → 7: Luther über Wort und Wirkung
Septuagesimä endet am Samstag nach Ostern und umgreift damit die gesamte Festwoche. Dieser weiteste Rahmen schließt alle anderen Endpunkte ein. Er weist auf den Abschluss der österlichen Feierzeit hin und damit auf den Übergang in das Leben, das von der Auferstehung her neu bestimmt ist.
Dieser Samstag nach Ostern besaß eine besondere Bedeutung in der frühkirchlichen Taufpraxis. In der Osternacht erhielten die Neugetauften ein weißes Taufgewand, das sie bis Ostersamstag trugen. Mit der Vesper, der Mette am Abend, legten sie dieses Gewand ab. Der Samstag erhielt den Namen Samstag der abzulegenden weißen Gewänder (lat.: „Sabbatum in albis deponendis“), der am Abend in den Sonntag der weißen Gewänder überging. → 8: Der Samstag der abzulegenden weißen Gewänder
Die vier Endpunkte bezeichnen in gestufter Weise dasselbe Grundgeschehen: die Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott, die Überwindung des Todes, die Begegnung mit dem Auferstandenen im gemeinsamen Mahl, den Beginn des neuen Lebens. Sie sind Zielpunkte der Hoffnung, nicht Stationen der Trauer.
Die positiven Bedeutungen der Sonntagsnamen, die sich aus der religiösen Bedeutung jener Tage ergeben, die das Ende der durch sie repräsentierten Zeitspannen darstellen, ist im Lauf der Kirchengeschichte verdeckt worden. Fasten, Buße und die Betrachtung des Leidens Christi traten in den Mittelpunkt. Diese Verschiebung war kein plötzlicher Bruch, sondern ein allmählicher Prozess mit mehreren Ursachen.
Einen ersten Ansatzpunkt bildet die Ausweitung der Fastenpraxis auf vierzig Fastentage vor Ostern. Die Quadragesima („die vierzig [Tage des Fastens]“) wurde als zentrale Vorbereitungszeit auf Ostern verstanden. → 9: Die Entwicklung zu 40 Tagen Fastenzeit
Die Wochen vor Ostern wurden der Askese, der Buße, dem Fasten und der Abstinenz gewidmet, nicht der Ausrichtung auf österlich freudige Ereignisse. → 10: Fastentage ohne und mit Abstinenz
Ein zweiter Faktor ist die wachsende Bedeutung der Passionsbetrachtung in der mittelalterlichen Frömmigkeit. Das Mitgehen mit Christus auf dem Weg zum Kreuz wurde zu einem weiteren Schwerpunkt individueller Ostervorbereitung.
Frömmigkeitsformen, die allen Aspekten gerecht werden wollten, ebneten die ursprüngliche Unterscheidung zwischen Bußzeit, Fastenzeit und Passionszeit zunehmend ein.
Dabei ist festzuhalten, dass diese Unterscheidung zunächst tief verankert war. Die Passionszeit begann schon im Hochmittelalter erst am Sonntag Judika, dem fünften Fastensonntag, und umfasste damit nur die letzten zwei Wochen vor Ostern. → 111: Beginn der Passionszeit an Judika in der Reformationszeit
Die Passionszeit als Teil der Fastenzeit ist kalendarisch auszumachen in Datierungen, wie sie in historischen Urkunden belegt sind. → 12: Der kalendarische Sonntag der Passion des Herrn
Die Abgrenzung der Passionszeit von der Fastenzeit ist auch rituell durch die Praxis der Kreuzverhüllung und hermeneutisch in Perikopenordnungen nachweisbar. Sie ist Erbe einer vorreformatorischen, lateinischen Tradition. → 13: Der Brauch der Kreuzverhüllung
Ein dritter Faktor ist die Verknüpfung von Fasten und Genugtuung. Wo Fasten als Leistung vor Gott verstanden wird, entsteht ein Deutungsrahmen, in dem die vorösterliche Zeit nur noch als Zeit der Sühne erscheint. Dieses Verständnis widerspricht der Logik des göttlichen Zuspruchs, der am Ende der einzelnen Zeitspannen als Teil des Ostermysteriums steht: Der Mensch wird aus Gnade vor Gott gerecht.
So konnte eine Zeitstruktur, die vom Osterfest her geordnet ist und auf Gnade, Hoffnung und Freude zielt, in eine Zeit der Sühne, des Fastens und der Trauer umgedeutet werden. Die Namen blieben, aber ihr innerer Sinn wurde durch eine andere Frömmigkeitslogik überlagert.
Fasten und Passionsbetrachtung blieben nicht nebeneinander stehen, sondern verbanden sich zu einem neuen Deutungsrahmen: Der Mensch bereitet sich auf Ostern vor, indem er leidet, verzichtet und Gott durch seine Enthaltsamkeit entgegenkommt. Askese wird zur Form der Annäherung an Gott.
Diese Verschiebung betrifft die theologische Grundstruktur. Wo der Zuspruch Gottes am Ende der Zeitspannen steht, ist die Bewegung von Gott zum Menschen gerichtet: Gott gibt Gemeinschaft, Vergebung, neues Leben. Werden Askese und Genugtuung in den Mittelpunkt gestellt, kehrt sich diese Bewegung um: Der Mensch bringt etwas auf, um vor Gott zu bestehen. Die vorösterliche Zeit wird zur Zeit der Vorleistung.
Diese Umkehrung hat eine Geschichte. Die scholastische Satisfaktionslehre, die Anselm von Canterbury im 11. Jahrhundert systematisch entfaltete, gab ihr einen theologischen Rahmen. → 14: Satisfaktionslehre
Die Genugtuung oder Sühne (lat.: satisfactio), ursprünglich ein Begriff aus dem Bußsakrament, wurde zur Kategorie, mit der das Verhältnis des Menschen zu Gott insgesamt beschrieben wurde. In diesem Rahmen konnte Fasten als Beitrag zur Satisfaktion verstanden werden, als Weg, die durch Sünde gestörte Ordnung wiederherzustellen. → 15: Fasten als dreifache geistliche Praxis
Damit verschob sich die Deutung der Sonntagsnamen mit der theologisch begründeten Frömmigkeitslogik, die vom Beitrag des Menschen her denkt. Die Endpunkte der Zeitspannen verschmelzen im Karsamstag, dem Ende des vorösterlichen Fastens und der Askese als Sühneleistung im Anblick des leidenden Gottes.
Die reformatorische Kritik setzte genau hier an. Luther wandte sich nicht gegen das Fasten als solches, sondern gegen die Deutung des Fastens als verdienstliche Leistung. → 16: Die unzulässige Begründung des Quadragesimafastens
Kritisiert wird die starke Betonung der Übung, denn was zählt, ist der Zuspruch, die Zusage der Gnade, die der Mensch im Glauben empfängt. Die vorösterliche Zeit gewinnt ihr Gewicht nicht durch das, was der Mensch tut, sondern durch das, worauf sie ausgerichtet ist.
Die Verschiebung betrifft das Verhältnis des Menschen zum Wort grundlegend. Wenn Askese und Genugtuung in den Mittelpunkt treten, tritt das Hören zurück. Der Mensch arbeitet an sich selbst – nicht selten grausam und schonungslos! –, um die Beziehung zu Gott zu korrigieren und zu vertiefen, statt etwas demütig im Hören auf das Wort zu empfangen. Die vorösterliche Zeit wird von einer Zeit des Hörens zu einer Zeit des Ableistens.
Die reformatorische Theologie hat diese Verschiebung beim Namen genannt. Der Glaube kommt vom Hören, (lat.:) fides ex auditu, so benennt Paulus in
Röm 10,17 die Quelle des Glaubens. Glauben entsteht allein durch die Verkündigung des Wortes. Das Wort schafft, was es zusagt. Der Mensch empfängt, was ihm zugesprochen wird.
Diese
Wortbindung des Glaubens hat unmittelbare Konsequenzen für das Verständnis der vorösterlichen Zeit. Wenn die Sonntagsnamen auf Endpunkte ausgerichtet sind, die Gaben bezeichnen, dann ist die Zeit, die auf diese Endpunkte zuläuft, eine Zeit der Vorbereitung auf das Hören, nicht eine Zeit, die körperliche und geistige religiöse Übungen verlangt für Genugtuung durch Sühne, Askese und Fasten. Die Gottesdienste der Vorbereitungszeit sind Orte der Verkündigung, an denen das Wort die Gemeinde auf den Zuspruch des Osterevangeliums hin ausrichtet.
Damit gewinnt auch die Perikopenordnung ein neues Gewicht. Die Schriftlesungen von Invokavit bis Laetare, die Versuchung und Nachfolge zum Thema haben, sind keine Anleitungen zur asketischen Übung, sondern Verkündigung: Sie zeigen, wer Christus ist und was er für den Menschen getan hat. Sie bereiten das Hören vor, nicht das Leisten.
Die Sonntagsnamen fügen sich in diese Linie ein. Sie bezeichnen Zeiträume, in denen die Gemeinde auf den Zuspruch Gottes hin versammelt wird. Ihr Sinn erschließt sich aus dem, worauf diese Zeit ausgerichtet ist: auf Lossprechung und Gemeinschaft, auf Auferstehung und neues Leben, auf das Geheimnis der Erlösung.
Die Ergebnisse lassen sich nun bündeln: Die vier Sonntagsnamen bezeichnen keine Stationen einer Bußleistung, sondern Zeiträume, die auf den Zuspruch des Evangeliums hin geordnet sind. Ihre Struktur ist nicht asketisch, sondern kerygmatisch: Sie bereiten das Hören vor, nicht das Leisten.
Diese Ordnung ist konzentrisch, nicht linear. Die vier Zeitspannen umschließen einander und weisen gemeinsam auf das Osterfest hin. Die Annäherung an Ostern ist eine Annäherung an den Zuspruch, nicht an ein Gericht.
Die Frage, ob österliche Ansprache, Hoffnung und Freude durch Sühne, Fasten und Trauer überlagert wurden, lässt sich jetzt beantworten: Ja, und die Überlagerung hat eine theologische Ursache. Sie liegt im Übergang von einer Zeitordnung, die vom Zuspruch Gottes her gedacht ist, zu einer Frömmigkeitslogik, die vom Beitrag des Menschen her denkt.
Die Sonntagsnamen selbst sind von dieser Verschiebung unberührt geblieben. Sie tragen in ihrer Struktur noch immer die ursprüngliche Ordnung: vier ineinandergeschachtelte Zeiträume, ausgerichtet auf Endpunkte, die Gaben bezeichnen. Wer diese Namen historisch ernst nimmt, entdeckt in ihnen eine Sprache der Hoffnung, die älter ist als die Frömmigkeitslogik, die sie überlagert hat.
Obwohl die alten Sonntagsnamen in der evangelischen gemeindlichen Praxis zunehmend unsichtbar werden, öffnet sich von hier aus der Blick auf die Frage, was diese Ordnung für das Kirchenjahr und die christliche Lebenspraxis bedeutet.

Die alten Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä stehen für die freudige Erwartung dessen, was Gott gibt.
Evangelische Frömmigkeit in der vorösterlichen Zeit gründet in dem, was der Mensch empfängt. Sie ist Hören, Empfangen, Weitergeben. Sie ist damit eine Zeit freudiger Erwartung dessen, was Gott gibt. Die alten Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä bezeichnen ineinandergeschachtelte Zeiträume, die genau darauf hin geordnet sind: auf die Erwartung des Zuspruchs in den freudigen Tagen des Osterfestes.
Ist die Abfolge der Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä ein Countdown auf Ostern hin? Eine Analyse.
Die Abfolge der Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä wird häufig als einheitlicher Countdown auf Ostern verstanden. Diese Deutung erscheint plausibel, stimmt jedoch weder mit den tatsächlichen Abständen noch mit den Zielpunkten der Zählungen überein. Das Modul analysiert die Struktur der Namen und zeigt, dass ihnen eigenständige Rückwärtszählungen zugrunde liegen.
Im evangelischen Kirchenkalender tauchen nach der Epiphaniaszeit Sonntage auf, deren Namen kaum noch verständlich sind. Die Studie fragt nach Erklärungen und Sinn.
Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr.
Die Übersicht zeigt alle Module.
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Abbildung: Die Sonntagsnamen und ihre Bedeutung für die Osterzeit
Abbildung: Die Sonntagsnamen und die verschachtelten Zeitspannen im Kalender,
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Reiner Makohl, Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä., in: Stilkunst.de,
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