Einhorn | Luther-Deutsch

Wörterbuch zur Lutherbibel von 1545

 

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Einhorn

 
 

 

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Luthers Wort

Bedeutung

Einhorn

Einhorn, das (veraltet)

 

junger Stier

 

(arabische) Oryx-Antilope

Einhorn
Vorkommen in der Lutherbibel von 1545

 

Gesamt AT Apokryphen NT
8 8 0 0

mhd.: einhürne, m.

hebräisch

רְאֵם  (rəʼem), Plural: רְאֵמִים (rəʼemiym)
wildes, unzähmbares Tier mit Hörnern

griechisch (Septuaginta)

μονόχερως (mo­no­che­ros)
das Ein­horn

lateinisch

unicornis
das Einhorn

 

Das hebräische Wort be­zeich­net all­ge­mein ein wil­des, un­zähm­ba­res Tier mit kräf­ti­gen Hör­nern. Es ist bis­her nicht ge­lun­gen, den Be­griff ein­deu­tig ei­ner Tier­art zu­zu­wei­sen.

 

Ge­meint ist wo­mög­lich die (ara­bi­sche) Oryx-An­ti­lo­pe in der An­nah­me, dass das he­brä­i­sche Wort mit dem ara­bi­schen Wort für die­se An­ti­lo­pe verwandt ist.

 

Allerdings lässt →Hiob 39,9-12 eher ein Wild­rind, einen Wild­och­sen, o. ä. erwarten und ver­weist so­mit in­di­rekt auf die as­sy­ri­sche Ab­stam­mung des he­brä­i­schen Be­griffs. Das be­zeich­ne­te Tier wäre dann der in Vor­der­asi­en be­kan­nte Ur oder Auerochse.

 

Luther waren der­ar­ti­ge Tie­re un­be­kannt. Ob­wohl er selbst nie ein Ein­horn ge­se­hen hat­te und das Tier als Fabel­we­sen kann­te, stütz­te er sich bei sei­ner Über­set­zung auf die gän­gi­gen Be­grif­fe der grie­chi­schen Sep­tua­gin­ta und der la­tei­ni­schen Bi­beln.

 

Denn tat­säch­lich ist es auch mög­lich, dass al­le Text­pas­sa­gen in der Bi­bel, in de­nen das Wort vor­kommt, als Stil­mit­tel ein Fa­bel­we­sen mei­nen, kein re­a­les Tier, um den je­weils an­ge­stell­ten Ver­gleich eben­so be­ein­dru­ckend wie un­an­fecht­bar zu über­spit­zen. Dann wür­de der he­brä­i­sche Be­griff et­wa »ge­hörn­tes, wil­des, un­zähm­ba­res Fa­bel­we­sen na­mens R'am« be­deu­ten. Da­für feh­len je­doch außer­bib­li­sche Be­le­ge.

 

 

 

 

Arabische Oryx-Antilope

 

Abbildung: Arabische Oryx-Antilope (Oryx leucoryx)

Credits (original file): MathKnight @ wikimedia.org
licensed under CC BY-SA

 

Die fast pfeil­ge­ra­den, dün­nen und im Ver­hält­nis zur Kör­per­grö­ße sehr lan­gen Hör­ner sind auf­fäl­lig. Sie kön­nen aus der Fer­ne be­trach­tet, oder wenn das Tier na­he­zu im Pro­fil zu se­hen ist, wie ein ein­zi­ges Horn wir­ken. Die Ge­stalt er­in­nert an Zie­gen, doch die­ses Tier ist an­ders als Zie­gen un­zähm­bar.

 

 

Das Einhorn ist heu­te ein Fa­bel­we­sen, des­sen Ge­stalt oft mit der ei­ner Zie­ge oder ei­nes Pfer­des gleich­ge­setzt wird. Es trägt mit­tig auf der Stirn nur ein ein­zi­ges Horn. Es taucht erst­mals schon in der An­ti­ke auf und wird u. a. von Ari­sto­te­les er­wähnt.

 

Es wird aller­dings an­ge­nom­men, dass in den bi­bli­schen Tex­ten sehr wahr­schein­lich kein ab­strak­tes Fa­bel­we­sen ge­meint ist, son­dern ein (uns un­be­kann­tes), re­a­les Tier.

 

Welches Tier der Begriff tat­säch­lich meint, ist um­strit­ten. Heu­te wird all­ge­mein an­ge­nom­men, dass es sich um ei­ne (Oryx-) An­ti­lo­pe (s. o.) oder um ei­nen Wild­stier (Auerochse) han­delt.

 

An den Wild­stier ist aufgrund →Hiob 39,9-12 zu den­ken. Es wurde versucht, den Grund für den Be­griff »Mo­no­cheros« der grie­chi­schen Quellen in anti­ken Ab­bil­dun­gen zu fin­den, die (spe­ziell in Grie­chen­land) den Stier oft im Pro­fil zei­gen. Da­bei ist dann nur ein Horn im Bild zu se­hen. Das hin­te­re Horn ist vom vor­de­ren Horn ver­deckt. Doch schei­nen sol­che Über­le­gun­gen kaum halt­bar. Es wä­re wohl nie­mand in der da­mals be­kann­ten an­ti­ken Welt auf die Idee ge­kom­men, in den für Stie­re ty­pi­schen und all­seits be­kann­ten grie­chi­schen Ab­bil­dun­gen ei­ne un­be­kan­nte Tier­art, Ein­hör­ner, zu er­ken­nen.

 

 

 

Wilder Stier, Relief in Knossos, Kreta, Griechenland

 

Abbildung: Wilder Stier, Relief in Knossos, Kreta, Griechenland

Credits (original file): © 2015 Sabrina | www.stilkunst.de
licensed under CC BY-SA

 

Der wilde, un­zähm­ba­re Stier be­saß in der An­tike be­son­de­res An­se­hen, das in Ri­ten, Fa­beln, und Göt­ter­kult mün­de­te.

 

Die­ses Re­lief in Knos­sos (Kre­ta) zeigt einen un­ge­stüm sprin­gen­den Stier. Die Hör­ner, die am Kopf aus­tre­ten, wir­ken zu­nächst wie ein ein­zi­ges Horn. Erst an ih­ren En­den wird sicht­bar, dass es sich um zwei Hör­ner han­delt. Oder ist es nur ein Horn, das sich am Ende ga­belt?

 

Wir sind uns sicher, dass sol­che und ähn­li­che Ab­bil­dun­gen spä­tes­tens seit Ale­x­an­der dem Gro­ßen im ge­sam­ten Mit­tel­meer­raum be­kannt waren, ein­deu­tig ver­stan­den wur­den und kei­nen An­laß bo­ten, da­rin den »Mo­no­che­ros«, das Ein­horn, zu er­ken­nen.

 

 

 

 

Die grie­chi­sche Sep­tua­gin­ta hat­te das Wort »Mo­no­che­ros« für die Über­set­zung des he­brä­i­schen Be­griffs ein­ge­führt. Wahr­schein­lich war dem Über­set­zer kein pas­sen­des Tier be­kannt, wohl aber dank grie­chi­scher Fa­beln das Ein­horn, das sich auf der Su­che nach ei­nem ge­hörn­ten, wil­den, un­zähm­ba­ren Tier an­bot. Im Vor­der­grund stan­den für den Über­set­zer wahr­schein­lich die ver­hal­tens­be­ding­ten Ei­gen­schaf­ten des Tie­res, die sich aus den spär­li­chen Text­pas­sa­gen in der Bi­bel ab­lei­ten lie­ßen, weniger seine Psy­sio­gno­mie. Mög­lich ist auch, dass der grie­chi­sche Über­set­zer dem he­brä­i­schen Wort ein nicht exis­ten­tes Tier, ein »Fa­bel­we­sen« un­ter­stell­te und ei­ne Ent­spre­chung aus der grie­chi­schen Sprach­welt im »Mo­no­che­ros« fand.

 

Das la­tei­ni­sche unicornis ist nichts an­de­res als die wort­ge­treue Über­tra­gung des grie­chi­schen Worts »Mo­no­che­ros« in die la­tei­ni­sche Spra­che. Dies trug maß­geb­lich zur Ver­brei­tung des Be­griffs im (rö­misch-ka­tho­li­schen) Abend­land über die Bi­bel bei.

 

In glei­cher Wei­se ist Luther vor­ge­gan­gen. Er über­trug man­gels ge­nau­e­rem Wis­sen wort­ge­treu aus der lateini­schen Bi­bel: Einhorn. Es war ihm nicht mög­lich, das im he­brä­i­schen Text be­zeich­ne­te Tier ge­nau­er zu be­stim­men.

 

Heu­te sind für Über­set­zun­gen die Wör­ter An­ti­lo­pe, Oryx-An­ti­lo­pe, Stier oder Wild­stier, je nach Kontext, statt Ein­horn zu emp­feh­len.

 

 

 

→Hiob 39,9

 

MEinſtu das Einhorn werde dir dienen / vnd werde bleiben an deiner krippen?

 

a) Meinst du, das Einhorn werde dir dienen und an deiner Krippe bleiben?

b) Meinst du <etwa>, der wilde Stier wird dir dienen wollen und in deinem Stall bleiben?!

 

Anm.:

In diesem Ab­schnitt (Hiob 39,9-12) wird mit ho­her Wahr­schein­lich­keit das Hausrind mit dem Wild­stier ver­gli­chen. Eine wil­de Rin­der­art (Au­er­ochse), die un­ge­stüm und nicht zähm­bar ist, nicht im Stall ge­hal­ten wer­den kann, nicht im Joch für die Be­wirt­schaf­tung des Ackers läuft und sich nicht da­von ab­hal­ten lie­ße, im Ernte­ein­satz ein­fach das Ge­trei­de zu fres­sen, an­statt es zur Scheu­ne zu trans­por­tie­ren.

 

 

→Psalm 22,22

 

Vnd errette mich von den Einhörnern.

 

a) Und rette mich vor den Einhörnern.

b) Und rette mich vor den wilden An­ti­lo­pen (bzw. Stie­ren).

 

 

→Psalm 29,6

 

Vnd machet ſie lecken wie ein Kalb / Libanon vnd Sirion / wie ein junges Einhorn.

 

a) Und lässt sie lecken wie ein Kalb, Li­ba­non und Sir­jon, wie ein jun­ges Ein­horn.

b) Er lässt sie hüpfen wie ein Kalb, den Li­ba­non und den Sir­jon, wie ei­ne jun­ge, wil­de An­ti­lo­pe (bzw. wie ein jun­ger, wil­der Stier).

 

 

→Psalm 92,11

 

ABer mein Horn wird erhöhet werden / wie eines Einhorns /

 

a) Mein Horn wird erhöht wer­den, wie das ei­nes Ein­horns.

b) Mein Horn wird erhöht wer­den, wie das ei­ner Oryx-An­ti­lo­pe.

 

Anm.:

Dieser Text erinnert an eine Oryx-An­ti­lo­pe mit ih­ren sehr lan­gen, ge­ra­de nach oben ge­rich­te­ten Hör­nern, we­ni­ger an die re­la­tiv kur­zen und krum­men Hör­ner von Wild­stie­ren.

 

 

 

→Jes 34,7

 

Da werden die Einhörner ſampt jnen erunter müſſen / vnd die Farren ſampt den gemeſteten Ochſen /

 

a) Da werden die Ein­hör­ner ge­mein­sam mit ih­nen her­un­ter müs­sen, und die Stie­re ge­mein­sam mit den ge­mäs­te­ten Och­sen.

b) Da werden die wil­den Au­er­och­sen mit ih­nen nie­der­sin­ken und die jun­gen Zucht­bul­len samt den Mast­och­sen.

 

Anm.:

Hier lässt die Ne­ben­ein­an­der­stel­lung von Ein­horn und Mast­och­se eher ei­nen wil­den Stier als eine An­ti­lo­pe er­war­ten.

 

 

 

 

SK Version 25.11.2019  

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