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Reiner Makohl | Juli 2026
Erstveröffentlichung: 2.7.2026
Vergebung durch Menschen und Vergebung durch Gott.
Anhang A
Diese kleine Abhandlung ist entstanden aus einer Randnotiz zu meinem Aufsatz »Vergebung durch Menschen und Vergebung durch Gott.«
Für den Aufsatz ist sie als »Anhang A« Begleitmaterial zum Kapitel 5.
Der Aufsatz wird für das Verständnis nicht vorausgesetzt.
Zu finden ist er hier:
Vergebung ist für viele Christen in der Glaubenspraxis nicht leicht zu verstehen. Wer vergibt Sünden und Vergehen? Was sagt Jesus? Was steht im Vaterunser?
Das Gebetswort Jesu in Lk 23,34a – »Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun« – gehört zu den umstrittenen Sätzen der Passionsgeschichte. Es fehlt in einigen wichtigen Handschriften und wird deshalb in der neutestamentlichen Textkritik häufig als später Zusatz beurteilt. Andere Textzeugen überliefern es. Zu klären ist, welche Textgestalt den ursprünglichen Wortlaut des Lukasevangeliums bewahrt.
Es stellen sich drei Fragen: Welche Aussagekraft besitzen die Handschriften, die das Gebetswort auslassen? Welches Gewicht hat Irenäus von Lyon, der die Vergebungsbitte bereits im ausgehenden 2. Jahrhundert ausdrücklich als Wort Jesu am Kreuz bezeugt? Und was geschieht theologisch, wenn der Satz aus der Passionsgeschichte verschwindet?
Mit dem Gebetswort erscheint Jesus als Opfer und Fürsprecher seiner Täter. Er bittet den Vater um Vergebung. Die Auslassung verändert die Darstellung des Kreuzes an einer entscheidenden Stelle und berührt das Verhältnis zwischen dem bittenden Jesus und dem vergebenden Christus.
Die Untersuchung verbindet deshalb äußere und innere Textkritik mit der Frage nach der theologischen Wirkung beider Textgestalten.
📖 Lesezeit: ca. 15 Minuten.
Grundkenntnisse in biblischer Exegese und Textkritik können das Verständnis erleichtern, werden jedoch nicht vorausgesetzt.

Grafik: Vater, vergib Ihnen! Sie wissen nicht, was sie tun!
Bildnachweis:
siehe unten.
Zwei Textgestalten – zwei Darstellungen des Kreuzes
Die Kreuzigungsszene des Lukasevangeliums enthält ein Gebet Jesu, das sein Sterben mit der Bitte um Vergebung für seine Täter verbindet und dessen Wortlaut in der Textüberlieferung umstritten ist:
ὁ δὲ Ἰησοῦς ἔλεγεν· πάτερ, ἄφες αὐτοῖς, οὐ γὰρ οἴδασιν τί ποιοῦσιν
(ho de Iēsous elegen; pater, aphes autois, ou gar oidasin ti poiousin)
„Jesus aber sagte: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“
(Lk 23,34a; eigene Übersetzung)
Der Satz steht im Novum Testamentum Graece in doppelten eckigen Klammern. Die Herausgeber beurteilen ihn somit als sehr alt, rechnen ihn jedoch nicht zum ursprünglichen Text des Lukasevangeliums. [
Q1]
Die Entscheidung berührt mehr als eine einzelne Textvariante. Mit dem Gebetswort handelt Jesus am Kreuz als Opfer und Fürsprecher seiner Täter. Er bittet den Vater um Vergebung für Menschen, die ihn kreuzigen. Ohne den Satz entfällt diese Handlung. Beide Textgestalten erzählen an dieser Stelle etwas theologisch Verschiedenes.
Die Frage lautet daher nicht nur, welche Handschriften den Satz enthalten oder auslassen. Zu prüfen ist, welche Textgestalt die Entstehung der jeweils anderen überzeugender erklärt.
Frühe Bezeugung entscheidet noch nicht über Ursprünglichkeit
Mehrere bedeutende griechische Handschriften bieten die Kreuzigungsszene ohne das Gebetswort Jesu. Dazu gehören 𝔓75, der Codex Vaticanus, die erste Hand des Codex Bezae, der Codex Washingtonianus und der Codex Koridethi. Andere griechische Handschriften und frühe Übersetzungen enthalten den Satz. [
Q1]
Dieser Befund ist ernst zu nehmen. Die kürzere Fassung ist früh bezeugt. Ihre frühe Bezeugung entscheidet jedoch noch nicht über den ursprünglichen Text. Eine Handschrift ohne das Gebetswort belegt zunächst nur, dass die kürzere Textgestalt in diesem Überlieferungszweig vorlag. Ob sie den älteren Text bewahrt oder eine bereits erfolgte Auslassung fortführt, muss an der einzelnen Variante geprüft werden.
𝔓75 und der Codex Vaticanus gelten mit gutem Grund als bedeutende Textzeugen. Ihr allgemeiner Rang verleiht ihrer Lesart in Lk 23,34a keinen automatischen Vorrang. Maßgeblich sind die konkrete Überlieferung, die sprachliche Gestalt des Satzes und seine Einbindung in das lukanische Doppelwerk.
Dirk Jongkind verweist bei der lukanischen Passionsgeschichte auf Unterschiede innerhalb von Handschriften, die häufig gemeinsam bewertet werden. Auch eine starke Zeugengruppe nimmt die Entscheidung über eine einzelne Variante nicht vorweg. [
Q4] Die Bezeichnung »wichtige Textzeugen« benennt den Rang der Handschriften. Sie beantwortet nicht die Frage nach der ursprünglichen Fassung von Lk 23,34a.
Die Entscheidung verlangt in beiden Richtungen eine Entstehungserklärung. Wer das Gebetswort für einen Zusatz hält, muss seine sehr frühe Aufnahme in den Text erklären: Der Satz entspricht der Sprache und Theologie des lukanischen Doppelwerks und begegnet bereits im ausgehenden 2. Jahrhundert als Wort Jesu am Kreuz. Wer von einer Auslassung ausgeht, muss zeigen, weshalb das Gebet aus der Passionsgeschichte entfernt werden konnte. Die frühe Auslegungsgeschichte liefert dafür konkrete Anhaltspunkte.
Zuvor ist der älteste greifbare Hauptzeuge für die längere Fassung zu prüfen: Irenäus von Lyon.
Die Vergebungsbitte ist bereits um 180 bekannt
Für die Fassung mit dem Gebetswort ist Irenäus von Lyon der entscheidende frühe Zeuge. Er bezeugt die Vergebungsbitte um das Jahr 180 an zwei Stellen im dritten Buch seines fünfbändigen Werkes Adversus haereses (Gegen die Häresien). [
Q2]
In Buch III 16,9 erwähnt Irenäus, Christus habe während seines Leidens den Vater gebeten, denen zu vergeben, die ihn gekreuzigt hatten. Er gibt den Inhalt des Gebets wieder, ohne den Wortlaut vollständig zu zitieren.
In III 18,5 führt er den Satz ausdrücklich als Ausspruch Jesu am Kreuz an:
»Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.«
Irenäus versteht das Gebet als Ausdruck der Langmut, Geduld, Barmherzigkeit und Güte Christi. Jesus erfülle am Kreuz selbst das Gebot, die Feinde zu lieben und für die Verfolger zu beten. Seine Bitte gilt den Menschen, die ihn töten.
Die beiden Stellen ergänzen einander. III 16,9 setzt die Vergebungsbitte als Bestandteil der Passion voraus. III 18,5 zitiert sie und legt sie aus. Irenäus kennt also weder nur das Motiv noch eine verwandte Überlieferung. Er bezeugt den Satz als Wort Jesu am Kreuz.
Die Bücher Adversus haereses wurden griechisch verfasst. Buch III ist vollständig in einer alten lateinischen Übersetzung und teilweise in griechischen Fragmenten erhalten; Klebbas deutsche Ausgabe trägt die Angabe »aus dem Griechischen übersetzt«. Für den hier erhobenen Befund ist diese Überlieferungslage ohne Belang. Einzelne Wörter des griechischen Originals mögen sich nicht mehr sicher bestimmen lassen. Die Aussage beider Stellen ist eindeutig: Irenäus kennt Jesu Bitte um Vergebung für seine Kreuziger.
Seine doppelte Bezeugung greift tief in die textkritische Bewertung ein. Die heute erhaltenen großen griechischen Handschriften ohne den Satz sind nicht sicher älter. Bereits im ausgehenden 2. Jahrhundert wird das Gebetswort als Teil der Kreuzigungsszene vorausgesetzt, zitiert und theologisch ausgelegt. Die kürzere Fassung kann deshalb nicht allein unter Berufung auf 𝔓75, den Codex Vaticanus und weitere bedeutende Auslassungszeugen zur ursprünglichen Lesart erklärt werden.
Irenäus beweist die Ursprünglichkeit des Satzes noch nicht für sich allein. Er verschiebt jedoch die Begründungslast. Wer Lk 23,34a für einen Zusatz hält, muss seine Entstehung weit vor Irenäus ansetzen. Zugleich ist zu erklären, wie dieser Zusatz so früh als bekanntes Kreuzeswort Jesu gelten und bereits in eine ausgearbeitete Deutung der Feindesliebe eingehen konnte.
Hinzu kommt ein theologischer Befund. Irenäus entwickelt eine ausgeprägte Christologie und kennt dennoch den bittenden Jesus. Für ihn mindert die Bitte an den Vater weder die Würde noch die Bedeutung Christi. Sie zeigt vielmehr, dass Christus am Kreuz selbst tut, was er seinen Jüngern geboten hat. Die Annahme, das Gebetswort habe einer hohen Christologie im Weg stehen müssen, findet bei diesem frühen Zeugen keinen Halt.
Sprache, Motive und die Fürbitte des Stephanus
Auch der innere Befund spricht für die Fassung mit dem Gebetswort. Sprache, Gebetsform und Motivik fügen sich in das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte ein.
Jesus spricht Gott als Vater an. Diese Anrede begegnet auch in den beiden anderen Gebeten der lukanischen Passion: in Gethsemane und im letzten Wort Jesu am Kreuz. Die Vergebungsbitte steht zwischen ihnen und gehört in dieselbe Gebetssprache.
Auch die Begründung »sie wissen nicht, was sie tun« ist im lukanischen Doppelwerk verankert. In Apg 3,17 erklärt Petrus den Menschen in Jerusalem, sie und ihre führenden Männer hätten aus Unwissenheit gehandelt. Unwissenheit hebt die Tat nicht auf. Sie lässt jedoch Raum für Umkehr und Vergebung. Lk 23,34a nimmt dieses Motiv im Gebet Jesu vorweg.
Eine enge sachliche Entsprechung findet sich in der Sterbeszene des Stephanus:
[Stephanus spricht:]
»Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!«
(Apg 7,60)
Jesus und Stephanus bitten für die Menschen, die sie töten. Jesus bittet den Vater um Vergebung, Stephanus den erhöhten Herrn um Nichtanrechnung der Sünde. Die Verbindung zwischen beiden Szenen liegt im Geschehen, nicht im Wortlaut.
Nathan Eubank hält deshalb eine nachträgliche Angleichung von Lk 23,34a an Apg 7,60 für unwahrscheinlich: Die Gebete entsprechen einander in der Sache, ohne ein einziges Wort gemeinsam zu haben. Diese Verbindung bei zugleich eigenständiger Form spricht für die längere Fassung. [
Q3]
Die Annahme eines späteren Zusatzes verlangt einen Bearbeiter, der den Gedanken der Stephanusbitte aufgenommen, ihre kennzeichnenden Wörter vollständig ersetzt und das neue Gebet in die Sprache und Theologie des Lukasevangeliums eingepasst hätte. Das ist möglich. Näher liegt die umgekehrte Erklärung: Lukas gestaltet das Sterben des Stephanus nach dem Sterben Jesu. Stephanus folgt Jesus bis in die Fürbitte für seine Mörder.
Nathan Eubank hat die sprachliche und theologische Einbindung von Lk 23,34a ausführlich untersucht. Seine Analyse zeigt zugleich, dass die längere Fassung früh breiter bezeugt ist, als eine einfache Gegenüberstellung zwischen »westlicher« und »alexandrinischer« Überlieferung vermuten lässt. [
Q3]
Der Satz wirkt daher weder wie ein fremder Einschub noch wie eine nachträgliche Glättung. Er gehört sprachlich, erzählerisch und theologisch in das lukanische Doppelwerk. Die Annahme einer frühen Auslassung erklärt die kürzere Fassung überzeugender als die Annahme eines späteren Zusatzes die längere.
Jesu Fürbitte im Konflikt mit der Vorstellung göttlicher Vergeltung
Die Annahme eines späteren Zusatzes verlangt eine Erklärung dafür, wie das Gebetswort in die Kreuzigungsszene gelangte. Ebenso verlangt die Annahme einer Auslassung eine Erklärung dafür, weshalb es aus dem Text entfernt wurde. Die frühe Auslegungsgeschichte zeigt, dass Jesu Bitte erhebliche theologische Spannungen auslöste.
Christliche Ausleger bezogen die Worte »Vater, vergib ihnen« vielfach auf die jüdischen Beteiligten an der Kreuzigung. Zugleich deuteten sie die Zerstörung Jerusalems als Strafe Gottes für den Tod Jesu. Beide Aussagen ließen sich nur schwer miteinander verbinden. Wenn Jesus für seine Kreuziger um Vergebung gebeten hatte, weshalb sollte Gott Jerusalem wegen der Kreuzigung bestrafen? War die Bitte Jesu ohne Wirkung geblieben?
Die Auslegung reagierte mit Einschränkungen. Die Bitte wurde auf diejenigen bezogen, die später zum Glauben kamen, auf einen begrenzten Kreis unwissender Beteiligter oder auf einen zeitweiligen Aufschub des Gerichts. Jesu Gebet blieb im Text, seine Reichweite wurde jedoch so bestimmt, dass die Vorstellung göttlicher Vergeltung bestehen konnte.
Nathan Eubank zeigt, wie stark diese Spannung die frühe Rezeption des Gebetsworts prägte. Seine Untersuchung macht zugleich verständlich, weshalb die längere Fassung für einen Abschreiber oder Bearbeiter zum Problem werden konnte. [
Q3] Die Auslassung beseitigte die Frage nach der Erhörung des Gebets und erleichterte eine Deutung der Zerstörung Jerusalems als Strafgericht.
Damit ist das Motiv eines bestimmten Schreibers noch nicht bewiesen. Die erhaltenen Handschriften teilen weder mit, wer den Satz ausließ, noch aus welchem Grund dies geschah. Erkennbar sind jedoch die Bedingungen, unter denen eine Auslassung verständlich wird. Das Gebetswort stand in einem Raum scharfer Auseinandersetzungen über Schuld, Vergebung, Gericht und das Verhältnis der Kirche zum Judentum.
Für die Annahme eines späteren Zusatzes ergibt sich keine vergleichbar konkrete Entstehungslage. Ein Bearbeiter hätte ein sprachlich und theologisch passendes Gebet geschaffen, es sehr früh in die Passion eingefügt und eine Überlieferung begründet, die Irenäus bereits um das Jahr 180 kennt. Für die Auslassung liegt dagegen ein Satz vor, dessen Inhalt nachweislich Erklärungsdruck erzeugte.
Die kürzere Fassung beseitigt deshalb keinen belanglosen Nebensatz. Sie entfernt die Fürbitte Jesu für seine Täter und löst zugleich eine theologische Spannung, die das Gebetswort in der frühen Kirche hervorgerufen hatte. Das macht die Auslassung historisch erklärbar, auch wenn ihr konkreter Urheber und sein Motiv unbekannt bleiben.
Vom bittenden Jesus zum vergebenden Christus
Textvarianten verändern bisweilen nur den Wortlaut. In Lk 23,34a verändert die kürzere Fassung die Handlung der Kreuzigungsszene. Mit dem Gebetswort stehen Täter, Opfer und Gott in unterscheidbaren Beziehungen zueinander. Jesus bittet als Opfer für konkrete Täter angesichts einer konkreten Tat:
[Jesus betet:]
»Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.«
(Lk 23,34a | Text nach Lutherbibel 2017)
Jesus spricht Gottes Vergebung nicht aus. Er bittet um sie. Seine Fürbitte setzt voraus, dass die Vergebung des Opfers und die Vergebung Gottes nicht identisch sind. Jesus hält die Schuld in seiner eigenen Beziehung zu den Tätern nicht fest und tritt bei Gott für sie ein. Über Gottes Anspruch an die Täter und über Gottes Entscheidung verfügt er nicht.
Auch die Verantwortung der Täter bleibt bestehen. Die Bitte nimmt ihnen ihre Tat nicht ab. Der Hinweis auf ihre Unwissenheit erklärt ihr Handeln, ohne die Schuld aufzulösen. Vergebung bleibt auf dieses Geschehen, diese Täter und dieses Opfer bezogen. Das Gebet enthält keinen allgemeinen Schuldenerlass und keine Erklärung, nach der der Kreuzestod alle Sünden aller Menschen bereits vergeben habe.
Mit der Auslassung entfällt dieses Beziehungsgefüge. Die Kreuzigungsszene enthält keine Bitte Jesu mehr, die zwischen seinem eigenen Handeln als Opfer und Gottes Vergebung unterscheidet. Das Kreuz kann nun leichter als ein in sich abgeschlossenes Heilsgeschehen gelesen werden, in dem Christus die Vergebung selbst vollzieht.
Aus der Bitte an Gott wird in der späteren Kreuzestheologie eine Aussage über Christus. Der johanneische Ruf „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30) kann den lukanischen Bittsatz überlagern. Christus bittet dann nicht mehr um Vergebung; sein Tod gilt selbst als deren Vollzug. Die Auslassung hat diese Entwicklung nicht verursacht. Sie entfernt jedoch einen deutlichen Widerstand gegen die Vorstellung einer universellen und vorauseilenden Sündenvergebung.
Auch das letzte Gebet Jesu – „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ (Lk 23,46) – begründet diesen Übergang nicht. Beide Gebete zeigen Jesus als auf das Handeln des Vaters angewiesen: In Lk 23,34a erbittet er dessen Vergebung für die Täter; in Lk 23,46 legt er seinen Geist in die Hände des Vaters. Die lukanische Kreuzigungsszene gibt keinen Anhalt dafür, dass der Tod dieses Verhältnis verändert. Er beendet Jesu leibliches Leben und verändert die Weise seines Daseins. Er verändert nicht, wer Jesus ist, und macht aus ihm keinen vom Vater unabhängig handelnden Christus. Aus dem bittenden Jesus wird im Text kein Christus, der Gottes Vergebung selbst vollzieht.
Eine solche Generalisierung löst Vergebung aus der konkreten Beziehung zwischen Täter und Opfer. Die einzelne Tat wird zum Fall einer bereits grundsätzlich gelösten Sündenfrage. Der Täter steht dann weniger vor der Aufgabe, Verantwortung zu übernehmen, als vor der Aufforderung, das vollzogene Heil anzuerkennen und auf seine eigene Schuld zu beziehen. Verantwortung wird zur Berichterstattung über eine Vergebung, die schon geschehen sein soll.
Lk 23,34a hält eine andere Ordnung fest. Das Opfer vergibt auf seiner Seite und bittet Gott zugunsten der Täter. Gottes Vergebung bleibt erbeten. Die Täter bleiben verantwortlich. Das Kreuz beendet ihre Verantwortung nicht und ersetzt ihr Handeln nicht. Es zeigt einen Jesus, der für seine Täter eintritt, ohne Gottes Entscheidung vorwegzunehmen.
Die längere Fassung erklärt die Überlieferung überzeugender
Die gewichtigen Auslassungszeugen belegen die frühe Existenz der kürzeren Textgestalt. Über ihre Ursprünglichkeit entscheiden sie nicht. Der Rang von 𝔓75, dem Codex Vaticanus und den weiteren Handschriften ohne das Gebetswort darf die Geschichte dieser einzelnen Variante nicht vorwegnehmen.
Für die längere Fassung besitzt Irenäus von Lyon eine zentrale Bedeutung. Bereits um 180 kennt er Jesu Vergebungsbitte an zwei Stellen. Er gibt ihren Inhalt wieder, zitiert sie ausdrücklich als Wort Jesu am Kreuz und deutet sie als Vollzug der Feindesliebe. Die Bevorzugung der Auslassung lässt sich angesichts dieses frühen Zeugnisses nicht allein mit dem Gewicht der späteren Handschriften begründen.
Auch der innere Befund weist zur längeren Fassung. Die Anrede des Vaters, das Motiv der Unwissenheit und die Verbindung zu Apg 3,17 gehören in das lukanische Doppelwerk. Die Bitte des Stephanus in Apg 7,60 entspricht dem Gebetswort Jesu in der Sache, bewahrt jedoch eine eigenständige sprachliche Form. Die Annahme eines späteren Zusatzes verlangt deshalb einen sehr frühen Bearbeiter, der das Motiv der Stephanusbitte aufnahm und daraus ein Gebet schuf, das sich genau in Sprache, Erzählung und Theologie des Lukasevangeliums einfügt.
Für eine frühe Auslassung liegen hingegen konkrete geschichtliche Bedingungen vor. Jesu Bitte für seine Kreuziger geriet in Spannung zu christlichen Deutungen der Zerstörung Jerusalems als göttliche Strafe. Das Gebetswort stellte die Frage nach seiner Erhörung und erschwerte eine ungebrochene Vergeltungstheologie. Seine Entfernung löste dieses Problem. Wer den Satz ausließ und welches Motiv im Einzelfall wirksam war, lässt sich nicht mehr feststellen. Die Richtung der Veränderung ist jedoch historisch erklärbar.
Der Gesamtbefund spricht deshalb dafür, dass Lk 23,34a zum ursprünglichen Text des Lukasevangeliums gehört. Die kürzere Fassung ist als frühe bewusste Veränderung der Textüberlieferung zu beurteilen. Diese Entscheidung beruht auf dem Zusammenspiel der frühen Bezeugung bei Irenäus, der Einbindung in das lukanische Doppelwerk und der nachweisbaren theologischen Schwierigkeit, die das Gebetswort in der frühen Kirche hervorrief.
Die Auslassung bleibt theologisch nicht folgenlos. Mit dem Gebetswort bittet Jesus den Vater um Vergebung für konkrete Täter und eine konkrete Tat. Er tritt für sie ein, ohne Gottes Vergebung selbst zu vollziehen. Fehlt der Satz, verschwindet aus der Kreuzigungsszene ein deutlicher Widerstand gegen die Vorstellung, der Kreuzestod habe bereits eine allgemeine und vorauseilende Vergebung aller Schuld bewirkt.
Die Auslassung bewirkt:
Der um Vergebung bittende Jesus tritt hinter einen vergebenden Christus zurück.
Vergebung ist für viele Christen in der Glaubenspraxis nicht leicht zu verstehen. Wer vergibt Sünden und Vergehen? Was sagt Jesus? Was steht im Vaterunser?
Die Frage nach der Vergebung steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Sie begegnet in Gebeten, Predigten, Gottesdiensten, Beichte, Abendmahl und Seelsorge. Fast immer richtet sich der Blick dabei zuerst auf Gott: Gott vergibt dem Menschen seine Schuld. Doch die Vergebungsbitte im Vaterunser führt in eine andere Richtung. Die menschliche Vergebung besitzt existentielles Gewicht für Christen. Sie ist nicht losgelöst von göttlicher Vergebung. Sie wird von Jesus zur unbedingten Voraussetzung für die Gewährung göttlicher Vergebung erklärt. Der Aufsatz untersucht Überlieferung, Hintergründe und Konkretisierung in der christlichen Glaubenspraxis.
Die Aufsätze entfalten kleine Themen, um Denkräume zu erweitern. Hier finden sich Texte zu unterschiedlichen Themen aus Theologie, Bibel und Glaubenspraxis, verständlich aufbereitet für alle, die sich für den christlichen Glauben interessieren.
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Abbildung: Vater, vergib Ihnen! Sie wissen nicht, was sie tun!
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Reiner Makohl, »Vater, vergib ihnen!«Lk 23,34a: Eine textkritische Untersuchung, in: Stilkunst.de,
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