Reiner Makohl | Mai 2026
Das Thema Vergebung ist für viele Christen in der Glaubenspraxis nicht leicht zu verstehen. Es stellen sich viele Fragen. Wer vergibt Sünden und Vergehen? Muss ich beichten? Wie oft? Wem gegenüber? Was geschieht, wenn ich nicht ehrlich bin? Braucht es dazu Buße? In welcher Form? Wer steht mir dann bei?
Manche Fragen werden zu einer Last, sobald man selbst tief verletzt wird:
Muss ich dem anderen vergeben? Wie oft soll man einem Menschen vergeben, der einen immer wieder kränkt, bloßstellt oder hintergeht? Selbst dann, wenn man sich müht: Kommt nicht irgendwann der Punkt, an dem innerlich alles dichtmacht. Reicht es irgendwann nicht einfach?
Genau dort stand auch Petrus. Matthäus berichtet nur knapp über eine Situation, in der Petrus wohl deshalb bei Jesus Rat suchte:
„Jesus, ich verstehe das nicht mehr. Der verletzt mich immer wieder. Warum soll ausgerechnet ich ständig nachgeben? Irgendwann muß doch auch mal Schluss sein. Reicht es nicht, wenn ich ihm nun schon siebenmal vergeben habe?“
(Frei nach
Mt 18,21)
Die Antwort Jesu fiel anders aus, als Petrus hoffte.
Es reicht nicht siebenmal, auch nicht siebzigmal.
Es ist nie genug.
Damit beginnt ein Problem, das sich durch das gesamte Neue Testament zieht.
Wie kommt Jesus darauf? Begegnen Christen nicht immer wieder der Zusage, Gott allein vergebe Sünde. Der erste Johannesbrief formuliert es knapp: Wer seine Sünde bekennt, dem wird Gott vergeben (
1.Joh 1,9). Genügt scheinbar.
Und doch sagt Jesus, Petrus müsse immer wieder vergeben, egal wie sehr es ihn schmerzt, egal wie sehr sich in seinem Inneren alles dagegen sträubt. Jesus sagt sogar im Grunde das: „Mach! Erst Du, wieder und immer wieder, dann wird Gott dir deine Vergehen auch verzeihen.“
(Frei nach dem Vaterunser,
Mt 6,12.14-15)
Es ist die neue, radikale Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Jesus hatte sie in der Bergpredigt ausgebreitet und ins Vaterunser eingebunden. In den kanonischen Schriften des Alten Testament lesen wir davon nichts.
Da stellt sich die Frage: Warum bindet Jesus die Beziehung Gottes zu einem Menschen so eng an das Verhalten des Menschen gegenüber anderen Menschen?
Und vor allem: Was bedeutet das nun für das Leben eines Christen?
Daher geht es hier darum, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Warum spricht Johannes nur von der Vergebung Gottes? Warum soll Petrus — und mit ihm jeder Mensch — immer wieder verzeihen? Was steht über Vergebung im Vaterunser genau? Und warum sagt Jesus, man solle noch vor dem Beginn des Gottesdienstes die Versöhnung mit Menschen suchen, deren Beziehung zu einem belastet ist, ganz gleich, wer daran Schuld trägt?
Dieser Aufsatz fragt:
Wer kann Sünden vergeben und was bewirkt das für uns Christen im Leben?
📖Lesezeit ohne Fußnoten: ca. 18 Minuten, mit Studium der Fußnoten ca. 33 Minuten.

Grafik: Vergebung. Das Tor zur Versöhnung.
Bildnachweis:
siehe unten.
Die Frage nach der Vergebung steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Sie begegnet in Gebeten, Predigten, Gottesdiensten, Beichte, Abendmahl und Seelsorge. Fast immer richtet sich der Blick dabei zuerst auf Gott: Gott vergibt dem Menschen seine Schuld.
Die Vergebungsbitte im Vaterunser führt jedoch in eine andere Richtung.
Vater unser [Unser Vater] im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist die das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Jesus spricht im Vaterunser nicht nur über die Vergebung Gottes. Er verbindet die göttliche Vergebung unmittelbar mit dem Verhalten von Menschen untereinander:
Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben jenen, die an uns schuldig geworden sind.
(Mt 6,12 | Text nach Zürcher Bibel 2019)
Diese Verbindung ist keine Randbemerkung. Matthäus greift sie unmittelbar nach dem Vaterunser erneut auf und unterstreicht sie ausdrücklich:
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.
Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen nicht vergeben.
(Mt 6,14-15 | Text nach Zürcher Bibel, 2019)
Damit erhält die menschliche Vergebung in der christlichen Praxis ein existentielles Gewicht, das weit über bloße Moral hinausgeht. Sie ist nicht losgelöst von göttlicher Vergebung. Sie wird von Jesus zur unbedingten Voraussetzung für die Gewährung göttlicher Vergebung erklärt.
Genau an diesem Punkt beginnt die Schwierigkeit im praktischen Glauben.
Viele Christen kennen vor allem die Zusage, Gott vergebe dem Menschen seine Schuld, und zwar aufgrund von Beichte. → 2: Sündenbekenntnis und Vergebung
Die Worte Jesu im Matthäusevangelium sagen jedoch mehr: Der Mensch steht vor Gott nicht unabhängig davon, wie er anderen Menschen begegnet.

Grafik: Du, Gott, Ich.
Die Beziehung zu Gott ist untrennbar mit der Beziehung zu anderen Menschen verbunden. Gottes Handeln am ICH setzt die Wertschätzung des DU und dessen Beziehung zu GOTT voraus. Gottes Zuspruch erwartet vom ICH eine verbindliche Antwort und ein Handeln aus Glauben heraus. Im Zentrum steht der Glaube, dessen Basis das zwischenmenschliche Wirken ist. Das ICH empfängt als Antwort auf Gottes Forderung zur Teilhabe am Reich Gottes durch gelebte Vergebung und Versöhnung mit dem Du den Zuspruch Gottes.
Bildnachweis:
siehe unten.
Die folgenden Abschnitte untersuchen deshalb zunächst die Vergebungsbitte des Vaterunsers selbst: ihre sprachliche Form, ihre textkritische Überlieferung, ihren jüdischen Hintergrund und ihre Konkretisierung in Mt 6,14-15.
Denn gerade dort entscheidet sich, ob Jesus tatsächlich von einer menschlichen Vergebung spricht, die der göttlichen vorausgeht.
Die Vergebungsbitte des Vaterunsers gehört zu den bekanntesten Sätzen des Christentums. Millionen Menschen sprechen sie bis heute im Gottesdienst oder im persönlichen Gebet.
In den evangelischen Kirchen lautet die Bitte gewöhnlich:
„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ → 3: Die liturgische Form des Vaterunsers im evangelischen Gottesdienst
Gerade weil diese Worte so vertraut sind, wird leicht übersehen, wie ungewöhnlich ihre Aussage eigentlich ist.
Denn im griechischen Text des Matthäusevangeliums steht in den ältesten Handschriften nicht: „wie auch wir vergeben“, sondern: „wie auch wir vergeben haben.“ → 4: Der Aorist in den ältesten Handschriften zu Mt 6,12
Die Vergebungsbitte verbindet die Bitte um Gottes Vergebung damit unmittelbar mit dem Verhalten des Menschen gegenüber anderen Menschen:
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldigern“ (
Mt 6,12).
Damit erscheint die menschliche Vergebung nicht als nachträgliche Folge der göttlichen, sondern als ihr vorausgehende Wirklichkeit.
Genau an diesem Punkt beginnt die Auslegungsgeschichte unsicher zu werden.
Denn die christliche Tradition betont meist, dass allein Gott Sünden vergeben könne. → 5: Vergebung als primär göttliches Handeln in kirchlicher Tradition
Vergebung erscheint dadurch vor allem als Bewegung von Gott zum Menschen. Die Vergebungsbitte des Vaterunsers formuliert jedoch auffällig anders:
Der Mensch tritt vor Gott nicht unabhängig davon, wie er anderen Menschen begegnet.
Der Unterschied zwischen „wie wir vergeben“ und „wie wir vergeben haben“ berührt die entscheidende Frage, wie menschliche und göttliche Vergebung zueinander stehen.
Diese Spannung verstärkt Matthäus unmittelbar nach dem Vaterunser nochmals ausdrücklich:
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.
Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen nicht vergeben.
(Mt 6,14-15 | Text nach Zürcher Bibel, 2019 | Luther 1545:
Mt 6,14-15)
Die Aussage ist bemerkenswert klar. Jesus spricht nicht davon, dass menschliche Vergebung empfehlenswert sei. Er beschreibt sie auch nicht bloß als Ausdruck innerer Frömmigkeit oder moralischer Reife. Vielmehr verbindet er die Beziehung des Menschen zu Gott unmittelbar mit dem Verhalten gegenüber anderen Menschen.
Dadurch erhält die Vergebung eine doppelte Dimension:
Sie betrifft die Hoffnung auf Gottes Vergebung und die konkrete Wirklichkeit menschlichen Zusammenlebens.
Der Mensch kann sich nach diesen Worten Jesu nicht auf seine Gottesbeziehung zurückziehen und die Beziehung zu anderen Menschen verweigern. Gerade darin liegt die besondere Schärfe der matthäischen Vergebungsworte.
Die folgenden Abschnitte untersuchen deshalb zunächst die sprachliche Form der Vergebungsbitte, ihre textkritische Überlieferung und ihre Konkretisierung in
Mt 6,14-15. Denn dort entscheidet sich, wie eng Jesus menschliche und göttliche Vergebung tatsächlich miteinander verbindet.
Wer Mt 6,12 im griechischen Original liest, stößt auf eine textkritische Frage, die die Überlieferung des Vaterunsers früh beschäftigt hat und bis in moderne Bibelübersetzungen hineinwirkt:
Steht dort: „wie auch wir vergeben“ oder: „wie auch wir vergeben haben“?
Die heute im Gottesdienst meist gesprochene Form verwendet ein Präsens, gr.: ἀφίομεν (aphíomen) beziehungsweise ἀφίεμεν (aphíemen): „wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“
Die ältesten Handschriften des Matthäusevangeliums überliefern den Text dagegen überwiegend in der Zeitform Aorist, gr.: ἀφήκαμεν (aphēkamen), „wie auch wir vergeben haben“. → 4: Der Aorist in den ältesten Handschriften zu Mt 6,12
Beide Lesarten existieren nebeneinander, und zwar nicht weil Abschreiber unaufmerksam gewesen wären, sondern weil Liturgie und Theologie unterschiedliche Wirkungen entfalten.
Das Präsens klingt als Gebetssprache offener und unmittelbarer. Es beschreibt eine fortdauernde Haltung: Der Mensch vergibt. Dabei bleibt die Aussage auffallend offen. Das Vergeben wird nicht näher qualifiziert, auch seine zeitliche Umsetzung bleibt unbestimmt. Wann, wem und in welchem Umfang Vergebung konkret zuteil wird, ist in der Aussage „wie wir vergeben“ nicht festgelegt.
Der Aorist formuliert präziser. Er verweist auf eine bereits vollzogene Handlung: Der Mensch hat vergeben.
Dadurch verändert sich die innere Struktur der Bitte.
Wer mit dem Präsens betet, spricht von einer gegenwärtigen Haltung in der Praxis der Vergebung. Der Nebensatz kann dadurch leicht wie eine allgemeine Selbstbeschreibung wirken: Wir sind Vergebende.
Der Aorist verschiebt den Vollzug. Der Mensch tritt vor Gott nicht mit bloßer Bereitschaft oder einer allgemeinen inneren Haltung zur Vergebung, sondern mit einer bereits geschehenen Handlung: Wir haben im Sinne Gottes gehandelt und wirklich vergeben.
Genau deshalb besitzt der Aorist in der Auslegungsgeschichte besonderes Gewicht.
Ulrich Luz weist darauf hin, dass
Mt 6,12 im Zusammenhang mit
Mt 5,23-24,
Mt 6,14-15 und
Mt 7,1 gerade bedingend verstanden werden muß. → 6: Die bedingende Struktur von Mt 6,12 bei U. Luz
Die menschliche Vergebung erscheint damit nicht als unverbindliche Begleiterscheinung der Gottesbeziehung, sondern als vorausgehende Wirklichkeit.
Der textkritische Befund bleibt dabei nicht auf wissenschaftliche Spezialdiskussionen beschränkt. Er wirkt bis in moderne Bibelübersetzungen hinein.
Die Zürcher Bibel, die Basis Bibel, die Elberfelder Bibel, die Einheitsübersetzung und die Gute Nachricht Bibel geben
Mt 6,12 sämtlich mit einer Vergangenheitsform wieder: „wie auch wir vergeben haben“.
Die Lutherbibel bewahrt dagegen die vertraute Präsensform: „wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“
Dabei verschweigt auch die Lutherbibel den textkritischen Befund nicht. Die Revision von 2017 vermerkt im Apparat ausdrücklich: „Wörtlich: »Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben haben unsern Schuldigern.«“
Auch der EKD-Grundlagentext Sünde, Schuld und Vergebung aus Sicht evangelischer Anthropologie weist darauf hin, dass Luther im 16. Jahrhundert noch mit einer anderen Textgrundlage arbeitete und die Vergangenheitsform „von den ältesten Handschriften her als ursprüngliche Variante“ gilt. → 7: Moderne Bibelübersetzungen und die Frage des Aorists
Damit zeigt sich:
Die heute im Gottesdienst vertraute Form des Vaterunsers folgt nicht dem ältesten überlieferten Text des Matthäusevangeliums, sondern einer gewachsenen Tradition in der liturgischen Verwendung.
Denn auch das Präsens bindet die göttliche Vergebung weiterhin an die menschliche. Der Unterschied liegt nicht im Grundgedanken selbst, sondern in seiner zeitlichen Struktur: vollzogene Handlung oder fortdauernde Haltung.
Gerade deshalb bleibt
Mt 6,14-15 entscheidend.
Denn dort formuliert Matthäus die innere Logik der Vergebungsbitte ausdrücklich aus: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, wird euch euer Vater auch nicht vergeben.“
Damit wird die Verbindung zwischen menschlicher und göttlicher Vergebung nicht abgeschwächt, sondern ausdrücklich unterstrichen.
Die Evangelien überliefern das Vaterunser in griechischer Sprache. Aber Jesus sprach vermutlich Aramäisch. Bereits dadurch stellt sich die Frage, wie sprachliche Nuancen der ursprünglichen Rede Jesu in späteren Überlieferungen verstanden und wiedergegeben wurden.
Das Matthäusevangelium verwendet in Mt 6,12 in den ältesten textkritisch bedeutsamen Handschriften überwiegend die Aoristform ἀφήκαμεν (aphékamen: „wir haben vergeben“). Das Lukasevangelium verwendet dagegen eine Präsensform: ἀφίεμεν (aphíemen: „wir vergeben“).
Auch die syrisch-aramäische Überlieferungslinie bewahrt an dieser Stelle keine bloße allgemeine Haltung der Vergebungsbereitschaft. Die syrisch-aramäische Peschitta, eine seit der Spätantike verbreitete Bibelübersetzung und Kirchenbibel des syrischen Christentums, verwendet in Mt 6,12 ebenfalls eine Vergangenheitsform: ܫܒ݂ܩܢ (šbaqn: „wir haben vergeben“).
Darüber hinaus ersetzen syrische Überlieferungen im Lukasevangelium die in Lk 11,4 ursprünglich vorliegende Präsensform durch dieselbe Vergangenheitsform, wie sie in Mt 6,12 verwendet wird. → 8: Die Vergebungsbitte in der syrisch-aramäischen Überlieferung
Dies spricht für eine Harmonisierung dieses liturgisch besonders bedeutsamen Gebetstextes. Vergleichbare Angleichungen finden sich auch in späteren griechischen und kirchlichen Überlieferungstraditionen, dort allerdings häufig in umgekehrter Richtung, indem Mt 6,12 an die Präsensform von Lk 11,4 angeglichen wird.
Frühchristliche liturgische Traditionen führen dagegen zunehmend eine Präsensform der Vergebungsbitte fort. Bereits die Didache, eine frühe Kirchenordnung aus dem späten ersten oder frühen zweiten Jahrhundert, überliefert das Vaterunser in liturgischer Verwendung mit einer Präsensform. Über die byzantinische Überlieferung, den Textus Receptus und die reformatorische Bibeltradition Martin Luthers gelangte diese Fassung schließlich auch in den evangelischen Gottesdienstgebrauch. → 9: Die Präsensform in frühchristlicher Liturgie und reformatorischer Tradition
Die moderne Textkritik bewertet dagegen die älteren Handschriften des Matthäusevangeliums höher. Editionen wie das Novum Testamentum Graece von Nestle-Aland folgen deshalb überwiegend der Aoristform. Zahlreiche neuere Bibelübersetzungen haben diese Entscheidung aufgenommen und übersetzen Mt 6,12 entsprechend mit einer Vergangenheitsform: „wie auch wir vergeben haben.“ → 7: Moderne Bibelübersetzungen und die Frage des Aorists
Die Vergebungsbitte des Vaterunsers steht damit im Zentrum christlicher Frömmigkeit und innerhalb einer langen Geschichte sprachlicher, liturgischer und theologischer Überlieferung. Gerade deshalb bleibt die Frage bedeutsam, warum das Matthäusevangelium die Verbindung zwischen menschlicher und göttlicher Vergebung in Mt 6,12.14-15 so auffällig eng formuliert.
Die Verknüpfung von menschlicher und göttlicher Vergebung ist keine Erfindung Jesu. Sie ist in der jüdischen Überlieferung tief verwurzelt — in der Torah, in der Weisheitsliteratur und in der rabbinischen Praxis. Jesus greift einen Gedanken auf, der im Judentum bereits bekannt war, verdichtet ihn jedoch in einer Weise, die weit über die bisherigen Zusammenhänge hinausführt.
Bereits die Torah verbindet die Beziehung des Menschen zu Gott mit seinem Verhalten gegenüber dem Mitmenschen. Lev 19,17-18 verbietet Hass, Rache und dauerhaften Groll gegen den Nächsten und stellt dem die Verpflichtung zur Liebe entgegen. Das abschließende Gotteswort „Ich bin der Herr“ macht deutlich: Die Beziehung zum Mitmenschen besitzt unmittelbare Bedeutung für die Beziehung zu Gott.
Besonders deutlich formuliert die jüdische Weisheitstradition diesen Zusammenhang in Sir 28,2-5:
Vergib deinem Nächsten das Unrecht,
so werden auch dir deine Sünden vergeben,
wenn du darum betest .
Ein Mensch hält gegen den andern am Zorn fest
— und will beim Herrn Heilung suchen?
Er ist unbarmherzig gegen seinesgleichen
— und will für seine eigenen Sünden bitten?
Er ist nur Fleisch, und hält am Zorn fest
— wer will ihm dann seine Sünden vergeben?
(Sir 28,2-5 | Text nach Lutherbibel 2017 | Luther 1545:
Sir 28,2-5)
Die rhetorischen Fragen dieser Verse benennen denselben Grundwiderspruch, den Jesus später in Mt 6,14-15 zuspitzt: Wer selbst nicht vergibt, kann göttliche Vergebung nicht erwarten. → 10: Die Verknüpfung menschlicher und göttlicher Vergebung in Sir 28,2-5
Auch die rabbinische Tradition bestätigt diesen Zusammenhang. Die Mischna erklärt im Traktat Joma 8,9, dass der Versöhnungstag Vergehen zwischen Mensch und Gott sühnt, Vergehen zwischen zwei Menschen jedoch erst dann, wenn der eine den anderen versöhnt hat. → 11: Die Vergebungslogik des Versöhnungstags in Joma 8,9
Jesus steht damit innerhalb einer bestehenden jüdischen Tradition. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Form ihrer Zuspitzung. Die jüdische Tradition bindet die Frage der Versöhnung an konkrete liturgische und gemeinschaftliche Zusammenhänge. Jesus übernimmt diesen theologischen Grundsatz, radikalisiert ihn jedoch, indem er ihn aus dem jährlichen Festkalender löst und als tägliche Lebenshaltung mit dem Gebet verbindet.
Was im Judentum mit dem Versöhnungstag verbunden war, erscheint im Vaterunser als bleibende Voraussetzung jeder Bitte um göttliche Vergebung.
Der Text
Mt 6,14-15 ist kein nachträglicher Anhang zum Vaterunser. Die Verse entfalten die Vergebungsbitte und legen sie aus. Sie bilden sie ihre schärfste Zuspitzung.
Mt 6
[Jesus spricht:]
14Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.
15Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen nicht vergeben.
(Mt 6,14-15 | Text nach Zürcher Bibel, 2019 | Luther 1545:
Mt 6,14-15)
Die grammatikalische Struktur beider Verse ist eindeutig. Der Konditionalsatz nennt zuerst die menschliche Vergebung, der Hauptsatz folgt mit der göttlichen Vergebung. Der Mensch tritt Gott nicht lediglich mit einer inneren Bereitschaft gegenüber, sondern mit einem konkreten Verhalten gegenüber anderen Menschen. Die menschliche Vergebung erscheint nicht als Begleithandlung göttlicher Vergebung, sondern als ihre Voraussetzung. → 12: Die Konditionalstruktur von Mt 6,14-15
Besonders V.15 verschärft diesen Zusammenhang nochmals. Der negative Spiegelvers nimmt dem Text nahezu jede Möglichkeit der Abschwächung. Wer nicht vergibt, dem wird Vergebung verweigert. Nicht eine mangelnde geistliche Reife steht im Zentrum, sondern die reale Unterbrechung der Beziehung zu Gott.
Gerade darin liegt die Radikalität der Worte Jesu. Die Vergebung wird nicht als abstrakte religiöse Idee beschrieben, sondern an das konkrete Verhalten des Menschen gebunden. Das Vaterunser wird dadurch zu weit mehr als einem liturgischen Gebet. Es verbindet Gebet und Handeln unauflöslich miteinander.
Eine Spannung bleibt dabei bestehen und wird vom Matthäusevangelium selbst nicht aufgehoben. Im Gleichnis vom Schalksknecht in
Mt 18,23-35 geht Gottes Vergebung dem menschlichen Handeln voraus. Doch gerade die empfangene Vergebung verpflichtet dort zur Weitergabe an andere. Vergebung erscheint damit sowohl als Gabe wie auch als Forderung.
Zur Falle wird sie erst dort, wo der Mensch aus eigener Vergebung einen Anspruch gegenüber Gott ableitet. Genau das tut Jesus nicht. Seine Worte zielen vielmehr auf den umgekehrten Zusammenhang: Wer dem anderen die Vergebung verweigert, verschließt sich selbst der Vergebung, um die er bittet.
Die Härte von Mt 6,14-15 darf nicht isoliert betrachtet werden. Das Matthäusevangelium kennt durchaus auch Aussagen über die vorausgehende und unterschiedslose Güte Gottes gegenüber der Welt.
Besonders deutlich wird dies in Mt 5,45 innerhalb der Feindesliebesprüche:
Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
(Mt 5,45 | Text nach Lutherbibel 2017 | Luther 1545:
Mt 5,45)
Das Sonnen- und Regenbild beschreibt dabei zunächst ein schöpfungstheologisches Faktum. Gott erhält die Welt und das Leben des Menschen unabhängig von moralischer Qualität oder religiöser Zugehörigkeit. Sonne und Regen werden nicht als Belohnung verteilt. Der Mörder steht ebenso unter der Sonne wie sein Opfer. Das Bild hebt den Unterschied zwischen Gut und Böse deshalb nicht auf und erklärt destruktives Handeln keineswegs für belanglos, moralisch neutral oder tolerierbar.
Gerade darin liegt die Pointe des Vergleichs. Die voraussetzungslose Güte Gottes gegenüber seiner Schöpfung begründet die Verpflichtung des Menschen, auch dem Feind seine menschliche Würde nicht abzusprechen. Feindesliebe bedeutet deshalb nicht emotionale Zustimmung zum Bösen, keine ideologische Gleichgültigkeit und keine moralische Aufhebung der Unterscheidung zwischen Täter und Opfer. Sie meint vielmehr den Verzicht auf Entmenschlichung und Vergeltung. Der Feind bleibt Geschöpf Gottes. → 13: Die Feindesliebe als Ausdruck schöpfungsmäßiger Güte Gottes
Das Matthäusevangelium selbst zeigt diese Haltung mehrfach gegenüber Menschen außerhalb der eigenen religiösen Gemeinschaft. Jesus begegnet dem römischen Hauptmann von Kapernaum (
Mt 8,5-13) ebenso wie der kanaanäischen Frau (
Mt 15,21-28) nicht mit Entmenschlichung oder pauschaler Verwerfung. Die Unterschiede bleiben bestehen, dennoch wird den Menschen ihre Würde nicht abgesprochen.
Damit beschreibt
Mt 5,45 eine andere Ebene als
Mt 6,14-15. Die schöpfungsmäßige Erhaltung des Menschen geschieht voraussetzungslos. Die Wiederherstellung zerstörter Beziehung dagegen nicht. Vergebung ist kein natürlicher Automatismus der Schöpfung. Sie betrifft eine zerbrochene Beziehung zwischen Menschen und damit die Beziehung des Menschen zu Gott.
Deshalb kann das Matthäusevangelium zugleich von der allgemeinen Güte Gottes sprechen und dennoch konkrete Voraussetzungen für Vergebung und Versöhnung formulieren. Gottes vorausgehende Güte hebt die Verantwortung des Menschen nicht auf. Sie begründet sie.
Auch andere Texte des Matthäusevangeliums folgen dieser inneren Logik.
Die Begegnung Jesu mit dem reichen Jüngling (
Mt 19,16-22) zeigt, dass die vorausgehende und bedingungslose Zuwendung Jesu im Matthäusevangelium keine voraussetzungslose Zugehörigkeit in der Nachfolge begründet. Der Mann sucht Jesus ernsthaft auf und erhält dennoch keine Abschwächung der Forderung Jesu. Als er sich ihr entzieht, die erklärte Voraussetzung nicht erfüllen will, lässt Jesus ihn gehen. → 14: Der reiche Jüngling und die Bedingungen der Nachfolge
Das Matthäusevangelium zeigt durchgehend: Gottes Güte geht dem Menschen voraus. Sie hebt jedoch weder Verantwortung noch Entscheidung auf. Der Mensch bleibt aufgefordert, auf Gottes Forderungen konkret zu antworten — im Denken, Reden und Handeln.
Das Matthäusevangelium verbindet die Beziehung zu Gott mit konkreter Verantwortung des Menschen. Daraus folgt jedoch nicht, dass Gottes Gnade proportional zur religiösen Leistung des Menschen wächst. Gerade diese Vorstellung weist das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg in
Mt 20,1-16 zurück.
Der Weinbergherr ruft Arbeiter zu unterschiedlichen Tageszeiten in seinen Dienst. Alle Arbeiter folgen dem Ruf des Weinbergherrn. Einige arbeiten den ganzen Tag, andere nur wenige Stunden, die letzten kaum noch eine Stunde, weil sie erst später in den Weinberg eintraten. Die zuerst berufenen Arbeiter hatten mehr geleistet, länger gearbeitet, und erwarten deshalb einen höheren Lohn. Doch genau diese Denkweise weist der Herr des Weinbergs zurück. Am Ende erhalten alle denselben Lohn.
Im Gleichnis bedeutet der Weinberg das Reich Gottes, der Herr des Weinbergs ist Gott. Seine Entscheidung, alle letztendlich gleich zu entlohnen, begründet er mit Güte, und er verbittet sich, dass ihm da reingeredet wird.
Auf den ersten Blick scheint das Gleichnis jede Form menschlicher Voraussetzung zur Teilhabe am Reich Gottes aufzuheben. Tatsächlich wird nicht die verbindliche Antwort des Menschen auf den Ruf in den Weinberg als Voraussetzung zur Teilhabe am Reich Gottes aufgehoben. Das Gleichnis richtet sich allein gegen die Vorstellung leistungsbezogener Entlohnung und Wertschätzung durch Gott und gegen das Verkennen seiner Güte.
Damit widerspricht das Gleichnis allen Vorstellungen und Handlungsvorschriften abgestufter religiöser Leistungserbringung, wie sie sich später in Formen von Askese, Bußübungen oder geistlicher Selbstoptimierung immer wieder zeigen und praktiziert wurden. Ein Mensch kann keinen höheren Anteil an Gottes Gnade erwerben, indem er mehr religiöse Leistung erbringt als andere.
Die Beziehung des Menschen zu Gott ist im Matthäusevangelium nicht voraussetzungslos, nicht folgenlos und kann nicht inhaltsleer bleiben. Gott fordert zur Teilhabe auf, aber er erwartet eine verbindliche Antwort vom Menschen, der danach völlig frei von Leistungsbemessung getragen wird von Gottes Güte.
Die enge Verbindung zwischen menschlicher und göttlicher Beziehung zeigt sich im Matthäusevangelium nicht erst im Vaterunser. Bereits davor formuliert Jesus denselben Grundgedanken mit ungewöhnlicher Schärfe. In
Mt 5,23-24 heißt es:
Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dir dort einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, dann lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen und geh, versöhne dich zuerst mit deinem Bruder; dann komm und bring deine Gabe dar.
(Mt 5,23-24 | Text nach Zürcher Bibel 2019)
Bemerkenswert ist bereits die Reihenfolge. Jesus fordert wegen der unversöhnten Zwietracht nicht, den Opferkult besonders gewissenhaft zu vollziehen, damit dadurch der Grund der Zwietracht von Gott vergeben und die zwischenmenschliche Beziehung vor Gott als geordnet angesehen werden könne. Vielmehr wird die Gottesbeziehung selbst unterbrochen, solange die gestörte Beziehung zum Mitmenschen bestehen bleibt.
Die Versöhnung mit dem Bruder erscheint dadurch nicht als spätere ethische Folge des Glaubens, sondern als Voraussetzung dafür, überhaupt vor Gott treten zu können. Der Weg zum Altar wird unterbrochen. Der Mensch soll den heiligen Ort verlassen, die ungeklärte Beziehung aufsuchen und erst danach zurückkehren.
Damit erhält die zwischenmenschliche Ebene im Matthäusevangelium ein außerordentliches Gewicht. Die Beziehung zu Gott kann nicht von der Beziehung zum Mitmenschen getrennt werden. Wer die Versöhnung verweigert, beschädigt nicht nur eine soziale Beziehung, sondern seine Gottesbeziehung.
Zugleich bleibt der Gedanke auch hier streng relational. Jesus fordert keine allgemeine religiöse Innerlichkeit und keine abstrakte moralische Vollkommenheit. Entscheidend ist die konkrete Beziehung zwischen Menschen. Nicht ein fehlerfreier Mensch soll vor Gott treten, sondern ein Mensch, der die notwendige Versöhnung nicht verweigert.
Damit steht
Mt 5,23-24 in unmittelbarer Nähe zu
Mt 6,14-15. In beiden Fällen wird Gottesbeziehung nicht unabhängig vom Handeln des Menschen gedacht. Die Vergebung Gottes erscheint nicht losgelöst von realer Versöhnung, sondern bleibt an das konkrete Verhalten des Menschen gegenüber seinem Mitmenschen gebunden.
Die Frage, wer Sünden vergeben kann, tritt im Matthäusevangelium besonders scharf in der Heilung des Gelähmten in Mt 9,3-8 hervor.
Jesus spricht dem Gelähmten zu:
Sei getrost, Kind, dir sind die Sünden vergeben.
(Mt 9,2 | Text nach Zürcher Bibel 2019)
Darauf reagieren einige der Schriftgelehrten mit dem Vorwurf der Gotteslästerung. Der Vorwurf ist theologisch folgerichtig. → 15: Der Vorwurf der Gotteslästerung
Die Vergebung der Sünden gilt im jüdischen Denken als göttliches Vorrecht. Genau an diesem Punkt setzt die Auseinandersetzung ein.
Jesus antwortet nicht mit einer allgemeinen Lehre über kultische Vergebungsordnungen und auch nicht mit einem Hinweis auf eine religiöse Institution, die über Vergebung verfügen würde. Stattdessen verweist er auf das sichtbare Handeln am Menschen:
Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat auf Erden, Sünden zu vergeben …
(Mt 9,6 | Text nach Zürcher Bibel 2019)
Unmittelbar danach heilt Jesus den Gelähmten und richtet ihn auf.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Verknüpfung von Vergebung und Heilung, sondern auch der Ort der Vollmacht. Die Vergebung geschieht „auf Erden“. → 16: ergebung „auf Erden“
Sie bleibt nicht in einer jenseitigen oder kultischen Sphäre verschlossen, sondern zeigt sich im konkreten Handeln gegenüber einem leidenden Menschen.
Die Erzählung stellt damit den Gedanken infrage, Vergebung sei ausschließlich als unmittelbares Handeln Gottes oder als Bestandteil kultischer Ordnung denkbar.
Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der Erzählung. Nicht die Verwaltung einer sakralen Ordnung steht im Vordergrund, sondern die Wiederherstellung des Menschen. Die Vergebung erweist sich gerade darin, dass der Gelähmte aufgerichtet und in das Leben zurückgeführt wird.
Am Ende der Erzählung heißt es:
Als die Leute das sahen, erschraken sie und priesen Gott, der den Menschen solche Vollmacht gegeben hat.
(Mt 9,8 | Text nach Zürcher Bibel 2019)
Der Schlusssatz ist von besonderer Bedeutung. → 17: „… der den Menschen solche Vollmacht gegeben hat“
Bemerkenswert ist dabei, dass die Vollmacht nicht ausschließlich auf Jesus beschränkt bleibt. Die Menge preist Gott vielmehr dafür, dass er „den Menschen“ solche Vollmacht gegeben hat. Dadurch öffnet sich der Blick über die einzelne Wundererzählung hinaus auf eine grundsätzliche Verbindung zwischen Vergebung, menschlicher Verantwortung und konkretem Handeln auf Erden.
Diese Vollmacht bleibt streng an Verantwortung und konkretes Handeln gebunden. Die Erzählung kennt keine von zwischenmenschlicher Wirklichkeit gelöste Vergebungsmacht. Vergebung zeigt sich nicht in einer abstrakten religiösen Verfügungsgewalt, sondern dort, wo Menschen aufgerichtet, befreit und in Gemeinschaft zurückgeführt werden.
Damit fügt sich auch Mt 9,3-8 in die Linie der bisherigen matthäischen Aussagen ein. Die Gottesbeziehung bleibt nicht von der Wirklichkeit menschlicher Beziehungen getrennt. Vergebung ist keine isolierte kultische Handlung, sondern Teil einer Wiederherstellung des Menschen in seiner Beziehung zu Gott und zu anderen Menschen.
Die Frage nach Schuld, Vergebung und Versöhnung bleibt im Matthäusevangelium nicht auf das Verhältnis zwischen Gott und dem einzelnen Menschen beschränkt. In Mt 18,15-18 erweitert Jesus den Blick auf die Verantwortung der Gemeinschaft.
Ausgangspunkt ist dabei kein kultischer Vorgang, sondern ein konkreter Konflikt zwischen Menschen:
Wenn aber dein Bruder an dir schuldig wird, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht.
(Mt 18,15a | Text nach Zürcher Bibel 2019)
→ 18: Schuld als zwischenmenschlicher Konflikt
Die Bewegung beginnt bemerkenswerterweise nicht mit öffentlicher Verurteilung und auch nicht mit einer religiösen Instanz, sondern mit der persönlichen Begegnung. Der verletzte Mensch soll den anderen aufsuchen und die gestörte Beziehung unmittelbar anzusprechen versuchen.
Erst wenn diese Klärung scheitert, wird der Kreis erweitert. Weitere Menschen werden hinzugezogen, schließlich die Gemeinde selbst. Die Erzählung entwickelt damit keine abstrakte Theorie kirchlicher Ordnung, sondern beschreibt einen Weg konkreter Wiederherstellung von Gemeinschaft.
Ziel bleibt dabei nicht der Ausschluss des Schuldigen, sondern die Rückgewinnung des Menschen und die Wiederherstellung der Beziehung. Jesus sagt ausdrücklich:
Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen.
(Mt 18,15b | Text nach Zürcher Bibel 2019)
→ 19: „… so hast du deinen Bruder gewonnen“
Die Gemeinde erscheint dadurch nicht primär als verwaltende Institution, sondern als Raum gemeinsamer Verantwortung. Schuld betrifft nicht nur Gott und den einzelnen Menschen. Sie berührt die Wirklichkeit menschlicher Gemeinschaft.
Vor diesem Hintergrund erhalten auch die folgenden Worte Jesu besonderes Gewicht:
Amen, ich sage euch: Was immer ihr auf Erden bindet, wird auch im Himmel gebunden sein, und was immer ihr auf Erden löst, wird auch im Himmel gelöst sein.
(Mt 18,18 | Text nach Zürcher Bibel 2019)
Wie bereits in Mt 9 bleibt der Ort des Handelns „auf Erden“. Die Vollmacht wird nicht von der konkreten Wirklichkeit menschlicher Beziehungen gelöst. Binden und Lösen erscheinen nicht als abstrakte sakrale Verfügungsgewalt, sondern als Teil verantwortlicher Gemeinschaftspraxis im Umgang mit Schuld, Versöhnung und Wiederherstellung von Beziehung.
Damit führt auch Mt 18 die bisherige Linie des Matthäusevangeliums fort. Vergebung bleibt an menschliches Handeln gebunden. Die Gottesbeziehung wird nicht unabhängig von zwischenmenschlicher Wirklichkeit gedacht, sondern gerade innerhalb dieser Wirklichkeit verhandelt.
Petrus stellt eine Frage, die vermutlich jeder Mensch versteht, der wiederholt verletzt wurde. Wenn man einem Nachbarn, einem Arbeitskollegen oder einem Freund bereits mehrfach vergeben hat und derselbe Konflikt dennoch immer wieder neu entsteht, drängt sich irgendwann die Frage auf, ob nicht auch Vergebung eine Grenze haben müsse.
Genau an diesem Punkt fragt Petrus Jesus nach der Endlichkeit des Vergebens. Seine Frage entsteht nicht aus Gleichgültigkeit oder Hartherzigkeit. Petrus sucht vielmehr nach einem Maß, das menschlich und moralisch noch tragbar erscheint:
[Petrus fragt:]
Herr, wie oft kann mein Bruder an mir schuldig werden, und ich muss ihm vergeben? Bis zu siebenmal?
(Mt 18,21 | Text nach Zürcher Bibel 2019)
Die Zahl sieben zeigt bereits eine erhebliche Bereitschaft zur Vergebung. Vor dem Hintergrund jüdischer Traditionen, die eine begrenzte Zahl notwendiger Vergebungen kannten, erscheint der Vorschlag des Petrus keineswegs kleinlich, sondern ausgesprochen großzügig. Genau diese Begrenzung weist Jesus jedoch zurück:
[Jesus antwortet:]
Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.
(Mt 18,22 | Text nach Lutherbibel 2017)
Die Antwort Jesu hebt die Frage nach einer festen Obergrenze praktisch auf. → 21: Die Aufhebung begrenzter Vergebungsmodelle
Vergebung erscheint nicht als gelegentliche Ausnahme, nicht als berechenbare Pflicht und auch nicht formal zählbar innerhalb religiöser Ordnung, sondern als dauerhafte Aufgabe menschlicher Beziehung.
Bemerkenswert ist dabei, dass Jesus die Vergebung unmittelbar an den Menschen selbst richtet. Petrus soll seinem Bruder vergeben. Die Antwort verweist nicht auf eine stellvertretende religiöse Handlung und auch nicht auf eine ausschließlich an Gott gerichtete Bitte um Vergebung. Die Verantwortung verbleibt beim Menschen, der dem anderen Menschen konkret begegnet.
Damit gewinnt die zwischenmenschliche Vergebung im Matthäusevangelium ein außergewöhnliches Gewicht. Sie erscheint nicht als nachrangige moralische Ergänzung der Gottesbeziehung, sondern als deren notwendiger Bestandteil.
Die Wiederholung der Vergebung ist dauerhafte Aufgabe innerhalb konkreter menschlicher Beziehungen. Jesus spricht über die Verpflichtung des Menschen, immer wieder neu zu vergeben. Seine Forderung bezieht sich dabei ausdrücklich auch auf denselben Menschen, egal, wie oft der immer wieder neu schuldig wird. → 22: Grenzenlose Vergebung und kirchliche Problemanzeigen
Die Zumutung dieser Forderung wird gerade dadurch sichtbar, dass Jesus keine Grenze nennt, an der die Verpflichtung zur Vergebung endet. Weder die Häufigkeit der Verletzung noch die subjektiv empfundene Erschöpfung des Verletzten bilden im Text einen Aufhebungsgrund der Vergebungspflicht.
Damit führt Mt 18,21-22 die bisherige Linie des Matthäusevangeliums konsequent fort. Die Beziehung zu Gott bleibt an die konkrete Wirklichkeit menschlicher Beziehungen gebunden. Vergebung geschieht nicht zuerst im Rückzug religiöser Innerlichkeit oder in der Wiederholung kultischer Schuldverwaltung, sondern im schwierigen und oft schmerzhaften Vollzug menschlicher Begegnung.
Mit der Antwort an Petrus endet die Vergebungsfrage im Matthäusevangelium nicht. Jesus spricht dort zunächst über die unmittelbare Verpflichtung des Menschen, anderen Menschen immer wieder neu zu vergeben. Das anschließende Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht greift die Vergebungsfrage nun aus einer anderen Perspektive auf. Es erzählt nicht zuerst von der Verpflichtung des Menschen zur Vergebung, sondern von einer bereits gewährten Vergebung, die dem Menschen vorausgeht.
Gerade deshalb darf das Gleichnis nicht einfach mit Mt 18,21-22 verschmolzen werden. Zwar stehen beide Texte unter der gemeinsamen Überschrift der Vergebung, sie beschreiben jedoch unterschiedliche Bewegungen. In Mt 18,21-22 fordert Jesus den Menschen unmittelbar zur fortgesetzten Vergebung gegenüber dem Mitmenschen auf. Im Gleichnis dagegen geht die Gnade des Herrn voraus und eröffnet dem Knecht einen neuen Handlungs- und Verantwortungsraum.
Jesus erzählt von einem Knecht, der seinem Herrn einen unvorstellbar hohen Geldbetrag schuldet. Als der Herr die Rückzahlung verlangt, bittet der Knecht um Geduld. Der Herr reagiert nicht mit weiterer Berechnung oder abgestufter Strafe, sondern erlässt ihm die gesamte Schuld.
Doch unmittelbar danach begegnet derselbe Knecht einem Mitknecht, der ihm selbst eine vergleichsweise geringe Summe schuldet. Nun zeigt sich, ob die empfangene Vergebung etwas im Menschen verändert hat. Der Knecht verweigert die eigene Vergebungserfahrung jedoch dem anderen Menschen. Er bleibt hart, fordert Zahlung und lässt den Mitknecht ins Gefängnis werfen.
→ 23: Schuld als relationale Last im Bild finanzieller Verschuldung
Das Entscheidende am Gleichnis ist deshalb nicht allein die Größe der erlassenen Schuld, sondern die ausbleibende Veränderung des Menschen. Die empfangene Gnade bleibt folgenlos. Weder Denken noch Reden oder Handeln des Knechtes werden von der erfahrenen Güte geprägt.
Gerade darin liegt die eigentliche Zuspitzung des Gleichnisses. Der Herr hatte dem Knecht nicht nur eine Schuld erlassen. Er hatte ihm Vertrauen geschenkt und ihm einen neuen Raum verantwortlichen Handelns eröffnet. Dieses Vertrauen wird nun vom Knecht selbst unterlaufen, indem er dieselbe Vergebung dem Mitmenschen verweigert.
Die neue Schuld des Knechtes besteht deshalb nicht einfach in einem isolierten moralischen Fehlverhalten. Sie besteht darin, dass er die ihm gewährte Gnade praktisch folgenlos macht und sich dem Verantwortungsraum entzieht, der ihm durch die Vergebung eröffnet wurde. Der Knecht will den Nutzen der empfangenen Gnade behalten, ohne ihre Konsequenz im eigenen Handeln anzunehmen.
Daraufhin wird die Vergebung zurückgenommen. Der Herr übergibt den Knecht den Peinigern, bis die gesamte Schuld bezahlt sei. Damit beschreibt das Gleichnis Vergebung nicht als irreversible religiöse Statusveränderung, sondern als Beziehungsgeschehen mit realen Folgen. Der Knecht verliert nicht nur den Schuldenerlass, sondern zugleich den Vertrauensraum, der ihm durch die Gnade eröffnet worden war. Die Beziehung zum Herrn ist grundlegend beschädigt.
Bemerkenswert ist dabei, dass das Gleichnis an dieser Stelle keinen unmittelbaren Rückweg beschreibt. Die Kommunikation zwischen Herr und Knecht bricht ab. Sichtbar wird lediglich, dass die verweigerte Verantwortung gegenüber dem Mitmenschen auch die Beziehung zur gewährten Gnade selbst zerstört hat.
Die Bildsprache des Gleichnisses bleibt dabei bewusst an der Vorstellung finanzieller Schuld orientiert. Schuld erscheint als Last, die auf einem Menschen liegt und beglichen werden muss. Der Satz, der Knecht werde den Peinigern übergeben, „bis die gesamte Schuld bezahlt sei“, beschreibt deshalb die Notwendigkeit einer Wiederherstellung der zerstörten Beziehung. Wie diese Wiederherstellung konkret geschieht, entfaltet das Gleichnis jedoch nicht ausdrücklich. → 24: Die offene Frage der Wiederherstellung
Das Gefängnis wird damit zum Ort, an dem der Mensch verstehen muss, was Gnade gewesen war, weil er ihren Verlust nun selbst erfährt.
Am Ende formuliert Jesus die Konsequenz dennoch unmissverständlich:
So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.
(Mt 18,35 | Text nach Lutherbibel 2017)
Damit entfaltet das Gleichnis erzählerisch die bereits im Vaterunser formulierte Vergebungslogik und ihre Zuspitzung in Mt 6,14-15. → 25: Das Gleichnis als narrative Entfaltung von Mt 6,14-15
Die Beziehung zu Gott bleibt untrennbar mit dem Verhalten des Menschen gegenüber anderen Menschen verbunden. Gottes Vergebung erscheint nicht als isolierter sakraler Vorgang, sondern als eröffneter Gnadenraum, der verantwortliches Handeln erwartet. Wo diese Verantwortung verweigert wird, zeigt sich gerade darin die fortbestehende Zerstörung der Beziehung zu Gott.
Bildnachweis:
Illustration: Vergebung. Das Tor zur Versöhnung.
geschütztes Bildmaterial
Autor: Reiner Makohl [KI-basiert, Adobe Firefly]
Copyright: ©2026 by Reiner Makohl | www.stilkunst.de
Illustration: Du, Gott, Ich.
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Reiner Makohl, Theologische Aufsätze: Vergebung durch Menschen und Vergebung durch Gott., in: Stilkunst.de,
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