Die Geschichte von Susanna und Daniel

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Die Apokryphen des Alten Testaments

 

Biblia
 

Die gantze Heilige Schrifft Deudsch
D. Martin Luther, Wittenberg 1545

Die Apokryphen des Alten Testaments

1. Stück zu Daniel

Die Geschichte von
Susanna und Daniel

[Zusatz zum Buch des Propheten Daniel, Kapitel 13 bzw. vor Kapitel 1]

 

1StDan

 

Der Text in einem Kapitel

 
Auswahl: Stücke zu Esther und Daniel
 
 

 

 

 

 
[239b]

 

Hiſtoria vón der
Suſanná

vnd Daniel.

 

 

Dieſes und die folgenden vier Stücke ſind genommen aus
der griechiſchen Überſetzung des Buches Daniel.

 

Dieses Stück ist als Anhang zum Buch des Propheten Daniel nach Kapitel 12 einzuordnen.

 

 

1

 

 

 

 

Beginn des Ka­pi­tels 1 in Stü­cke zu Da­niel nach heu­ti­ger Zähl­wei­se!

 

 

Einleitung: Die ſchöne Suſanna

 

ES war ein Man zu Ba-

bylon / mit namen Joiakim /

2der hatte ein Weib / die hies Suſanna / eine tochter Helkia / die war ſeer ſchöne vnd dazu gottfürchtig / 3Denn ſie hatte frome Eltern / die ſie vnterweiſet hatten nach dem geſetz Moſe. 4Vnd jr man Joiakim war ſeer reich / vnd hatte einen ſchönen Garten an ſeinem hauſe. Vnd die Jüden kamen ſtets bey jm zuſamen / weil er der furnemeſte Man war vnter jnen allen.

 

 

Zwei angeſehene Richter begehren Suſanna

 

ES worden aber im ſelbigen jar zween Elteſten aus dem volck zu Richtern geſetzt / das waren ſolche Leute von welchen der HERR geſagt hatte / Ire Richter vben alle bosheit zu Babylon / 6Die ſelbigen kamen teglich zu Joiakim / vnd wer eine Sache hatte / muſte daſelbs fur ſie komen.

 

7VND wenn das Volck hinweg war / vmb den mittag / pflegt die Suſanna in jres Mans garten zu gehen. 8Vnd da ſie die Elteſten ſahen teglich darein gehen / wurden ſie gegen jr entzünd mit böſer luſt / 9vnd wurden drüber zu Narren / vnd worffen die augen ſo gar auff ſie / Das ſie nicht kondten gen Himel ſehen / vnd gedachten weder an Gottes wort noch ſtraffe.

 

10SIe waren aber beide zu gleich gegen jr entbrand / 11vnd ſchemets ſich einer dem andern zu offenbaren / vnd jglicher hette gern mit jr gebulet / 12Vnd warteten teglich mit vleis auff ſie / das ſie ſie nur ſehen möchten. Es ſprach aber einer zum andern / 13Ey las vns heim gehen / Denn es iſt nu zeit eſſens. 14Vnd wenn ſie von einander gegangen waren / keret darnach jglicher widerumb / vnd kamen zugleich wider zuſamen. Da nu einer den andern fragte / Bekandten ſie beide jre böſe luſt / Darnach wurden ſie mit einander eins / darauff zu warten / wenn ſie das Weib möchten allein finden.

 

 

Die Richter verſuchen, Suſanna zu verführen

 

VNd da ſie einen bequemen tag beſtimpt hatten / auff ſie zu lauren / Kam die Suſanna mit den zwo Megden / wie jre gewonheit war in den garten ſich zu waſſchen / Denn es war ſeer heis. 16Vnd es war kein Menſch im Garten / on dieſe zween Elteſten / die ſich heimlich verſteckt hatten / vnd auff ſie laureten. 17Vnd ſie ſprach zu jren Megden / Holet mir Balſam vnd Seiffen / vnd ſchlieſſet den Garten zu / das ich mich waſſche. 18Vnd die Megde thaten wie ſie

 

 
[239b | 240a]

 

 

vnd Daniel.

CCXL.

 

 

befolhen hatte / vnd ſchloſſen den Garten zu / vnd giengen hin aus zur hinder thür / das ſie jr brechten / was ſie haben wolt / Vnd wurden der Menner nicht gewar / denn ſie hatten ſich verſteckt.

 

 

Holzschnitt, Bild zum Stück Hiſtoria von der Suſanna und Daniel

 

DA nu die Megde hinaus waren / kamen die zween Elteſten erfur / vnd lieffen zu jr / vnd ſprachen / 20Sihe der Garten iſt zugeſchloſſen / vnd niemand ſihet vns / vnd ſind entbrand in deiner liebe / Darumb ſo thu vnſern willen. 21Wiltu aber nicht / So wöllen wir auff dich bekennen / Das wir einen jungen Geſellen allein bey dir funden haben / vnd das du deine Megde darumb habſt hinaus geſchickt.

 

22DA erſeuffzet Suſanna / vnd ſprach / Ah wie bin ich in ſo groſſen engſten / Denn wo ich ſolchs thu / So bin ich des tods / Thu ichs aber nicht / ſo kome ich nicht aus ewren henden. 23Doch wil ich lieber vnſchüldig in der Menſchen hende komen / denn wider den HERRN ſündigen. 24Vnd fieng an laut zu ſchreien / Aber die Elteſten ſchrien auch vber ſie / 25Vnd der eine lieff hin zu der thür des Garten / vnd that ſie auff. 26Da nu das Geſinde ſolch geſchrey hörete / lieffen ſie her aus in Garten zur hinder thür / zu ſehen was jr widerfaren were. 27Vnd die Elteſten fiengen an von jr zu ſagen / Das ſich die knechte jrent halben ſchemeten / Denn des gleichen war zuuor nie von Suſanna gehöret worden.

 

 

Die beiden Richter verdecken ihre Tat durch falſche Beſchuldigungen gegen Suſanna

 

VNd des andern tages / da das Volck in Joiakim jres Mannes hauſe zuſamen kame / Da kamen auch die zween Elteſten / vol falſcher liſt wider Suſanna / das ſie jr zum Tod hülffen / 29Vnd ſprachen zu allem Volck / Schickt hin / vnd laſſet Suſanna / die tochter Helkie / Joiakims weib / her holen. 30Vnd da ſie gefoddert war / kam ſie mit jren Eltern vnd Kindern / vnd jrer gantzen Freundſchafft. 31Sie war aber ſeer zart vnd ſchöne / 32Darumb hieſſen dieſe Böswicht jr den Schleier wegreiſſen / damit ſie verhüllet war / auff das ſie ſich ergetzten an jrer ſchönheit / 33Vnd alle die bey jr ſtunden / vnd die ſie kenneten / weineten vmb ſie.

 

34VNd die zween Elteſten tratten auff mitten vnter dem Volck / vnd legten die hende auff jr Heubt / 35Sie aber weinete / vnd hub die augen auff gen Himel / Denn jr hertz hatte ein vertrawen zu dem HERRN. 36Vnd die Elteſten fiengen an vnd ſprachen / Da wir beide allein in dem Garten vmbher giengen / kam ſie

 

 
[240a | 240b]

 

 

Hiſtoriá von Suſánná

 

 

hinein mit zwo Megden / vnd ſchlos den Garten zu / vnd ſchickte die megde von jr / 37Da kam ein junger Geſel zu jr / der ſich verſteckt hatte / vnd legt ſich zu jr. 38Da wir aber in einem winckel im Garten ſolche ſchande ſahen / lieffen wir eilend hin zu / vnd funden ſie bey einander / 39Aber des Geſellen kundten wir nicht mechtig werden / Denn er war vns zu ſtarck / vnd ſties die thür auff / vnd ſprang dauon. 40Sie aber ergriffen wir / vnd fragten / Wer der junge Geſel were? Aber ſie wolt es vns nicht ſagen / Solchs zeugen wir.

 

 

Die unſchuldige Suſanna wird zum Tod verurteilt

 

41VNd das Volck gleubte den zween / als Richtern vnd Oberſten im Volck / vnd verurteileten die Suſanna zum tode. 42Sie aber ſchrey mit lauter ſtimme vnd ſprach / HERR ewiger Gott / der du kenneſt alle heimligkeit / vnd weiſſeſt alle ding zuuor / ehe ſie geſchehen / 43Du weiſſeſt / das dieſe falſch Zeugnis wider mich gegeben haben. Vnd nu ſihe / Ich mus ſterben / ſo ich doch ſolchs vnſchüldig bin / das ſie böslich vber mich gelugen haben / 44Vnd Gott erhöret jr ruffen.

 

 

 

 

 

Suſanna

Gebet.

 

 

Daniel ſetzt ſich für Suſanna ein und fordert die Neuaufnahme des Prozeſſes

 

VND da man ſie hin zum tode füret / erwecket Gott den Geiſt eines jungen Knabens / der hies Daniel / Der fieng an laut zu ruffen / 46Ich wil vnſchüldig ſein an dieſem blut. 47Vnd alles Volck wendet ſich vmb zu jm / vnd fraget jn / Was er mit ſolchen worten meinete? 48Er aber trat vnter ſie / vnd ſprach / Seid jr von Iſrael / ſolche Narren / das jr eine tochter Iſrael verdampt / ehe jr die Sache erforſchet vnd gewis werdet? 49Keret wider vmb fürs Gericht / Denn dieſe haben falſch Zeugnis wider ſie geredt / 50Vnd alles Volck keret eilend wider vmb.

 

 

 

Daniel.

 

 

Daniel verhört die angeblichen Zeugen, die beiden Richter

 

VND die Elteſten ſprachen zu Daniel / Setze dich her zu vns / vnd berichte vns / weil dich Gott zu ſolchem Richterampt foddert. 51Vnd Daniel ſprach zu jnen / Thut ſie von einander / ſo wil ich jglichen ſonderlich verhören. 52Vnd da ſie von einander gethan waren / foddert er den einen / vnd ſprach zu jm / Du böſer alter Schalck / jtzt treffen dich deine ſünde / die du vor hin getrieben haſt / 53da du vnrecht Vrteil ſpracheſt / vnd die Vnſchüldigen verdampteſt / Aber die Schüldigen los ſpracheſt. So doch der HERR geboten hat / Du ſolt die Fromen vnd vnſchüldigen nicht tödten. 54Haſtu nu dieſe geſehen / ſo ſage an / Vnter welchem Bawm haſtu ſie bey einander funden? Er aber antwortet / vnter einer a Linden. 55Da sprach Daniel / O recht / Der Engel des HERRN wird dich finden / vnd zuſcheitern / Denn mit deiner lügen bringeſtu dich ſelbs vmb dein Leben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

a

Im Griechiſchen ſtehet vnter einem Schino / das heiſt latine Lentiſcus / Vnd iſt der baum dauon das Gumi fleuſſt / ſo man Maſtich nennet / Weil aber der baum vns Deud­ſchen nicht bekand / hat man einen an­dern dafür nemen müſſen.

 

VND da dieſer hinweg war / Hies er den andern auch fur ſich komen / vnd ſprach zu jm / Du Canaans art / vnd nicht Juda / Die ſchöne hat dich bethöret / vnd die böſe luſt hat dein hertz verkeret. 57Alſo habt jr den töchtern Iſrael mit gefaren / vnd ſie haben aus furcht müſſen ewren willen thun / Aber dieſe tochter Juda / hat nicht in ewr bosheit gewilliget. 58Nu ſage an / Vnter welchem baum haſtu ſie bey einander ergriffen? Er aber antwortet / Vnter einer Eichen. 59Da ſprach Daniel / O recht / Der Engel des HERRN wird dich zeichen / vnd wird dich zurhawen / Denn mit deiner lügen bringeſtu dich ſelbs vmb dein leben.

 

 

Das Volk verurteilt die entlarvten Täter, ſpricht Suſanna frei und ehrt Daniel

 

DA fieng alles Volck an mit Lauter ſtim zu ruffen / vnd preiſeten Gott / Der da hilffet denen / ſo auff jn hoffen vnd vertrawen. 61Vnd tratten auff wider die zween Elteſten / weil ſie Daniel aus jren eigen worten vberweiſet hatte / das ſie falſche Zeugen weren / 62Vnd thaten jnen nach dem geſetz Moſe / wie ſie ſich an jrem Neheſten verſchuldet hatten / vnd tödteten ſie. Alſo ward des ſelben tages das vnſchüldig blut errettet. 63Aber Helkia ſampt ſeinem Weibe / lobten Gott vmb

Suſanna jre Tochter / mit Joiakim jrem Man
vnd der gantzen Freundſchafft / das nichts
vnehrlichs an jr erfunden ward.
64Vnd
Daniel ward gros fur dem Volck /
von dem tage an / vnd hernach
fur vnd fur.

 

 

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Hinweis zur Abbildung in der Geschichte von Susanna und Daniel: Klicken Sie auf das Bild oben, um eine größere Ansicht zu erhalten.

Das Bild zeigt mehrere Szenen aus der Geschichte.

 

Hintergründig

Der Text in verschiedenen Bibelausgaben

Eine apokryphe Schrift

Die Geschichte von Susanna und Daniel ist nicht in der hebräisch-aramäischen Bibel ent­hal­ten, allerdings in der griechischen Septuaginta und in der lateinischen Vulgata.

Martin Luther, der sich am hebräischen Text orientierte, sah sie als Ergänzung der grie­chi­schen und lateinischen Quellen, und wollte deshalb nicht völlig auf sie verzichten. Er hat diesen Text (wie auch weitere Texte, die nur in den griechischen und lateinischen Quellen vorliegen) daher in einem Abschnitt zusammengefasst, den er »Apokryphen« nannte.

Das lateinische Wort »Apocrypha« (Plural) bezeichnet Schriften, die nicht in den Kanon (in die Sammlung) der biblischen Bücher aufgenommen, aber ihnen aus unterschiedlichen Gründen sehr ähnlich sind. Der Grund hier ist schlicht das Vorhandensein in den alten griechischen und lateinischen Quellen.

 

Die Einordnung des Textes innerhalb der Bibel

Die griechische Septuaginta stellt die Geschichte der Susanna dem Buch des Pro­phe­ten Daniel als eigenes Buch direkt voran.

Die lateinische Vulgata fügt die Geschichte im Buch Daniel hinter Kapitel 12 ein. Die Geschichte ist daher in deutschsprachigen Bibelausgaben, die der Tradition der Vulgata folgen, als Kapitel 13 zu finden, so auch in der Einheitsübersetzung.

Die Lutherbibel 2017 stützt sich bei der Übersetzung der Apokryphen auf den Text der griechischen Septuaginta. Sie weist darauf hin, dass der Zusatz Susanna und Daniel am Anfang des Buches Daniel einzuordnen sei, also dort vor Kapitel 1 (nicht als Anhang).

Die Lutherbibeln besitzen bis heute den Abschnitt »Apokryphen«, in dem die Geschichte von Susanna und Daniel den Stücken zum Buch Daniel als Kapitel 1 eingeordnet ist.

Leider gibt es bis heute Ausgaben der Lutherbibeln, in denen die Apokryphen gar nicht abgedruckt sind.

1) Wenn Sie eine Lutherbibel kaufen möchten, sollten Sie daher darauf achten, dass die Apokryphen enthalten sind. Üblicherweise werden die Ausgaben mit Apokryphen ausdrücklich damit beworben. Bei Ausgaben ohne Apokryphen fehlt dazu meist jeder Hinweis. Augen auf beim Bibelkauf!

2) Die Kirchenordnung der evangelischen Kirchen sieht einige Texte aus den Apokryphen als Texte für die Predigt im Gottesdienst vor, wenn auch nur als Marginaltexte, also als Optionen und Angebote, auf die der Prediger bzw. die Gemeinde zurückgreifen kann. Sie können die Predigten, die darauf gründen, selbstverständlich nur dann nachvollziehen, wenn Sie die Texte kennen oder zuhause nachlesen können. Warum es überhaupt Ausgaben gibt, in denen die Apokryphen nicht abgedruckt sind, erscheint nicht zuletzt vor diesem Hintergrund unverständlich.

Im →Inhaltsverzeichnis der Lutherbibel von 1545 nummerierte Luther die apokryphen Schriften und gab den Stücken zu Daniel die laufende Nummer VIII. (8). Darin wiederum ist die Geschichte von Susanna und Daniel das erste Stück. Die korrekte Nummerierung wäre demnach VIII.1, allerdings verwendete sie Luther nicht.

Für Stilkunst.de haben wir daher die Geschichte einfach »Das erste Stück zu Daniel« genannt und die →Abkürzung 1StDan vergeben.

 

 

Erläuterungen zum Satz und zur Typografie des Bibeltextes

Der Text aus der Luther­bi­bel auf die­ser Sei­te ist in An­leh­nung an das Druck­bild des Ori­gi­nals von 1545 wie­der­ge­ge­ben.

Den Sei­ten­auf­bau, die ver­wen­de­ten Schrif­ten, die Schreib­re­geln der Frak­tur­schrift und Luthers In­ten­tio­nen, mit der Ty­po­gra­fie Le­se­hil­fen be­reit­zu­stel­len, er­läu­tert dem in­ter­es­sier­ten Le­ser un­ser Ar­ti­kel »Satz und Ty­po­gra­fie der Luther­bi­bel von 1545«.

 
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