Die Lutherbibel von 1545 ist mit ihrem Frakturzeichensatz nicht leicht zu lesen. Wir bieten hier Videos, in denen ausgewählte Perikopen aus den Sonntagsreihen der evangelischen Kirchenordnungen vorgelesen werden.
Ein erster Text ist die Evangeliumsperikope aus dem Evangelium nach Lukas zum
5. Sonntag nach Trinitatis.
Dieser Text in Lk 5,1-11 erzählt die Geschichte vom Fischzug des Petrus und von der Berufung der ersten Jünger durch Jesus.
Je nach unseren zeitlichen Möglichkeiten werden weitere Texte folgen.
Gelesen werden die Texte von Reiner Makohl.
Für einen musikalischen Rahmen haben wir J.S. Bachs Präludium in C-Dur gewählt, gespielt auf einer Gitarre (©by Bluevalley).
Wir hoffen, damit unser Angebot auch für jene Besucher abzurunden, denen das Lesen der Texte nicht leicht fällt oder die kirchliche Textlesungen auch gerne wörtlich nehmen, also das Vorlesen bevorzugen statt die Texte selbst zu lesen.
Die Videosammlung finden Sie hier:
Video-Hörbuch
In den Seiten zu den Sonn- und Feiertagen des evangelischen Kirchenjahres haben wir zusätzlich die Audio-Dateien eingebracht. Die zugehörigen Texte, die vorgelesen werden, befinden sich direkt darunter.
In beiden Fällen können die Texte beim Zuhören auch selbst gelesen werden. Wer aber möchte, kann auch einfach die Augen schließen, sich zurücklehnen und das gesprochene Wort in sich aufnehmen.
Wir wünschen Ihnen viel Spaß auf Stilkunst.de!
Reiner Makohl
Kategorien: In eigener Sache | Neu bei Stilkunst
G erade melden es die Nachrichten: Ein Seebeben vor Japan löste heute einen leichten Tsunami aus, der die Küste vor Fukushima und somit das dortige Kernkraftwerk bedrohte. So, wie es berichtet wird, war die Kraft des Tsunamis gering. Er stellte wohl anders als der Tsunami vom 11. März 2011 keine Gefahr für das Kernkraftwerk dar. Zum Glück!
Wollen wir hoffen, dass das so bleibt! Wollen wir hoffen, dass die Reparaturmaßnahmen am Kernkraftwerk Fukushima zügig vorankommen. Wollen wir hoffen, dass keine weiteren Leben gefährdet werden!
Am 11. März 2011 um 14:46 Uhr Ortszeit erschütterte das Tōhoku-Erdbeben den Meeresgrund vor der Ostküste Japans. Das Epizentrum lag etwa 163 km nordöstlich des Kernkraftwerks Fukushima. Damit wurde eine Reihe von Unfällen eingeleitet, die sich am und im Kraftwerk in den folgenden Sekunden und Tagen ereigneten.
Über die Ereignisse im Zusammenhang mit der Nuklearkatastrophe von Fukushima hatten wir hier im BLOG bereits berichtet. Unser Kalender führt den 11. März zum Gedenken an diese Katastrophe (Klicken sie auf das Kalendersymbol oben, um dort hinzugelangen).
Wir haben den Tag eingeordnet als Gedenktag gegen Gewalt – weil wir der Überzeugung sind, dass Menschen körperliche und psychische Gewalt angetan wird, wenn es zum GAU kommt. Und der GAU wird als Restrisiko in Kauf genommen.
Mit welcher Härte dieses Restrisiko das Land und seine Bevölkerung, die Gesellschaft und die Wirtschaft treffen kann, belegen Tschernobyl und Fukushima auf traurige Weise.
Wollen wir hoffen, dass Menschen daraus Lehren ziehen und klüger werden. Wissender sind wir ja nun bereits.
Reiner Makohl
Kategorien: Atomkraft | Hope for the Future
W ir haben bereits vor drei Tagen an dieser Stelle dem Atombombenabwurf über Hiroshima am 6. August 1945 gedacht. Wir haben in diesem Zusammenhang angerissen, dass das Übel nicht erst in der Tat selbst, sondern in der Bereitschaft zur Gewalt steckt. Und wir haben versucht, aufzuzeigen, was es meint, Opfer zu sein.
Zu welcher gefühlskalten, euphorischen Brutalität hohe Gewaltbereitschaft führen kann, haben uns die amerikanischen Befehlshaber vor Augen geführt, denen die Folgen des ersten Atombombenabwurfs über einer bewohnten Stadt nicht genug waren. Militärstrategisch ist der zweite Atombombeneinsatz stärker noch als der erste umstritten. In diese Diskussion wollen wir uns gar nicht einmischen. Fakt ist: Neben vielen anderen Ereignissen in der Geschichte gehören die Atombombenabwürfe über Japan zu den schlimmsten und zu den beschämensten Taten, die Menschen je ausgeübt haben.

Abbildung: Atompilz der Atombombe »Fat Man« über Nagasaki (rechts). Links oben ein Luftbild des Abwurfzentrums vor dem Abwurf, links unten der selbe Ausschnitt nach dem Abwurf. – Die Stadt und alles, was da Leben in sich trug, sind ausradiert.
Quelle der Fotos: Wikipedia.de. (unter Nutzung der dort beschriebenen Lizenzrechte)
9. August 1945, Nagasaki, Japan
Der USAF-B29-Bomber Bockscar, benannt nach seinem ersten Piloten Frederic C. Bock, eigentlich also Bock‘s Car, geführt von dem 25-jährigen Piloten Charles W. Sweeny und einer 13-köpfigen Besatzung, löst um 11:02 Uhr Ortszeit die 4,67 Tonnen schwere Bombe »Fat Man« über Nagasaki aus, die in einer Höhe von 470 Metern detoniert.
Diese Bombe pulverisierte die Industriegebiete von Nagasaki und tötete sofort mindestens 30.000 Menschen. Viele von ihnen verglühten im Bruchteil einer Sekunde, von jetzt auf gleich, mitten in der Bewegung, in der sie sich befanden, stehend, sitzend, liegend. Viele starben quälend langsam und unter großen Schmerzen, ohne Aussicht auf Rettung oder Hilfe. Etwa 40.000 Menschen erlagen den Verletzungen und Verstrahlungen innerhalb der folgenden fünf Jahre. Und das Sterben ging weiter.
Japan hatte bereits vor dem 6. August 1945 Bereitschaft zur Kapitulation gezeigt. Trotzdem ordnete der amerikanische Präsident Harry S. Truman den Einsatz an und gab den Kommandeuren freie Hand bei der Wahl der Ziele. Sie konnten schließlich berichten: Mission erfüllt! Aber erst am 24. Oktober 1945 kapitulieren alle japanischen Truppen gegenüber den West-Alliierten Truppenverbänden. Die häufig erwähnte Abschreckungswirkung verfehlte demnach ihr Ziel, die massive zerstörische Wirkung allerdings nicht. Der Einsatz weiterer Atombomben fand in diesem langen Zeitraum zwischen dem 9. August 1945 und dem 24. Oktober 1945 nicht mehr statt. Zum Glück! – Nicht nur für Japan.
D Die Atombombe entwickelte sich zur Abschreckungswaffe im Kalten Krieg. Die verfeindeten Mächte bedrohten sich gegenseitig, und vermutlich schlitterten die Welt und die Menschheit mehr als nur einmal ganz knapp an einer Katastrophe vorbei.
Wäre es in dieser Zeit zu einer kriegerischen Auseinandersetzung gekommen, dann wäre Deutschland eines der Hauptaustragungsgebiete gewesen. Die Militärstrategen haben mit zahlreichen Atombombeneinsätzen über Deutschland gerechnet und unglaublich viele Tote einkalkuliert.
Direkte Gewalt mit dem Einsatz von Atombomben gab es nicht mehr, aber die Staaten demonstrierten ihre Gewaltbereitschaft effektvoll.
D Die Atommächte haben in den Jahren von 1945 bis 2009 insgesamt 2.052 Nuklearbombentests durchgeführt. Jeder Test mit einer Bombe, die eine deutlich höhere Sprengkraft besaß als die Bomben, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. USA: 1.039 Tests, Sowjet-Union: 718, Frankreich: 198, China: 45, Indien: 3, Pakistan: 2.

Abbildung: Atompilz der »Baker«-Explosion, Teil der Operation Crossroads, einem Nuklearwaffentest der Vereinigten Staaten von Amerika, durchgeführt am 25. Juli 1946 auf dem Bikini Atoll. Die Schiffe, die zu sehen sind, wurden durch das radioaktiv verseuchte Wasser so stark kontaminiert, dass etliche nicht mehr zu dekontaminieren waren und versenkt werden mussten.
Die Aussage, die in diesem Bild steckt, ist nicht die beeindruckende Größe und Form des gewaltigen Atompilzes der Explosion, es ist die traurige und erschreckende Botschaft: »Wir sind bereit, Menschen zu Opfern zu machen.«
Quelle des Fotos: Wikipedia.de. (unter Nutzung der dort beschriebenen Lizenzrechte)
Etwa 1.825 Tests fanden allein in den Jahren 1945 bis 1970 statt. Im Schnitt gab es also alle fünf Tage eine Nuklearbombenexplosion auf unserem blauen Planeten Erde!
Den »Fall-out«, die radioaktiv strahlenden Partikelchen, die in großen Mengen bei einer Explosion freigesetzt werden, trieben Wind und Wetter mehrfach um die Erde, bevor er in tiefere Schichten absank und mit dem Regen auch bewohnte Gebiete weit abseits der Explosionen verseuchte.
Krebs zählt zu den Spätfolgen der atomaren Kontaminierung. Das ist allgemein bekannt und wird von Jedermann akzeptiert. Dennoch wird der Zusammenhang zwischen konkreten Krebserkrankungen und dem Einsatz von Atombomben bestritten. Genau wie beim Betrieb und bei Unfällen in Atomkraftwerken. Der schnelle Anstieg von Krebserkrankungen Ende letzten Jahrhunderts wird mit vielen Auslösern begründet. Schuld sind im Zweifelsfall die Erkrankten selbst. Selbstverständlich. Rauchen, Smog und ungesunde Lebensweise. Wenn man nur lange genug bohrt, findet sich bei jedem ein recht plausibler Grund für seine Erkrankung.
Ein Zusammenhang zwischen Atombombentests, den ungeheuren Mengen an Fall-out, die unsere Lebensräume für Jahrzehnte verseuchten, dem Krebsanstieg und den konkreten Krebserkrankungen wurde nie ergründet.
Wir meinen: Vor den massiven und nachhaltigen Auswirkungen von Gewalt und Gewaltbereitschaft dürfen die Augen nicht verschlossen werden. Das gilt im Großen. Das gilt mehr noch im Kleinen, dort, wo wir selbst handeln und Einfluss nehmen können!
Im Gedenken an die weltweiten Opfer der Gewalt: Bimbam …
Reiner Makohl
Kategorien: Gegen Gewalt - für Frieden | Hope for the Future
E s sollte nicht in Vergessenheit geraten. Es gehört ohne Zweifel in jede Diskussion um Krieg, kriegerische Auseinandersetzung, Gewalt und Brutalität.
Es gibt in der Geschichte viele Beispiele für extrem überhöhte Gewalt und Gewaltbereitschaft. Der Atombombenabwurf auf die japanische Stadt Hiroshima ist nur eines. Dafür ist das ein sehr anschauliches Beispiel, dem sich die öffentliche Aufmerksamkeit nicht entziehen konnte und nach wie vor nicht entziehen kann.
Die Öffentlichkeit verschließt längst die Augen gegen übersteigerte Gewaltbereitschaft im Kleinen, wo ähnlich wie in Hiroshima unbeteiligte Menschen zu Opfern werden. Es müssen nicht Tausende sein, ein Opfer genügt. Es muss kein Sterben sein, ein Schmerz genügt, eine bleibende Behinderung ist eine Katastrophe! Viele Opfer und ihre Angehörigen müssen die Folgen zeitlebens tragen. Ihr Leben verändert sich. Oft grundlegend und nachhaltig. Weil sie zur falschen Zeit am falschen Platz waren und von der plötzlichen Wucht gewaltbereiter Menschen ohne Chance, zu entkommen, vom Mitmenschen zum Opfer degradiert wurden.
Nehmen wir das als Ausdruck einer sich ändernden Gesellschaft nur einfach stillschweigend in Kauf und zur Kenntnis? Oder ist das Schweigen und Dulden Ausdruck einer Ohnmächtigkeit gegenüber Wertesystemen, die Gewaltbereitschaft in weiten Bereichen unseres Miteinander gutheißen und fördern? Ist darin persönliches Versagen, Überforderung, Machtlosigkeit, Hilflosigkeit oder Desinteresse zu sehen? Vielleicht. Es wird sicher unterschiedliche Gründe geben. Wer weiß das schon?
W ir meinen: Es darf nicht weggesehen werden, wenn Gewalt stattfindet. Es darf nicht geschwiegen werden, wenn Gewalt verharmlost wird. Es darf nicht geduldet werden, dass sich Gewalt als respektiertes Handeln ausbreitet und ihr Tür und Tor geöffnet werden.
Wir widmen deshalb diesen Platz hier gerne dem Gedenken an die Opfer des Atombombenabwurfs über der japanischen Stadt Hiroshima!
Wir zielen damit auf alle, die mit uns gemeinsam gegen Gewalt sind. Nicht nur im Großen, auch im Kleinen, in unserem kleinen persönlichen Lebensraum, den wir uns so gerne friedlich und gewaltfrei wünschen.
Dazu gehört selbstverständlich unser Lebensraum »Internet«. Auch hier gilt es, nicht wegzusehen und nicht zu schweigen. Die öffentliche Zurschaustellung und Verbreitung von Gewalt, die Befürwortung von Gewaltbereitschaft und der unrefelektierte Konsum gewaltverherrlichender Medien führen zu eklatanten Veränderungen bei Konsumenten und damit in unserer Gesellschaft. Es senkt beim Individuum die Hemmschwelle zur Gewaltbereitschaft, es hebt die emotionale Reizschwelle, die nur noch mit deutlich stärkeren Reizen befriedigt werden kann. Es verdreht die Realitäten und misst der Fähigkeit zur Gewalt wider alle Vernunft eine Bedeutung zu, die ihr gesellschaftlich nicht zukommt.
Wir können Besucher von Webseiten, insbesondere aber die Webseitenbetreiber nur bitten, auf gewaltverherrlichende Inhalte zu achten und sie zu ächten.
Abbildung: Atompilz der Atombombe »Little Boy« über Hiroshima (rechts) und die zerstörte Stadt, in der von 76.000 Häusern 70.000 praktisch pulverisiert wurden – inklusive allem, was da Leben in sich trug. Diese Aufnahme (links) wurde vom Piloten des Abwurfbombers signiert.
Quelle: Wikipedia.de. (unter Nutzung der dort beschriebenen Lizenzrechte)
6. August 1945, Hiroshima, Japan
Der USAF-B29-Bomber Enola Gay, benannt nach dem Mädchennamen der Mutter des 30-jährigen Bomberpiloten Paul W. Tibbets, löst um 8:15 Uhr und 17 Sekunden Ortszeit die 4 Tonnen schwere Atombombe »Little Boy« in einer Höhe von 9.950 Metern aus.
Um 08:16 Uhr und 2 Sekunden explodiert die Bombe 580 Meter über dem Stadtkern von Hiroshima.
Die Stadt wurde flächendeckend zerstört. Über 90 Prozent der Gebäude wurden durch die Druckwelle geradezu pulverisiert. Die Hitze erreichte noch in 10km Entfernung vom Mittelpunkt der Explosion 6000 Grad Celsius, entzündete wie aus dem Nichts alles Brennbare, verbrannte und kochte alles Leben, was nicht im Schatten der Hitzewelle Zuflucht gefunden hatte.
Man geht von bis 40.000 Menschen aus, die sofort und schlagartig ums Leben gekommen sind. Es dürften angesichts der Zerstörungen weit aus mehr sein. Es gab von vielen keine Überreste und es gab niemanden mehr, der sie vermisste. Mit ihnen wurde das Wissen um ihre Existenz ausgelöscht. Die Stadt war überlaufen. Neben der einheimischen Bevölkerung waren Soldaten sowie koreanische und chinesische Zwangsarbeiter dort stationiert.
In nur wenigen Jahren starben weitere 30.000 bis 40.000 Menschen an den direkten Folgen der erlittenen Verbrennungen und radioaktiven Verstrahlungen. Doch das Sterben hörte immer noch nicht auf. Von der großen Zahl Menschen, die mit schweren Verbrennungen und Verstümmelungen überlebten, von Blinden, Behinderten und Krebskranken ganz zu schweigen. Und von denen, die gar keine Chance bekamen, geboren zu werden.
Menschen zu Opfern machen, das verändert ihr Leben. Oft genug für immer.
Gewaltbereitschaft nimmt dies bedenkenlos in Kauf.
Wer Gewalt anwendet, wer Gewalt respektiert und Gewalt rechtfertigt, macht Mitmenschen zu Opfern. Vorsätzlich und bedenkenlos.
Seit 1947 gedenkt Japan am 6. August um 8:16 Uhr dem schrecklichen Tag mit dem Stillstand jeglicher Aktivitäten im Berufs- und im Privatleben mit einer totalen Schweigeminute unter anhaltendem Glockengeläut.
Wann haben Sie zum letzten Mal ein kleines Glöckchen klingeln lassen und sind ganz bewusst gegen Gewalt und für Frieden eingetreten?
Bimbam …
Reiner Makohl
Kategorien: Gegen Gewalt - für Frieden | Hope for the Future
E s hat ein Weilchen gedauert. Warum, ist mir unklar. Nun hat die japanische Regierung einen Umkreis von 20 Kilometer um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima zum Sperrgebiet erklärt. Für über 80.000 Menschen ist damit die Rückkehr in ihre Häuser, Wohnungen und Geschäfte unmöglich. Sie können nicht mehr auf ihr Eigentum zugreifen. Viele Bewohner dieser Zone hatten in den letzten Tagen versucht, persönliche Habseligkeiten zu bergen und in ihr Exil zu retten. Darauf stehen nun hohe Strafen.
Die Situation entwickelt sich wie einst in Tschernobyl. Ach! Wer hätte das gedacht?! Die ukrainische Stadt Prypjat nahe dem Atomkraftwerk wurde vor 25 Jahren evakuiert. Sie ist bis heute eine Geisterstadt. Sie wird es noch für Jahrhunderte bleiben. Die gesamte Stadt ist im Prinzip ein riesiges freiliegendes, oberirdisches Lager mit verstrahltem Müll.
Gleichzeitig spricht die japanische Betreiberfirma Tepco davon, dass sie vermutlich bis Ende des Jahres die Situation unter Kontrolle haben werden. Ich unterstelle mal: Sie kennen Tschernobyl. Sie kennen die Auswirkungen großer Atomunfälle. Wieso sie den Menschen Hoffnung auf Rückkehr machen, ist mir nicht klar. Es verzögert die Entscheidung, die betroffenen Menschen endgültig umzusiedeln. Allerdings: Dadurch gewinnen sie Zeit, dadurch sparen sie Geld. Was kostet eine komplette Stadt für 80.000 Menschen, voll möbliert und gut ausgestattet bis hin zu gefüllten Kühlschränken?
Nach Tschernobyl hätte man besser vorbereitet sein können. Ich hoffe, die Atomkraftwerksbetreiber in Deutschland besitzen für den Notfall Evakuierungspläne in ihren Schubladen. Pläne, die nicht nur den Abtransport der Menschen, sondern auch ihre Versorgung und den dauerhaften Verbleib an einem sicheren Ort mit einschließen.
S ind Sie ein potentiell Betroffener? Nehmen Sie eine Landkarte. Markieren Sie die nächstgelegenen Atomkraftwerke. Malen Sie vier Kreise mit den Radien 10km, 20km, 30km und 200km um die Kraftwerke. Falls Sie innerhalb eines dieser Kreise wohnen, können Sie sehr stark bis deutlich betroffen sein, wenn es zu einem Atomunfall in diesen Kraftwerksanlagen kommt.
Bei einem GAU (größter anzunehmender Unfall) ist der innerste Kreis die Todeszone. Hier werden mit großer Wahrscheinlichkeit die Bewohner sofort sterben oder so stark verstrahlt werden, dass ihre Lebenserwartung auf Stunden bis Tage schrumpft.
Je nach schwere des Unfalls werden die Bewohner innerhalb des zweiten oder dritten Kreises zu evakuieren sein. Sorgen sie dafür, dass ihr Kreditkartenkonto und andere Bankkonten gut gefüllt sind. Sie werden nur noch besitzen, was sich nicht in der Evakuierungszone befindet. Sorgen Sie dafür, dass wichtige Dokumente griffbereit abgelegt sind oder deponieren Sie Kopien auf einem sicheren Server im Internet. Evakuierte können bestenfalls leichtes Handgepäck und die Kleidung am Leib mitnehmen, alles andere wird innerhalb kurzer Zeit atomverstrahlter Müll werden.
Die Lebensbedingungen werden für alle schwer, aber auch die Wirtschaft wird erschüttert. Beispiel Biblis: Der Frankfurter Flughafen liegt nur etwas mehr als 30km Luftlinie von Biblis entfernt. Wird er bei einem Atomunfall in Betrieb bleiben? Eher nicht. Frankfurt ist eine wichtige Metropole. Ein GAU in Biblis könnte die Bedeutung des Finanzzentrums Frankfurt radikal ändern. Das gesamte Rhein-Main-Gebiet südlich des Flughafens könnte Evakuierungszone werden. Bis hinunter nach Speyer. Dazwischen: Mainz, Rüsselsheim, Darmstadt, Oppenheim, Alzey, Worms, Heidelberg, Mannheim, Ludwigshafen. Sehr viele kleine, mittlere und größere Betriebe würden aufhören, zu existieren. Usw. Es wären weit mehr als 80.000 Menschen betroffen. – Aber was schreibe ich hier? Ist doch alles bekannt. Es wird immer erwähnt und dann mit dem Begriff »Restrisiko« zusammengefasst. Das jedenfalls gehört dazu, zu diesem Restrisiko.
Innerhalb des vierten Kreises (ca. 200km) ist die Strahlung immer noch so hoch, dass mit gesundheitlichen Schädigungen zu rechnen ist. Wetterlagen verformen diese Zone extrem. Auch dann, wenn Sie nicht evakuiert werden: Verlassen Sie die Gegend nach einem Atomunfall sofort.
Nach den Erfahrungen mit Tschernobyl und Fukushima stellt sich die Frage, ob nicht wenigstens die Todeszonen präventiv sukzessive zu räumen wären. Ob nicht die größere Umgebung von Kernkraftwerken aus Sicherheitsgründen Sperrgebiete werden. Beispielsweise mit Hilfe von Baustopps in diesen Gebieten. Beispielsweise mit Aufklärung und der Förderung eines Umzugs der Bewohner. Beispielsweise durch Beschränkung von Gewerbe, usw. Aber wer soll das alles bezahlen?
Na, wer schon!?
Reiner Makohl
Kategorien: Politik | Atomkraft