M. Luther: Vorrede auf das Neue Testament

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Das Neue Testament

 

Biblia

M. Luther:

Vorrede auf das Neue Testament

 

Der Text aus :
Die gantze Heilige Schrifft Deudsch
D. Martin Luther, Wittenberg 1545

 

 

 

D. Mart. Luth.

 

 

 

 

[243b]

 

Vorrede auff das Newe

Teſtament .

 

 

 

 

I.
EINLEITUNG

 

 

Die Abgrenzung zwiſchen Altem und Neuem Teſtament

 

GLeich wie das alte

Teſtament iſt ein Buch /

darinnen Gottes geſetz vnd Gebot / da neben die Geſchichte / beide dere / die die ſelbigen gehalten vnd nicht gehalten haben / geſchrieben ſind. Alſo iſt das newe Teſtament ein Buch / darinnen das Euangelium vnd Gottes verheiſſung / da neben auch Geſchichte / beide dere / die daran gleuben vnd nicht gleuben / geſchrieben ſind.

Alt Teſtament.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

New Teſtament.

 

 

II.
DAS EVANGELIUM UND DAS NEUE TESTAMENT

 

 

Erklärung des Wortes Evangelium

 

DEnn Euangelium iſt ein Griechiſch wort / vnd heiſſet auff Deudſch / gute Botſchafft / gute Mehre / gute Newezeitung / gut Geſchrey / dauon man ſinget / ſaget vnd frölich iſt Als da Dauid den groſſen Goliath vberwand / kam ein gut Geſchrey vnd tröſtliche Newezeitung vnter das Jüdiſche volck / Das jr grewlicher Feind erſchlagen / vnd ſie erlöſet / zu freude vnd friede geſtellet weren / Dauon ſie ſungen vnd ſprungen / vnd frölich waren.

Euangelium.

 

ALſo iſt das Euangelium Gottes vnd new Teſtament / ein gute Mehre vnd Geſchrey / in alle Welt erſchollen / durch die Apoſtel / von einem rechten Dauid / der mit der Sünde / Tod und Teufel geſtritten / vnd vberwunden habe / Vnd damit alle die / ſo in Sünden gefangen / mit dem Tode geplaget / vom Teufel vberweldiget geweſen / On jr verdienſt / erlöſet / gerecht / lebendig vnd ſelig gemacht hat / vnd da mit zu friede geſtellet / vnd Gott wider heimbracht. Dauon ſie ſingen / dancken / Gott loben vnd frölich ſind ewiglich / So ſie das anders feſte gleuben / vnd im glauben beſtendig bleiben.

 

 

Evangelium und Neues Teſtament meinen daſſelbe

 

SOlch geſchrey vnd tröſtliche Mehre / oder Euangeliſche vnd göttliche Newezeitung / heiſſt auch ein new Teſtament / darumb / Das gleich wie ein Teſtament iſt / wenn ein ſterbender Man ſein Gut beſcheidet / nach ſeinem tode den benanten Erben aus zu teilen. Alſo hat auch Chriſtus vor ſeinem ſterben befolhen vnd beſcheiden / ſolchs Euangelium nach ſeinem Tode auszuruffen in alle Welt. Vnd damit allen / die da gleuben / zu eigen gegeben alles ſein Gut / Das iſt / ſein Leben / damit er den Tod verſchlungen / ſeine Gerechtigkeit / damit er die Sünde vertilget / vnd ſeine Seiligkeit / damit er die ewige Verdamnis vberwunden hat. Nu kan je der arme Menſch / in Sünden / Tod vnd zur Helle verſtricket / nichts tröſtlichers hören / denn ſolche thewre / liebliche Botſchafft von Chriſto / Vnd mus ſein hertz von grund lachen vnd frölich darüber werden / wo ers gleubet / das war ſey.

Euangelium vnd new Teſtament iſ ein ding.

 

 

III.
DIE ALTTESTAMENTLICHEN PROPHEZEIUNGEN

 

 

Die Propheten hatten das Evangelium angekündigt

 

VNV hat Gott ſolchen glauben zu ſtercken / dieſes ſein Euangelium vnd Teſtament / vielfeltig im alten Teſtament / durch die Propheten verheiſſen / Wie S. Paulus ſagt Rom. j. Ich bin ausgeſondert zu predigen das Euangelium Gottes / welchs er zuuor verheiſſen hat durch ſeine Propheten / in der heiligen Schrifft / von ſeinem Son / der jm geboren iſt von dem ſamen Dauid etc.

Euangelium durch die Prophe­ten verheiſſen.

 

 

Bereits im Schöpfungsbericht hatte Gott das Evangelium angekündigt

 

 

 

→Gen.3.

VND das wir der etliche anzeigen / Hat ers am erſten verheiſſen / da er ſaget zu der Schlangen / Gen. iij. Ich wil Feindſchafft ſetzen zwiſchen Dir vnd dem Weibe / vnd zwiſchen deinem Samen vnd jrem Samen / Der ſelb ſol dir den Kopff zutretten / Vnd du wirſt jn in die Verſen ſtechen. Chriſtus iſt der Same dieſes Weibes / der dem Teufel ſein Kopff / das iſt / Sünde / Tod / Helle / vnd alle ſeine Krafft zutretten hat / Denn on dieſen Samen kan kein Menſch der Sünde / dem Tod / noch der Hellen entrinnen.

 

 

 

Chriſtus des Weibs ſame.

 

Schlangen Kopff.

 

 

Abraham wurde das Evangelium verheißen

Gen.22.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

→Joh.11.

ITem →*1)/ Gen. xxij. verhies ers Abraham / Durch deinen Samen / ſollen alle Völcker auff Erden geſegnet werden. Chriſtus iſt der Same Abrahe / ſpricht S. Paulus Gal. iij. Der hat alle Welt geſegnet / durchs Euangelium. Denn wo Chriſtus nicht iſt / da iſt noch der Fluch / der vber Adam vnd ſeine Kinder fiel / da er geſündiget hatte / das ſie alle zumal der Sünde / des Tods / vnd der Hellen ſchüldig vnd eigen ſein müſſen. Wider den Fluch / ſegnet nu das Euangelium alle Welt / da mit / das es rüffet öffentlich / Wer an dieſen Samen Abrahe gleubet / ſol geſegnet / das iſt / von Sünde / Tod vnd Helle los ſein / vnd gerecht / lebendig vnd ſelig bleiben ewiglich. Wie Chriſtus ſelbs ſagt / Johan. xj. Wer an mich gleubet / der wird nimer mehr ſterben.

 

Chriſtus hat alle Welt geſegnet.

 

 

David wurde das Evangelium verheißen

ITem →*1)/ So verhies ers Dauid ij. Sam. vij. da er ſaget / Ich wil erwecken

 

 
[243b | 244a]

 

 

Vorrede.

CCXLIIII.

 

 

deinen Samen nach dir / Der ſol meinem Namen ein Haus bawen. Vnd ich wil den Stuel ſeines Königreichs beſtetigen ewiglich. Ich wil ſein Vater ſein / vnd er ſol mein Son ſein etc. Das iſt das reich Chriſti / dauon das Euangelium lautet / ein ewiges Reich / ein Reich des Lebens / der Seligkeit vnd Gerechtigkeit / dar ein komen aus dem Gefengnis der Sünde vnd Todes / alle die da gleuben.

 

 

 

 

 

Reich Chriſti / ein reich des lebens etc.

 

 

Zahlreiche Verheißungen des Evangeliums in den Propheten

 

 

→Mich.5.

SOlcher verheiſſung des Euangelij / ſind viel mehr auch in den andern Propheten. Als Micheas. v. Vnd du Bethlehem Ephrata / die du klein biſt / gegen den tauſenten in Juda / Aus dir ſol mir komen / der in Iſrael Herr ſey.

Hoſee 13.

ITem →*1)/ Hoſee am xiij. Ich wil ſie erlöſen aus der Hellen / vnd vom Tod erretten. Tod ich wil dir ein Gifft ſein / Helle ich wil dir eine Peſtilentz ſein.

 

 

IV.
INHALT UND ZWECK DES EVANGELIUMS

 

 

Das Evangelium iſt die Predigt von Chriſtus

 

SO iſt nu das Euangelium nichts anders / denn eine Predigt von Chriſto / Gottes vnd Dauids Son / warem Gott vnd Menſch / der fur vns mit ſeinem ſterben vnd aufferſtehen / aller menſchen Sünde / Tod vnd Helle vberwunden hat / die an jn gleuben. Das alſo das Euangelium eine kurtze vnd lange Rede mag ſein / vnd einer kurtz / der ander lang beſchreiben mag. Der beſchreibets lang / der viel werck vnd wort Chriſti beſchreibet / Als die vier Euangeliſten thun. Der beſchreibets aber kurtz / der nicht von Chriſtus wercken / ſondern kürtzlich anzeiget / wie er durch ſein ſterben vnd aufferſtehen / Sünde / Tod vnd Helle vberwunden habe / denen / die an jn gleuben / Wie S. Petrus vnd Paulus.

Euangelium.

 

 

Das Evangelium fordert nicht das Geſetz, ſondern den Glauben

 

DARumb ſihe nu drauff / Das du nicht aus Chriſto einen Moſen macheſt / noch aus dem Euangelio ein Geſetz oder Lerebuch / wie bis her geſchehen iſt / vnd etliche Vorrede auch S. Hieronymi ſich hören laſſen. Denn das Euangelium foddert eigentlich nicht vnſer werck / das wir da mit from vnd ſelig werden / Ja es verdampt ſolche werck / Sondern es foddert den glauben an Chriſto / Das derſelbige fur vns / Sünde / Tod vnd Helle vberwunden hat / vnd alſo vns nicht durch vnſer werck / ſondern durch ſein eigen werck / ſterben vnd leiden / from / lebendig vnd ſelig machet / Das wir vns ſeines ſterbens vnd Siegs mügen annemen / als hetten wirs ſelbs gethan.

Aus Chriſto ſol man nicht Moſen machen etc.

Euange. foddert nicht vnſer werck / ſondern den glau­ben etc.

 

 

V.
GESETZ, GEBOTE UND CHRISTLICHE LIEBE

 

 

Geſetz und Gebote im Evangelium

 

DAS aber Chriſtus im Euangelio / dazu S. Petrus vnd Paulus viel Gebot vnd Lere geben / vnd das Geſetz auslegen / Sol man gleich rechnen allen andern wercken vnd wolthaten Chriſti. Vnd gleich wie ſeine werck vnd Geſchichte wiſſen / iſt noch nicht das rechte Euangelium wiſſen / Denn da mit weiſtu noch nicht / das er die Sünde / Tod vnd Teufel vberwunden hat. Alſo iſt auch das noch nicht das Euangelium wiſſen / wenn du ſolche Lere vnd Gebot weiſſeſt / Sondern wenn die ſtim kompt / die da ſagt / Chriſtus ſey dein eigen mit leben / leren / wercken / ſterben / aufferſtehen / vnd alles was er iſt / hat / thut vnd vermag.

Geſetz vnd Ge­bot im Euangelio.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Euangelium wiſſen.

 

 

 

Das Evangelium zwingt nicht, es lädt ein

 

ALſo ſehen wir auch / Das er nicht dringet / ſondern freundlich locket / vnd ſpricht / Selig ſind die Armen etc. Vnd die Apoſtel brauchen des worts / Ich ermane / Ich flehe / Ich bitte / Das man allenthalben ſihet / wie das Euangelium / nicht ein Geſetzbuch iſt / ſondern eigentlich eine Predigt von den wolthaten Chriſti / vns erzeiget vnd zu eigen gegeben / ſo wir gleuben. Moſes aber in ſeinen Büchern treibet / dringet / drewet / ſchlecht vnd ſtraffet grewlich / denn er iſt ein Geſetzſchreiber vnd Treiber.

Chriſtus locket freundlich.

 

 

 

 

Euangelium.

 

 

 

 

Moſes treiber.

 

 

Allein der Glaube führt zu Nächſtenliebe und Gerechtigkeit

 

DA her kompts auch / das einem Gleubigen kein Geſetz gegeben iſt / da durch er gerecht werde fur Gott / wie S. Paulus ſagt / j. Timoth. j. Darumb das er durch den glauben gerecht / lebendig vnd ſelig iſt. Vnd iſt jm nicht mehr not / denn das er ſolchen glauben mit wercken beweiſe. Ja wo der glaube iſt / kan er ſich nicht halten / er beweiſet ſich / bricht er aus durch gute werck / bekennet vnd leret ſolch Euangelium fur den Leuten / vnd waget ſein leben dran. Vnd alles was er lebet vnd thut / das richtet er zu des Neheſten nutz / jm zu helffen. Nicht alleine auch zu ſolcher gnade zu komen / Sondern auch mit leib / gut vnd ehre / wie er ſihet / das jm Chriſtus gethan hat / vnd folget alſo dem exempel Chriſti nach.

 

 

 

 

 

 

 

 

Glaube iſt nicht müſſig.

 

 

Allein die Nächſtenliebe offenbart den gläubigen Chriſten

 

DAS meinet auch Chriſtus / da er zur letze kein
ander Gebot gab / denn die Liebe / Daran man
erkennen ſolte / wer ſeine Jünger weren / vnd
rechtſchaffene gleubigen. Denn wo die werck
vnd liebe nicht er aus bricht / da iſt der glaube
nicht recht / da hafftet das Euangelium noch
nicht / vnd iſt Chriſtus nicht recht erkandt.

 

 

VI.
SCHLUSS DER VORREDE

 

 

Schluſswort

 

Sihe / nu richte dich alſo / in die Bücher
des newen Teſtaments das
du ſie auff dieſe zu leſen
wiſſeſt.

 

 

❦❧

 

*1) lat.: item, dt.: ebenso, ebenfalls

 

 
Aus dem Verzeichnis der Abkürzungen und Namen biblischer Bücher

Luthers Verweise auf biblische Bücher

 Kürzel

 Bezeichnung in Luthers Biblia 1545

 Moderne Bibel

 Kürzel

Gen.
Ge.
Gene.
Das erste Buch Moſe.
Geneſis.

Biblia Vulgata: Genesis

Das erste Buch Mose (Genesis)

Genesis

1. Buch Mose

1. Mose

Gen

1Mos

2. Reg.
2. Samu.
II. Buch Samuel.
Das Ander Buch Samuel.
Regum ij.

Biblia Vulgata: Samuhel, II Regum

Das zweite Buch Samuel

Das 2. Buch Samuel

2. Sam

2 Sam

2Sam

Mich.
Der Prophet Micha.

Biblia Vulgata: Micha

Der Prophet Micha

Das Buch Micha

Mi

Mi

Mi

Oſee.
Hoſee
Der Prophet Hoſea.

Biblia Vulgata: Osee

Der Prophet Hosea

Das Buch Hosea

 

Hos

Hos

Hos

Joh.
Johan.
Joan.
Euangelium S. Johannis.

Biblia Vulgata:
Evangelium secundum Iohannem

Das Evangelium nach Johannes

Johannesevangelium

Joh

Joh

Joh

Rom.
Ro.
Epiſtel S. Paul an die Römer.

Biblia Vulgata: Epistula Pauli ad Romanos

Der Brief des Paulus an die Römer

Römerbrief

Röm

Röm

Rom

Gal.
Die Epiſtel S. Pauli: An die Galater.

Biblia Vulgata: Epistula Pauli ad Galatas

Der Brief des Paulus an die Galater

Galaterbrief

Gal

Gal

Gal

1.Tim.
1.Thimoth.
Die erſte Epiſtel S. Pauli: An Timotheum.

Biblia Vulgata: Epistula Pauli ad Timotheum I

Der erste Brief des Paulus an Timotheus

1. Timotheusbrief

1. Tim

1 Tim

1Tim

Erläuterungen siehe →Liste der Abkürzungen und Namen biblischer Bücher

 

 

Erläuterungen zum Satz und zur Typografie des Bibeltextes

Der Text aus der Luther­bi­bel auf die­ser Sei­te ist in An­leh­nung an das Druck­bild des Ori­gi­nals von 1545 wie­der­ge­ge­ben.

Den Sei­ten­auf­bau, die ver­wen­de­ten Schrif­ten, die Schreib­re­geln der Frak­tur­schrift und Luthers In­ten­tio­nen, mit der Ty­po­gra­fie Le­se­hil­fen be­reit­zu­stel­len, er­läu­tert dem in­ter­es­sier­ten Le­ser un­ser Ar­ti­kel »Satz und Ty­po­gra­fie der Luther­bi­bel von 1545«.

 
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