Die Bergpredigt

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Die Bergpredigt

 

Biblia

Die Bergpredigt

Teil 2

 

Die Bergpredigt in fünf Teilen, aus:
Die gantze Heilige Schrifft Deudsch
D. Martin Luther, Wittenberg 1545

Teil 2

Matthäus 5,21–48

Die Bergpredigt
 
 
 

 

Die Bergpredigt

Teil II.

 

Euangelium
S. Mattheus

C.V.

 

 

 

Die Lehren der neuen Gerechtigkeit:
Was iſt Töten?

Exo. 20.

Levi. 24.

 

IR habt gehört / das zu den Alten geſagt iſt / Du ſolt nicht tödten / Wer aber tödtet / Der ſol des Gerichts ſchüldig ſein. 22Ich aber ſage euch / Wer mit ſeinem Bruder zörnet / Der iſt des Gerichts ſchüldig /Wer aber zu ſeinem bruder ſagt / Racha / der iſt des Rats ſchüldig. Wer aber ſagt / du Narr / der iſt des helliſchen Fewrs ſchüldig.

23DARumb / wenn du deine Gabe auff den Altar opfferſt / vnd wirſt alda eindencken / Das dein Bruder etwas wider dich habe / 24So las alda fur dem Altar deine Gabe / vnd gehe zuuor hin / vnd verſüne dich mit deinem Bruder / vnd als denn kom vnd opffer deine Gabe.

 

 

 

 

 

 

(Racha)

Racha begreifft alle zornige zeich­en. Etliche meinen es kome her vom Ebreiſchen / Rik / id eſt / vanum et nihil / das nirgent zu taug. Aber Narr iſt herter / der auch ſchedlich nicht allein vn­tüchtig iſt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Luc. 12.

 

 

Die Lehren der neuen Gerechtigkeit:
Die Ermahnung zur Verſöhnung

|| →Lk 12,58-59

25Sey a wilfertig deinem Widerſacher bald / die weil du noch bey jm auff dem wege biſt / Auff das dich der Widerſacher nicht der mal eins vberantworte dem Richter / vnd der Richter vberantworte dich dem Diener / vnd werdeſt in den Kercker geworffen. 26Ich ſage dir warlich / Du wirſt nicht von dannen eraus komen / bis du auch den letzten heller bezalleſt.

 

Die Lehren der neuen Gerechtigkeit:
Was iſt Ehebruch?

|| →Mt 19,1-9    || →Mk 10,10    || →Lk 16,17

 

 

 

 

 

 

 

 

a

(Wilfertig)

Gleich wie der ſchüldig iſt zuuer­ſünen / der dem andern leide gethan hat. Alſo iſt der ſchüldig zuuerge­ben vnd gutwillig zu ſein / dem leid geſchehen iſt / das kein zorn bleibe auff beiden ſeiten.

 

 

Exo. 20.

IR habt gehört / das zu den Alten geſagt iſt / Du ſolt nicht ehebrechen / 28Ich aber ſage euch / Wer ein Weib anſihet jr zu begeren / Der hat ſchon mit jr die ehe gebrochen in ſeinem hertzen.

 

Infr. 18.

Mar. 9.

29ERgert dich aber dein rechts Auge / So b reis es aus / vnd wirffs von dir. Es iſt dir beſſer / das eins deiner Gelied verderbe / vnd nicht der gantze Leib in die Helle geworffen werde. 30 Ergert dich deine rechte Hand / So haw ſie abe / vnd wirff ſie von dir. Es iſt dir beſſer / das eins deiner Gelied verderbe / vnd nicht der gantze Leib in die Helle geworffen werde.

b

(Reis)

Geiſtlich ausreiſ­ſen iſt hie geboten / das iſt / wenn der Augen luſt getöd­tet wird im her­tzen / vnd abge­than.

Deut. 24.

Matt. 19.

Mar. 10.

Luc. 16.

 

31ES iſt auch geſagt / Wer ſich von ſeinem Weibe ſcheidet / der ſol jr geben einen Scheidbrieff. 32Ich aber ſage euch / Wer ſich von ſeinem Weibe ſcheidet / (Es ſey denn vmb ehebruch) der macht / das ſie die Ehe bricht / Vnd wer ein Abgeſcheidete freiet / der bricht die Ehe.

 

 

 

 

 

 

 

Levi. 19.

 

Die Lehren der neuen Gerechtigkeit:
Was ſind Meineid und falſches Schwören?

IR habt weiter gehört / das zu den Alten geſagt iſt / Du ſolt keinen falſchen Eid thun / vnd ſolt Gott deinen Eid halten. 34Ich aber ſage euch / Das jr aller ding nicht c ſchweren ſolt / weder bey dem Himel / denn er iſt Gottes ſtuel. 35Noch bey der Erden / denn ſie iſt ſeiner Füſſe ſchemel / Noch bey Jeruſalem denn ſie iſt eines groſſen Königes ſtad. 36Auch ſoltu nicht bey deinem Heubt ſchweren / Denn du vermagſt nicht ein einigs Har weis vnd ſchwartz zu machen. 37Ewer rede aber ſey Ja / ja / Nein / nein / Was drüber iſt / das iſt vom vbel.

 

 

c

(Schweren)

Alles ſchweren vnd eiden iſt hie verboten / das der Menſch von jm ſelber thut. Wens aber die liebe / ge­bot / not / nutz des Neheſten oder Gottes ehre fod­dert / iſt es wolge­than. Gleich wie auch der Zorn ver­boten iſt / vnd doch löblich / wenn er aus liebe vnd zu Gottes ehre er­foddert wird.

 

 

Die Lehren der neuen Gerechtigkeit:
Was iſt Vergelten?

|| →Lk 6,29

 

Exo. 21.

Levi. 24.

Deut. 19.

Luc. 6

 

IR habt gehört / das da geſagt iſt / Auge vmb auge / Zan vmb zan. 39Ich aber ſage euch / Das jr d nicht widerſtreben ſolt dem vbel / Sondern ſo dir jemand einen ſtreich gibt auff deinen rechten Backen / dem biete den andern auch dar. 40Vnd ſo jemand mit dir rechten wil / vnd deinen Rock nemen / dem las auch den Mantel / 41Vnd ſo dich jemand nötiget eine Meile / ſo gehe mit jm zwo. 42Gib dem der dich bittet / vnd wende dich nicht von dem / der dir abborgen wil.

 

d

(Nicht wider­ſtreben)

Das iſt / Niemand ſol ſich ſelbs rech­en. Aber die Oberkeit des ſchwerts ſol ſolchs thun /
Rom. 13 ]

 

 

Die Lehren der neuen Gerechtigkeit:
Was iſt Nächſtenliebe?

|| →Lk 6,27-36

 

Luc.19.26.

IR habt gehört / das geſagt iſt / Du ſolt deinen Neheſten lieben / Vnd deinen Feind haſſen. 44Ich aber ſage euch / Liebet ewre Feinde. Segenet die euch fluchen. Thut wol denen die euch haſſen. Bittet fur die / ſo euch beleidigen vnd verfolgen. 45Auff das jr Kinder ſeid ewrs Vaters im Himel / Denn er leſſt ſeine Sonne auff gehen vber die Böſen vnd vber die Guten / vnd leſſt regenen vber Gerechte vnd Vngerechte. 46Denn ſo jr liebet / die euch lieben / Was werdet jr fur Lohn haben? Thun nicht das ſelb auch die e Zölner? 47Vnd ſo jr euch nur zu ewern Brüdern freundlich thut / Was thut jr ſonderlichs? Thun nicht die Zölner auch alſo? 48Darumb ſolt jr volkomen ſein / gleich wie ewer Vater im Himel volkomen iſt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

e

(Zölner)

Heiſſen latiniſch Publicani / vnd ſind geweſen / die der Römer rendte vnd zol beſtanden hatten / vnd waren gemeiniglich gott­loſe Heiden / da­hin von den Rö­mern geſetzt.

 

 

 

 
Aus dem Verzeichnis der Abkürzungen und Namen biblischer Bücher

Luthers Verweise auf biblische Bücher

 Kürzel

 Bezeichnung in Luthers Biblia 1545

 Moderne Bibel

 Kürzel

Ex.
Exo.
Exod.
Das ander Buch Moſe.
Exodus.

Biblia Vulgata: Exodus

Das zweite Buch Mose (Exodus)

Exodus

2. Buch Mose

2. Mose

Ex

2Mos

Le.
Lev.
Leu.
Leui.
Leuit.
Das dritte Buch Moſe.
Leviticus.

Biblia Vulgata: Leviticus

Das dritte Buch Mose (Levitikus)

Levitikus

3. Buch Mose

3. Mose

Lev

3Mos

Deut.
Das fünfte Buch Moſe.
Deuteronomius.

Biblia Vulgata: Deuteronomium

Das fünfte Buch Moses (Deuteronomium)

Deuteronomium

5. Buch Mose

5. Mose

Dtn

5Mos

Matth.
Matt.
Mat.
Math.
Euangelium S. Mattheus.

Biblia Vulgata:
Evangelium secundum Mattheum

Das Evangelium nach Matthäus

Matthäusevangelium

Mt

Mt

Mt

Marc.
Mar.

 

Euangelium S. Marcus.

Biblia Vulgata:
Evangelium secundum Marcum

Das Evangelium nach Markus

Markusevangelium

Mk

Mk

Mk

Luce.
Luc.
Euangelium S. Lucas.

Biblia Vulgata:
Evangelium secundum Lucam

Das Evangelium nach Lukas

Lukasevangelium

Lk

Lk

Lk

Infr.
Inf.

Latein: [vide] infra Kapitelnummer

 

»[Siehe] [weiter] unten, Kapitelnummer«, oder
»[Siehe] unten, [im selben Buch] Kapitelnummer«.

 

Erläuterungen siehe →Liste der Abkürzungen und Namen biblischer Bücher

 
 

Worterklärungen: Übersicht

Die folgenden Begriffe aus dem Text Mt 5,21-48 werden hier erläutert.

Versnummer: Luthers Wort

21: Du ſolt nicht tödten

22: Racha

25: wilfertig

28: Weib

29: Helle

30: abe

34: ding

36: ſoltu

36: Heubt

40: rechten

  

Klick auf ein Wort führt zum Eintrag mit den Erklärungen.

Das vollständige Verzeichnis findet sich hier: →Das große Stilkunst.de–Wörterbuch zur Lutherbibel von 1545

 
Aus dem Stilkunst.de-Wörterbuch zur Lutherbibel von 1545

Worterklärungen: Seltene Namen, Wörter und Begriffe im Text

Vers

Luther-Deutsch

Deutsch   |   Erläuterungen

21

Du ſolt nicht tödten

Das 5. Gebot

Du sollst nicht töten!

Luther verwendet in →Mt 5,21 (Die Bergpredigt) die selbe Formulierung wie in →2Mos 20,13 (Die Zehn Gebote).

 

Was meint »nicht tödten«?

 

Die Diskussion darum, wie dieses Gebot zu verstehen ist, und wie Luther die beiden Stellen übersetzt, reißt nicht ab.

 

Zwar geht es durchaus um die Frage, welche Übersetzung den hebräischen und griechischen Quellen am Ehesten entspricht. Es geht aber auch um die Frage, ob es für Christen statthaft ist, in bestimmten Situationen zu töten, beispielsweise zur Abwehr von Gewalt, zur Verteidigung des eigenen Lebens, zur Verteidigung der Gesellschaft und des Staates, zur Bestrafung von schwerwiegenden Verbrechen, usw.

 

Die »richtige« Übersetzung ist dabei nicht selten in der Diskussion ein Argument. Doch was ist »richtig«?

 

In 2Mos 20,13 bezeichnet das hebräische רָצָה (razah) das unrechtmäßige Töten eines einzelnen Menschen: töten, morden, erschlagen.

 

Doch was meint »unrechtmäßig«? Meint es Unrecht in Bezug auf das Rechtssystem eines (beliebigen) Staates in einer (beliebigen) Zeit? Meint es das alttestamentliche jüdische Recht? Meint es das Rechtsverständnis einer christlich geprägten Gesellschaft? Meint es das göttliche Recht, das uns durch die Gebote, durch die Propheten, durch Jesus Christus und durch das Neue Testament vermittelt wurde?

 

So findet sich in der Einheitsübersetzung in 2Mos 20,13 der Text »Du sollst nicht morden«. Jedoch bietet die selbe Einheitsübersetzung in Mt 5,21 »Du sollst nicht töten«.

 

Die Einheitsübersetzung versucht sich dem Problem zu nähern, löst es aber nicht auf. Wir meinen: Im Gegenteil!

 

Der Versuch, nur eine bestimmte Variante des Tötens im Gebot zu erfassen, nämlich das Morden, schafft völlig neue Probleme.

 

Ein Beispiel aus unserer jüngeren Geschichte mag das verdeutlichen: War die staatlich angeordnete Tötung von Juden, von Zeugen Jehovas, von Zigeunern, von politischen Gefangenen, von geistig behinderten Mitmenschen durch die Nazis im Dritten Reich rechtens oder Mord? Aus unserer heutigen Perspektive ist die Antwort klar: Es war Mord. Doch sobald man sich in das System selbst begibt und nicht nur die Zeit, sondern auch den gesamten Rückblick auf die Geschichte abstreift, könnte es sich völlig anders darstellen – wie es auch die Vernehmungen der Täter in den Nürnberger Prozessen belegen. Sie hätten, so formulierten sie mehrfach, im Rahmen des Rechts, auf Anordnung und auf Befehl gehandelt. Das verharmlost die Taten keineswegs!

 

Das Beispiel zeigt, dass sich der Begriff »unrechtmäßiges Töten« ganz besonderen Werten und Beurteilungen stellen muss! Werten, die weit über die Rechtssysteme von Gesellschaften und Staaten hinausgehen. Werten, die auch in einer Betrachtung von außen bzw. im Rückblick unter sich ändernden Bedingungen zum selben Urteil führen.

 

Das ist es, was Jesus in der Bergpredigt formuliert. Und das ist es, was Luther durch seine Wortwahl offenhalten möchte.

 

Der Text der griechisches Quellen sowohl im Neuen Testament wie auch im Alten Testament (Septuaginta) hilft uns nur bedingt weiter. Er lautet gleich: ού φονεὐσειϛ - »du sollst nicht morden/töten«.

Das griechische φονεὐω meint morden, töten. Der φονεὐς ist ein Mörder oder Totschläger, also jemand, der unrechtmäßig tötet.

 

So bleibt es uns überlassen, das zugrundeliegende Wertesystem festzumachen. Das ist keine leichte Aufgabe! Die Auswirkungen ihrer Ergebnisse sind enorm.

 

Wir sind überzeugt, dass es Luther auf eine christlich geprägte Übersetzung ankam, die sich am Sprachgebrauch seiner Zeit orientierte und damit die Erfahrungen und das Wissen der selben Zeit spiegelte.

 

Für ihn war einerseits mit Blick auf das Neue Testament Töten an sich ein Verbrechen – wenn schon das Beschimpfen eines Mitmenschen auf gleiche Weise geahndet werden soll (→Mt 5,21f). Anderseits war »morden« für Luther viel zu eng gefasst. Seiner Lebenswirklichkeit entsprach das nicht.

 

So geschahen üble Verbrechen, Hinrichtungen und Morde auch im Namen der Kirche, die theologisch-religiös und durch Gesetze sanktioniert waren, und die nicht unter den Begriff »Mord« fielen.

 

Luther kannte beispielsweise das Schicksal von Jan Hus sehr wohl. Ein Schicksal, das die Kirchenfürsten und der Kaiser auch Luther nach seinem Auftritt in Worms angedeihen lassen wollten und dem er sich nur durch die vorgetäuschte Entführung entziehen konnte.

 

Die Übersetzung »Du sollst nicht morden« wäre ein Freibrief für kirchliche und staatliche Übergriffe dieser Art gewesen. Es sollte jedem Leser bewusst sein, dass sie das noch heute ist und nur mit größter Vorsicht interpretiert werden sollte.

 

Wir folgen der Denkweise Luthers, die sich in seiner Übersetzung zeigt, und im Sinne des kategorischen Imperativs als Wertemaßstab (Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.): Du sollst nicht töten.

 

 

 

SK Rev 04.02.2018  

→Register

22

Racha

Raka

griechisch: ῤακά (rhaka)

 

Ein Schimpfwort, das in der Bibel nur in →Mt 5,22 vorkommt.

 

Luther weist in seinem Scholion darauf hin, dass damit wohl ein harmloser »Trottel«, »Faulenzer« oder »Dummkopf« gemeint sei (unbewusste oder passive Eigenschaft), denn das Schimpfwort »Narr« sei schlimmer, weil es einen Menschen bezeichnet, der zudem Schaden anrichtet (bewusste oder aktive Eigenschaft).

 

 

SK Rev 04.08.2017  

→Register

25

wilfertig

willfertig (Adjektiv; veraltet)

willfährtig(Adjektiv; veraltet)

willfährig (Adjektiv)

meint: willig, bereit, freundlich, gefällig

 

→Mt 5,25

 

Sey wilfertig deinem Widerſacher bald

 

Luther erklärt in den Begriff im Scholion:

 

(Wilfertig) Gleich wie der ſchüldig iſt zuuer­ſünen / der dem andern leide gethan hat. Alſo iſt der ſchüldig zuuerge­ben vnd gutwillig zu ſein / dem leid geſchehen iſt / das kein zorn bleibe auff beiden ſeiten.

 

 

Heute wird willfährig oft abwertend gebraucht: gedankenlos oder würdelos den Absichten anderer dienen oder folgen. Die ursprünglich bewusst freundliche Haltung ist im Wortsinn verlorengegangen.

 

 

SK Rev 04.08.2017  

→Register

28

Weib

Weib, das

die (Ehe-) Frau

 

Hinweis:

 

Es ist zu beachten, dass Luther den zu seiner Zeit gängigen Begriff Weib nicht abschätzig oder abwertend benutzt. Im Gegenteil: Wenn auch die etymologische Herkunft des Begriffs umstritten und unklar ist, so bezeichnete er doch die erwachsene, verantwortlich handelnde Frau in gesellschaftlich angesehener Stellung, z. B. als Ehefrau.

 

In der deutschen Sprache hat der Begriff »Weib« im Laufe der Zeit eine geringschätzende Bedeutung erfahren und besitzt heute die Qualität einer Beleidigung, die u. U. strafrechtlich verfolgt werden kann. Der Begriff wird daher in modernen Übersetzungen nicht verwendet. Stattdessen wird i. d. R. das Wort »Frau« benutzt.

 

Die englische Sprache kennt noch heute geläufig das Wort »wife« (meist für »Ehefrau«), das etymologisch auf die selbe Wurzel zurückzuführen ist, neben dem Begriff »woman«, der allgemein für »Frau« steht.

 

Empfehlung:

 

Wir empfehlen wegen der geringschätzenden Qualitäten, die an diesem Begriff kleben, bei Interpretationen, bei Textauslegungen, in Predigten und auch bei Textlesungen aus alten Lutherbibeln den Begriff Weib nicht zu verwenden und durch Frau zu ersetzen.

 

 

SK Rev 04.08.2017  

→Register

29

Helle

Hölle, die

 

Totenreich, das

Helle
Vorkommen in der Lutherbibel von 1545

 

Gesamt AT Apokryphen NT
139 85 38 16

hebräisch: שאול (Scheol),
das Totenreich, die Unterwelt, in Abgrenzung zur Welt der Lebenden

lateinisch: infernum, auch: abyssus, baratrum, loca inferna, loca infernorum

griechisch: Ἅδης (Hades).

das Totenreich

 

Gedacht als konkreter Ort unter der Erdoberfläche (im Gegensatz zum Himmel über der Erdoberfläche), zu dem die Toten hinabsteigen.

 

Ort der Toten, Totenreich, in Abgrenzung zum Ort (zur Welt) der Lebenden.

 

Bedeutung

 

Der Begriff Hölle ist schwierig und zwischenzeitlich längst mystisch verklärt als Ort der Qual für die nach dem Tode Verdammten, als Ort des Feuers, wo Pech und Schwefel brennen, als Ort der Sünder, die aufgrund ihrer irdischen Verfehlungen Höllenpein zu erleiden haben, usw. Derartige Inhalte sind mit dem hebräischen Begriff Scheol nicht verbunden!

 

Moderne Übersetzungen vermeiden daher meist das Wort Hölle, um nicht einem nichtbiblischen und unchristlichen Glauben an einen verklärten Ort der Qualen, der Dämonen und Teufel Vorschub zu leisten.

 

Herrscher über den Scheol ist der Gott JHWH (s. →Ps 139,8), nicht der →Teufel (griechisch: διάβολος, als Gegenspieler des Gottes JHWH).

 

Auch Jesus ist nach seinem Tod zunächst in den Hades hinabgestiegen (Glaubensbekenntnis).

 

Häufig werden daher heute statt Hölle Begriffe wie Totenreich oder Ort der Toten o. ä. verwendet.

 

Das Wort Helle im Psalter der Lutherbibel

 

→Vorrede zum Psalter: Da ſiheſtu aber mal allen Heiligen ins hertze / wie in den Tod / ja wie in die Helle. Wie finſter vnd tunckel iſts da

 

→Ps 6,6: Denn im Tode gedenckt man dein nicht / Wer wil dir in der Helle dancken?
meint: Tote sind handlungsunfähig

 

→Ps 9,18: Ah das die Gottloſen müſten zur Helle gekeret werden

meint: Die Gottlosen sollten sterben

 

→Ps 16,10: DEnn du wirſt meine Seele nicht in der Helle laſſen
meint: Du wirst mich nicht sterben lassen

 

→Ps 18,6: Der Hellen band vmbfiengen mich / Vnd des Tods ſtrick vberweldiget mich.
meint: ich war dem Tod nahe

 

→Ps 28,1: Auff das nicht / wo du ſchweigeſt / ich gleich werde denen / die in die Helle faren.
meint: auch wenn du schweigst, deshalb werde ich nicht gleich sterben

 

→Ps 30,4: HERR du haſt meine Seele aus der Helle gefüret
meint: du hast mich vor dem Tod bewahrt

 

→Ps 30,4: Du haſt mich lebend behalten / da die in die Helle furen.
meint: mich hast du am Leben gelassen, während die anderen starben

 

→Ps 31,18: Die Gottloſen müſſen zu ſchanden vnd geſchweigt werden in der Helle.

meint: die Gottlosen müssen zum Schweigen gebracht werden durch einen schändlichen Tod

 

→Ps 49,15: Sie ligen in der Helle wie ſchafe / der Tod naget ſie

meint: sie liegen in ihren Gräbern wie Schafe und der Tod nagt an ihnen

 

→Ps 49,15: Jn der Helle müſſen ſie bleiben.

meint: sie müssen in ihren Gräbern bleiben

 

→Ps 49,16: ABer Gott wird meine Seele erlöſen aus der Hellen gewalt

meint: Gott wird meine Seele vor der Macht des Todes retten

 

→Ps 55,16: Der Tod vbereile ſie / vnd müſſen lebendig in die Helle faren

meint: Der Tod mag sie holen und mitten aus dem Leben reißen

 

→Ps 86,13: Vnd haſt meine Seele errettet aus der tieffen Helle.

meint: bewahre mein Leben vor dem Tod

 

→Ps 88,4: Vnd mein Leben iſt nahe bey der Helle.

meint: ich sieche dahin und bin dem Tode nahe, oder: ich fühle mich, als würde ich sterben

 

→Ps 88,5: Jch bin geacht gleich denen / die zur Helle fahren

meint: ich werde genauso wenig geachtet wie Verstorbene

 

→Ps 89,49: Der ſeine Seele errette aus der Hellen hand?

meint: der sein Leben bewahrt

 

→Scholion zu Ps 94,17: (Stille) Das iſt / in der Helle da es ſtille iſt vnd alles aus.

meint: im Grab ist es still und alles ist aus.

 

→Ps 116,3: STricke des Todes hatten mich vmbfangen / Vnd angſt der Hellen hatten mich troffen

meint: Der Tod umklammert mich und Todesangst hat mich überwältigt

 

→Ps 139,8: Füre ich gen Himel / ſo biſtu da / Bettet ich mir in die Helle / Sihe / ſo biſtu auch da.

meint: führe ich in den Himmel: du bist da! Begäbe ich mich ins Totenreich: Da bist du auch!

 

→Ps 141,7: VNſer gebeine ſind zuſtrewet bis zur Helle

meint: Die Leiber und Knochen unserer Verwundeten und Toten sind <über das ganze Feld> verstreut

 

 

SK Rev 04.08.2017  

→Register

30

abe

ab (Partikel)

Die Partikel tritt regelmäßig mit einem Verb auf.

 

Die Verbindung abe und Verb sind nicht selten eigenständige Verben geworden:

 

abe hawen: abhauen

 

abe ſein: absein, ab sein (nach der neuen deutschen Rechtschreibung wird »ab sein« wieder wie schon zu Luthers Zeiten getrennt geschrieben)

 

→Mt 5,30

 

Ergert dich deine rechte Hand / So haw ſie abe / vnd wirff ſie von dir.

 

Ärgert Dich deine rechte Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir.

 

 

 

SK Rev 03.02.2018  

→Register

34

Ding

Ding, das

 

die Sache, die Aufgabe

 

Umfassendes Wort, für vieles, was nicht näher bestimmbar ist oder bestimmt werden soll.

 

In der weitesten, unbegrenzten Bedeutung umfasst es das sinnlich Bemerkbare, aber auch das Übersinnliche, das Gedachte.

 

→Mt 5,34

 

Jch aber ſage euch / Das jr aller ding nicht ſchweren ſolt

 

a) Ich aber sage euch, dass ihr in allen Angelegenheiten nicht schwören sollt

b) Ich aber sage euch, dass ihr nicht schwören sollt, egal in welchen Angelegenheiten

 

→2Mos 20,9

 

Sechs tage ſoltu erbeiten / vnd alle dein ding beſchicken.

 

Ding meint hier alles, was den Angesprochenen umtreibt und beschäftigt: seine Aufgaben und Arbeiten, die zu erledigen sind; seine Verpflichtungen, denen er in diesem Zusammenhang nachkommen muss; seine Tätigkeiten, die er aus Spaß an der Freude betreibt, usw.

 

Wir verwenden im folgenden Übersetzungsbeispiel das Wort »Aufgaben«. Wir sind uns bewusst, dass dieser Begriff viel zu eng gefasst ist, um die Tragweite des Gebots in 2Mos 20,9 auszudrücken:

 

a) umschrieben: Sechs Tage hast du zu arbeiten und deine Aufgaben zu erledigen.

b) Imperativ: Arbeite sechs Tage und erledige deine Aufgaben!

 

Siehe auch: →Artikel ſoltu

 

Anmerkung:

 

Womöglich wäre die folgende Übersetzung sinnvoll. Umgangssprachlich ist sie wieder zeitgemäß:

 

Sechs Tage hast du Zeit, dein Ding zu machen.

 

Mach dein Ding!

 

Die Redensart »sein Ding machen« (und alle Ableitungen davon), ist keineswegs so modern, wie sie scheint.

 

Sie geht auf Luther zurück (2Mos 20,9). In gutem Luther-Deutsch hieße sie allerdings »seyn ding beſchicken«. Die Bedeutung beider Ausdrücke ist nahezu identisch.

 

 

 

SK Rev 04.02.2018  

→Register

36

ſoltu

sollst du (Verb)

2. Person Singular Indikativ Aktiv von sollen (Verb)

 

Präsens:

ſoltu: sollst du

 

Die Flexion mit dem angehängten »u« ist eine eigentümliche Form, die sonst nur noch aus älteren Texten bekannt ist und heute nicht mehr genutzt wird. Gebildet wurde sie aus der 2. Person, zusammengezogen mit dem Personalpronomen »du«, aus dem das »u« stammt. Diese Form impliziert eine gewisse Dringlichkeit und Direktheit der Ansprache, die unmittelbare Hinwendung zum Gegenüber. So kann es die unzweifelhafte Feststellung des Handelns, die dringliche Ansprache oder die unmittelbare Aufforderung zum Handeln bedeuten (Indikativ in der Aussage), die Erfüllung einfordern, mutmaßen bzw. unterstellen (Konjunktiv), oder zur Antwort und Erklärung auffordern (Verb in der Frage).

 

Heute ist stattdessen das Verb in seiner gebräuchlichen Flexion verbunden mit »du« zu verwenden. Die Direktheit oder eine Aufforderung kann bestenfalls durch eine Sinn tragende Beifügung umschrieben werden abhängig vom Kontext. Sie kann ggf. durch einen Imperativ herausgestellt oder durch ein Ausrufezeichen kenntlich gemacht werden.

 

ſoltu: du sollst (tunlichst, unbedingt)!

 

→Mt 6,5

 

Vnd wenn du beteſt / ſoltu nicht ſein wie die Heuchler ...

 

a) unterstrichen: Und wenn Du betest, sollst Du tunlichst nicht sein wie die Heuchler ...

b) umschrieben: Und wenn Du betest, darfst Du Dich keinesfalls wie die Heuchler verhalten ...

c) Imperativ: Und wenn Du betest, sei nicht wie die
Heuchler ... !

 

Anmerkungen zum Text in Mt 6,5:

 

Die lateinische Biblia Vulgata bietet in Mt 6,5 den Text:

et cum oratis non eritis sicut hypocritae

 

Das entscheidende Wort eritis (von: esse, sein) liegt vor in der 2. Person Plural Futur I Indikativ Aktiv. Die wörtliche Übersetzung hieße:

 

Und wenn ihr betet, werdet ihr nicht sein wie die Heuchler

 

1. Luther benutzt als Textglättung den Singular (»du« statt »ihr«), weil der vorangehende Abschnitt vom Almosengeben (→Mt 6,1-4) ebenfalls im Singular verfasst ist und den Einzelnen anspricht.

 

2. Das lateinische Konstrukt non eritis ist in diesem Zusammenhang nur als Aufforderung für künftiges Verhalten zu verstehen, nicht als Beschreibung eines künftig von allein eintretenden Zustands:

 

Und wenn ihr betet, seid nicht wie die Heuchler

 

Luther umschreibt Aufforderungen, göttlichen Geboten zu folgen, regelmäßig mit sollen. Aus dem wörtlich übersetzten »werdet ihr nicht sein« bzw. aus der Anpassung »seid nicht« wird bei ihm folgerichtig ſoltu nicht.

 

→2Mos 20,9

 

Sechs tage ſoltu erbeiten / vnd alle dein ding beſchicken.

 

a) umschrieben: Sechs Tage hast du zu arbeiten und deine Aufgaben zu erledigen.

b) Imperativ: Arbeite sechs Tage und erledige deine Aufgaben!

c) umgangssprachlich: Sechs Tage hast du Zeit, dein Ding zu machen.

 

 

SK Rev 04.08.2017  

→Register

36

Heubt

Haupt, das

gehobener Ausdruck für: Kopf

 

 

SK Rev 04.08.2017  

→Register

40

rechten

rechten (Verb; veraltet)

Zu Luthers Zeit war das ein Rechtsbegriff. Er meint:

 

dem Recht gemäß verfahren, das Recht anrufen, prozessieren

 

→Mt 5,40

 

Vnd ſo jemand mit dir rechten wil / vnd deinen Rock nemen ...

 

Und wenn Dich jemand verklagt und Deinen Rock einfordert ...

 

 

SK Rev 04.08.2017  

→Register

Erläuterungen siehe →Das große Stilkunst.de–Wörterbuch zur Lutherbibel von 1545

 

 

Erläuterungen zum Satz und zur Typografie des Bibeltextes

Der Text aus der Luther­bi­bel auf die­ser Sei­te ist in An­leh­nung an das Druck­bild des Ori­gi­nals von 1545 wie­der­ge­ge­ben.

Den Sei­ten­auf­bau, die ver­wen­de­ten Schrif­ten, die Schreib­re­geln der Frak­tur­schrift und Luthers In­ten­tio­nen, mit der Ty­po­gra­fie Le­se­hil­fen be­reit­zu­stel­len, er­läu­tert dem in­ter­es­sier­ten Le­ser un­ser Ar­ti­kel »Satz und Ty­po­gra­fie der Luther­bi­bel von 1545«.

 
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5. Gebot
Titel

Das fünfte Gebot

2. Mose 20,2.13 | Lutherbibel 1545

ICH bin der HERR / dein Gott.
DV ſolt nicht tödten.

→Beschreibung und Auswahl der Bildgröße in diesem Artikel.
6. Gebot
Titel

Das sechste Gebot

2. Mose 20,2.14 | Lutherbibel 1545

ICH bin der HERR / dein Gott.
DV ſolt nicht ehebrechen.

→Beschreibung und Auswahl der Bildgröße in diesem Artikel.
Sabrina

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