W ir haben bereits vor drei Tagen an dieser Stelle dem Atombombenabwurf über Hiroshima am 6. August 1945 gedacht. Wir haben in diesem Zusammenhang angerissen, dass das Übel nicht erst in der Tat selbst, sondern in der Bereitschaft zur Gewalt steckt. Und wir haben versucht, aufzuzeigen, was es meint, Opfer zu sein.
Zu welcher gefühlskalten, euphorischen Brutalität hohe Gewaltbereitschaft führen kann, haben uns die amerikanischen Befehlshaber vor Augen geführt, denen die Folgen des ersten Atombombenabwurfs über einer bewohnten Stadt nicht genug waren. Militärstrategisch ist der zweite Atombombeneinsatz stärker noch als der erste umstritten. In diese Diskussion wollen wir uns gar nicht einmischen. Fakt ist: Neben vielen anderen Ereignissen in der Geschichte gehören die Atombombenabwürfe über Japan zu den schlimmsten und zu den beschämensten Taten, die Menschen je ausgeübt haben.
Abbildung: Atompilz der Atombombe »Fat Man« über Nagasaki (rechts). Links oben ein Luftbild des Abwurfzentrums vor dem Abwurf, links unten der selbe Ausschnitt nach dem Abwurf. – Die Stadt und alles, was da Leben in sich trug, sind ausradiert. Quelle der Fotos: Wikipedia.de. (unter Nutzung der dort beschriebenen Lizenzrechte)
9. August 1945, Nagasaki, Japan
Der USAF-B29-Bomber Bockscar, benannt nach seinem ersten Piloten Frederic C. Bock, eigentlich also Bock‘s Car, geführt von dem 25-jährigen Piloten Charles W. Sweeny und einer 13-köpfigen Besatzung, löst um 11:02 Uhr Ortszeit die 4,67 Tonnen schwere Bombe »Fat Man« über Nagasaki aus, die in einer Höhe von 470 Metern detoniert.
Diese Bombe pulverisierte die Industriegebiete von Nagasaki und tötete sofort mindestens 30.000 Menschen. Viele von ihnen verglühten im Bruchteil einer Sekunde, von jetzt auf gleich, mitten in der Bewegung, in der sie sich befanden, stehend, sitzend, liegend. Viele starben quälend langsam und unter großen Schmerzen, ohne Aussicht auf Rettung oder Hilfe. Etwa 40.000 Menschen erlagen den Verletzungen und Verstrahlungen innerhalb der folgenden fünf Jahre. Und das Sterben ging weiter.
Japan hatte bereits vor dem 6. August 1945 Bereitschaft zur Kapitulation gezeigt. Trotzdem ordnete der amerikanische Präsident Harry S. Truman den Einsatz an und gab den Kommandeuren freie Hand bei der Wahl der Ziele. Sie konnten schließlich berichten: Mission erfüllt! Aber erst am 24. Oktober 1945 kapitulieren alle japanischen Truppen gegenüber den West-Alliierten Truppenverbänden. Die häufig erwähnte Abschreckungswirkung verfehlte demnach ihr Ziel, die massive zerstörische Wirkung allerdings nicht. Der Einsatz weiterer Atombomben fand in diesem langen Zeitraum zwischen dem 9. August 1945 und dem 24. Oktober 1945 nicht mehr statt. Zum Glück! – Nicht nur für Japan.
D Die Atombombe entwickelte sich zur Abschreckungswaffe im Kalten Krieg. Die verfeindeten Mächte bedrohten sich gegenseitig, und vermutlich schlitterten die Welt und die Menschheit mehr als nur einmal ganz knapp an einer Katastrophe vorbei.
Wäre es in dieser Zeit zu einer kriegerischen Auseinandersetzung gekommen, dann wäre Deutschland eines der Hauptaustragungsgebiete gewesen. Die Militärstrategen haben mit zahlreichen Atombombeneinsätzen über Deutschland gerechnet und unglaublich viele Tote einkalkuliert.
Direkte Gewalt mit dem Einsatz von Atombomben gab es nicht mehr, aber die Staaten demonstrierten ihre Gewaltbereitschaft effektvoll.
D Die Atommächte haben in den Jahren von 1945 bis 2009 insgesamt 2.052 Nuklearbombentests durchgeführt. Jeder Test mit einer Bombe, die eine deutlich höhere Sprengkraft besaß als die Bomben, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. USA: 1.039 Tests, Sowjet-Union: 718, Frankreich: 198, China: 45, Indien: 3, Pakistan: 2.
Abbildung: Atompilz der »Baker«-Explosion, Teil der Operation Crossroads, einem Nuklearwaffentest der Vereinigten Staaten von Amerika, durchgeführt am 25. Juli 1946 auf dem Bikini Atoll. Die Schiffe, die zu sehen sind, wurden durch das radioaktiv verseuchte Wasser so stark kontaminiert, dass etliche nicht mehr zu dekontaminieren waren und versenkt werden mussten. Die Aussage, die in diesem Bild steckt, ist nicht die beeindruckende Größe und Form des gewaltigen Atompilzes der Explosion, es ist die traurige und erschreckende Botschaft: »Wir sind bereit, Menschen zu Opfern zu machen.« Quelle des Fotos: Wikipedia.de. (unter Nutzung der dort beschriebenen Lizenzrechte)
Etwa 1.825 Tests fanden allein in den Jahren 1945 bis 1970 statt. Im Schnitt gab es also alle fünf Tage eine Nuklearbombenexplosion auf unserem blauen Planeten Erde!
Den »Fall-out«, die radioaktiv strahlenden Partikelchen, die in großen Mengen bei einer Explosion freigesetzt werden, trieben Wind und Wetter mehrfach um die Erde, bevor er in tiefere Schichten absank und mit dem Regen auch bewohnte Gebiete weit abseits der Explosionen verseuchte.
Krebs zählt zu den Spätfolgen der atomaren Kontaminierung. Das ist allgemein bekannt und wird von Jedermann akzeptiert. Dennoch wird der Zusammenhang zwischen konkreten Krebserkrankungen und dem Einsatz von Atombomben bestritten. Genau wie beim Betrieb und bei Unfällen in Atomkraftwerken. Der schnelle Anstieg von Krebserkrankungen Ende letzten Jahrhunderts wird mit vielen Auslösern begründet. Schuld sind im Zweifelsfall die Erkrankten selbst. Selbstverständlich. Rauchen, Smog und ungesunde Lebensweise. Wenn man nur lange genug bohrt, findet sich bei jedem ein recht plausibler Grund für seine Erkrankung.
Ein Zusammenhang zwischen Atombombentests, den ungeheuren Mengen an Fall-out, die unsere Lebensräume für Jahrzehnte verseuchten, dem Krebsanstieg und den konkreten Krebserkrankungen wurde nie ergründet.
Wir meinen: Vor den massiven und nachhaltigen Auswirkungen von Gewalt und Gewaltbereitschaft dürfen die Augen nicht verschlossen werden. Das gilt im Großen. Das gilt mehr noch im Kleinen, dort, wo wir selbst handeln und Einfluss nehmen können!
Im Gedenken an die weltweiten Opfer der Gewalt: Bimbam …
E s sollte nicht in Vergessenheit geraten. Es gehört ohne Zweifel in jede Diskussion um Krieg, kriegerische Auseinandersetzung, Gewalt und Brutalität.
Es gibt in der Geschichte viele Beispiele für extrem überhöhte Gewalt und Gewaltbereitschaft. Der Atombombenabwurf auf die japanische Stadt Hiroshima ist nur eines. Dafür ist das ein sehr anschauliches Beispiel, dem sich die öffentliche Aufmerksamkeit nicht entziehen konnte und nach wie vor nicht entziehen kann.
Die Öffentlichkeit verschließt längst die Augen gegen übersteigerte Gewaltbereitschaft im Kleinen, wo ähnlich wie in Hiroshima unbeteiligte Menschen zu Opfern werden. Es müssen nicht Tausende sein, ein Opfer genügt. Es muss kein Sterben sein, ein Schmerz genügt, eine bleibende Behinderung ist eine Katastrophe! Viele Opfer und ihre Angehörigen müssen die Folgen zeitlebens tragen. Ihr Leben verändert sich. Oft grundlegend und nachhaltig. Weil sie zur falschen Zeit am falschen Platz waren und von der plötzlichen Wucht gewaltbereiter Menschen ohne Chance, zu entkommen, vom Mitmenschen zum Opfer degradiert wurden.
Nehmen wir das als Ausdruck einer sich ändernden Gesellschaft nur einfach stillschweigend in Kauf und zur Kenntnis? Oder ist das Schweigen und Dulden Ausdruck einer Ohnmächtigkeit gegenüber Wertesystemen, die Gewaltbereitschaft in weiten Bereichen unseres Miteinander gutheißen und fördern? Ist darin persönliches Versagen, Überforderung, Machtlosigkeit, Hilflosigkeit oder Desinteresse zu sehen? Vielleicht. Es wird sicher unterschiedliche Gründe geben. Wer weiß das schon?
W ir meinen: Es darf nicht weggesehen werden, wenn Gewalt stattfindet. Es darf nicht geschwiegen werden, wenn Gewalt verharmlost wird. Es darf nicht geduldet werden, dass sich Gewalt als respektiertes Handeln ausbreitet und ihr Tür und Tor geöffnet werden.
Wir widmen deshalb diesen Platz hier gerne dem Gedenken an die Opfer des Atombombenabwurfs über der japanischen Stadt Hiroshima!
Wir zielen damit auf alle, die mit uns gemeinsam gegen Gewalt sind. Nicht nur im Großen, auch im Kleinen, in unserem kleinen persönlichen Lebensraum, den wir uns so gerne friedlich und gewaltfrei wünschen.
Dazu gehört selbstverständlich unser Lebensraum »Internet«. Auch hier gilt es, nicht wegzusehen und nicht zu schweigen. Die öffentliche Zurschaustellung und Verbreitung von Gewalt, die Befürwortung von Gewaltbereitschaft und der unrefelektierte Konsum gewaltverherrlichender Medien führen zu eklatanten Veränderungen bei Konsumenten und damit in unserer Gesellschaft. Es senkt beim Individuum die Hemmschwelle zur Gewaltbereitschaft, es hebt die emotionale Reizschwelle, die nur noch mit deutlich stärkeren Reizen befriedigt werden kann. Es verdreht die Realitäten und misst der Fähigkeit zur Gewalt wider alle Vernunft eine Bedeutung zu, die ihr gesellschaftlich nicht zukommt.
Wir können Besucher von Webseiten, insbesondere aber die Webseitenbetreiber nur bitten, auf gewaltverherrlichende Inhalte zu achten und sie zu ächten.
Abbildung: Atompilz der Atombombe »Little Boy« über Hiroshima (rechts) und die zerstörte Stadt, in der von 76.000 Häusern 70.000 praktisch pulverisiert wurden – inklusive allem, was da Leben in sich trug. Diese Aufnahme (links) wurde vom Piloten des Abwurfbombers signiert. Quelle: Wikipedia.de. (unter Nutzung der dort beschriebenen Lizenzrechte)
6. August 1945, Hiroshima, Japan
Der USAF-B29-Bomber Enola Gay, benannt nach dem Mädchennamen der Mutter des 30-jährigen Bomberpiloten Paul W. Tibbets, löst um 8:15 Uhr und 17 Sekunden Ortszeit die 4 Tonnen schwere Atombombe »Little Boy« in einer Höhe von 9.950 Metern aus.
Um 08:16 Uhr und 2 Sekunden explodiert die Bombe 580 Meter über dem Stadtkern von Hiroshima.
Die Stadt wurde flächendeckend zerstört. Über 90 Prozent der Gebäude wurden durch die Druckwelle geradezu pulverisiert. Die Hitze erreichte noch in 10km Entfernung vom Mittelpunkt der Explosion 6000 Grad Celsius, entzündete wie aus dem Nichts alles Brennbare, verbrannte und kochte alles Leben, was nicht im Schatten der Hitzewelle Zuflucht gefunden hatte.
Man geht von bis 40.000 Menschen aus, die sofort und schlagartig ums Leben gekommen sind. Es dürften angesichts der Zerstörungen weit aus mehr sein. Es gab von vielen keine Überreste und es gab niemanden mehr, der sie vermisste. Mit ihnen wurde das Wissen um ihre Existenz ausgelöscht. Die Stadt war überlaufen. Neben der einheimischen Bevölkerung waren Soldaten sowie koreanische und chinesische Zwangsarbeiter dort stationiert.
In nur wenigen Jahren starben weitere 30.000 bis 40.000 Menschen an den direkten Folgen der erlittenen Verbrennungen und radioaktiven Verstrahlungen. Doch das Sterben hörte immer noch nicht auf. Von der großen Zahl Menschen, die mit schweren Verbrennungen und Verstümmelungen überlebten, von Blinden, Behinderten und Krebskranken ganz zu schweigen. Und von denen, die gar keine Chance bekamen, geboren zu werden.
Menschen zu Opfern machen, das verändert ihr Leben. Oft genug für immer. Gewaltbereitschaft nimmt dies bedenkenlos in Kauf. Wer Gewalt anwendet, wer Gewalt respektiert und Gewalt rechtfertigt, macht Mitmenschen zu Opfern. Vorsätzlich und bedenkenlos.
Seit 1947 gedenkt Japan am 6. August um 8:16 Uhr dem schrecklichen Tag mit dem Stillstand jeglicher Aktivitäten im Berufs- und im Privatleben mit einer totalen Schweigeminute unter anhaltendem Glockengeläut.
Wann haben Sie zum letzten Mal ein kleines Glöckchen klingeln lassen und sind ganz bewusst gegen Gewalt und für Frieden eingetreten?
E s hat ein Weilchen gedauert. Warum, ist mir unklar. Nun hat die japanische Regierung einen Umkreis von 20 Kilometer um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima zum Sperrgebiet erklärt. Für über 80.000 Menschen ist damit die Rückkehr in ihre Häuser, Wohnungen und Geschäfte unmöglich. Sie können nicht mehr auf ihr Eigentum zugreifen. Viele Bewohner dieser Zone hatten in den letzten Tagen versucht, persönliche Habseligkeiten zu bergen und in ihr Exil zu retten. Darauf stehen nun hohe Strafen.
Die Situation entwickelt sich wie einst in Tschernobyl. Ach! Wer hätte das gedacht?! Die ukrainische Stadt Prypjat nahe dem Atomkraftwerk wurde vor 25 Jahren evakuiert. Sie ist bis heute eine Geisterstadt. Sie wird es noch für Jahrhunderte bleiben. Die gesamte Stadt ist im Prinzip ein riesiges freiliegendes, oberirdisches Lager mit verstrahltem Müll.
Gleichzeitig spricht die japanische Betreiberfirma Tepco davon, dass sie vermutlich bis Ende des Jahres die Situation unter Kontrolle haben werden. Ich unterstelle mal: Sie kennen Tschernobyl. Sie kennen die Auswirkungen großer Atomunfälle. Wieso sie den Menschen Hoffnung auf Rückkehr machen, ist mir nicht klar. Es verzögert die Entscheidung, die betroffenen Menschen endgültig umzusiedeln. Allerdings: Dadurch gewinnen sie Zeit, dadurch sparen sie Geld. Was kostet eine komplette Stadt für 80.000 Menschen, voll möbliert und gut ausgestattet bis hin zu gefüllten Kühlschränken?
Nach Tschernobyl hätte man besser vorbereitet sein können. Ich hoffe, die Atomkraftwerksbetreiber in Deutschland besitzen für den Notfall Evakuierungspläne in ihren Schubladen. Pläne, die nicht nur den Abtransport der Menschen, sondern auch ihre Versorgung und den dauerhaften Verbleib an einem sicheren Ort mit einschließen.
S ind Sie ein potentiell Betroffener? Nehmen Sie eine Landkarte. Markieren Sie die nächstgelegenen Atomkraftwerke. Malen Sie vier Kreise mit den Radien 10km, 20km, 30km und 200km um die Kraftwerke. Falls Sie innerhalb eines dieser Kreise wohnen, können Sie sehr stark bis deutlich betroffen sein, wenn es zu einem Atomunfall in diesen Kraftwerksanlagen kommt.
Bei einem GAU (größter anzunehmender Unfall) ist der innerste Kreis die Todeszone. Hier werden mit großer Wahrscheinlichkeit die Bewohner sofort sterben oder so stark verstrahlt werden, dass ihre Lebenserwartung auf Stunden bis Tage schrumpft.
Je nach schwere des Unfalls werden die Bewohner innerhalb des zweiten oder dritten Kreises zu evakuieren sein. Sorgen sie dafür, dass ihr Kreditkartenkonto und andere Bankkonten gut gefüllt sind. Sie werden nur noch besitzen, was sich nicht in der Evakuierungszone befindet. Sorgen Sie dafür, dass wichtige Dokumente griffbereit abgelegt sind oder deponieren Sie Kopien auf einem sicheren Server im Internet. Evakuierte können bestenfalls leichtes Handgepäck und die Kleidung am Leib mitnehmen, alles andere wird innerhalb kurzer Zeit atomverstrahlter Müll werden.
Die Lebensbedingungen werden für alle schwer, aber auch die Wirtschaft wird erschüttert. Beispiel Biblis: Der Frankfurter Flughafen liegt nur etwas mehr als 30km Luftlinie von Biblis entfernt. Wird er bei einem Atomunfall in Betrieb bleiben? Eher nicht. Frankfurt ist eine wichtige Metropole. Ein GAU in Biblis könnte die Bedeutung des Finanzzentrums Frankfurt radikal ändern. Das gesamte Rhein-Main-Gebiet südlich des Flughafens könnte Evakuierungszone werden. Bis hinunter nach Speyer. Dazwischen: Mainz, Rüsselsheim, Darmstadt, Oppenheim, Alzey, Worms, Heidelberg, Mannheim, Ludwigshafen. Sehr viele kleine, mittlere und größere Betriebe würden aufhören, zu existieren. Usw. Es wären weit mehr als 80.000 Menschen betroffen. – Aber was schreibe ich hier? Ist doch alles bekannt. Es wird immer erwähnt und dann mit dem Begriff »Restrisiko« zusammengefasst. Das jedenfalls gehört dazu, zu diesem Restrisiko.
Innerhalb des vierten Kreises (ca. 200km) ist die Strahlung immer noch so hoch, dass mit gesundheitlichen Schädigungen zu rechnen ist. Wetterlagen verformen diese Zone extrem. Auch dann, wenn Sie nicht evakuiert werden: Verlassen Sie die Gegend nach einem Atomunfall sofort.
Nach den Erfahrungen mit Tschernobyl und Fukushima stellt sich die Frage, ob nicht wenigstens die Todeszonen präventiv sukzessive zu räumen wären. Ob nicht die größere Umgebung von Kernkraftwerken aus Sicherheitsgründen Sperrgebiete werden. Beispielsweise mit Hilfe von Baustopps in diesen Gebieten. Beispielsweise mit Aufklärung und der Förderung eines Umzugs der Bewohner. Beispielsweise durch Beschränkung von Gewerbe, usw. Aber wer soll das alles bezahlen?
D ie schlechten Nachrichten reißen nicht ab: Schlecht ist, dass (wie schon an anderer Stelle angemerkt!) der Sarkophag, der den zerstörten Kraftwerksblock in Tschernobyl umkleidet, zerfällt. Schlecht ist, dass dort hohe Strahlung austritt. Schlecht ist, dass wieder Menschen in der Gefahrenzone sind, um die nötigsten Reparaturen zu veranlassen und um einen neuen Sarkophag zu bauen. Schlecht ist, dass der neue Sarkophag sofort gebaut werden muss und mindestens 1,6 Milliarden Euro kosten wird. Ich behaupte mal, es werden locker 2,5 Milliarden Euro werden. Die lange Bauzeit bis zum Jahr 2015 lässt das vermuten. Im Jahre 2007 ging man noch von ca. einer Milliarde aus. Schlecht ist, dass die Verantwortlichen das gar nicht bezahlen können!
Deshalb hatte die Ukraine zu einer Geldgeber-Konferenz am gestrigen Tag eingeladen. Sie bat und bittet um Spenden. Anders ist das nicht zu schaffen. Doch das Ergebnis der Konferenz ist ein erschütterndes Trauerspiel: Jedem ist völlig klar, was Atomverseuchung bedeutet. Alle wissen, dass sofort zu handeln ist. Zusammengekommen sind jedoch nur 550 Millionen Euro.
Immerhin, auch wenn es so nicht in der Zeitung steht: Ich bin dabei! Mit Pi-Mal-Daumen gut einem Euro unterstütze ich als Steuerzahler der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union dieses Projekt. Vermutlich mit deutlich mehr! Wie jeder andere deutsche Steuerzahler auch. Denn wieder einmal beteiligen sich Staaten in großer Höhe, also die Steuerzahler. Wieder ein Euro, der nicht auf meiner Stromrechnung steht, aber dem Atomstrom anzulasten ist. Ich weiß noch nicht wer, aber irgendjemand könnte dafür mal »Danke!« sagen, oder?
Ein Trauerspiel ist es m. E. vor allem für die Atomindustrie. Erzählt sie uns nicht unentwegt, sie habe alles im Griff? Erklärt sie nicht immer wieder, sie kenne das Restrisiko und sie stehe zu ihrer Verantwortung?
Ich bin für Solidargemeinschaften. Die Geldgeber-Konferenz wäre eine gute Chance für die Atomindustrie gewesen, ihren Behauptungen ein dickes Fundament mit Signal-Wirkung zu verpassen und im Schulterschluss einer solidarischen Verantwortung Ausdruck zu geben. Den Tschernobyl-Strom haben nicht nur die Ukrainer genutzt und nicht nur sie haben damit finanzielle Vorteile erwirtschaft, solange noch alles gut war. Chance vertan!
Es hätten viele Milliarden zusammenkommen können ohne den erniedrigenden Bittgang der ukrainischen Regierung. Der Atomindustrie geht es nicht schlecht. Tschernobyl ist ein europäisches und ein weltweites Problem.
Und da sollen wir glauben, dass im Fall des Falles hier in Deutschland die Atomindustrie für Folgeschäden und Kosten aufkommen wird? Bitte! Kommen Sie nun nicht mit dem Hinweisen, das war ja auch die Sowjetunion, das ist die Ukraine. Andere Länder, andere Sitten, usw. So einfach ist das nicht! Es gibt unserer Meinung nach keinerlei verlässliche Anzeichen dafür, dass die Aufarbeitung solcher Folgen in Deutschland anders ablaufen würde.
Mein Vorschlag: Es könnte eine »Welt-Atomkraft-Rück« eingerichtet werden. Eine Zentralbank, deren Einlagen dazu bestimmt sind, Atomunfälle zu decken. Von Sachkosten bis hin zu Renten und medizinischen Versorgungsleistungen für Betroffene. Man müsste auch keine Geldgeber-Konferenz einberufen, denn sie stehen fest, die Geldgeber: Staaten und Energieversorger, die Atomkraft nutzen. Egal, ob zur privaten, öffentlichen oder militärischen Nutzung, zur Energiegewinnung, zu Forschungszwecken oder in Waffen. Denn die Gefahren, die beispielsweise von atombetriebenen Flugzeugträgern oder U-Booten ausgehen, sind nicht geringer, als die von Atombomben oder von veralteten Atomkraftwerken. Tschernobyl und Fukushima hätten davon bereits profitieren können.
Das wäre schon allein deshalb wichtig, um Weltmärkten Sicherheit zu geben, um Turbulenzen an Börsen und an Finanzmärkten abzufedern. Was Fukushima für den japanischen Haushalt und seine Verschuldung bedeuten wird, kann heute noch gar nicht ermessen werden. Die Ukraine hat ihr Desaster: Tschernobyl. Und den Ukrainern wird klar, dass sie daran noch lange zu knabbern haben werden.
Wieder 1,6 Milliarden Euro an Subventionen für den Atomstrom. Geld, das nun nicht in erneuerbare Energien investiert werden kann. Wieder ein Grund mehr, eine Erhöhung der Strompreise zu fordern. In Ordnung. Von mir aus. Aber bitte sagen Sie nicht, Atomstrom ist billig. Das, was auf einer Rechnung steht, ist längst nicht das, was wir wirklich dafür bezahlen müssen.
N a also! Jetzt kommen konkrete Zahlen auf den Tisch! Die Mär vom billigen Atomstrom verliert nach und nach an Wirkung. Oder sind Sie immer noch der Meinung, Atomkraft ist die günstigste Art der Stromgewinnung? Und glauben Sie, dass die Folgen eines Atomunfalls gar nicht so schlimm und gar nicht so teuer sind im Vergleich zu – bespielsweise! – Verkehrsunfällen?
Gleich mehrere Nachrichten passen zu diesen Glaubensfragen:
D er Streit über die Kosten der Energie entbrennt. Wir werden mehr für Strom zahlen müssen. Das jedenfalls erzählt jeder, und das glaubt inzwischen fast jeder, oder? Doch vorsicht! Ist das überhaupt nötig? Nicken Sie bitte nicht zu schnell! Zahlen, die wirklich vergleichbar sind, müssen erst noch präsentiert werden!
Greenpeace hat nun berechnet, dass Atomstrom schon heute teurer ist als alle anderen Arten der Stromgewinnung. Beispielsweise ist Atomstrom etwa doppelt so teuer wie Strom aus Wasserkraft. Woran liegt das? Nun, Atomstrom wird subventioniert. Die staatliche Förderung belief sich laut Greenpeace bei Atomstrom auf 186 Milliarden Euro seit 1970. Im gleichen Zeitraum wurden erneuerbare Energien mit 28 Milliarden Euro subventioniert.
Sie, ich und wir, haben demnach schon immer sehr viel Geld für Atomstrom bezahlt, selbst dann, wenn wir ihn gar nicht nutzen: über unsere Steuerabgaben. Eine vernünftige Entscheidung wäre es wohl, die Subventionen umzulenken, zumal die Betreiber mit Kernkraftwerken täglich Millionen Euro Gewinn einfahren.
Aber wir fürchten, die Verantwortlichen werden es schaffen, uns klar zu machen, dass wir mehr zahlen müssen, mehr für erneuerbare Energien und mehr für den Ausbau der Sicherheit in Atomkraftwerken. Im Zweifelsfall per Verordnung oder Gesetz. Gleichzeitig werden sie alles daran setzen, mehr rauszuholen. Mehr an Subventionen. Sie werden darum kämpfen, dass die Abgaben gekürzt werden, die sie zu entrichten haben. Und dann werden sie uns einmal mehr beweisen, dass Strom nur dank Atomkraft so billig produziert werden kann.
Wir meinen: Atomstrom ist nur deshalb so billig, weil wir auf vielen anderen Wegen monetär und nicht-monetär dafür bezahlen und dafür geradestehen. Aber mal sehen, wie die Diskussion weitergeht: Die Fakten gewinnen jedenfalls an Form, die Zahlen werden langsam konkreter.
G leichzeitig vergammeln im Atommülllager Asse rund 126.000 marode Fässer Atommüll. Eine Bergung und Neueinlagerung in einem geeigneten Endlager kann nicht mehr lange hinausgezögert werden. Das Bundesamt für Strahlenschutz schätzt allein die Kosten für die Bergung auf über 2 Milliarden Euro. Kosten für eine Endlagerung sind darin wohl noch nicht erfasst, oder? Die Gefahren für die Menschen, die diesen Job machen müssen, sind nicht abschätzbar, aber die Situation ist äußerst kritisch. Mehr als 10% der Fässer geben bereits Strahlungen ab, die Lebensgefahr bedeuten können, wenn man ihnen zulange ausgesetzt ist.
Wer bezahlt das alles? Und fließen diese Kosten in die Kosten pro Kilowattstunde Atomstrom mit ein?
V or 25 Jahren haben Menschen an der Versiegelung des Kernkraftwerkes Tschernobyl gearbeitet. Jetzt machten sie mit einer Demo in Kiew auf ihr Leid aufmerksam und forderten, endlich die nötige soziale und medizinische Versorgung zu erhalten, die ihnen bisher versagt blieb.
2000 Menschen sollen teilgenommen haben an dieser Demo, etliche waren nicht dabei. Sehr viele sind inzwischen an den Folgen der Verstrahlung gestorben, andere schwerstkrank. Die Folge: Den Diskussionen liegen nur geschönte Statistiken und geschönte Bilanzen zugrunde, die Flucht aus der Verantwortung überschattet das Ereignis. Ein schlimmes Kapitel – für jeden einzelnen Betroffenen! Der traurige Fukushima-Unfall macht Mut.
Dass das Kernkraftwerk Tschernobyl wahrscheinlich den bisher teuersten Strom der Welt produziert hat, das hatten wir schon beispielhaft erläutert und muss nicht wiederholt werden. Die Frage ist, ob Fukushima toppen wird. Aber das, so glauben wir, wird nie zu beweisen sein. Weil es niemand nachrechnen wird. Denn jeder Yen und jeder Euro auf der Kostenseite kommen dem Eingeständnis gleich, in der Verantwortung zu stehen.
S o ganz kann man sich nicht ihr nicht entziehen, der Verantwortung. Auch wenn man es gerne täte, wie die verhaltene Informationspolitik während des Unfallablaufs in Fukushima vermuten lässt. Der japanische Kraftwerksbetreiber Tepco bietet jetzt jedem, der aus der Todeszone evakuiert werden musste, eine Million Yen (ca. 8.300 Euro) Entschädigung an. Das ist weniger, als der Totalschaden eines Kleinwagens bei einem Verkehrsunfall verursachen würde. Das ist sehr, sehr wenig, für ein verlorenes Zuhause, für verlorenes Eigentum, für verlorene Lebensqualität, für direkt entstehende Kosten, für Leid und Schmerz und womöglich Krankheit.
Hoffentlich ist das nur als Erstmaßnahme zu verstehen, um direkte Kosten abzufangen, die die Evakuierung mit sich bringt und die für das Leben im Nichts entstehen. Es wäre schlimm, wenn sich damit die Verantwortlichen von realistischen Entschädigungen freikaufen können. Und es wäre schlimm, wenn nur diese kleinen Zahlen in den Kostenrechnungen des Atomunfalls Eingang fänden. Denn in einer rückwärtigen Betrachtung aus Buchhaltersicht suggerieren sie: war ja gar nicht so schlimm! Es gibt Schlimmeres. – Uns fällt kaum etwas Schlimmeres ein.