Dekadenstruktur oder Countdown?

Zur Deutung der Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä

Eigenständige Zählungen statt linearer Annäherung

Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä

 

Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr

MODUL 6/9

Evangelisch gedacht
wortgebundene Klärungen zwischen Brauch, Bibel und Gegenwart

Dekadenstruktur oder Countdown?

Zur Deutung der Sonntage Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä als rückwärts laufende Reihe

 

Eigenständige Zählungen statt linearer Annäherung

 

Reiner Makohl | Februar 2026

 

Worum es hier geht

 

Die Sonn­tags­na­men Sep­tu­a­ge­si­mä, Sex­a­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä bil­den eine schein­bar ge­schlos­se­ne Zeh­ner­fol­ge: 70, 60, 50, 40. In der li­tur­gie­wis­sen­schaft­li­chen Li­te­ra­tur wird dies häu­fig als rück­wärts auf Os­tern zu­lau­fen­der Count­down ge­deu­tet.

Die ent­spre­chen­den Er­klä­run­gen neh­men da­bei meist die vier­zig­tä­gi­ge Fas­ten­zeit zum Aus­gangs­punkt, von der her auch die Zah­len 50, 60 und 70 in­ter­pre­tiert wer­den, oft im Zu­sam­men­hang mit his­to­ri­schen Fas­ten­re­geln.

Die Sonn­ta­ge fol­gen im rea­len Ka­len­der je­doch im Ab­stand von je­weils sie­ben Ta­gen auf­ein­an­der. Die Zeh­ner­struk­tur kann da­her kei­ne fort­lau­fen­de An­nä­he­rung an ein ge­mein­sa­mes Ziel dar­stel­len. Die Zah­len­wer­te stim­men we­der mit den tat­säch­li­chen Ta­ges­ab­stän­den zum Os­ter­sonn­tag über­ein noch be­zie­hen sie sich auf ei­nen ein­heit­li­chen Ziel­punkt.

Ist die Vor­stel­lung ei­ner ge­schlos­se­nen Count­down-Rei­he al­so trag­fä­hig? Wirkt sich die Prä­senz der kirch­li­chen Fas­ten­zeit auf die Deu­tung der Sonn­tags­na­men aus? Oder steht hin­ter je­dem Na­men ei­ne ei­gen­stän­di­ge, rech­ne­risch prä­zi­se Rück­wärts­zäh­lung mit je­weils ei­ge­nem Ziel­punkt in­ner­halb der Kar- und Os­ter­zeit?

 

📖Le­se­zeit oh­ne Fuß­no­ten: ca. 15 Mi­nu­ten, mit Stu­di­um der Fuß­no­ten ca. 25 Mi­nu­ten.
Ge­rin­ge Kennt­nis­se über die Struk­tur des evan­ge­li­schen Kir­chen­jah­res er­leich­tern das Ver­ständ­nis.

 
Die vorösterlichen Sonntage als Countdown zum Ostersonntag?

Grafik: Die vorösterlichen Sonntage als Countdown zum Ostersonntag?
Bildnachweis: → siehe unten.

 

Die Sonn­tags­na­men Sep­tu­a­ge­si­mä, Sex­a­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä be­zeich­nen je­weils ei­gen­stän­di­ge Rück­wärts­zäh­lun­gen mit un­ter­schied­li­chen Ziel­punk­ten in­ner­halb der Kar­wo­che und der Os­ter­zeit.

 

Einleitung

Die ver­brei­te­te De­ka­den­in­ter­pre­ta­ti­on
 

In der li­tur­gie­wis­sen­schaft­li­chen Dar­stel­lung wird die Zah­len­fol­ge der Sonn­ta­ge häu­fig vom Be­griff Qua­dra­ge­si­ma her ge­deu­tet, der kir­chen­la­tei­ni­schen Be­zeich­nung für ei­ne vier­zig­tä­gi­ge Fas­ten­zeit.

Da­bei wird vor­aus­ge­setzt, dass der Na­me des ers­ten Sonn­tags der Pas­si­ons­zeit als „Qua­dra­ge­si­mä“ („der vier­zigs­te [Tag]“) die vier­zig­tä­gi­ge Fas­ten­zeit vor Os­tern er­öff­net oder be­zeich­net, de­ren En­de am Kar­sams­tag ge­se­hen wird.

Von die­ser Vier­zig­zahl her wer­den dann auch die vor­aus­ge­hen­den Sonn­ta­ge als fünf­zig, sech­zig und sie­ben­zig Ta­ge vor Os­tern ver­stan­den. 1: De­ka­den­in­ter­pre­ta­ti­on in der Li­tur­gie­wis­sen­schaft

Die­se Deu­tung be­sitzt auf den ers­ten Blick ei­ne ge­wis­se Plau­si­bi­li­tät. Sie er­klärt die Zeh­ner­struk­tur der Na­men als ab­ge­stuf­te An­nä­he­rung an das Os­ter­fest. Al­le vier Sonn­ta­ge – Sep­tu­a­ge­si­mä, Sex­a­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä – lau­fen auf den ge­mein­sa­men letz­ten Tag des Fas­tens zu, auf Kar­sams­tag.

Frag­lich bleibt je­doch, ob die­se Er­klä­rung der tat­säch­li­chen Zähl­wirk­lich­keit ent­spricht.

 

 

Die Sonn­tags­na­men im Wan­del ih­rer Deu­tun­gen

 

1. Die ka­len­da­ri­sche Rea­li­tät

Un­ter­schied­li­che Ziel­punk­te und rea­le Ta­ges­ab­stän­de
 

In den vor­her­ge­hen­den Mo­du­len 2 bis 5 zu den Sonn­tags­na­men → Sep­tu­a­ge­si­mä, → Sex­a­ge­si­mä, → Quin­qua­ge­si­mä und → Qua­dra­ge­si­mä wur­de die Lo­gik der Zähl­wei­sen und die Wei­te der zu­ge­hö­ri­gen Zeit­span­nen mit ih­ren An­fangs- und End­punk­ten be­reits er­läu­tert. Die Zu­sam­men­schau er­gibt die­ses Bild:

  • Sep­tu­a­ge­si­mä ist in die­ser Zähl­ord­nung der sieb­zigs­te Tag, rück­wärts ge­zählt ab dem Sams­tag der Os­ter­wo­che (Tag 1). Die zu­ge­hö­ri­ge Zeit­span­ne um­fasst sieb­zig Ta­ge und reicht vom Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­mä bis zum Sams­tag vor Qua­si­mo­do­ge­ni­ti. 2: In­klu­siv­zäh­lung
  • Sex­a­ge­si­mä ist der sech­zigs­te Tag, rück­wärts ge­zählt ab dem Mitt­woch der Os­ter­wo­che (Tag 1). Die ent­spre­chen­de Zeit­span­ne en­det am Mitt­woch der Os­ter­wo­che.
  • Quin­qua­ge­si­mä ist der fünf­zigs­te Tag, rück­wärts ge­zählt ab dem Os­ter­sonn­tag (Tag 1). Die ent­spre­chen­de Zeit­span­ne en­det am Os­ter­sonn­tag.
  • Qua­dra­ge­si­mä ist der vier­zigs­te Tag, rück­wärts ge­zählt ab dem Grün­don­ners­tag (Tag 1). Die ent­spre­chen­de Zeit­span­ne en­det am Grün­don­ners­tag.

Die Ziel­punk­te sind ver­schie­den.

Ein Count­down im ei­gent­li­chen Sinn setzt ei­nen ge­mein­sa­men End­punkt vor­aus. Ei­ne li­nea­re Rück­wärts­zäh­lung auf Os­tern liegt da­her nicht vor.

Hin­zu kommt: Die tat­säch­li­chen Ab­stän­de der Sonn­ta­ge zum Os­ter­sonn­tag be­tra­gen 63, 56, 49 und 42 Ta­ge. Die Zah­len­wer­te der Na­men ent­spre­chen die­sen Ab­stän­den nicht.

Über­blick:

Sonn­tag Na­me be­deu­tet Tat­säch­li­cher Ab­stand zu Os­tern His­to­ri­scher Ziel­punkt der Zäh­lung
(Ab­stand + 1 Tag)
Sep­tu­a­ge­si­mä 70.
(der sieb­zigs­te [Tag])
63 Ta­ge Sams­tag nach Os­tern
Sex­a­ge­si­mä 60.
(der sech­zigs­te [Tag])
56 Ta­ge Mitt­woch der Os­ter­wo­che
Quin­qua­ge­si­mä 50.
(der fünf­zigs­te [Tag])
49 Ta­ge Os­ter­sonn­tag
Qua­dra­ge­si­mä 40.
(der vier­zigs­te [Tag])
42 Ta­ge Grün­don­ners­tag

 

Soll die De­ka­den­in­ter­pre­ta­ti­on den­noch auf­recht­er­hal­ten wer­den, so kann dies nur durch die An­nah­me be­wuss­ter Run­dun­gen ge­sche­hen, die im­mer wie­der ver­tre­ten wird. 3: Po­pu­lär­li­tur­gi­sche Zu­sam­men­fas­sun­gen

 

 

2. Zur Fra­ge der Run­dung

Mit­tel­al­ter­li­che Ka­len­der­arith­me­tik und Prä­zi­si­on
 

Ei­ne sol­che Run­dungs­an­nah­me passt nicht zur über­lie­fer­ten mit­tel­al­ter­li­chen Ka­len­der­pra­xis. Die Sonn­tags­na­men ent­stam­men der kom­pu­tis­ti­schen Tra­di­ti­on, nicht bloß der li­tur­gi­schen Über­lie­fe­rung. Wer in die­ser Tra­di­ti­on Zah­len­wer­te ver­gab, rech­ne­te prä­zi­se. Be­wuss­te Run­dun­gen auf Zeh­ner­wer­te wä­ren in die­sem Rah­men oh­ne Ana­lo­gie. 4: Com­pu­tis­ti­sche Prä­zi­si­on

Die li­tur­gi­schen Deu­tun­gen der Zah­len­wer­te sind in der Über­lie­fe­rung reich be­zeugt. In den Mo­du­len 2 bis 5 wird für je­den Sonn­tag nach­ge­wie­sen, dass die Zahl ka­len­da­risch be­reits ge­setzt war, be­vor je­de theo­lo­gi­sche Aus­le­gung ein­setz­te.[↗ Ver­weis auf Mo­du­le 2–5]

Ja­co­bus de Vo­ra­gi­ne ent­fal­tet für je­den der vier Sonn­ta­ge sym­bo­li­sche und heils­ge­schicht­li­che Be­zü­ge: die sieb­zig Jah­re des ba­by­lo­ni­schen Exils für → Sep­tu­a­ge­si­mä, die sech­zig Ta­ge des Mo­se auf dem Si­nai (oder die Sechs als Schöp­fungs­zahl, mul­ti­pli­ziert mit den zehn Ge­bo­ten) für → Sex­a­ge­si­mä, das alt­tes­ta­ment­li­che Ju­bel­jahr für → Quin­qua­ge­si­mä und die vier­zig Jah­re der Wüs­ten­wan­de­rung für → Qua­dra­ge­si­mä. Die­se Deu­tun­gen sind theo­lo­gisch in sich stim­mig. Sie er­klä­ren je­doch nicht die Ent­ste­hung der Na­men.

Ja­co­bus und die ihm fol­gen­de Tra­di­ti­on deu­ten ei­ne vor­ge­fun­de­ne Struk­tur; sie be­schrei­ben nicht ih­re Ent­ste­hung. Die Struk­tur stand vor der Deu­tung.

Wer aus die­sen Deu­tun­gen schließt, die Zah­len­wer­te sei­en von vorn­her­ein sym­bo­lisch und da­her arith­me­tisch un­ver­bind­lich ge­meint ge­we­sen, ver­wech­selt Über­for­mung mit Ur­sprung.

Ei­ne be­wuss­te Run­dung auf Zeh­ner­wer­te ist für die mit­tel­al­ter­li­che li­tur­gi­sche Zeit­rech­nung nicht nach­weis­bar. Die An­nah­me bleibt hy­po­the­tisch.

Die De­ka­den­in­ter­pre­ta­ti­on ist da­her nicht halt­bar. We­der die tat­säch­li­chen Ta­ges­ab­stän­de noch die mit­tel­al­ter­li­che Zähl­pra­xis ge­ben An­lass, die Zah­len als Run­dun­gen zu ver­ste­hen.

 

 

3. Die in­ne­re Lo­gik der De­ka­den­fol­ge

Mehr­fa­che Count­down-Struk­tu­ren mit ei­ge­nen Be­zugs­punk­ten
 

Ei­ne Count­down-Struk­tur ist den Na­men der Sonn­ta­ge tat­säch­lich ein­ge­schrie­ben. Sie gilt je­doch nicht für al­le vier Sonn­ta­ge ge­mein­sam, son­dern je­weils ei­gen­stän­dig, mit un­ter­schied­li­chen Ziel­punk­ten.

  • Sep­tu­a­ge­si­mä, „der Sieb­zigs­te“
    Ziel­punkt: Sams­tag der Os­ter­wo­che (Tag 1).
    Sep­tu­a­ge­si­mä ist Tag 70 die­ser in­klu­si­ven Rück­wärts­zäh­lung. Die zu­ge­hö­ri­ge Zeit­span­ne reicht vom Sonn­tag Sep­tu­a­ge­si­mä bis zum Sams­tag der Os­ter­wo­che.
    Ka­len­der-Count­down bis zum Sams­tag der Os­ter­wo­che.
  • Sex­a­ge­si­mä, „der Sech­zigs­te“
    Ziel­punkt: Mitt­woch der Os­ter­wo­che (Tag 1).
    Sex­a­ge­si­mä ist Tag 60. Die zu­ge­hö­ri­ge Zeit­span­ne reicht vom Sonn­tag Sex­a­ge­si­mä bis zum Mitt­woch der Os­ter­wo­che.
    Ka­len­der-Count­down bis zum Mitt­woch der Os­ter­wo­che.
  • Quin­qua­ge­si­mä, „der Fünf­zigs­te“
    Ziel­punkt: Os­ter­sonn­tag (Tag 1).
    Quin­qua­ge­si­mä ist Tag 50. Die zu­ge­hö­ri­ge Zeit­span­ne reicht vom Sonn­tag Quin­qua­ge­si­mä bis zum Os­ter­sonn­tag.
    Ka­len­der-Count­down bis zum Os­ter­sonn­tag.
  • Qua­dra­ge­si­mä, „der Vier­zigs­te“
    Ziel­punkt: Grün­don­ners­tag (Tag 1).
    Qua­dra­ge­si­mä ist Tag 40. Die zu­ge­hö­ri­ge Zeit­span­ne reicht vom Sonn­tag Qua­dra­ge­si­mä bis zum Grün­don­ners­tag.
    Ka­len­der-Count­down bis zum Grün­don­ners­tag.

 

Ob­wohl die Sonn­ta­ge im Wo­chen­ab­stand auf­ein­an­der fol­gen, bün­deln sie die li­tur­gi­sche Be­we­gung auf die zen­tra­len Er­eig­nis­se und de­ren li­tur­gi­sche Fei­er zwi­schen Grün­don­ners­tag und dem Ab­schluss der Os­ter­wo­che. In die­sem Zeit­raum ver­dich­ten sich Abend­mahl, Pas­si­on, Kreu­zi­gung, Grab­le­gung, Tri­du­um Sacrum, Tri­du­um Pas­cha­le, Auf­er­ste­hung und Os­ter­wo­che. 5: Be­griffs­er­klä­run­gen

Die Struk­tur er­weist sich als kon­zep­tio­nell durch­dacht und li­tur­gisch prä­zi­se. Sie zeigt ei­ne Ka­len­der­arith­me­tik, die we­der zu­fäl­lig noch ap­pro­xi­ma­tiv ar­bei­tet, son­dern be­wusst ge­stal­tet ist.

 

 

4. Ge­gen­wär­ti­ge Sys­tem­ver­schie­bung

Po­si­ti­ons­zäh­lung in der neu­en Pe­ri­ko­pen­ord­nung
 

Die Pe­ri­ko­pen­ord­nung im deutsch­spra­chi­gen Raum ver­stärkt den Ein­druck ei­ner li­nea­ren Po­si­ti­ons­zäh­lung.

Seit der Neu­ord­nung der got­tes­dienst­li­chen Tex­te und Lie­der (Kir­chen­jahr 2018/2019) wer­den zu­sätz­lich ein „5.“ und ein „4. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit“ ge­führt. 6: Ka­len­da­ri­sche Sonn­tags­fol­ge

Sep­tu­a­ge­si­mä und Sex­a­ge­si­mä er­schei­nen pri­mär als „3.“ und „2. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit“, Es­to­mi­hi (Quin­qua­ge­si­mä) als „Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit“, und In­vo­ka­vit (Qua­dra­ge­si­mä) als „1. Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit“.

Da­mit tritt die his­to­ri­sche De­ka­den­be­zeich­nung hin­ter ei­ne rück­wärts num­me­rier­te Po­si­ti­ons­fol­ge zu­rück. Die­se Sys­te­ma­tik folgt ei­ner in sich ge­schlos­se­nen li­nea­ren Ord­nungs­lo­gik und er­setzt die ur­sprüng­li­chen, je­weils ei­gen­stän­di­gen Rück­wärts­zäh­lun­gen durch ein ein­heit­li­ches An­nä­he­rungs­mo­dell auf Os­tern hin.

Die ge­schach­tel­te Ar­chi­tek­tur der vier Zeit­span­nen ist im ge­gen­wär­ti­gen li­tur­gi­schen Ge­brauch wie auch in der prak­ti­schen und wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­si­on nicht mehr er­kenn­bar.

Der Über­gang zur Po­si­ti­ons­zäh­lung folgt ei­ner ei­ge­nen Lo­gik. Be­zeich­nun­gen wie Es­to­mi­hi und In­vo­ka­vit sind eben­so we­nig selbst­er­klä­rend wie Sep­tu­a­ge­si­mä und Sex­a­ge­si­mä. Sie be­nen­nen die An­fangs­wor­te des je­wei­li­gen In­troi­tus-Ver­ses und set­zen li­tur­gi­sches Vor­wis­sen vor­aus. Aber sie stel­len kei­ne Zah­len­wer­te auf, die er­klärt wer­den müs­sen.

Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä sind im evan­ge­li­schen Ge­brauch prak­tisch ver­schwun­den; Sep­tu­a­ge­si­mä und Sex­a­ge­si­mä gel­ten weit­hin als Re­lik­te ei­nes un­ver­stan­de­nen Er­bes. Die schlich­te Po­si­ti­ons­zäh­lung „3. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit“, „2. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit“ be­freit von die­sem Er­klä­rungs­not­stand. Sie ist ori­en­tie­rend, ein­heit­lich und oh­ne Vor­wis­sen les­bar.

Was sie nicht leis­tet: Der Na­me sagt nicht mehr, was ge­zählt wird, er sagt nur noch, wo ein Sonn­tag in ei­ner Rei­he steht. Sie er­setzt prä­zi­se Zeit­be­zeich­nun­gen durch re­la­tio­na­le Po­si­ti­ons­an­ga­ben.

 

 

5. Evan­ge­li­sche Per­spek­ti­ve

Wort­bin­dung und li­tur­gi­sche Red­lich­keit
 

Re­for­ma­to­ri­sche Theo­lo­gie nimmt Be­grif­fe ernst. Na­men sind nicht de­ko­ra­ti­ves Tra­di­ti­ons­gut, son­dern be­zeich­nen ei­ne Sa­che. Wo ein Sonn­tag „der Sieb­zigs­te“, „der Sech­zigs­te“, „der Fünf­zigs­te“ oder „der Vier­zigs­te“ heißt, ist zu­erst zu klä­ren, was da­mit tat­säch­lich ge­zählt wird, be­vor sym­bo­li­sche oder ver­ein­fa­chen­de, sach­lich nicht be­grün­de­te Deu­tun­gen grei­fen.

Die Un­ter­su­chung der vier alt­kirch­li­chen Sonn­tags­na­men zeigt, dass ih­re Be­zeich­nun­gen nicht aus ei­ner un­schar­fen An­nä­he­rung an Os­tern her­vor­ge­gan­gen sind. Sie be­ru­hen auf kon­kre­ten Rück­wärts­zäh­lun­gen mit je­weils ei­ge­nem Ziel­punkt. Wird die­se Struk­tur durch ein li­nea­res Count­down-Mo­dell er­setzt, ver­än­dert sich nicht nur die Er­klä­rung, son­dern der Ge­gen­stand selbst. Aus ei­ner prä­zi­sen Zeit­ar­chi­tek­tur wird ein un­ge­fäh­res Vor­be­rei­tungs­sche­ma.

Evan­ge­li­sche Li­tur­gie ist nicht an Zah­len­spe­ku­la­ti­on in­ter­es­siert. Sie ist je­doch der sach­li­chen Wahr­heit ver­pflich­tet. Wo die Über­lie­fe­rung ei­ne prä­zi­se Zeit­ar­chi­tek­tur er­ken­nen lässt, darf sie nicht durch ein­gän­gi­ge Ver­ein­fa­chun­gen ni­vel­liert wer­den. Li­tur­gi­sche Ord­nung ist kein Spiel­raum für Plau­si­bi­li­tä­ten, son­dern Teil kirch­li­cher Ver­bind­lich­keit.

Die Fra­ge nach der Be­deu­tung der Sonn­tags­na­men ist da­her kei­ne an­ti­qua­ri­sche Rand­fra­ge. Sie be­rührt den Um­gang mit Tra­di­ti­on ins­ge­samt. Wird ei­ne his­to­risch nach­weis­ba­re Struk­tur zu­guns­ten ei­nes plau­si­ble­ren Mo­dells um­ge­deu­tet, ver­schiebt sich das Ver­ständ­nis von Li­tur­gie selbst.

Re­for­ma­to­ri­sche Red­lich­keit be­deu­tet hier: prü­fen, un­ter­schei­den, be­nen­nen. Nicht Be­wah­rung um der Form wil­len, son­dern Klä­rung um der Sa­che wil­len.

 

 

Zwi­schen­fa­zit

De­ka­den­fol­ge oh­ne ein­heit­li­chen Count­down
 

Die Ana­ly­se zeigt: Die Sonn­ta­ge Sep­tu­a­ge­si­mä, Sex­a­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä (Es­to­mi­hi) und Qua­dra­ge­si­mä (In­vo­ka­vit) bil­den zwar ei­ne na­ment­li­che De­ka­den­fol­ge, je­doch kei­nen auf ein ge­mein­sa­mes Ziel aus­ge­rich­te­ten Count­down.

Die her­kömm­li­che Deu­tung als gro­be An­nä­he­rung an Os­tern un­ter­schätzt die rech­ne­ri­sche Prä­zi­si­on der mit­tel­al­ter­li­chen Ka­len­der­arith­me­tik. Tat­säch­lich er­wei­sen sich die Zah­len­wer­te 70, 60, 50 und 40 nicht als Run­dun­gen, son­dern als Be­zeich­nun­gen für vier je­weils ei­gen­stän­di­ge Rück­wärts­zäh­lun­gen mit un­ter­schied­li­chen Be­zugs­punk­ten.

Das schein­ba­re Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen Zeh­ner­be­nen­nung und sie­ben­tä­gi­gem Sonn­tags­rhyth­mus er­klärt sich aus die­sen un­ter­schied­li­chen Ziel­punk­ten in­ner­halb der Kar- und Os­ter­wo­che. Da­durch ent­steht ei­ne in­ein­an­der ver­schach­tel­te Struk­tur von Zeit­räu­men: Der sech­zig­tä­gi­ge Zeit­raum von Sex­a­ge­si­mä bis zum Mitt­woch der Os­ter­wo­che liegt voll­stän­dig in­ner­halb des sieb­zig­tä­gi­gen Zeit­raums von Sep­tu­a­ge­si­mä bis zum Sams­tag nach Os­tern. Der fünf­zig­tä­gi­ge Zeit­raum ist sei­ner­seits im sech­zig­tä­gi­gen ein­ge­schlos­sen, und der vier­zig­tä­gi­ge voll­stän­dig im fünf­zig­tä­gi­gen.

Die vier Sonn­ta­ge mar­kie­ren da­mit kei­ne li­nea­re An­nä­he­rung an ein ein­zi­ges Ziel, son­dern kon­zen­tri­sche Zeit­span­nen mit je­weils ei­ge­ner Reich­wei­te.

Die heu­ti­ge Pra­xis, die­se Sonn­ta­ge pri­mär als rück­wärts num­me­rier­te Fol­ge (3., 2., 1. Sonn­tag vor der Pas­si­ons­zeit und 1. Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit) zu füh­ren, er­leich­tert zwar die Ori­en­tie­rung im Kir­chen­jahr, ver­schiebt je­doch den Blick von den je­weils ei­gen­stän­di­gen Rück­wärts­zäh­lun­gen auf ei­ne schein­bar ge­schlos­se­ne li­nea­re Rei­hen­fol­ge und ver­deckt da­mit die ur­sprüng­li­che, prä­zi­se dif­fe­ren­zier­te Zeit­ar­chi­tek­tur die­ser Wo­chen.

Es exis­tiert ei­ne his­to­risch nach­weis­ba­re Zähl­ar­chi­tek­tur, die in der ge­gen­wär­ti­gen Deu­tung we­der ei­gens wahr­ge­nom­men noch sys­te­ma­tisch dis­ku­tiert wird.

Der Drang, im Kar­sams­tag ei­nen ge­mein­sa­men End­punkt zu fin­den, führt da­zu, die vier Sonn­ta­ge als Schrit­te ei­ner ein­zi­gen Zeit­li­nie zu deu­ten. Doch je­der Sonn­tag er­öff­net ei­ne ei­ge­ne Zeit­li­nie mit ei­ge­nem End­punkt. Von je­dem Sonn­tag aus läuft ein ei­gen­stän­di­ger Count­down, nicht auf Kar­sams­tag, son­dern auf den ihm zu­ge­hö­ri­gen Ziel­punkt in­ner­halb der Kar- und Os­ter­wo­che.

 

 

Wie es wei­ter­ge­hen kann

 

Verweis Mo­dul 7

Der verlorene Sinn der Sonntagsnamen

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Theo­lo­gi­sche Stu­di­en

Verweis Der verlorene Sinn

Ver­birgt sich hin­ter den Na­men Sep­tua­ge­si­mä, Sex­a­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä ein ei­ge­ner, heu­te nicht mehr er­kenn­ba­rer Sinn?

Die Sonn­ta­ge Sep­tua­ge­si­mä, Sex­a­ge­si­mä, Quin­qua­ge­si­mä und Qua­dra­ge­si­mä wer­den bis heu­te häu­fig als Teil ei­ner vor­ös­ter­li­chen Zeit ver­stan­den, die durch Fas­ten, Buße und die Aus­rich­tung auf die Pas­si­on Chris­ti ge­prägt ist. Ih­re Na­men er­schei­nen in die­sem Zu­sam­men­hang als Aus­druck ei­ner ab­ge­stuf­ten An­nä­he­rung an das En­de der Kar­wo­che. Doch trifft die­se Deu­tung die his­to­ri­sche und li­tur­gi­sche Wirk­lich­keit die­ser Sonn­ta­ge tat­säch­lich?

 
 

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Der Sonn­tag Qua­dra­ge­si­mä (In­vo­ka­vit)

Der Sonn­tag Qua­dra­ge­si­mä (In­vo­ka­vit) er­öff­net die ei­gent­li­che Pas­si­ons­zeit. Sein Na­me be­zeich­net kei­ne sym­bo­li­sche Fas­ten­zahl, son­dern ei­ne ge­naue Zäh­lung bis zum Grün­don­ners­tag.

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Theo­lo­gi­sche Stu­di­en

→Vier merkwürdige Namen

Im evan­ge­li­schen Kir­chen­ka­len­der tau­chen nach der Epi­pha­nias­zeit Sonn­ta­ge auf, de­ren Na­men kaum noch ver­ständ­lich sind. Die Stu­die fragt nach Er­klä­run­gen und Sinn.

Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Herkunft und Sinn im liturgischen Jahr.
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Bildnachweis:
Abbildung: Die vorösterlichen Sonntage als Countdown zum Ostersonntag?
Grafik: Reiner Makohl
Copyright: ©2026 by Reiner Makohl, geschütztes Bildmaterial

Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Beispiel:
Reiner Makohl, Die Sonntagsnamen Septuagesimä, Sexagesimä, Quinquagesimä und Quadragesimä - Dekadenstruktur oder Countdown?, in: Stilkunst.de,
abgerufen unter:
(abgerufen am )

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