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Die Sonntagsnamen
Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä

Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr

Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä

 

Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr

MODUL 1/8

Evangelisch gedacht
wortgebundene Klärungen zwischen Brauch, Bibel und Gegenwart

Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä

Alte Namen im Kalender

Auf der Su­che nach Ur­sprung und Sinn der Na­men

 

Reiner Makohl | Februar 2026

 

Worum es hier geht

 

Was mei­nen die Sonn­tags­na­men Sep­tu­a­ge­si­mä und Se­xa­ge­si­mä? In den evan­ge­li­schen Ka­len­dern ste­hen sie für den 3. und für den 2. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit. 1: Die Sonn­ta­ge der Vor­pas­si­ons­zeit und der Pas­si­ons­zeit

Kaum je­mand kann die­se Na­men heu­te noch schlüs­sig er­klä­ren. Das Evan­ge­li­sche Got­tes­dienst­buch bie­tet ei­ne nur schwer ver­ständ­li­che Er­klä­rung. Eben­so das Pe­ri­ko­pen­buch, das ei­ne Deu­tung vor­legt, die kaum plau­si­bel er­scheint. 2: Ak­tu­el­le Er­klä­run­gen der Na­men

Sep­tu­a­ge­si­mä wird dort als un­ge­fäh­re Run­dung er­klärt: Im 6. Jahr­hun­dert soll ei­ne „Vor­fas­ten­zeit“ ein­ge­führt wor­den sein. „Sie be­gann mit dem heu­ti­gen Sonn­tag, der et­wa 70 Ta­ge vor Os­tern liegt, da­her stammt der la­tei­ni­sche Na­me ‚Sep­tu­a­ge­si­mä‘ (der Sieb­zigs­te). Der nach­fol­gen­de Sonn­tag heißt dem­entspre­chend ‚Se­xa­ge­si­ma‘ (der Sech­zigs­te).“ 3: »Vor­fas­ten­zeit« als Deu­tungs­ka­te­go­rie

Doch kann das stim­men? Wer nach­rech­net, wird fest­stel­len, dass es von Sep­tu­a­ge­si­mä bis Os­ter­sonn­tag nur 63 Ta­ge sind. Und wie­so be­trägt nach ei­ner Wo­che die Dif­fe­renz im Na­men 10, al­so „der Sech­zigs­te“ statt 7, al­so „der Drei­und­sech­zigs­te“ oder – ge­nau­er! – „der Sechs­und­fünf­zigs­te“? Konn­ten die Kir­chen­vä­ter nicht rech­nen? Oder ga­ben sie sich mit un­ge­fäh­ren An­ga­ben völ­lig zu­frie­den? Da­bei ist be­kannt, dass ih­nen die ge­naue Be­rech­nung von Ka­len­der­da­ten sehr wich­tig war. War das al­so Ab­sicht, und ver­barg sich ein sehr ein­fa­cher, ein­leuch­ten­der Grund da­hin­ter? 4: Com­pu­tis­ti­sche Prä­zi­si­on

Auch Na­men hat­ten ei­nen Sinn. So las­sen sich die vor­ös­ter­li­chen Sonn­tags­na­men Es­to­mi­hi, In­vo­ka­vit, Re­mi­nis­ze­re, Oku­li, Lä­ta­re, Ju­di­ka und Palm­sonn­tag al­le schlüs­sig er­klä­ren. Wo­ran schei­tert es bei Sep­tu­a­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä und Quin­qua­ge­si­mä? Und was meint Qua­dra­ge­si­mä? Wel­cher Sinn liegt hin­ter die­sen Na­men tat­säch­lich?

Lässt sich die ge­läu­fi­ge Er­klä­rung, die sich auf „Vor­fas­ten­zeit“ und sym­bo­li­sche Run­dun­gen stützt, tat­säch­lich hin­rei­chend be­grün­den? Geht es bei al­len vier Na­men über­haupt um Ab­stän­de zum Os­ter­sonn­tag?

Was wä­re, wenn ei­ne nä­he­re Un­ter­su­chung zu ganz an­de­ren Er­geb­nis­sen führt? Und wenn: zu wel­chen?

Ich möch­te Sie auf die­ser Su­che nach dem Sinn mit­neh­men auf ei­ne Rei­se in die Ver­gan­gen­heit, de­ren Er­be sich bis in die Li­tur­gik der Ge­gen­wart zieht.

Le­gen wir los!

 

📖 Le­se­zeit oh­ne Fuß­no­ten: ca. 7 Mi­nu­ten, mit Stu­di­um der Fuß­no­ten ca. 14 Mi­nu­ten.
Ge­rin­ge Kennt­nis­se über die Struk­tur des evan­ge­li­schen Kir­chen­jah­res er­leich­tern das Ver­ständ­nis.

 
Die Sonntagsnamen und ihre Bedeutung für die Osterzeit

Grafik: Die Sonntagsnamen und ihre Bedeutung für die Osterzeit
Bildnachweis: → siehe unten.

 

Die Or­di­nal­zah­len in den Sonn­tags­na­men Sep­tu­a­ge­si­mä und Se­xa­ge­si­mä ha­ben ei­nen ka­len­da­risch-li­tur­gi­schen Sinn, der heu­te von Er­klä­run­gen über­deckt wird, die sie als sym­bo­li­sche Run­dungs­wer­te für ih­ren Ab­stand vom Os­ter­sonn­tag ver­ste­hen, was sich in den Na­men Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä fort­setzt.

 

1. Gän­gi­ge Deu­tung und ih­re Vor­aus­set­zun­gen

Run­dun­gen und Sym­bo­lik als Prä­mis­sen der Deu­tung
 

Die Or­di­nal­zah­len, die in den Sonn­tags­na­men Sep­tu­a­ge­si­mä und Se­xa­ge­si­mä ent­hal­ten sind, wer­den in den ge­gen­wär­ti­gen kirch­li­chen Er­klä­run­gen nicht als ex­ak­te Wer­te ver­stan­den. Grund­la­ge ist die An­nah­me, dass sich die­se Sonn­ta­ge aus­schließ­lich auf den Os­ter­sonn­tag be­zie­hen und vom Kar­sams­tag als des­sen vor­ös­ter­li­chem End­punkt her rück­wärts zäh­lend be­stimmt wer­den. Da­mit sind In­ter­pre­ta­tio­nen der Sonn­tags­na­men an ei­ne als Prä­mis­se ge­setz­te Be­deu­tung ge­bun­den, die kaum noch hin­ter­fragt wird.

Die Or­di­nal­zah­len be­schrei­ben den Ab­stand des je­wei­li­gen Sonn­tags vom Os­ter­fest. Sep­tu­a­ge­si­mä, was „der sieb­zigs­te [Tag]“ be­deu­tet, liegt je­doch nur 63 Ta­ge vor Os­tern. Die Dif­fe­renz wird da­durch auf­ge­fan­gen, dass die Zahl nicht als ex­ak­ter Wert, son­dern als an­ge­näher­te An­ga­be, als Run­dung oder als sym­bo­li­scher Wert ver­stan­den wird. Das Pro­blem wird da­mit nicht ge­löst, son­dern in die Her­kunft der Zahl ver­la­gert und als von An­fang an ge­setzt be­han­delt.

Zur Be­grün­dung die­ser Deu­tung wird kon­kret auf das 6. Jahr­hun­dert ver­wie­sen: In Rom ha­be man der Fas­ten­zeit ei­ne „Vor­fas­ten­zeit“ vor­an­ge­stellt; auch gal­li­scher Ein­fluss wird an­ge­führt. 3: »Vor­fas­ten­zeit« als Deu­tungs­ka­te­go­rie

Da­ne­ben wird die Zeit vor Ascher­mitt­woch als „Vor­fas­ten­zeit“ be­schrie­ben, die der ei­gent­li­chen vier­zig­tä­gi­gen Fas­ten­zeit vor­aus­geht. Bei­de Deu­tun­gen ste­hen ne­ben­ein­an­der und grei­fen in­ein­an­der. Die ei­ne ver­steht die Zah­len als An­nä­he­rung an Os­tern, die an­de­re als Aus­wei­tung der vor­ös­ter­li­chen Fas­ten­ord­nung über de­ren ei­gent­li­chen Be­ginn hin­aus.

Die Dif­fe­renz zwi­schen der Zahl im Na­men und dem tat­säch­li­chen Ab­stand bleibt be­ste­hen. Der ab­wei­chen­de Wert wird als Run­dung ver­stan­den, die als Aus­gangs­punkt je­der wei­te­ren Deu­tung vor­aus­ge­setzt wird.

Die Auf­ga­be be­steht dar­in, sich frei von den Deu­tun­gen spä­te­rer Über­lie­fe­rungs­schich­ten auf die Su­che nach dem ur­sprüng­li­chen Sinn der Sonn­tags­na­men zu ma­chen – und ihn frei­zu­le­gen.

 

 

2. Of­fe­ne Punk­te der Deu­tung

Vor­aus­set­zun­gen, Brü­che und An­nah­men
 

Die drei Deu­tungs­ebe­nen – Ab­stand zum Os­ter­fest, ab­sicht­li­che Run­dung und Fas­ten­zeit – er­klä­ren den Be­fund nur teil­wei­se.

Die zu­grun­de lie­gen­de An­nah­me, die Or­di­nal­zah­len ziel­ten li­tur­gisch auf den Os­ter­sonn­tag, wird nicht be­legt.

Die Deu­tung der Or­di­nal­zah­len als ab­sicht­li­che Run­dung er­gibt sich erst aus der An­nah­me, die Sonn­ta­ge be­zö­gen sich auf den Kar­sams­tag und sei­en als Ta­ge vor Os­tern zu zäh­len. Sie er­klärt den Be­fund nicht, son­dern setzt ei­ne be­stimm­te Zähl­wei­se be­reits vor­aus.

Der Ver­weis auf his­to­ri­sche Fas­ten­bräu­che in den Wo­chen vor Ascher­mitt­woch bleibt un­be­stimmt. In den äl­te­ren Mess­ord­nun­gen er­schei­nen die Sonn­ta­ge die­ser Zeit le­dig­lich als ein­zel­ne Sonn­ta­ge. Für sie exis­tie­ren un­ter den Na­men Sep­tu­a­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä und Quin­qua­ge­si­mä ei­ge­ne Mess­for­mu­la­re; für die Wo­chen­ta­ge die­ser Zeit feh­len ent­spre­chen­de Be­le­ge. Ein Nach­weis, dass die­se Zeit­span­ne als zu­sam­men­hän­gen­der Ab­schnitt ei­ne ei­ge­ne Deu­tung er­fah­ren hat, liegt nicht vor. 5: Die Vor­fas­ten­zeit im Ge­la­si­a­num

Da­mit bleibt of­fen, wor­auf sich die Or­di­nal­zah­len tat­säch­lich be­zie­hen und nach wel­cher Lo­gik sie ge­bil­det sind. Dies ist zu klä­ren.

 

 

3. An­satz zur Klä­rung

Zeit­räu­me, Be­zugs­punk­te und ka­len­da­ri­sche Ord­nung
 

Die Zah­len las­sen sich auch an­ders le­sen: als An­ga­ben zu tat­säch­lich be­stimm­ten Zeit­räu­men.

Dann wä­ren sie kei­ne an­ge­näher­ten Wer­te, son­dern Be­zeich­nun­gen für Zeit­span­nen mit fest­lie­gen­den Start- und End­punk­ten.

Ent­schei­dend ist dann nicht mehr ei­ne an­ge­nom­me­ne An­nä­he­rung an Os­tern, son­dern wel­che Ta­ge im Ka­len­der als Ziel­punk­te in Be­tracht kom­men.

Die Ziel­punk­te wer­den aus­ein­an­der­fal­len und die Fra­ge auf­wer­fen, wel­cher Sinn da­mit ver­bun­den ist. Das wird Aus­wir­kun­gen auf die Zeit­räu­me selbst ha­ben.

Zu fra­gen wird sein: Lässt sich ein Sinn re­kon­stru­ie­ren, wie­der­ent­de­cken oder neu­ent­de­cken? Was da­von wird ir­ri­tie­ren? Was wird sich im Sin­ne ei­ner Wort­bin­dung in der Pra­xis als wert­voll er­wei­sen? Wo steckt der Nut­zen für das exis­ten­ti­el­le Da­sein ei­nes Chris­ten?

Die Klä­rung von Ur­sprung und Sinn der Na­men ver­langt, die Vor­aus­set­zun­gen der gän­gi­gen Deu­tun­gen ab­zu­strei­fen.

 

 

4. Die of­fe­ne Fra­ge

 

Da­mit ste­hen zwei Deu­tungs­fo­li­en be­reit: Zum ei­nen die Fo­lie, in der die Or­di­nal­zah­len der Sonn­tags­na­men als an­ge­näher­te Ab­stän­de zum Os­ter­sonn­tag ver­stan­den wer­den. Zum an­de­ren die Fo­lie, in der die­sel­ben Zah­len Zeit­span­nen be­zeich­nen, de­ren Län­ge den an­ge­ge­be­nen Wer­ten ent­spricht.

Wie ver­hal­ten sich die­se bei­den Fo­li­en zu­ein­an­der? Gibt es Über­lap­pun­gen, Di­ver­gen­zen? Er­gän­zen sie sich oder schlie­ßen sie sich aus?

Bei­de Fo­li­en be­tref­fen zu­gleich die Dar­stel­lung der vor­ös­ter­li­chen Zeit.

In der ers­ten Fo­lie ist in den evan­ge­li­schen Kir­chen die Vor­pas­si­ons­zeit und die Pas­si­ons­zeit klar ge­zeich­net. Doch die Pas­si­ons­zeit nimmt zu­neh­mend die Farb­ge­bung ei­ner Fas­ten­zeit an. Die Er­klä­run­gen zu Sep­tu­a­ge­si­mä, Se­xa­ge­si­mä und Quin­qua­ge­si­mä mit­hil­fe des Be­griffs „Vor­fas­ten­zeit“ sind sche­men­haft in der Fo­lie er­kenn­bar.

Die zwei­te Fo­lie weist an glei­cher Stel­le noch wei­ßen Raum auf. Wie wird die­ser Raum zu fül­len sein?

Das hängt da­von ab, wel­cher Sinn sich aus den Sonn­tags­na­men er­gibt und wel­cher Sinn den Sonn­ta­gen da­mit zu­kommt. Da­von wer­den die „Far­ben“ im wei­ßen Raum der vor­ös­ter­li­chen Zeit ab­hän­gen – und die Be­deu­tung der ge­sam­ten Fo­lie für den Men­schen.

Die of­fe­ne Fra­ge lau­tet da­her:

Was wird sich am En­de der Su­che nach Ur­sprung und Sinn der Sonn­tags­na­men of­fen­ba­ren?

 

 

Wie es weiter gehen kann

 

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Der Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­mä

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→ Der Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­mä

Der Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­mä er­öff­net tra­di­tio­nell die Vor­pas­si­ons­zeit. Sein Na­me be­zeich­net ei­ne ge­naue Zäh­lung bis zum Sams­tag vor Qua­si­mo­do­ge­ni­ti.

Der Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­mä ge­hört zur Vor­pas­si­ons­zeit und wird häu­fig als Teil ei­ner sym­bo­li­schen Zah­len­rei­he ver­stan­den. Tat­säch­lich be­zeich­net sein Na­me ei­ne prä­zi­se Rück­wärts­zäh­lung mit ei­ge­nem Ziel­punkt in­ner­halb der Os­ter­wo­che. Das Mo­dul re­kon­stru­iert die­se Zähl­wei­se und zeigt, war­um ver­brei­te­te Deu­tun­gen die ka­len­da­ri­sche Struk­tur ver­feh­len.

 

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→Vier merkwürdige Namen

Im evan­ge­li­schen Kir­chen­ka­len­der tau­chen nach der Epi­pha­nias­zeit Sonn­ta­ge auf, de­ren Na­men kaum noch ver­ständ­lich sind. Die Stu­die fragt nach Er­klä­run­gen und Sinn.

Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr.
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Reiner Makohl, Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und QuadragesimäSinn der alten Namen im Kalender., in: Stilkunst.de,
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