Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä
Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr
MODUL 6/9
Reiner Makohl | Februar 2026
Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä bilden eine scheinbar geschlossene Zehnerfolge: 70, 60, 50, 40. In der liturgiewissenschaftlichen Literatur wird dies häufig als rückwärts auf Ostern zulaufender Countdown gedeutet.
Die entsprechenden Erklärungen nehmen dabei meist die vierzigtägige Fastenzeit zum Ausgangspunkt, von der her auch die Zahlen 50, 60 und 70 interpretiert werden, oft im Zusammenhang mit historischen Fastenregeln.
Die Sonntage folgen im realen Kalender jedoch im Abstand von jeweils sieben Tagen aufeinander. Die Zehnerstruktur kann daher keine fortlaufende Annäherung an ein gemeinsames Ziel darstellen. Die Zahlenwerte stimmen weder mit den tatsächlichen Tagesabständen zum Ostersonntag überein noch beziehen sie sich auf einen einheitlichen Zielpunkt.
Ist die Vorstellung einer geschlossenen Countdown-Reihe also tragfähig? Wirkt sich die Präsenz der kirchlichen Fastenzeit auf die Deutung der Sonntagsnamen aus? Oder steht hinter jedem Namen eine eigenständige, rechnerisch präzise Rückwärtszählung mit jeweils eigenem Zielpunkt innerhalb der Kar- und Osterzeit?
📖Lesezeit ohne Fußnoten: ca. 15 Minuten, mit Studium der Fußnoten ca. 25 Minuten.
Geringe Kenntnisse über die Struktur des evangelischen Kirchenjahres erleichtern das Verständnis.

Grafik: Die vorösterlichen Sonntage als Countdown zum Ostersonntag?
Bildnachweis:
siehe unten.
Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä bezeichnen jeweils eigenständige Rückwärtszählungen mit unterschiedlichen Zielpunkten innerhalb der Karwoche und der Osterzeit.
In der liturgiewissenschaftlichen Darstellung wird die Zahlenfolge der Sonntage häufig vom Begriff Quadragesima her gedeutet, der kirchenlateinischen Bezeichnung für eine vierzigtägige Fastenzeit.
Dabei wird vorausgesetzt, dass der Name des ersten Sonntags der Passionszeit als „Quadragesimä“ („der vierzigste [Tag]“) die vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern eröffnet oder bezeichnet, deren Ende am Karsamstag gesehen wird.
Von dieser Vierzigzahl her werden dann auch die vorausgehenden Sonntage als fünfzig, sechzig und siebenzig Tage vor Ostern verstanden. → 1: Dekadeninterpretation in der Liturgiewissenschaft
Diese Deutung besitzt auf den ersten Blick eine gewisse Plausibilität. Sie erklärt die Zehnerstruktur der Namen als abgestufte Annäherung an das Osterfest. Alle vier Sonntage – Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä – laufen auf den gemeinsamen letzten Tag des Fastens zu, auf Karsamstag.
Fraglich bleibt jedoch, ob diese Erklärung der tatsächlichen Zählwirklichkeit entspricht.
In den vorhergehenden Modulen 2 bis 5 zu den Sonntagsnamen
Septuagesimä,
Sexagesimä,
Quinquagesimä und
Quadragesimä wurde die Logik der Zählweisen und die Weite der zugehörigen Zeitspannen mit ihren Anfangs- und Endpunkten bereits erläutert. Die Zusammenschau ergibt dieses Bild:
Die Zielpunkte sind verschieden.
Ein Countdown im eigentlichen Sinn setzt einen gemeinsamen Endpunkt voraus. Eine lineare Rückwärtszählung auf Ostern liegt daher nicht vor.
Hinzu kommt: Die tatsächlichen Abstände der Sonntage zum Ostersonntag betragen 63, 56, 49 und 42 Tage. Die Zahlenwerte der Namen entsprechen diesen Abständen nicht.
Überblick:
| Sonntag | Name bedeutet | Tatsächlicher Abstand zu Ostern | Historischer Zielpunkt der Zählung (Abstand + 1 Tag) |
| Septuagesimä | 70. (der siebzigste [Tag]) | 63 Tage | Samstag nach Ostern |
| Sexagesimä | 60. (der sechzigste [Tag]) | 56 Tage | Mittwoch der Osterwoche |
| Quinquagesimä | 50. (der fünfzigste [Tag]) | 49 Tage | Ostersonntag |
| Quadragesimä | 40. (der vierzigste [Tag]) | 42 Tage | Gründonnerstag |
Soll die Dekadeninterpretation dennoch aufrechterhalten werden, so kann dies nur durch die Annahme bewusster Rundungen geschehen, die immer wieder vertreten wird. → 3: Populärliturgische Zusammenfassungen
Eine solche Rundungsannahme passt nicht zur überlieferten mittelalterlichen Kalenderpraxis. Die Sonntagsnamen entstammen der komputistischen Tradition, nicht bloß der liturgischen Überlieferung. Wer in dieser Tradition Zahlenwerte vergab, rechnete präzise. Bewusste Rundungen auf Zehnerwerte wären in diesem Rahmen ohne Analogie. → 4: Computistische Präzision
Die liturgischen Deutungen der Zahlenwerte sind in der Überlieferung reich bezeugt. In den Modulen 2 bis 5 wird für jeden Sonntag nachgewiesen, dass die Zahl kalendarisch bereits gesetzt war, bevor jede theologische Auslegung einsetzte.[↗ Verweis auf Module 2–5]
Jacobus de Voragine entfaltet für jeden der vier Sonntage symbolische und heilsgeschichtliche Bezüge: die siebzig Jahre des babylonischen Exils für
Septuagesimä, die sechzig Tage des Mose auf dem Sinai (oder die Sechs als Schöpfungszahl, multipliziert mit den zehn Geboten) für
Sexagesimä, das alttestamentliche Jubeljahr für
Quinquagesimä und die vierzig Jahre der Wüstenwanderung für
Quadragesimä. Diese Deutungen sind theologisch in sich stimmig. Sie erklären jedoch nicht die Entstehung der Namen.
Jacobus und die ihm folgende Tradition deuten eine vorgefundene Struktur; sie beschreiben nicht ihre Entstehung. Die Struktur stand vor der Deutung.
Wer aus diesen Deutungen schließt, die Zahlenwerte seien von vornherein symbolisch und daher arithmetisch unverbindlich gemeint gewesen, verwechselt Überformung mit Ursprung.
Eine bewusste Rundung auf Zehnerwerte ist für die mittelalterliche liturgische Zeitrechnung nicht nachweisbar. Die Annahme bleibt hypothetisch.
Die Dekadeninterpretation ist daher nicht haltbar. Weder die tatsächlichen Tagesabstände noch die mittelalterliche Zählpraxis geben Anlass, die Zahlen als Rundungen zu verstehen.
Eine Countdown-Struktur ist den Namen der Sonntage tatsächlich eingeschrieben. Sie gilt jedoch nicht für alle vier Sonntage gemeinsam, sondern jeweils eigenständig, mit unterschiedlichen Zielpunkten.
Obwohl die Sonntage im Wochenabstand aufeinander folgen, bündeln sie die liturgische Bewegung auf die zentralen Ereignisse und deren liturgische Feier zwischen Gründonnerstag und dem Abschluss der Osterwoche. In diesem Zeitraum verdichten sich Abendmahl, Passion, Kreuzigung, Grablegung, Triduum Sacrum, Triduum Paschale, Auferstehung und Osterwoche. → 5: Begriffserklärungen
Die Struktur erweist sich als konzeptionell durchdacht und liturgisch präzise. Sie zeigt eine Kalenderarithmetik, die weder zufällig noch approximativ arbeitet, sondern bewusst gestaltet ist.
Die Perikopenordnung im deutschsprachigen Raum verstärkt den Eindruck einer linearen Positionszählung.
Seit der Neuordnung der gottesdienstlichen Texte und Lieder (Kirchenjahr 2018/2019) werden zusätzlich ein „5.“ und ein „4. Sonntag vor der Passionszeit“ geführt. → 6: Kalendarische Sonntagsfolge
Septuagesimä und Sexagesimä erscheinen primär als „3.“ und „2. Sonntag vor der Passionszeit“, Estomihi (Quinquagesimä) als „Sonntag vor der Passionszeit“, und Invokavit (Quadragesimä) als „1. Sonntag der Passionszeit“.
Damit tritt die historische Dekadenbezeichnung hinter eine rückwärts nummerierte Positionsfolge zurück. Diese Systematik folgt einer in sich geschlossenen linearen Ordnungslogik und ersetzt die ursprünglichen, jeweils eigenständigen Rückwärtszählungen durch ein einheitliches Annäherungsmodell auf Ostern hin.
Die geschachtelte Architektur der vier Zeitspannen ist im gegenwärtigen liturgischen Gebrauch wie auch in der praktischen und wissenschaftlichen Diskussion nicht mehr erkennbar.
Der Übergang zur Positionszählung folgt einer eigenen Logik. Bezeichnungen wie Estomihi und Invokavit sind ebenso wenig selbsterklärend wie Septuagesimä und Sexagesimä. Sie benennen die Anfangsworte des jeweiligen Introitus-Verses und setzen liturgisches Vorwissen voraus. Aber sie stellen keine Zahlenwerte auf, die erklärt werden müssen.
Quinquagesimä und Quadragesimä sind im evangelischen Gebrauch praktisch verschwunden; Septuagesimä und Sexagesimä gelten weithin als Relikte eines unverstandenen Erbes. Die schlichte Positionszählung „3. Sonntag vor der Passionszeit“, „2. Sonntag vor der Passionszeit“ befreit von diesem Erklärungsnotstand. Sie ist orientierend, einheitlich und ohne Vorwissen lesbar.
Was sie nicht leistet: Der Name sagt nicht mehr, was gezählt wird, er sagt nur noch, wo ein Sonntag in einer Reihe steht. Sie ersetzt präzise Zeitbezeichnungen durch relationale Positionsangaben.
Reformatorische Theologie nimmt Begriffe ernst. Namen sind nicht dekoratives Traditionsgut, sondern bezeichnen eine Sache. Wo ein Sonntag „der Siebzigste“, „der Sechzigste“, „der Fünfzigste“ oder „der Vierzigste“ heißt, ist zuerst zu klären, was damit tatsächlich gezählt wird, bevor symbolische oder vereinfachende, sachlich nicht begründete Deutungen greifen.
Die Untersuchung der vier altkirchlichen Sonntagsnamen zeigt, dass ihre Bezeichnungen nicht aus einer unscharfen Annäherung an Ostern hervorgegangen sind. Sie beruhen auf konkreten Rückwärtszählungen mit jeweils eigenem Zielpunkt. Wird diese Struktur durch ein lineares Countdown-Modell ersetzt, verändert sich nicht nur die Erklärung, sondern der Gegenstand selbst. Aus einer präzisen Zeitarchitektur wird ein ungefähres Vorbereitungsschema.
Evangelische Liturgie ist nicht an Zahlenspekulation interessiert. Sie ist jedoch der sachlichen Wahrheit verpflichtet. Wo die Überlieferung eine präzise Zeitarchitektur erkennen lässt, darf sie nicht durch eingängige Vereinfachungen nivelliert werden. Liturgische Ordnung ist kein Spielraum für Plausibilitäten, sondern Teil kirchlicher Verbindlichkeit.
Die Frage nach der Bedeutung der Sonntagsnamen ist daher keine antiquarische Randfrage. Sie berührt den Umgang mit Tradition insgesamt. Wird eine historisch nachweisbare Struktur zugunsten eines plausibleren Modells umgedeutet, verschiebt sich das Verständnis von Liturgie selbst.
Reformatorische Redlichkeit bedeutet hier: prüfen, unterscheiden, benennen. Nicht Bewahrung um der Form willen, sondern Klärung um der Sache willen.
Die Analyse zeigt: Die Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä (Estomihi) und Quadragesimä (Invokavit) bilden zwar eine namentliche Dekadenfolge, jedoch keinen auf ein gemeinsames Ziel ausgerichteten Countdown.
Die herkömmliche Deutung als grobe Annäherung an Ostern unterschätzt die rechnerische Präzision der mittelalterlichen Kalenderarithmetik. Tatsächlich erweisen sich die Zahlenwerte 70, 60, 50 und 40 nicht als Rundungen, sondern als Bezeichnungen für vier jeweils eigenständige Rückwärtszählungen mit unterschiedlichen Bezugspunkten.
Das scheinbare Spannungsverhältnis zwischen Zehnerbenennung und siebentägigem Sonntagsrhythmus erklärt sich aus diesen unterschiedlichen Zielpunkten innerhalb der Kar- und Osterwoche. Dadurch entsteht eine ineinander verschachtelte Struktur von Zeiträumen: Der sechzigtägige Zeitraum von Sexagesimä bis zum Mittwoch der Osterwoche liegt vollständig innerhalb des siebzigtägigen Zeitraums von Septuagesimä bis zum Samstag nach Ostern. Der fünfzigtägige Zeitraum ist seinerseits im sechzigtägigen eingeschlossen, und der vierzigtägige vollständig im fünfzigtägigen.
Die vier Sonntage markieren damit keine lineare Annäherung an ein einziges Ziel, sondern konzentrische Zeitspannen mit jeweils eigener Reichweite.
Die heutige Praxis, diese Sonntage primär als rückwärts nummerierte Folge (3., 2., 1. Sonntag vor der Passionszeit und 1. Sonntag der Passionszeit) zu führen, erleichtert zwar die Orientierung im Kirchenjahr, verschiebt jedoch den Blick von den jeweils eigenständigen Rückwärtszählungen auf eine scheinbar geschlossene lineare Reihenfolge und verdeckt damit die ursprüngliche, präzise differenzierte Zeitarchitektur dieser Wochen.
Es existiert eine historisch nachweisbare Zählarchitektur, die in der gegenwärtigen Deutung weder eigens wahrgenommen noch systematisch diskutiert wird.
Der Drang, im Karsamstag einen gemeinsamen Endpunkt zu finden, führt dazu, die vier Sonntage als Schritte einer einzigen Zeitlinie zu deuten. Doch jeder Sonntag eröffnet eine eigene Zeitlinie mit eigenem Endpunkt. Von jedem Sonntag aus läuft ein eigenständiger Countdown, nicht auf Karsamstag, sondern auf den ihm zugehörigen Zielpunkt innerhalb der Kar- und Osterwoche.

Verbirgt sich hinter den Namen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä ein eigener, heute nicht mehr erkennbarer Sinn?
Die Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä werden bis heute häufig als Teil einer vorösterlichen Zeit verstanden, die durch Fasten, Buße und die Ausrichtung auf die Passion Christi geprägt ist. Ihre Namen erscheinen in diesem Zusammenhang als Ausdruck einer abgestuften Annäherung an das Ende der Karwoche. Doch trifft diese Deutung die historische und liturgische Wirklichkeit dieser Sonntage tatsächlich?
Der Sonntag Quadragesimä (Invokavit) eröffnet die eigentliche Passionszeit. Sein Name bezeichnet keine symbolische Fastenzahl, sondern eine genaue Zählung bis zum Gründonnerstag.
Im evangelischen Kirchenkalender tauchen nach der Epiphaniaszeit Sonntage auf, deren Namen kaum noch verständlich sind. Die Studie fragt nach Erklärungen und Sinn.
Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr.
Die Übersicht zeigt alle Module.
Bildnachweis:
Abbildung: Die vorösterlichen Sonntage als Countdown zum Ostersonntag?
Grafik: Reiner Makohl
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Reiner Makohl, Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Dekadenstruktur oder Countdown?, in: Stilkunst.de,
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