Dürfen Christen über christliches und nicht-christliches Denken, Reden und Handeln ihrer Mitmenschen urteilen? Besonders in politischen Auseinandersetzungen wird das immer wieder bestritten.
Besteht ein Anspruch auf Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft, wenn bewusst gegen maßgebliche Lehren Jesu verstoßen wird? Ist menschenverachtendes Denken, Reden und Handeln, das konkrete Menschen zu Opfern macht, für den Glauben und die Zugehörigkeit zur Kirche belanglos?
Jesus wendet sich Sündern zu und eröffnet ihnen den Weg zu Einsicht, Umkehr und Vergebung. Doch was gilt, wenn Menschen bewusst gegen seine Lehren verstoßen, jede Umkehr verweigern und dennoch ihren Platz in der christlichen Gemeinschaft beanspruchen? Müssen Christen das hinnehmen, oder dürfen sie darüber urteilen und ihr eigenes Verhalten danach ausrichten?
Der Himmel steht nicht jedem offen.
Reiner Makohl
Kategorien: Evangelisch Christsein | Glaube
Die Diskussion um bereits vollzogene und geplante Hinrichtungen in den USA wirft erneut eine grundsätzliche Frage auf: Kann die Tötung eines Menschen gerecht sein, weil ein Gericht sie angeordnet hat?
Aus christlicher Sicht: nein!
Die Bibel erzählt gleich zu Beginn der Menschheitsgeschichte von einem Mord. Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Gott zieht ihn dafür zur Verantwortung und bestraft ihn. Doch er schützt Kain zugleich davor, selbst getötet zu werden.
Mehr noch: Gott kündigt jedem, der Kain tötet, Vergeltung an (1. Mose 4,15). Wer den Mörder tötet, dem droht Gott mit einer siebenfach härteren Strafe als dem Mörder selbst.
Die späteren alttestamentlichen Rechtsordnungen übernehmen diesen grundlegenden göttlichen Schutzgedanken nicht durchgängig. Sie sehen für bestimmte Vergehen ausdrücklich die Todesstrafe vor. Erst Jesus greift den Gedanken der Überwindung von Vergeltung wieder auf und führt ihn in seiner Lehre weiter. Er fordert Versöhnung, Feindesliebe und einen Umgang miteinander, der über die Maßstäbe staatlicher Rechtsprechung hinausgeht.
Die Schuld eines Mörders bleibt bestehen. Seine Opfer haben Anspruch auf Gerechtigkeit. Doch wer einen Täter hinrichtet, macht ihn selbst zum Opfer. Richter und Henker tragen dafür eigene Schuld ganz besonders schwerer Art. Gerade, wer Gottes Willen kennt, kann sich vor Gott nicht auf die Rechtmäßigkeit seines Handelns berufen.
Ein Todesurteil kann durchaus nach staatlichem Recht gültig sein. Vor Gott wird die Tötung dadurch nicht gerecht. Staatliche Legitimation oder gesellschaftliche Ansichten rechtfertigten Taten nicht vor Gott.
Ich stehe als Christ entschieden gegen jede vorsätzliche Tötung eines Menschen. Daran ändert sich auch nichts, wenn ein Staat sie anordnet, ein Gericht sie erlaubt oder eine Religion sie duldet, rechtfertigt oder gar verlangt.
Evangelisch Christsein meint: Gott gegenüber verantwortlich sein.
Und damit jedem Menschen gegenüber.
Reiner Makohl
Kategorien: Evangelisch Christsein | Gegen Gewalt - für Frieden
Im Vaterunser verbindet Jesus die Bitte um Gottes Vergebung mit dem eigenen Vergeben: »Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« In der Kreuzigungsszene handelt er selbst nach dieser Vorgabe. Er hält die Schuld seiner Täter nicht fest und bittet den Vater um Vergebung für sie.
Ausgerechnet dieses Gebetswort in Lk 23,34a fehlt in einigen bedeutenden alten Handschriften des Lukasevangeliums und gilt deshalb häufig als später Zusatz. Irenäus von Lyon (ca. 135–200; Bischof und Theologe) kennt es jedoch bereits im 2. Jahrhundert und bezeugt es ausdrücklich in seinem Werk »Gegen die Häresien« als Wort Jesu am Kreuz.
Meine neue Untersuchung prüft die Auslassungszeugen, die frühe Bezeugung bei Irenäus und die Einfügung des Satzes in das lukanische Doppelwerk. Dabei geht es um mehr als eine textkritische Einzelheit: Mit der Auslassung verliert die Kreuzigungsszene ihre sichtbare Verbindung zur Vergebungsordnung des Vaterunsers.
Und mit der Auslassung tritt der Gott um Vergebung bittende Jesus hinter einen selbst vergebenden Christus zurück.
Der Artikel dazu ist hier zu finden:
Lk 23,34a: Eine textkritische Untersuchung
Gehört Jesu Bitte zum ursprünglichen Text des Lukasevangeliums? Was sagen Textzeugen und Wirkungsgeschichte?
Reiner Makohl
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Kann man Gott verwalten?
Die Frage klingt absurd. Aber die Praxis ist alt. Gottes Wort steht in der Bibel und wird darin verwaltet. Es wird hervorgeholt und von Predigern ausgelegt. Gottes Gegenwart wird im Kirchenraum verortet und von Priestern gehütet. Glocken laden ein, Gott zu besuchen, per Läuteordnung. Kelch und Hostie binden seine Präsenz an Ort und Handlung. Beichte, Buße und Absolution hegen sein Handeln ein.
Das ist keine Anklage. Das ist Beschreibung. Religionen brauchen Struktur. Strukturen tendieren zur Selbstermächtigung.
Irgendwann verwaltet die Struktur nicht mehr den Zugang zu Gott. Sie behauptet, über Gott zu verfügen.
In Mätthäus 9 wird ein Gelähmter zu Jesus gebracht. Jesus sagt: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Die Schriftgelehrten denken: Gotteslästerung. Nicht weil Vergebung unmöglich wäre. Sondern weil sie geordnet verlaufen muss. Durch die richtigen Instanzen, auf dem richtigen Weg. Jesus überspringt die Instanzen. Nicht aus Regelverachtung. Sondern weil dem Mann jetzt vergeben wird, nicht nach Abschluss des Verfahrens einer Ordnung.
Salomo hat die Frage selbst gestellt, mitten in der Einweihung des Tempels, den er für Gott gebaut hat: Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? (1.Kön 8,27) Er weiß, dass der Bau eine Anmaßung ist. Er baut trotzdem. Aber er weiß es.
Das ist der Unterschied. Nicht ob man Strukturen hat. Sondern ob man noch weiß, was sie sind: Behelf, nicht Verfügung. Zugang, nicht Besitz.
Glauben ist das Gegenteil davon. Nicht Verfügung über Gott, sondern Vertrauen in ihn. Vertrauen lässt sich nicht verwalten, nicht regulieren, nicht an Orte binden, nicht durch Verfahren sichern. Es hat keinen Zuständigen. Gott handelt, wo und wie er will, nicht wo die Läuteordnung es vorsieht.
Und nun?
Vielleicht empfiehlt sich das: Vertraue. Glaube.
Reiner Makohl
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Gott hilft.
Aber was, wenn der Mensch genau dort auf Gottes Hilfe wartet, wo Gott längst Verantwortung delegiert hat?
Der neue Aufsatz entwickelt einen ungewöhnlichen Gedanken:
Das Evangelium beschreibt Gott nicht als religiösen Mikromanager, sondern als delegierenden Gott. Mit dem Ende der alttestamentlichen Opferlogik verändert sich auch die Struktur der Gottesbeziehung. Verantwortung wird nicht länger kultisch verwaltet, sondern dem Menschen übertragen.
Doch was geschieht, wenn Menschen Verantwortung wieder an Gott rückdelegieren wollen?
Der Text verbindet neutestamentliche Theologie, Vaterunser, Kreuz, Vergebung und moderne Managementbegriffe wie „Delegation“ und „Rückdelegation“ zu einem neuen Blick auf Glauben, Freiheit und Verantwortung.
Im Zentrum steht eine unbequeme Frage:
Was bleibt vom Glauben übrig, wenn das „Du“, der Mitmensch, aus der Beziehung zwischen Gott und Mensch verschwindet?
Zum Essay auf Stilkunst.de:
Das Evangelium beschreibt Gott nicht als kontrollierende Instanz, sondern als delegierenden Gott. Was geschieht, wenn Menschen Verantwortung an Gott rückdelegieren wollen?
Reiner Makohl
Kategorien: Evangelisch Christsein | Kirche und Religion