
Reiner Makohl | Februar 2026
Verantwortung gehört zu den zentralen Begriffen christlicher Ethik und zugleich zu den am selbstverständlichsten verwendeten. Oft erscheint sie als moralische Pflicht, als individuelle Leistung oder als Zumutung, die auf den Menschen gelegt wird. Gerade diese Selbstverständlichkeit verdeckt jedoch, was im biblischen Zeugnis tatsächlich gemeint ist.
Dieser Text fragt, wie Verantwortung in den biblischen Erzählungen entsteht, wem sie zugeschrieben wird und in welchem Verhältnis sie zu Freiheit, Wissen und göttlichem Handeln steht. Dabei zeigt sich, dass Verantwortung weniger mit moralischer Forderung zu tun hat als mit Beziehung, Vertrauen und der Weise, wie Gott den Menschen anspricht und in Anspruch nimmt.
Systematische Kurzformel
Verantwortung bezeichnet im biblischen Zeugnis keine moralische Zusatzforderung, sondern die Folge einer Beziehung, in der Gott dem Menschen Freiheit zutraut, Handeln überträgt und ihn als Gegenüber ernst nimmt.
Im gegenwärtigen Sprachgebrauch wird Verantwortung überwiegend moralisch verstanden. Sie erscheint als Pflicht, als Erwartung oder als Maßstab, an dem individuelles Verhalten beurteilt wird. Verantwortung wird zur persönlichen Leistung oder zum moralischen Soll, dem man gerecht werden muss.
In dieser Perspektive wirkt Verantwortung wie etwas, das von außen auferlegt wird. Sie entsteht aus Normen, Erwartungen oder sozialen Zuschreibungen und wird häufig mit Schuld oder Versagen verknüpft. Verantwortung wird so zur Last, die getragen oder abgewehrt werden muss.
Dieses Verständnis ist verbreitet, aber nicht biblisch begründet. Es setzt Verantwortung als moralische Forderung voraus, statt zu fragen, wie Verantwortung im biblischen Zeugnis überhaupt entsteht.
Die Antwort auf diese Frage ist nicht aus allgemeiner Ethik, kirchlicher Lehrbildung oder dogmengeschichtlicher Überlieferung zu gewinnen. Sie erschließt sich vom biblischen Zeugnis selbst her, weil Gott sich an sein Wort bindet und dieses Wort der Ort ist, an dem sein Handeln erkennbar wird. Was die Texte erzählen, ist der Maßstab. Was andere Disziplinen oder Traditionen dazu sagen, ist nicht bedeutungslos, aber es ist nicht der Ausgangsort.
Was die Texte dabei zeigen, ist dies: Verantwortung wird nicht über moralische Reflexion eingeführt, sondern erzählerisch. Verantwortung ist von Beginn an vorausgesetzt. Sie wird nicht erklärt, sondern praktiziert. Der Mensch wird angesprochen, erhält einen Auftrag und wird in seinem Handeln ernst genommen.
Bereits in der Paradieserzählung tritt Verantwortung vor jede moralische Bewertung. Gott gibt dem Menschen ein Gebot und traut ihm zu, damit umzugehen. Mit diesem Gebot überträgt Gott Verantwortung. Diese Übertragung erfolgt nicht als Reaktion auf Schuld, sondern als Grundbedingung menschlicher Existenz [
↗1].
Auffällig ist, dass Verantwortung hier nicht an vollständige Erkenntnis gebunden ist. Der Mensch verfügt noch nicht über die reflektierte Unterscheidung von Gut und Böse, wird aber dennoch verantwortlich angesprochen. Verantwortung geht der Erkenntnis voraus und ist nicht deren Ergebnis [
↗2].
Die Erzählung kennt keinen Moment, in dem diese Verantwortung zurückgenommen wird. Auch nach dem Überschreiten der Grenze bleibt der Mensch Adressat göttlicher Anrede. Verantwortung wird nicht suspendiert, sondern bestätigt und verschärft [
↗3].
Damit wird Verantwortung im biblischen Erzählen nicht als moralische Forderung eingeführt, sondern als Beziehungsgeschehen. Der Mensch handelt nicht unter permanenter Kontrolle, sondern im Horizont eines Vertrauens, das ihm Freiheit lässt und Konsequenzen zumutet.
Biblische Verantwortung ist untrennbar mit Freiheit verbunden. Freiheit meint dabei nicht Beliebigkeit oder moralische Selbstverwirklichung, sondern die reale Möglichkeit zu handeln. Verantwortung setzt voraus, dass menschliches Handeln nicht vorab gesteuert oder im entscheidenden Moment korrigiert wird.
Die biblischen Texte erzählen keinen Gott, der menschliches Handeln permanent überwacht oder durch Eingriffe absichert. Gott zwingt den Menschen nicht zum Guten. Er verhindert Fehlentscheidungen nicht durch Intervention. Verantwortung bedeutet, dass der Mensch handeln kann und handeln muss, ohne dass Gott im entscheidenden Moment eingreift [
↗4].
Gerade darin liegt die Ernsthaftigkeit der Beziehung. Freiheit ist nicht Schonraum, sondern Zumutung. Der Mensch wird nicht bevormundet, sondern als Gegenüber angesprochen, dessen Entscheidungen Gewicht haben und Folgen nach sich ziehen.
Verantwortung ist daher nicht die Einschränkung von Freiheit, sondern ihre konkrete Gestalt. Wo Freiheit ernst gemeint ist, bleibt Verantwortung unausweichlich.
Das häufige Nicht-Eingreifen Gottes wird im biblischen Zeugnis nicht als Defizit beschrieben. Es ist Ausdruck der übertragenen Verantwortung. Wo Gott eingegriffen hätte, wäre menschliches Handeln relativiert oder nachträglich entwertet worden.
Die biblischen Erzählungen lassen Verantwortung beim Menschen. Gott tritt nicht zwischen Tat und Täter. Weder im Brudermord an Abel noch in den großen Gewaltgeschichten Israels noch im Leiden und Sterben Jesu wird menschliches Handeln durch göttliche Intervention aufgehoben. Verantwortung bleibt dort bestehen, wo Schuld real wird [
↗5].
Dieses Nicht-Eingreifen ist kein Zeichen von Gleichgültigkeit. Es ist Folge einer Beziehung, in der Gott den Menschen ernst nimmt. Verantwortung würde zur bloßen Simulation, wenn Gott im entscheidenden Moment korrigierend eingriffe und die Folgen menschlichen Handelns neutralisierte.
Verantwortung ist nicht delegierbar, nicht rückholbar und nicht nachträglich auf Gott übertragbar. Sie bleibt beim Menschen, auch dort, wo sie zur Zumutung wird [
↗6].
Evangelisch verstanden ist Verantwortung kein allgemeines ethisches Prinzip und keine abstrakte Pflichtkategorie. Sie ist an das Wort gebunden, durch das Gott den Menschen anspricht, ruft und in Anspruch nimmt. Verantwortung entsteht nicht aus normativer Selbstverpflichtung, sondern aus der göttlichen Anrede, die Freiheit eröffnet und Handeln überträgt. [
↗7].
Wo Verantwortung von dieser Wortbindung gelöst wird, verschiebt sie sich. Sie wird moralisiert, wenn sie als individuelle Leistung eingefordert wird, oder relativiert, wenn sie auf Umstände, Strukturen oder göttliches Eingreifen zurückdelegiert wird. Beides widerspricht dem biblischen Zeugnis.
Wo Verantwortung verletzt wird, entsteht Schuld. Diese Schuld wird im biblischen Zeugnis weder beschönigt noch funktionalisiert. Sie hebt Verantwortung nicht auf, sondern macht sie sichtbar. Verantwortung bleibt bestehen, auch dort, wo sie verfehlt wurde.
Evangelisch führt die Verletzung der Verantwortung nicht zur Auflösung der Beziehung, sondern in Schuld und Schuldbekenntnis. Schuldbekenntnis ist keine psychologische Entlastung und kein moralischer Selbstentwurf. Es ist die Anerkennung der eigenen Verantwortung vor Gott, ohne Ausflucht und ohne Rückdelegation.
Vergebung hebt Verantwortung nicht nachträglich auf. Sie löscht Schuld, aber sie macht das Handeln nicht ungeschehen. Vergebung eröffnet einen neuen Anfang, ohne die Verantwortung zu annullieren. Der Mensch bleibt verantwortlich, auch dort, wo ihm vergeben wird.
Damit unterscheidet sich die evangelische Perspektive sowohl von moralischer Pflichtethik als auch von religiösen Entlastungsmodellen. Verantwortung ist weder Selbstoptimierung noch fromme Überforderung. Sie ist die konkrete Gestalt des Glaubens im Handeln vor Gott und am Mitmenschen.
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Reiner Makohl, Theologische Begriffe: Verantwortung., in: Stilkunst.de,
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